Neues Hertha-Stadion vs Wohnhäuser (Quelle: imago/collage: rbb|24)
Video: Abendschau | 06.02.2019 | Nadine Bader | Bild: imago/collage:rbb|24

Stadion-Neubau im Olympiapark - Herthas Wohnungsproblem

Neben dem Olympiastadion soll ein reiner Fußballtempel die Hertha-Fans beglücken. Dafür müssten Wohnhäuser weichen. Was aus den Bewohnern werden soll, ist weiter offen. Der ambitionierte Zeitplan des Vereins droht daran zu scheitern. Von S. Schöbel und N. Bader

Wenn Bernd Beuster und Günter Heinemann auf ihren Balkonen stehen, dann können Sie Herthas Profis beim Training zuschauen. Und wenn im Berliner Olympiastadion ein Tor fällt, hören sie es noch bevor die Szene im Fernsehen kommt. Die beiden Rentner wohnen in der Sportforum Straße, keine 400 Meter von Herthas Spielstätte entfernt. Nun aber droht ihnen die Verdrängung, weil der Verein ein neues Fußballstadion bauen will und dafür das Grundstück braucht, auf dem zurzeit Häuser mit 24 Wohnungen stehen - auch denen von Bernd Beuster und Günter Heinemann.

"Ich bin jetzt mittlerweile 23 Jahre da, und jetzt wissen wir nicht, wie es weiter geht" sagt Heinemann. "Was wollen die denn mit uns machen? Wo sollen wir denn hin?"

Die sechs Zweigeschosser, die einst für britische Offiziere gebaut wurden und große Wohnungen mit Balkon und Keller bieten, gehören seit einigen Jahren der alteingesessenen Berliner Genossenschaft 1892. Die verhandelt derzeit mit Hertha BSC über die Zukunft der Häuser - obwohl sie eigentlich selber auf dem Grundstück neue Wohnungen bauen will. Der Verein hat versprochen, Ersatz im Umkreis von rund einem Kilometer zu schaffen.

Ersatzwohnungen in einem Kilometer Umkreis

Günter Heinemann ist skeptisch, dass das gelingt. "Wo sollen denn hier Wohnungen geschaffen werden? Ich weiß nicht, was die Herren sich vorstellen." Konkrete Angebote habe man den Anwohnern bisher jedenfalls nicht gemacht, sagt Bernd Beuster, der inzwischen Mitglied der Genossenschaft 1892 ist. Die Zeit dafür wird auch langsam ziemlich knapp. "Unser Vorstand hat gesagt, dass er Hertha noch einmal bis Ende März einen Termin gesetzt hat. Weil sie wissen wollen, wie es weitergeht."

Mögliche Optionen sind Hertha BSC zuletzt allerdings eher weggebrochen. Der Plan, auf den Baumannschen Wiesen in der nordöstlichen Ecke des Olympiaparks Wohnungen zu bauen, ist vom Tisch. Laut einem Schreiben, das dem rbb vorliegt, bezeichnet die Genossenschaft das Gelände als "keine wirkliche Alternative", da hier aus Naturschutzgründen nicht gebaut werden könne. Eine andere Option wäre ein Geschäft mit der Deutsche Wohnen. Die plant in der ehemaligen Alliierten Siedlung südlich des Olympiageländes 580 neue Wohnungen, von denen der Verein einige kaufen könnte. Die Deutsche Wohnen zeigte sich dafür auf Nachfrage des rbb auch offen. Das Problem: Der Konzern müsste vorher bestehende Wohnungen abreißen und streitet sich aktuell mit dem Bezirk über die Bedingungen für das gesamte Projekt. Gebaut wird hier auf absehbare Zeit wohl nicht.

