Hertha-Trainer Pal Dardai
Audio: Inforadio | 05.02.2019 | 11:15 Uhr | Astrid Kretschmer | Bild: dpa

Vier Jahre Hertha-Cheftrainer - Pal Dardai, ein Realist mit Träumen

Die Entscheidung fiel am Frühstückstisch der Familie Dardai -  vor genau vier Jahren. Am 5. Februar 2015 wurde Pal Dardai Nachfolger von Jos Luhukay als Hertha-Trainer. Seitdem prägt er eine Entwicklung, die noch lange nicht beendet sein soll. Von Johannes Mohren

Es war der 4. Februar 2015 - ein später Mittwochabend im Berliner Olympiastadion. Hertha spielte vor knapp 35.000 Zuschauern gegen Leverkusen. Und verlor. Wie so oft zu dieser Zeit. 0:1 stand es am Ende. Die Berliner rutschten mit der Niederlage auf den 17. Tabellenplatz ab. Dem Klub drohte der nächste Abstieg, der dritte binnen weniger Jahre. Hertha war das, was man klassischer Weise als Fahrstuhlmannschaft bezeichnet.

Es sollte das letzte Spiel von Trainer Jos Lukukay sein - und der Beginn einer Trainer-Ära bei Hertha BSC. Am Tag darauf wurde Pal Dardai als neuer Coach vorgestellt: Herthas Rekordspieler in der Bundesliga, 38 Jahre alt, Übungsleiter bei der U 15 der Blau-Weißen und zugleich ungarischer Nationaltrainer. Einen Lizenz für den Job auf der Bank im Profibereich hatte der Fan-Liebling zu der Zeit noch nicht. Es war ein echter Kaltstart.

Nicht ohne Zweifel

Nicht nur deshalb zögerte Dardai, bevor er zusagte. In der "Berliner Zeitung" [externer Link] erzählt über jene Tage. Von nächtlichen Telefonaten nach dem Leverkusen-Spiel, von seinen Zweifeln - und der letztendlichen Entscheidung: Er habe die Kinder zur Schule gebracht und als er nach Hause gekommen sei, habe der Manager am Tisch gesessen: "Es gab Kaffee mit Monika [Anm. der Red.: Dardais Frau], und dann hat er gesagt, du machst das jetzt, Schluss, basta."

Es war eine Mammut-Aufgabe. Dardai nahm sich den Job mit voller Kraft und Hartnäckigkeit vor. "Ich werde bis zum Tode arbeiten", soll er vor dem ersten Training gesagt haben. Als konservativ mag man den Ungarn - bis heute - in seiner Art bezeichnen, Fußball spielen zu lassen. Aber er lenkte Hertha in sichere Gefilde. Sein erstes Spiel als Mann an der Linie gewann er mit 2:0 in Mainz. Zu Saisonende war Hertha 15. und damit gerettet. Es folgten die Ränge sieben, sechs und zuletzt zehn. Berlin etablierte sich nicht nur in der Bundesliga, sondern spielte phasenweise auch wieder international.

Mittelmaß reicht vielen nicht mehr

In 137 Bundesliga-Spielen stand der inzwischen 42-Jährige an der Seitenlinie. Jüngst feierte er seinen 50. Sieg (37 Unentschieden, 50 Niederlagen). "Sehr schnell" sei die Zeit vergangen, sagte er vor wenigen Wochen - das sehe man doch an seinen grauen Haaren. Es war der lustige Pal Dardai, der da plötzlich erschien. Immer wieder erlebt man ihn so. Auch zuletzt bei der Pressekonferenz vor dem Pokalspiel gegen Bayern, als er die Journalisten aufforderte, sich mit ihren Fragen zu beeilen. Zuhause würde das Mittagessen warten. Und zwar nicht irgendeines, sondern "richtig gute Kalbsschnitzel" seiner Frau.

Doch es gibt auch den anderen Dardai. Den kauzigen - ja, schlecht gelaunten -, der sich nach Niederlagen so manches Mal schnell angegriffen fühlt. Die Ansprüche an ihn und sein Team sind gestiegen - sowohl von außen als auch intern. Mittelmaß reicht vielen nicht mehr. Einbrüche, wie Hertha sie in den vergangenen Dardai-Jahren in großer Regelmäßigkeit erlebte, sind nur noch schwer zu verkaufen. Das liegt vor allem daran, dass der Kader inzwischen ein gänzlich anderer ist als in den Anfangszeiten des Ungarn. Ob er ihnen gerecht wird? Es bleibt abzuwarten. Zuletzt fand er nach der Niederlage im Wolfsburg-Spiel selbst nachdenkliche Worte. Immer wenn der Sprung nach vorne möglich sei, würde man ihn verpassen, sagte er. Ein Fakt - ebenso aber auch, dass auch er als Trainer selbst dafür in der (Mit-)Verantwortung steht.

