Symbolbild: Eine Radcross-Fahrerin bei einem Rennen in Belgien. (Quelle: imago/Panoramic International)
Video: rbb|24 | 12.01.2018 | Martin Zimmermann, Phillip Laberenz | Bild: imago-Symbolbild/Panoramic International

Radcross-DM in Kleinmachnow - Dreckssport

Jetzt wird’s schmutzig – rund 600 Radsportler wühlen sich am Wochenende durch Sand und Matsch in Kleinmachnow. Was treibt Menschen an, sich bei Regen und Kälte durch den Wald zu mühen? Philipp Laberenz über die Faszination Radcross.

Ein trüber brandenburgischer Wintertag. Feiner Regen, leichter Wind. Kein Sonnenstrahl durchdringt die tiefhängende Wolkendecke. Aber die Radsportler, die am Wochenende in Kleinmachnow den märkischen Sandboden umpflügen, sind auch nicht wegen des Wetters  gekommen.

"Es ist zwar nicht angenehm, bei so einem Wetter zu fahren", sagt Hanka Kupfernagel, die Brille beschlagen, das Gesicht gezeichnet von der Anstrengung auf matschigem Grund. "Aber irgendwo auch cool." Kupfernagel ist die überragende deutsche Fahrerin der vergangenen zwei Jahrzehnte. Seit 1991 international am Start, fuhr die Rennfahrerin auf und neben der Straße zu etlichen nationalen wie internationalen Titeln, gewann 2000 eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Sydney. Vor mehr als zwei Jahren verabschiedete sie sich dann vom Wettkampfzirkus - nur mit dem Radcross hat sie nicht recht abgeschlossen, gibt die 44-Jährige zu: "Ich bin ja kein Profi mehr, sondern habe mir einen verrückten Traum verwirklicht." Einmal noch bei einer deutschen Meisterschaft antreten, der Gedanke ließ sie nicht los. "Und als ich gehört habe, dass die ­­­in Kleinmachnow stattfinden würde, war mir sofort klar: Dafür fange ich noch einmal an."

Ex-Radcross-Weltmeisterin Hanka Kupfernagel (l), die in Kleinmachnow Zweite wurde, umarmt die Siegerin Elisabeth Brandau. (Quelle: dpa/Christoph Sicars)
Hanka Kupfernagel (l.) und die Siegerin von Kleinmachnow, Elisabeth Brandau | Bild: dpa/Christoph Sicars

Glitschiger Untergrund, giftige Anstiege

Zum vierten Mal nach 2003, 2005 und 2012 richtet der Sportverein RSV Eintracht 1949 die deutsche Meisterschaft im Radcross, international Cyclocross genannt, aus. Stets schlängeln sich die Fahrer durch das Waldstück mit dem schönen Namen Kiebitzberge. Ob der Vogel südlich von Berlin heimisch war, müssen Ornithologen beantworten. Als Wappentier für diese wilden Vögel auf zwei Reifen taugt der Kiebitz allemal: seine Familie sind die Regenpfeifer, sein Lebensraum feuchte Wiesen und Überschwemmungsland. Die pure Verlockung für Querfeldeinfahrer.

Radcross ist ein Dreckssport. Matsch und Schlamm gehören dazu. Die Fahrer choreographieren ihre Räder durch alle Unwägbarkeiten, tänzeln über glitschigen Untergrund, wuchten giftige Anstiege hinauf und brettern gehässige Abfahrten hinunter. Augen zu und durch? Auf keinen Fall. Die Athleten sind Allroundpakete: ausdauernd, kräftig, clever. Wer beim Fahren das Hirn ausschaltet, landet auf den hinteren Positionen, mitunter auf dem Hosenboden. Die Sanitäter warten schon. Im Zweifelsfall wird das Gefährt also geschultert.

"Manchmal will man sich ein bisschen quälen"

Wenn so Fahrer und Fahrrad gemeinsam diesen kurzen, knackigen Leidensweg bezwingen, erkennt Mike Kluge eine philosophische Tiefe in dieser Prozedur: "Mit dem Rad spürt man genau, wo man drüberfährt und was man gut macht, was man schlecht macht", sagt der bis heute letzte deutsche Cross-Weltmeister. Mensch und Maschine litten einmütig – zumal bei dieser Witterung. "Damit wird eine andere emotionale Verbindung hergestellt, eine andere Leidensfähigkeit geschaffen. Und manche Menschen suchen so etwas im Leben, manchmal will man sich ein bisschen quälen", sagt Kluge.

