Hertha-Fans zünden Feuerwerk am 27.10.2018 in Dortmund (Quelle: Elmar Kremser/SVEN SIMON)
Audio: Inforadio | 16.12.2018 | Friedrich Rößler, Jakob Rüger | Bild: Elmar Kremser/SVEN SIMON

Streit zwischen Fußball-Fans und -Verbänden - "Pyrotechnik ist das Protestmittel schlechthin"

Signalfackeln, Rauchtöpfe - in der aktuellen Fußballsaison brennen Fans bei fast jedem Spiel verbotene Pyrotechnik ab. Einerseits geht es um die Atmosphäre im Stadion - aber auch immer mehr um ein Ringen mit den Verbänden. Von Friedrich Rößler

An Pyrotechnik im Fußballstadion scheiden sich die Geister: Für die einen gehören bunte Rauchschwaden einfach dazu, sorgen für Stimmung und unterstreichen den Kampfgeist. Die anderen sehen beim Abbrennen von Nebeltöpfen und Leuchtfackeln vor allem Gefahren für Leib und Leben - und in Bengalos potentielle Waffen.

Pyrotechnik tauchte erstmals in den 1980er Jahren in deutschen Stadien auf. Vorbild war die Ultra-Bewegung in Italien. "In den Neunzigerjahren gehörte es tatsächlich dazu", erinnert sich Hertha-Fan und Fananwalt Bert Handschuhmacher. Pyrotechnik sei damals in den Medien und bei den Fans durchaus positiv kommentiert worden, als "südländische Atmosphäre". Heute aber werden solche Shows mit Gewalt gleichgesetzt.

Große Enttäuschung nach gescheitertem Dialog

Bereits vor einigen Jahren setzten sich Verbände und Fans zusammen und sprachen darüber, wie der Einsatz von Pyrotechnik in deutschen Stadien geordnet und vorhersehbar ablaufen könnte. Der Union-Fan Sig Zelt, Sprecher der Pro-Fans-Initiative, erinnert sich: "Damals waren viele Gruppen geschlossen angetreten und zu vielen Zugeständnissen bereit, verzichteten sogar einen Monat komplett auf Feuerwerkskörper in der Kurve."

Auch Ralf Busch vom Fanprojekt Berlin, das seit mehr als 25 Jahren Fans vom BFC Dynamo und Hertha BSC betreut, sagt, bei Hertha sei damals die Linie gewesen: "Keine Böller bei uns, keine Signalfackeln auf das Spielfeld werfen." Nur Pyrotechnik an sich hätten sich die Fans nicht nehmen lassen wollen.

Doch die Runde zwischen DFB und Fans ging abrupt auseinander, ohne Ergebnisse. Die Gespräche wurden mit einem Pressestatement vom DFB 2011 beendet - einseitig. Dieser Stachel sitze heute noch sehr tief, sagt Union-Fan Zelt. Denn die Bereitschaft auf Seiten der Fanszene für ein Entgegenkommen sei groß gewesen. Zelt betont sogar, dass es eine Art Übereinkunft aller Ultraszenen gab, dass alles verpönt sei, was die Hand verlässt. Ralf Busch vom Fanprojekt Berlin spricht von einer vertanen Chance.

Pyrotechnik inzwischen mit Gewalt gleichgesetzt

Allerdings darf man natürlich nicht vergessen, dass nicht jeder Fußballfan sich für Rauchtöpfe und Signalleuchten begeistert. Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld spricht von sehr heterogenen Stadiongängern, bei denen fast drei Viertel lieber in Ruhe Fußball schauen möchte und Fanblöcke eher meidet. Das übrige Viertel falle aber deutlich im Stadion auf, weil es singe, unterstütze und eben auch protestiere - zum Beispiel mit Pyrotechnik, die für viele mit Gewalt gleichgesetzt wird.

"Hinter dem Ganzen liegt ein sehr harter Konflikt", bilanziert Zick. Es gehe inzwischen "um die Freiheit der Fans, um die Pyrotechnik, um die Gefahren und die Sicherheit und dieser Konflikt ist sehr kalt geworden." Das Problem sei, dass dieser Konflikt nicht früher gelöst worden sei. Und nun sei das Bild von organisierten Fans, die für Pyrotechnik kämpfen würden, immer mit Gewalt assoziiert. Daher würden sich beim Pyro-Konflikt viele weitere Konflikte und Stereotype überlagern.

Pyro als Zeichen des Protests

Bert Handschuhmacher, der seit 45 Jahren zur Hertha geht, seine Blau-Weißen auf Auswärtsfahrten begleitet und als Anwalt auch Fans der "Alten Dame" vertritt, sieht in dem Konflikt um Pyrotechnik einen Stellvertreterkrieg. "Der DFB lehnt auf der einen Seite alles kategorisch ab, was mit Pyro zu tun hat, um die Fans zu treffen." Für die Fans sei andererseits jede gezündete Fackel seit Jahren der virtuelle Stinkefinger in Richtung DFB, um dem Verband zu sagen, dass er den Fans nichts verbieten könne. "Wenn die brennen wollen, dann brennen die auch."

Eine ähnliche Position äußert ein Mitglied einer Fangruppierung, das anonym bleiben möchte: "Es ist das Protestmittel schlechthin." Und es drücke aus: "Na klar kriegen wir das mit ins Stadion, ihr könnt hier sonst was für einen Hokuspokus veranstalten." Das Argument der Gefährlichkeit lässt der Vertreter der Fangruppierung hingegen nicht gelten: "Es ist nicht so gefährlich, wie es behauptet wird. Wo sind denn die brennenden Menschen, vor denen immer gewarnt wird? Ich sehe keine."