Derweil stellt Philipp Bertram, sportpolitischer Sprecher der Linken, fest, "dass das Abgeordnetenhaus nichts beschließen wird, ohne dass klar ist, was hier mit den Anwohnerinnen und Anwohnern passiert". Zudem müsse jede Lösung von den Anwohnern auch akzeptiert werden. Darüber hinaus müsse klar sein, ob das Olympiastadion überhaupt wirtschaftlich betrieben werden kann, wenn sich der Hauptmieter direkt daneben ein eigenes Stadion baut. Insider bezweifeln schon jetzt, dass das geht, wegen Lärmschutzauflagen bei Großevents und der Konkurrenz um Veranstaltungen jenseits des Profifußballs, zum Beispiel Konzerte.

Wertgutachten für das Grundstück erwartet

Außerdem stellt sich noch die Frage, zu welchem Preis Hertha BSC das Grundstück in der Sportforumstraße in Erbpacht vom Land Berlin übernehmen könnte. Ein entsprechendes Wertgutachten wird bis Mitte Februar erwartet. Es wird wohl für weitere Diskussionen sorgen, vermutet der SPD-Sportpolitiker Dennis Buchner. "Hertha BSC ist in der Sportausschusssitzung, wo sie uns das Projekt vorgestellt haben, von einem Grundstückswert von 20 bis maximal 50 Euro pro Quadratmeter ausgegangen. Ich gehe nicht davon aus, dass dieser Grundstückswert am Ende rauskommen wird." Sollte der Preis ein höherer sein, wird wohl erneut die Frage diskutiert werden müssen, ob sich Hertha BSC das neue Stadion wirklich leisten kann.

Der Verein will sich zum Stand der Verhandlungen derzeit nicht äußern. Auf Nachfrage teilte ein Hertha-Sprecher lediglich mit, man habe bereits Vorschläge für den Ersatz der Wohnungen aufgezeigt und stehe mit dem Eigentümer in "intensivem Kontakt". Ziel sei weiterhin, das neue Stadion "am besten Standort, dem Olympiapark" zu bauen. Trotz der vielen bislang ungeklärten Fragen hält der Verein am anvisierten Eröffnungsdatum fest: Juli 2025, Herthas 133. Geburtstag.

SPD-Politiker Dennis Buchner ist da skeptisch. "Das spricht zumindest nicht dafür, dass die ehrgeizigen Zeitpläne von Hertha BSC einzuhalten sind. Dafür sind in den letzten Wochen und Monaten zu viele Möglichkeiten und zu viel Zeit verschwendet worden."

Über das Thema berichtet um 19:30 Uhr auch die Abendschau

Beitrag von Nadine Bader und Sebastian Schöbel

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35 Kommentare

  1. 35.

    ... Der beste Standort scheint nach einer Studie das Olympiagelände zu sein.
    Je einen Auftrag würde ich am liebsten beiden Parteien mitgeben: Hertha sollte schnellstmöglich eine adäquate Alternative für die aktuellen Bewohner des Olympiageländes finden und im transparenten Austausch mit diesen sein, günstig wirds nicht. Vom Berliner Senat und jeder Partei wünsche ich mir ein Entgegenkommen, sodass man einen nachhaltigen Plan für die Nutzung des Olympiastadions entwickelt! Ich hoffe, dass dieses Projekt nicht eine weitere Hängepartie in Berlin wird und bin noch optimistisch, dass eine gemeinsame Lösung gefunden wird.

  2. 34.

    Ich spreche mich ebenso für den Bau eines reinen Fußballstadions aus! Der Senat spielt leider auf Zeit und ist aus zwei Gründen offiziell dagegen: Erstens wäre die Haupteinnahmequelle des Olympiastadions weg, zweitens scheint die Umsiedlung der Bewohner in den sechs Wohnblöcken weiterhin offen.. Beides sind zwei sehr nachvollziehbare Gründe für den Senat weiterhin auf Zeit zu spielen. Andererseits langfristig betrachtet, sollten Senat und Verein in den nächsten Wochen an einem Strang ziehen, da Hertha BSC sich eindeutig für den Auszug Des Olympiastadions entschieden hat. Als Berliner Politiker würde ich alles daran setzen wollen, dass dieser Hauptstadtclub in Berlin bleibt.

