Arme ausbreiten? Ja. Abheben? Nein. Pal Dardai hat Träume, aber mahnt zu Realismus. imago/Nordphoto
Video: rbb UM6 | 18.01.2019 | 18:15 Uhr | Jörg Hellwig | Bild: imago/Nordphoto

Hertha vor Rückrundenstart in Nürnberg - Spagat zwischen Traum und Realität

In Nürnberg startet Hertha in die Rückrunde. Die Mission: Endlich einmal eine gute Rückrunde spielen. Die Partie beim Liga-Letzten ist richtungsweisend. Pal Dardai warnt vor zu hohen Erwartungen - auch wenn im Trainer durchaus ein Träumer steckt. Von Astrid Kretschmer

"Das ist die einzige Sprache, die keiner versteht", freute sich Trainer Pal Dardai über die Frage eines ungarischen Zeitungskollegen. Kurz fungierte der Ungar nicht nur als Antwortgeber, sondern auch als Übersetzer auf der Pressekonferenz vor dem Spiel beim 1. FC Nürnberg (Sonntag, 15:30 Uhr). Ob die vier Jahre, die er nun Chefcoach in Berlin ist, schnell vergangen seien, wollte der Landsmann wissen, erklärte Dardai den irritierten deutschen Journalisten.

Seine Antwort auf deutsch mit einem Schmunzeln: "Ja, sehr schnell." Das sehe man an den grauen Haaren. Dardai wie man ihn kennt: flexibel und schlagfertig, das Herz oft auf der Zunge - wenn er will. Und da er zu Beginn der Pressekonferenz eher nicht wollte, sei hiermit der Antrag gestellt, dass immer ein ungarischer Kollege an diesen Veranstaltungen teilnehmen sollte.

Emotionaler Monolog

Denn dieses heimatliche Gefühl wirkte wie ein Dosenöffner auf Stimmung und Gemütslage des Hertha-Trainers. Vor einem emotionalen vierminütigen Monolog blockte der Wahl-Berliner aber erstmal ab. Herthas-Rückrundenfluch, neue Ziele, angestrebte Punkte? "Wir wollen eine bessere Rückrunde spielen", das könne er sagen, so Dardai. Aber bitte keine weiteren Fragen in diese Richtung. "Ich beschäftige mich nicht damit und will auch nichts mehr davon hören", so der Trainer vor dem ersten Pflichtspiel des neuen Jahres beim Tabellen-Schlusslicht 1. FC Nürnberg.

Er wolle keine falschen Hoffnungen aufbauen. "Ich rede nicht über die Meisterschaft, auch nicht negativ über den Abstieg. Wir haben eine gute Truppe. Wenn alle gesund sind und miteinander klar kommen gut, können wir eine überraschende Rückrunde spielen", so Dardai zunächst noch zurückhaltend.

Aber steter Nachfrage-Tropfen und die beschriebene ungarische Gefühlskomponente treiben den Chefcoach später zu einem emotionalen Monolog. "Ich träume auch von der Champions League und von der Europa League. Ich träume von einem 5:0-Sieg in Nürnberg. Das ist der Träumer Dardai", sagte der 42-Jährige. "Dann gibt es den Dardai, der jeden Tag zum Training kommt und es realistisch einschätzt. 24 Punkte in der Hinrunde bei der Verletzungsmisere sind eine riesige Sache." 

In Nürnberg "kein Halligalli-Fußball" 

Tatsächlich ist der Start in die zweite Saisonhälfte eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Die Erwartungen hat Hertha mit einigen überzeugenden Siegen unter anderen auf Schalke, gegen Bayern München und Borussia Mönchengladbach in der Hinrunde selbst vergrößert. Doch die positiven Phasen wechseln zu oft mit negativen. Mit nur einem Punkt in den letzten drei Spielen der Hinrunde hatte Hertha eine bessere Ausgangsposition für die Rückrunde verspielt. Die Berliner liegen derzeit mit 24 Punkten in der Tabelle auf Rang acht.

"Unser Ziel sollte es sein, uns zu finden wie in der Anfangsphase. Das war das Maximum. Da müssen wir wieder hin. Das ist meine Aufgabe als Trainer", so Dardai. Er will unbedingt die schwarze Serie der schwachen Hertha-Rückrunden durchbrechen. Nürnberg sei dabei schon eine richtungsweisende Station. "Ich erwarte eine richtig gute Zweikampführung, eine aggressive Spielweise. Im Moment sind die spielerischen Elemente nicht so wichtig. Wir müssen uns reinbeißen", forderte der Trainer. "Keiner soll erwarten, dass wir da hingehen und mit einem 5:0 nach Hause kommen. Gewinnen und Halligalli. Wunderschöner Fußball. Nein."

Mit Rekik und Viererkette

Dardai kündigte an, mit einer Viererkette in der Abwehr zu spielen. "Zurück zu den Basics, was uns stark gemacht hat", so der Ungar. Bis auf den Spielmacher Marko Grujic und den holländischen Nationalspieler Javeiro Dilrosun (beide Trainingsrückstand) sowie den Langzeitverletzten Derrick Luckassen und Mathew Leckie (Asien-Cup) kann Dardai mit allen Spielern planen. Fraglich ist der Einsatz des angeschlagenen Innenverteidigers Jordan Torunarigha.  

Hertha-Manager Michael Preetz fordert von seinen Profis in der Bundesliga-Rückrunde eine durchgehend professionellere und konzentriertere Einstellung. "Ich habe gesagt, dass wir anders auftreten müssen. Das ist entscheidend", berichtete Preetz von seiner Ansprache an die Mannschaft. "Wir haben zwei Gesichter gehabt in der Hinrunde. Wir haben ein strahlendes Gesicht gehabt. Und immer mal ein anderes. Wo es nicht daran lag, dass wir nicht gut Fußball gespielt haben. Sondern daran, dass wir nicht bereit waren oder die Konzentration nicht da war", kritisierte der Manager.

Dardai: "Für mich macht das Spaß"

Bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft den kritischen Appell des Managers versteht. Einstellung, Konzentration - auch eine Aufgabe des Chefcoachs. Auf die Frage des ungarischen Journalisten nach Dardais vier Jahren in Berlin, hatte der noch geantwortet: "Bislang eine schöne Zeit, mit Niederlagen und Siegen, die gehören dazu. Für mich macht das Spaß", so der Ungar. Ein Sieg in Nürnberg am Sonntag zum Rückrundenstart würde den Spaß enorm erhalten.

Sendung: rbbUM6, 18.01.2019, 18 Uhr

Beitrag von Astrid Kretschmer

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1 Kommentar

  1. 1.

    Es wird schwer werden gegen den Letzten zu punkten, denn Nürnberg kämpft ums Überleben. Viel Glück Hertha!!!

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