Der Berliner Sport-Staatssekretär Aleksander Dzembritzki (SPD) zeigt sich da anderer Meinung: Oft würden Bengalos hinter Bannern gezündet, sagt er. "Die Rauchgase, die dort entstehen, sind hochtoxisch, die sind lebensgefährlich. Man macht sich da die Lunge kaputt." Das könne besonders für Kinder im Stadion gefährlich werden.

Kreative Lösungen in Österreich und Dänemark

Nachbarländer haben sich daher auch schon Gedanken gemacht, wie das Problem gelöst werden könnte. So ist es in Österreich unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt, zertifizierte Feuerwerkskörper zu zünden. Die Vereine müssen solche Aktionen vorher anmelden, Namen und Orte benennen. "Die Österreicher sagen zum Beispiel, sie hätten 90 Prozent des wilden Abbrennens damit aus den Stadien bekommen und das wäre ja schon mal ein Schritt", berichtet Ralf Busch vom Fanprojekt Berlin.

Auch die kalte Fackel, die in Dänemark entwickelt wurde, könnte ein Lösungsansatz für den Pyrokonflikt sein. Sie entwickelt weniger Rauch und nur geringe Hitze und soll jetzt in Testspielen ausprobiert werden.

Martin Endemann von Football Supporters Europe begrüßt diese Ideen. "Warum scheint das, was in Österreich oder Dänemark möglich ist, nicht in Deutschland zu funktionieren?" Er vermisse einen politischen Willen, ein ehrliches Engagement von DFB und DFL, sagt Endemann. "Dann könnte man auch eine fruchtbarere Diskussion haben, als jetzt."

Hohe Strafen drohen

Für deutsche Stadien aber scheint eine "weiche" Lösung in weiter Ferne: "Wir wollen, wenn wir die Täter denn zu fassen bekommen, die Bußgelder erhöhen, dass so etwas schmerzhaft geahndet wird", fordert Berlins Staatssekretär Aleksander Dzembritzki. Der hessische Innenminister Peter Beuth bringt sogar Haftstrafen für Stadionzündler ins Gespräch.

Der DFB hat für diese Saison seinen Strafenkatalog aktualisiert und so kostet jede in der ersten Bundesliga gezündete Fackel 1.000 Euro, jede geworfene das Dreifache. Zusätzlich können die Vereine ihre Bußgelder auf ermittelte Täter, also die eigenen Fans, umlegen und werden sogar vom Verband mit Rabatten belohnt, wenn sie eine bestimmte Aufklärungsquote vorweisen können.

Beim Deutschen Fußball-Bund wollen sich weder Präsident Reinhard Grindel noch Sicherheitschef Hendrik Große Lefert auf Anfrage zum Thema Pyrotechnik äußern. Die Fronten zwischen den organsierten Fanszenen Deutschlands und den Verbänden bleiben verhärtet. Eine Einigung - fällt aus wegen Nebel.

Sendung: Inforadio, 16.12.2018, 06:00 Uhr

Beitrag von Friedrich Rößler

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Antwort auf [Paula] vom 16.12.2018 um 13:57
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5 Kommentare

  1. 4.

    Pyrotechnik wie auch die ritualisierte Gewalt "verfeindeter" Fangruppen hat nichts mit Fussbal zu tun, auch wenn der so stark kommerzialiert ist.

    Ich besuchte allein schon deshalb schon lange kein Fussballspiel mehr. Wenn die Ränge jenseits der "Fankurven" leer bleiben würden, würden die Vereine und deren Hauötsponsoren aufwachen.

  2. 3.

    Pyrotechnik hat nichts im Stadion zu suchen.
    Das ist genauso eine Unsitte, wie Gegenstände aufs Spielfeld zu werfen. Beides ist gefährlich und hat nichts mit Sport zu tun.
    Bessere und genauere Einlasskontrollen- dauert halt länger. Wer trotzdem was reinschmuggelt und benutzt,Stadionverbot ubd Geldstrafe.

  3. 2.

    Man muß eine konsequente und harte Linie fahren:

    - Pyro vor dem Spiel -> erst gar nicht anpfeifen
    - Pyro während des Spiels -> sofortiger Abbruch der Partie
    - kurze Eskalationsreihe mit Geisterspiel, Punktabzug und Ausschluß vom Spielbetrieb

    Der jeweils fällige Polizeieinsatz ist den Vereinen in Rechnung zu stellen, deren Insolvenzverwalter dann die betreffenden "Fans" in Regress nehmen können.

  4. 1.

    In der Argumentation von Feuerwerksbefürwortern finde ich die sogenannte Framing-Strategie wieder:
    Statt Fakten präzise zu beschreiben,
    * wird eine pauschale Behauptung aufgestellt,
    * wird ein Rahmen geschaffen und
    * mit einer moralischen Bewertung versehen.
    1. Als Fakten finde ich im Text zB Gesundheitsgefahren durch Dämpfe beim Abbrennen, hohe Hitzegrade und fehlender Schutz, etwa Schutzausrüstungen, wie sie Profis vorsorglich tragen wollten/würden/müssten (Da wäre das Geschrei öffentlich und laut, wenn ein Arbeitgeber seinen Beschäftigen solches verweigerte).
    2. Behauptet wird eine unzumutbare Einschränkung der Freiheit zum feuerwerktechnischen Selbstausdruck der „Fans“.
    3. Der erfundene Rahmen ist die vermeintlich uneinschränkbare Autonomie, dazu der Anspruch, aus eigenem Recht verbindlich festzusetzen, wie das eigene Handeln zu bewerten ist: beherrschbar, ungefährlich, Punkt.
    4. Ungefähr so: „Die Funktionäre und Politiker wollen uns unser Recht auf Spaß und Identitätspflege nehmen. Pfui!“

    Was ist zu tun? Rechtsstaat!

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