"Als Trainer hast du einen Sechswochenvertrag"

Das klingt auch bei Manager Michael Preetz nicht anders. "Wir haben inzwischen eine bessere Mannschaft, und mit einer besseren Mannschaft kannst du auch andere Ziele erreichen", sagte vor einigen Tagen im Interview mit dem "kicker" [externer Link]. Und er nahm explizit auch den Trainer, den er einst am Küchentisch überzeugte, in die Pflicht: "Pal entwickelt sich mit der Mannschaft und muss das auch. Er ist noch immer ein junger Trainer."

Diese Entwicklung traut man dem Mann, der mit gerade einmal 42 Jahren nach dem Freiburger Christian Streich bereits der dienstälteste Trainer der Bundesliga ist, bei den Berlinern zu. Nicht umsonst wurde der Vertrag des Cheftrainers Dardai kürzlich um ein weiteres Jahr verlängert. Für den Hertha-Jugendbereich, aus dem er kommt, besitzt er ein unbefristetes Arbeitspapier - sprich: Es ist eine Tür, die dem Ungarn immer offen steht, auch wenn seine Zeit bei der Bundesliga-Mannschaft einmal zu Ende wäre. Er selbst sieht das ohnehin stets betont locker. Der Standardspruch des Hertha-Urgesteins lautet: "Als Trainer hast du einen Sechswochenvertrag." Der ausgeprägte Realismus gehört auch zu seinen Charaktereigenschaften. Ein Träumer ist er nicht.

Ausnahmen gibt es freilich. Etwa dann, wenn es um Pokalspiel-Achtelfinale (Mittwoch, 20:45 Uhr, live in der ARD) gegen Bayern geht. "Wenn wir eine gute Frische haben und eine gute Tagesform, können wir auch Bayern schlagen", sagte Dardai da bei der Pressekonferenz selbstbewusst. Dass er es sein kann, ist nicht zuletzt das Ergebnis seiner eigenen Arbeit. Die jungen Spieler, die nun die Hoffnungsträger sind, hat er selbst entwickelt. Es ist eine seiner besonderen Qualitäten als Coach. Der Traum heißt: das Pokalfinale zuhause erreichen. Mut macht die Dardai'sche Vergangenheit: Er hat schon bewiesen, dass es mit Hertha im Pokal weit gehen kann. 2016 führte er das Team bis ins Halbfinale - der größte Erfolg in diesem Wettbewerb seit 38 Jahren für die Berliner Profis. Es folgte das bittere 0:3-Aus gegen Dortmund im heimischen Stadion. Sollte es diesmal weitergehen, wäre es wohl auch der endgültige Beweis: Dardais Hertha kann mehr als Mittelmaß.

Die Ära Dardai in Bildern

Sendung: Inforadio, 05.02.2019, 11:15 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

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1 Kommentar

  1. 1.

    Die Journaille würdigt den sehr guten Trainer und bodenständigen,integren Menschen Dardai. Das ist auch meine Meinung.Er ist sehr fleissig, hat viel taktisches Geschick und er predigt was er immer selbst als Vorbild war , ein sehr fleissiger Fussballspieler mit Mannschaftsgeist, Durchsetzungsvermögen und Raffinesse.Jeder ordnet sich dem Mannschaftsgeist unter.Wer nicht mitzieht bleibt auf der Bank ohne Ausnahme.Hertha ist keine Fahrstuhlmannschaft mehr und Preetz sollte sich nicht manipulieren lassen durch Journalisten, die genauso vom Niedergang leben wie vom Erfolg einer Mannschaft.Die fangen schon wieder einen Meistertrainer herbeizuschreiben, weil nach ihrer Meinung aber "jetzt was zählbares erreicht werden müsste".Da könnten auch sie von Dardai lernen. Mit jungen Spielern was entwickeln und erfahrene Spieler immer wieder an ihre Leistungsgreze zu führen.Ein Platz unter den ersten acht und Fussball mit Herz ist doch eine tolle Leistung nach all den Jahren rauf und runter.

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