Für andere sind die Schlammschlachten zur kalten Jahreszeit bloß kurzweilige Zerstreuung. "Im Winter ist es voll die Abwechslung", sagt Titelverteidigerin Elisabeth Brandau, mehrfache Deutsche Meisterin im Mountainbike und Radcross. "Ich halte mich fit und habe Spaß damit." In Kleinmachnow siegt die 33-Jährige mit großem Vorsprung vor Hanka Kupfernagel. Ihre Konzentration gehört aber dem Mountainbike, die Cross-WM am ersten Februar-Wochenende in Dänemark ist nicht ihr Hauptziel: Das sind für Brandau die Olympischen Spiele in Tokio 2020.

Beim Racross - hier die belgischen Meisterschaften am 12.01.2019 - wird das Rad auch mal die Steigung hochgetragen. (Quelle: imago/David Stockmann)
In Belgien und den Niederlanden ist Radcross ein riesiger Markt | Bild: imago/David Stockmann

Keine Chance auf Olympische Spiele

Radcross ist die kleine Schwester des Straßenradsports – weniger eitel, weniger prominent. Die Querfeldeinrennen haben es nicht nach Olympia geschafft. Und damit steht und fällt nun mal der Stellenwert einer Sportart. Olympische Spiele schaffen Präsenz – für die Athleten genauso wie für Verbände, Unternehmen und Politik. Wer dort antritt, dem folgen Aufmerksamkeit, Geld und Ruhm. Allerdings hat Radcross einen Geburtsfehler: Rennen werden ausschließlich von Oktober bis Januar gefahren, wenn die Straßenrennen pausieren.  Viele Radsportler verlängern kurzerhand die Saison. Die teuren Straßenmaschinen überwintern im trockenen, sie werden eingetauscht für die nicht minder exklusiven Bikes. 5.500 Euro muss man hinblättern, wenn man dazugehören will zum kleinen Kreis der Radcrosser – Statussymbol inbegriffen.

Dabei sind die Räder fast die gleichen wie die Straßenmodelle, sie sind allerdings stabiler und werden auf breiteren Reifen mit starkem Profil gefahren. Ungefedert lässt sich auf ihnen ganz prima der Winter überwinden. Schnee bildet kein Hindernis. Nur daran gebunden ist Radcross nicht – was die Olympischen Winterspiele von einer Sportart eben verlangen.

"Im Cross geht es immer noch bergauf"

Und im Sommer? "Keine Chance", sagt Udo Sprenger, Vizepräsident des Bundes Deutscher Radfahrer. "Das wird so bleiben und damit der Deutsche Olympische Sport Bund (DOSB) die Cross-Disziplin nicht fördern." Einzig Ausnahmefahrer wie Kluge oder Kupfernagel brächten Aufmerksamkeit und Sponsoren. "Das würde uns helfen, aber im Moment haben wir keinen, der vorne an der Spitze mitfährt." Doch beliebt ist der Dreckssport allemal.

2001 gab es in Deutschland nur zehn Radcross-Rennen. Inzwischen finden zwischen Oktober und Januar etwa 130 solcher Rennen statt. "Und es gibt auch immer mehr Teilnehmer", sagt Walter Rösele vom RSV Eintracht. Mit 35 Helfern halt Rösele die nationalen Meisterschaften organisiert, dabei über einen Etat von 44.000 Euro verfügt. Der Diplom-Sportlehrer kümmert sich als Koordinator beim BDR um den Radcross. Anders als in anderen Radsportsporten erkennt er eine klare Tendenz: "Im Cross geht es immer noch bergauf." In Kleinmachnow sind knapp 600 Fahrer am Start.

Vorbilder Holland und Belgien

International ist der deutsche Radcross dennoch längst abgehängt. In Belgien und den Niederlanden etwa bildet der Sport einen riesigen Markt. Millionen von Euro werden dort in die Teams investiert. Das Fernsehen überträgt live. Und Zuschauer zahlen Eintritt für die Events; Zehntausende brüllen die Fahrer die Hänge hinauf. Bei Bier, Fritten und ordentlich Nordseebriese kommt dort schnell Volksfeststimmung auf. "In Holland und Belgien wird der Radsport gerade bei den Frauen ganz anders unterstützt als hier in Deutschland", klagt Hanka Kupfernagel. "Hier gibt es fast gar keine Unterstützung." Ungläubig, fast zornig bezweifelt sie, warum das hier nicht möglich sein soll. Die Strukturen würden über das Fortkommen der Cross-Sparte entscheiden.

Nur auf Talente zu warten, bringe den Sport nicht weiter, sagt Kupfernagel. Vielmehr müsse der Verband die Vereine besser fördern, damit die sich wiederum um den Nachwuchs kümmern könnten. "Ehrenamtliche Arbeit honorieren, Räder stellen, Kinderrennen organisieren", zählt Kupfernagel auf, die sich als Internationale Vertreterin des BDR für den Cyclocross engagiert. Die holländischen Nachbarn sollten als Vorbild dienen. "Wir wohnen doch nur einen Steinwurf entfernt, trotzdem schaffen wir es nicht, ebenso modern zu denken." Stattdessen bleibt Querfeldein in Deutschland ein puristischer Nischensport. Und dort, in dieser zugegeben schmutzigen Nische hat es sich kommod gemacht.

