Rollstuhlskate-Aktivist David Lebuser balanciert nur auf den Hinterrädern seines Skate-Rollstuhls (Quelle: Fabienne Karmann)
Video: rbb Sport | 20.02.2019 | Bild: Fabienne Karmann

Wheelchair-Motocross in Berlin - "Wenn ich falle, dann gibt es eben ein paar Schrammen, na und?"

Noch gehören Rollstuhlskater zur absoluten Ausnahme auf den Rampen der Skatehallen und Parks. Der Berliner Verein "Drop In" und der Brandenburger Skate-Profi David Lebuser sind dabei, das zu ändern. Von Friedrich Rößler

Montagnachmittag in Berlin-Friedrichshain. Auf dem RAW-Gelände unweit der S-Bahn-Station Warschauer Straße mischen sich vor der Skatehalle Berlin Touristen, Mitarbeiter und Handwerker. In der Halle herrscht noch Ruhe, aber in ein paar Minuten rückt die lokale WCMX-Szene an.

Jeden ersten und dritten Montag im Monat ermöglichen der Verein "Drop in" [Dexterner Link] und die Skatehalle bis zu fünfzehn Rollifahrern ihrer Skateleidenschaft – dem Wheelchair-Motocross (WCMX) - nachzugehen. Bei diesen Sessions kann jeder mitmachen – egal ob Skater, Fußgänger oder Rollifahrer.

Was alles möglich ist mit dem Rollstuhl

Fünfzehn Minuten später. Ronja Holze balanciert nur auf den Hinterrädern ihres Skate-Rollstuhls und fährt genau so, also mit einem Wheelie, die anderthalb Meter hohe Rampe unter dem Beifall anderer Skater herunter. Die 18-Jährige beherrscht diesen Trick perfekt. "Ich kann hier Rampen mit Wheelies runterfahren, kann fünf Stunden lang nur auf den Hinterrädern fahren. Sogar David sagt schon, ich sei die Wheelie-Königin."

David heißt mit vollem Namen David Lebuser und gilt als das Vorbild in der deutschen WCMX-Szene. Vor über zehn Jahren verletzte er sich bei einem Unfall an der Wirbelsäule und ist seitdem querschnittgelähmt. Für den 32-Jährigen aber kein Grund zu resignieren. Ihn habe seit Rollstuhltag 1 schon fasziniert, was alles möglich ist mit seiner noch ungewohnten Fortbewegungsart. "Egal, ob Rollstuhl-Basketball oder Rollstuhl-Rugby, ich fand es einfach spannend, mit dem Rollstuhl Sachen auszuprobieren."

Wheelchair-Motocross in Berlin (Quelle: Fabienne Karmann)
Wheelchair-Motocross auf der Skater-Rampe | Bild: Fabienne Karmann

Top-Rolli-Skater aus Frankfurt (Oder)

Wie kommt man mit dem Rollstuhl eine Bordsteinkante hoch, wie die Treppen rauf und runter? Alltägliche Probleme, mit denen Rollifahrer zu kämpfen haben. Solche Dinge gilt es auch beim WCMX zu bewerkstelligen. "Wenn irgendjemand gesagt hat, da kommst du nicht hoch, dann war das für mich so ein Startzeichen - und im Skatepark habe ich dann meine Spielwiese gefunden."

Auf YouTube entdeckt der in Frankfurt (Oder) geborene Brandenburger einen Typen, der seinen umgebauten Rollstuhl einfach zum Skaten nutzt: Aaron Wheelz Fotheringham - eine Art Lionel Messie der WCMX-Szene - inspiriert Lebuser so sehr, dass dieser fortan dem Amerikaner nacheifert. Mittlerweile zählt Lebuser zu den Top-Rolli-Skatern weltweit und gilt in Deutschland als Vorbild. "Eigentlich will ich nur, dass die Leute machen, worauf sie Bock haben." Wenn dabei noch herauskommt, dass die Kids besser mit ihrem Rollstuhl umgehen können, dann freut das den Skateprofi.

"No risk, no fun"

WCMX verbessert die Beherrschung des Rollstuhls und sorgt für Anerkennung. Während David Lebuser als Skate-Profi ganz Deutschland und die Welt bereist, nutzt Ronja in der Berliner Skatehalle die Sessions, so oft sie kann. Zwar studiert sie und spielt Rollstuhl-Basketball, aber skaten muss auch sein. "No risk, no fun - und wenn ich falle, dann gibt es eben ein paar Schrammen, na und?". Oft gibt die 18-Jährige Neulingen Tipps und manchmal verabredet sie sich sogar mit ihren Freunden zum Skaten draußen im Park. Aber natürlich nur im Sommer, wenn es warm ist. Oder sie fährt in andere Städte. "Halle bietet Sessions an, Hamburg, Köln oder Dortmund – also eigentlich überall auf der Welt gibt es WCMX."

So ein Skate-Wheelchair ist allerdings ein relativ kostspieliges Vergnügen. Er kostet 3.000 bis 6.000 Euro und ist eine Maßanfertigung: etwas stabiler und mit einer Federung ausgestattet, dazu spezielle Vorderachsen, die ein Nachvorne-Kippen oder Herausfallen verhindern. Ronja kritisiert, dass die Krankenkasse ihr Sportgerät nicht finanziere. Sie sei auf Spenden oder Sponsoren angewiesen.

Zweite Deutsche Meisterschaft im Mai

WCMX wächst langsam in Deutschland - seit mehr als zwei Jahren ermöglicht in Berlin der Verein "Drop In" der lokalen Szene jeden ersten und dritten Montag im Monat in der Skatehalle Berlin sich auszuprobieren. Tobias Messerer vom Projekt "Berlin goes WCMX" leistet dann oft Hilfestellungen für Anfänger. "Wenn es darum geht, Rampen runter zu fahren, dann laufen wir hinterher und schauen, dass niemand nach hinten kippt."

Mittlerweile kommen bis zu 15 Teilnehmer zu den Skatesessions. Der nächste Höhepunkt soll im Mai die Zweite Deutsche Meisterschaft [externer Link] sein. Damit erreicht Rollstuhlskaten immer mehr Aufmerksamkeit und Beachtung und kann sich so eventuell über neue WCMX-Begeisterte freuen. Das wäre ganz im Sinne von WCMX-Profi David Lebuser. Denn er möchte eine Szene formen, die sich irgendwann so etabliert hat, dass Rolliskater in Hallen und Parks einfach dazugehören.

Sendung: Inforadio, 21.02.2019, 10:15 Uhr

Beitrag von Friedrich Rößler

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