  3. 33.

    Da gibt es wohl noch einige Schubladen die tiefer liegen. ;-)

    Hertha bietet doch wirklich seit Jahren alles um diesem Verein den Rücken zu kehren. Investorengemauschel, Sozial-Media-Shit, Fanverarsche, Stadionbaupose usw.

    In Berlin kannste alles sein, nur keen Herthaner mehr.

  4. 32.

    Na ja, wer mal so eben den Verein wechseln kann ist eh kein echter Fan. Daher ist ist Aussage wirklich neben der Spur. Statt Hertha dann Union ist wirklich unterste Schublade.

  5. 31.

    Nur zur Info, Hertha ist nicht für die Wohnungsnot in Berlin verantwortlich.
    Den Bewohnern in der Sportforum Straße sollen und müssen adäquate Wohnungen zur Verfügung gestellt werden. Nicht mehr und nicht weniger.
    Sollte das nicht gelingen wird auch nichts an dem Standort passieren.

  6. 29.

    unglaublich, was Fan-atismus so anrichten kann. Wie wäre es mal mit Nachdenken über das, was von "Icke" als Argument geschrieben wurde, anstatt hier nur blind "Verräter" zu brüllen?

  7. 28.

    Was für eine qualifizierte Antwort.... Hier spricht ein wahrer Hertha-Fan, der seine Mitgleidschaft küdigt und zu Union wechselt. Unglaublich !!!

  8. 27.

    Mal ne Frage: ändert sich die Spielqualität durch ein neues Stadion?
    Und wenn Sie frieren, sind Sie falsch angezogen - nur mal am Rande. Das Olympiastadion reicht doch aus - dieser Traditionsverein in dieser Arena - also wenn Hertha woanders bauen lässt und gar noch Menschen dafür noch verdrängt, gehe ich nie wieder (im Winter gut eingepackt!!) zu Hertha, kündige meine Mitgliedschaft und wechsle entgültig zu Union.....

  9. 26.

    Bevor ich mir Sorgen um Millionäre und ihre Freizeitbeschäftigung ( = Spitzenfussball) mache, mache ich mir doch Sorgen dass die Leute ein DACH über dem Kopf haben. Und dass sie die Miete zahlen können. Hertha kann gerne sein Stadion auf EIGENE Kosten sonstwo bauen, aber nicht da wo DRINGEND Wohnraum benötigt wird.

    In einem Goldenen Fussball-Palast (= "modernes" Stadion) kann ich nicht wohnen! Dann bleibt mir halt nur der U-Bahnhof! Danke, dass du auch an mich gedacht hast!

  10. 25.

    Diese ganzen Wutbürger Kommentare nerven nur noch.
    Eins ist klar ohne neues richtiges Fussballstadion wird es niemals Spitzenfussball in Berlin geben.
    Kann den Meckerern einfach mal empfehlen ein Spiel bei diesen Temperaturen zu besuchen, grausam ist noch harmlos ausgedrückt.
    MIr ist eigentlich egal wo, aber das Hertha ein neues Stadion braucht ist immens, übrigens auch für die Stadt, wichtig...

  11. 24.

    Vielleicht sollten die Anwohner seltene Tiere auf ihrem Gelände ansiedeln dann steht alles unter Naturschutz und es gibt keine Baugenehmigung. Tierwohl geht vor Menschenwohl :)

  12. 23.

    Standard sind auch Millionenschwere Rasenheizungen (vor allem im Unterhalt), standard sind auch verschliessbare Dächer, ausfahrbares Spielfeld, ein eignes Stadion, alles vom Staat bezahlt... Auch wenn das alles "Standard" ist muss man nicht jeden SCHWACHSINN mitmachen. Und schon gar nicht bezahlen.

    Wir sind nicht München sondern Berlin. Wir haben das Geld nicht. Die schon. Wo sind denn die Leute die immer schreiben "Berlin bezahlt immer alles auf Kosten anderer Länder dank Länderfinanzausgleich" Wo seid ihr?

