Claudia Pechstein ist nach einem Rennen erschöpft (Quelle: imago/Sven Simon)
Audio: Antenne Brandenburg | 06.02.2019 | Karl-Dietrich Mäurer | Bild: imago/Sven Simon

Pechsteins WM-Start beeinflusst - Eingeholt von der Vergangenheit

Vor genau zehn Jahren wurde Claudia Pechstein wegen Blutdopings gesperrt. Seitdem kämpft die Berlinerin für ihre Rehabilitation - und erlitt erst kürzlich erneut eine juristische Niederlage. Ein Rückschlag, der auch ihren WM-Start in Inzell beeinflusst.

Es gibt viele Momente im Leben von Claudia Pechstein, die sie sicherlich niemals vergessen wird. Etwa ihre erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer über 5.000 Meter. Oder die Weltmeisterschaften 2017 im südkoreanischen Gangneung, bei denen sie sich durch den Gewinn der Silbermedaille, ebenfalls über die 5.000 Meter, mit fast 45 Jahren zur ältesten WM-Medaillengewinnerin der Eisschnellaufgeschichte krönte.

Doch auch der 7. Februar 2009 ist einer dieser Tage, der sich im Kopf der Berlinerin eingebrannt hat. "Es ist die Nacht, die meine Karriere, ja mein ganzes Leben letztlich komplett verändert hat", erzählt Pechstein in einem Interview mit der dpa.

"Ich kann mich noch an jedes Detail erinnern"

Während der Mehrkampf-Weltmeisterschaften im norwegischen Hamar wurden bei der damals 36-Jährigen auffällige Blutwerte festgestellt. "Ich kann mich noch an jedes Detail erinnern. Wie unser Teamleiter Helge Jasch mich in sein Zimmer rief. Wie er und unser Teamarzt Dr. Gerald Lutz mir mitteilten, dass mit meinen Blutwerten etwas nicht stimmt. Ich zum ersten Mal das Wort Retikulozyten hörte", erinnert sich die erfolgreichste Winterolympionikin Deutschlands.

Für die Berlinerin war es der Beginn eines dunklen Kapitels in ihrer Karriere. Im Juli 2009 sperrte sie die Internationale Eislauf-Union (ISU) für zwei Jahre wegen von der Norm abweichender Blutwerte. Ohne Dopingbefund - anhand von Indizien.

Hämatologen bescheinigen eine Blutanomalie

Die fünfmalige Olympiasiegerin beteuerte stets ihre Unschuld, kämpft seitdem gegen die Dopingsperre. Führende deutsche Hämatologen bescheinigten ihr eine genetisch bedingte Blutanomalie, die für ihre erhöhten Retikulozyten-Werte verantwortlich sei. "Unschuldig öffentlich an den Pranger gestellt zu werden, war die schlimmste Erfahrung meines Lebens", so Pechstein.

Im juristischen Kampf um ihre Rehabilitation musste die 46-Jährige bislang viele Rückschläge wegstecken. Nachdem der Internationale Sportsgerichtshof (CAS) ihre Sperre durch die ISU bestätigt hatte, legte die Berlinerin vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) Beschwerde gegen das Urteil ein.

Auch Start bei WM in Inzell beeinflusst

Doch sie scheiterte auf europäischer Ebene: Am Dienstag wurde ihre Beschwerde vom EGMR entgültig zurückgewiesen. Ein herber Rückschlag für Claudia Pechstein - und das nur wenige Tage, bevor sich der wohl schwärzeste Tag ihrer Karriere zum zehnten Mal jährt.

Die juristische Entscheidung wirkt sich auch auf Pechsteins Start bei der Einzelstrecken-Weltmeisterschaft in Inzell aus. Noch am Dienstag überlegte die 46-Jährige gar nicht bei der WM an den Start zu gehen. "Die Frage stellt sich für mich insofern, als das ich zwar für mein Heimatland kämpfen möchte, ich aber nach dem heutigen Tiefschlag noch nicht weiß, ob ich trotz des mir widerfahrenen Unrechts über genügend Kraft verfüge, meine Bestleistung abrufen zu können", schilderte sie auf ihrer Facebook-Seite.

Am Donnerstag bestätigte Pechstein, dass sie ihre Starts im 3.000-Meter-Rennen und in der Team-Verfolgung abgesagt habe. Im 5.000-Meter-Rennen am kommende Samstag und im Massenstart am Sonntag werde sie aber starten. Ihr Ziel sei es "über 5.000 Meter unter die besten Acht und im Massenstart in die Top Ten zu laufen", erklärte Pechstein auf Facebook. "Ich habe wirklich keine Ahnung, ob mir das unter diesen Umständen gelingen kann", zeigt sie sich weiterhin erschüttert über das Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.  

Der Kampf geht weiter

Auch DESG-Sportdirektor Matthias Kulik zeigte kein Verständnis dafür, dass eine solche Gerichtsentscheidung unmittelbar vor der WM mitgeteilt wird: "Die sportliche Situation wird überschattet von der persönlichen Situation", sagte Kulik.

Mit ihren fast 47 Jahren ist Claudia Pechstein deutlich älter als ihre Konkurentinnen. Doch auf dem Eis beweist sie immer wieder, dass sie noch einen längeren Atem als viele ihrer jungen Gegnerinnen hat. Die Olympischen Spiele 2022 habe sie fest im Blick, sagt sie.

Und eines dürfte sicher sein: Auch auf juristischer Ebene wird sie weiter kämpfen. Eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht läuft noch.

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Objektiv und logisch gefragt: Könnte ein Leistungssportler (m/w/d) über solch einen langjährigen Zeitraum Leistungen auf diesem hohen Weltklasse-Niveau ohne tatsächlich nachgewiesene Dopingbefunde erbringen, wenn illegale Mittel zur Leistungssteigerung eingesetzt würden? Irgendwelche vermeintlichen Dopingsünden hätte ein menschlicher Körper mit dem Alter von Frau Pechstein (man möge die Unhöflichkeit verzeihen)schon längst zum Ausdruck gebracht. Was die fachliche und menschliche Kompetenz von involvierten Gerichten anbelangt, darf man zur Qualitätssicherung der Judikative bzw. zum Erhalt der Rechtsordnung die Herkunft des richterlichen Leistungsvermögens hinterfragen.

  2. 4.

    Respekt vor der Leistung von Claudia. Es ist bitter mit anzusehen, wie machtlos sie ist. Der leistungsbringende Sportler wird immer die gesamte Sympathie der Fans bekommen, die "verwaltenden Bewerter" am Schreibtisch eher nicht. Die werden ihre Fehler nicht eingestehen können. Der finanzielle Schaden und die sinkende Reputation ist zu groß.

  3. 2.

    Ich kann der Frau nur all die Kraft und Zeit wünschen damit sie am Ende des Lebens sagen kann, ich wurde rehabilitiert und angemessen entschädigt. So lange wird sie wohl benötigen.

  4. 1.

    An die Redaktion. Bitte was sind Härmatologen die sie hier zweimal anführen?Ich bin 66 Jahre und kenne nur Hämatologen.Bitte klären sie mich auf.Oder gegebenenfalls den Redakteur/in.Danke

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