Beitrag von Philipp Laberenz

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10 Kommentare

  1. 10.

    Menschen treiben aus den verschiedensten Gründen zusammen Sport. Das ist schon mal sehr GUT.
    Die einen weil sie etwas herausfinden wollen, die andere die damit Geld verdienen müssen. Andere wiederum die erst jetzt in der Altersklasse diesen so tollen Sport mit jüngeren im Training zusammen ausüben können.
    Da gibt es eigentlich nur eins zu tun, so etwas positives einfach zu unterstützen und dazu fahren viele von denen noch mit dem Fahrrad zur Schule/Arbeit.

  2. 9.

    Wenn die Kiebitzberge jetzt so schlecht sind, weil wir sie mit Rad kaputt gefahren haben, dann komm doch einfach in die schöne Lausitz nach Henriette dort gibt es eine schöne Pension und Wälder die du erkunden kannst, zum Schluss kannst du auf dem Senftenberger See eine Bootstour machen.Wir freuen uns auf deinen Besuch.

  3. 8.

    Ich kann nur den Kopf schütteln über so viel Egoismus. Das wird immer schlimmer. Fast möchte ich froh sein, dass ich schon die 70 überschritten habe. Ich war an beiden Tagen ganztägig in den Kiebitzbergen. Was kann es denn schöneres geben als Kinder, Jungen wie Mädchen, Männer bis über 60 und Frauen, ja Muttis die mit einem Radcross ihre Freizeit sehr sehr sinnvoll verbringen. Der Deutsche Radsportverband sollte sich endlich mal puschen und diese schöne anstrengende Sportart über die wenigen Wintermonate hinaus ausdehnen!!
    Nein. nein. Ich würde doch zu gerne noch jünger sein. Dann würde ich mit Sicherheit auch ein Radcrosser sein!!!!
    Peter Carow

  4. 7.

    Es ist interessant, wie manche immer wissen, was die anderen nicht schauen... Ich mag keine griesgrämigen Spaßbremsen. Dennoch müssen Sie dafür nicht in den nächsten Truppenübungsplatz...

  5. 6.

    Bin heute auch in Kleinmachnow gelaufen. Der Ort ist groß genug, z,B, rund um den See war kein Fahrrad zu sehen.
    Es geht um Sport und nicht um Euros oder cts. die in Kleinmachnow bleiben.

  6. 5.

    Stell Dir mal vor, die gleichen Radler zermöllern den Tiergarten (Park). Da darf man ja nicht mal pullern bei Veranstaltungen...

  7. 4.

    Mein 9-jähriger Sohn freut sich schon wie Bolle darauf, morgen mit seinem eigenem Rad die "zermörserten" Pisten entlang zu fahren und war heute gemeinsam mit der Familie begeisterter Zuschauer des Spektakels - übrigens als Einheimischer!
    Für die Nachwuchsförderung also eine prima Sache. Kleinmachnow ist schließlich die kinderreichste Gemeinde Deutschlands - da darf es am Wochenende auch 1x im Jahr abseits des Rathausmarktes trubelig werden. Im Übrigen ist der RSV sehr wohl auch ein Kleinmachnower Sportverein (Sportverein für Kleinmachnow/Stahnsdorf/Teltow)und hat endlich auch eine Radsportsparte!

  8. 3.

    Dann fragen Sie dich bitte mal uns Berliner, was wir von den ganzen Veranstaltungen halten, die jedes Wochenende irgendwo in der Stadt stattfinden und an denen auch Kleinmachnower teilnehmen.

  9. 2.

    Was für ein irre cooler Sport. Supe!

  10. 1.

    Da steh ich ja total drauf - hunderte PKW verstopfen unseren Ort, der Kiebitzberg, ein wirklich tolles Laufgebiet mit schönen, verwunschenen Wegen und Natur pur, wird völlig zermörsert. Wer kümmert sich darum, das alles für uns Bewohner wieder geradezubiegen, die Verwüstungen??? Nicht einer, der hier sinnlos rumbrettert, bringt einen ct in den Ort, kein Autofahrer zahlt sowas wie Parkgebühr. Nix. Niemand kauft hier was, höchstens einen Döner auf der nächsten Ecke. Kleinmachnower schauen das eh nicht an.

    So ein Blödsinn kann gerne 10 km weiter raußen in der Wallachei stattfinden, da ist genug Platz, wo NIX los ist, gerne ehem. Truppenübungsplätze, die eh schon so aussehen, wie der Kiebitzberg jetzt gerade... und nein, der RSV ist kein Kleinmachnower Sportverein!

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