    München und Stuttgart baut uns ein Fussballstadion. Na vielen Dank!

  13. 22.

    Also abgesehen davon, dass es ja wohl noch viele ungeklärte Fragen zu den Hertha-Plänen gibt, sollte man eins bedenken:
    Es geht in erster Linie um die geplante Verdrängung der dort wohnenden Mieter, die dafür ihr Zuhause verlieren sollen. Für einen Fußballplatz!!!
    Es gibt zu wenige Wohnungen, zu wenig bezahlbaren Wohnraum und die dort ansässigen Mieter scheinen sich ja dort wohl zu fühlen und leben nun in Ungewissheit.
    Das steht doch wirklich in keinem Verhältnis. Wenn der Platz dort frei wäre, o.k., aber intakte , bewohnte Häuser dafür abreißen, NEIN !!!

  14. 21.

    Dieser erfolgsfreie Club nervt nur noch mit seinen Luxuswünschen. Sollen sie doch sehen ob sie es in Ludwigsfelde alleine schaffen.

  15. 20.

    Hertha ist der größte Sportverein Berlins.... und hat eine überregionale Bedeutung. Hinzukommt, dass Fußball der Breitensport schlechthin ist. Fußball ist im sportgeschehen dominierend. Und ein reines Fußballstadion ist nunmal standard

  16. 19.

    Ich danke für die zahlreichen Antwortkommentare auf meine Äußerungen. In einer lebhaften Demokratie sollten verschiedene Meinungen nebeneinander stehen dürfen und respektiert werden. Die Debatte sollte mit dem Hintergrund geführt werden, dass es nun mal in einer Milionenstadt im Zweifel auch milionen unterschiedliche Vorlieben gibt.
    Zu Zenzi Kruse:
    - Hertha würde sich selbstverständlich an den Infrastrukturkosten beteiligen. Das sind Sowiesokosten, die jeder mittragen muss der baut.
    - Die Polizeieinsätze laufen auch meiner Meinung nach völlig aus dem Ruder. Aber sind diese gerechtfertigt? Wenn an einem Dienstagabend dreimal so viele Polizisten wie Auswärtsfans aus Augsburg sich die Langeweile im geheizten Mannschaftswagen mit Handyspielen vertreiben, ist dies zu hinterfragen. Ich habe in 24 Jahren keine nennenswerten Krawalle bei Hertha-Heimspielen erlebt.
    - Der angesprochene Wohnraum wurde auf einer Sondernutzungsfläche errichtet, dort dürften eigentlich keine Wohnungen stehen.

  17. 18.

    Sehr gut und verständlich argumentiert!
    Gottseidank vertreten die meisten Berliner in den Zeitungen, Fernsehen, Radio und Sozialmedien eine ähnliche Meinung wie Sie.
    Was Herrn Preetz und Co wohl "nicht die Bohne stört...."


  18. 17.

    Die Herthaner sind prozentual die kleinste Gruppe der Bevölkerung in Berlin. Trotzdem spielen diese sich so auf, als würde morgen die Welt ohne den Fussball untergehen. In einer Demokratie muss man sich nach dem Willen des Volkes richten, und dieser verlangt garantiert nicht nach einem neuen Stadion, sondern nach mehr Wohnungen. Wenn Hertha ein neues Stadion will, dann bitte AUSSERHALB von Berlin, irgendwo auf ungenutzten Ackerflächen in der Mark Brandenburg, aber auf EIGENE Kosten!
    BERLIN BRAUCHT K E I N NEUES HERTHA-STADION!

  19. 16.

    Hertha soll das Ding dort bauen dürfen und sich mit den Anwohnern einigen. Ich hätte nichts dagegen, wenn ich einen adäquaten Neubau in Westend bekommen würde. Geld sollte angesichts der Kosten für den Stadionneubau kein Thema für Hertha sein. Und das Hertha zu und in Berlin gehört und bleiben muss ist auch in der Politik unstreitig.

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