Linus Weber, hier im orangenen Trikot der BR Volleys, hat den Blick während des Spiels auf den Ball gerichtet und ist kurz davor, zu baggern.
Video: rbb UM6 | 18.02.2019 | Andreas Witte | Bild: imago/Marcel Lorenz

Volleyballtalent Linus Weber im Porträt - Erst Rilke, dann die Bundesliga

Linus Weber gilt als eines der größten deutschen Volleyballtalente, spielt für den VC Olympia und dank Doppellizenz auch bei den BR Volleys. Am Sonntag treffen "seine" Vereine in der Bundesliga aufeinander - für den 19-Jährigen eine Herausforderung. Von Stephanie Baczyk

Einer seiner Kumpels hat vorgesorgt. An der grauen Wand, die Linus Webers Zimmerhälfte im Internat von dem seines Mitbewohners trennt, hängen zwei Kinderbilder, die ihn als Knirps zeigen. Als Junge mit blonden Haaren lächelt er schüchtern in die Kamera, die großen Augen glänzen. Linus Weber muss lachen.  "Die hat mir ein Freund zum Geburtstag in die Hand gedrückt", erzählt er. "Er meinte: Linus, falls Du später mal berühmt werden solltest und Autogrammkarten brauchst - ich habe hier mal ein paar Vorlagen für dich."

Signiert hat der 19-Jährige die Fotos nie. Sie sind ein Andenken, erinnern ihn an sein Zuhause, an die Freunde, die Familie. Aber der 2,02 Meter große Abiturient ist auf dem besten Weg, ein Großer in seiner Sportart zu werden. Er gilt als eines der größten Volleyballtalente in Deutschland, durfte schon bei der A-Nationalmannschaft reinschnuppern. In der Bundesliga, das ist besonders, spielt er in dieser Saison für den VC Olympia und die Berlin Recycling Volleys. Linus Weber ist der junge Mann mit der Doppellizenz.

Kühner und Co. als Vorbild

Der VCO ist im Sportforum Hohenschönhausen zuhause. Eine Talentschmiede, angeschlossen an das Bundesstützpunktsystem des Deutschen Volleyballverbandes. Die erste Mannschaft darf alle zwei Jahre am Spielbetrieb der Bundesliga teilnehmen - so soll der Nachwuchs an den Profibereich rangeführt werden. Es gibt die Möglichkeit, bei Erstligisten mitzutrainieren - oder, wie im Fall von Linus Weber und den BR Volleys, sogar bei Punktspielen zum Einsatz zu kommen.

"Es geht um die Entwicklung", sagt Kaweh Niroomand, der Manager der Volleys. Er ist großer Fan des Modells, lobt die Zusammenarbeit und "die Zulieferung der Vereine". Die Berliner Klubs seien bemüht, junge Talente zu fördern und sie an den VC Olympia zu vermitteln, so der 66-Jährige. Die Rädchen greifen ineinander, der Weg ist erfolgsversprechend. Sebastian Kühner, Georg Klein, Jan Zimmermann und Egor Bogachev aus dem aktuellen Kader der Volleys sind die besten Beispiele - Sie haben es über den VCO in die oberste deutsche Spielklasse geschafft.

Zwischendurch auch mal den Kopf frei kriegen

Linus Weber könnte der Nächste sein. Der 19-Jährige trainiert immer mal wieder beim Berliner Bundesligisten mit, profitiert aktuell von der Verletzungsmisere. Weil Spieler wie Bogachev und Reichert fehlen, kommt der Jugendnationalspieler zu Einsätzen, wenn auch nur zu kurzen. "Er ist mental stark", lobt Volleys-Coach Cédric Énard. "Gerade für sein Alter. Er hat riesiges Potential, versucht, viel von den anderen zu lernen. Als Trainer willst du genau diesen Typ Spieler."

Auf dem Feld tritt Linus mutig auf, brennt für den Volleyball, schätzt das Grazile und technisch Perfekte. "Ich habe mich in die Ästhetik verliebt", sagt er. Privat ist er zurückhaltender. Mit 15 wechselt er aus Erfurt auf das Sportinternat nach Hohenschönhausen, macht gerade sein Abitur. Die Doppelbelastung im Alltag mit Schule und Sport ist anstrengend, klar. "Aber die Kunst dabei ist es, einen klaren Blick zu bewahren", weiß das Volleyballtalent. "Zu schauen: Wie viel Kraft investiere ich wo rein, damit es ausgewogen ist. Das zu lernen, merke ich gerade, ist schwierig."

Lange Auswärtsfahrten tun auch mal weh

Manchmal, wie am vergangenen Wochenende, kommt Linus erst mitten in der Nacht heim. Nach einem Auswärtsspiel in München mit dem VC Olympia und acht Stunden Busfahrt. Dann hat er am Tag darauf auch mal trainingsfrei, muss nicht noch bei den Volleys antreten. Der Verein achtet auf ihn, betont die Sorgfaltspflicht. Linus wiederum lernt, mit der Belastung umzugehen. "Im Training muss man immer hundert Prozent geben, um mitzuhalten", sagt er. "Und wenn gerade schulische Phasen kamen, wo ich sehr eingebunden war, Klausuren anstanden, ich abends gelernt und wenig geschlafen habe - da hat man im Vergleich zu den anderen deutliche Unterschiede vom Niveau her gemerkt."

Linus sieht es positiv, weiß, dass er trotz seines Talents noch Luft nach oben hat. Am Sonntag wartet gleich die nächste Herausforderung, da tritt er mit den BR Volleys im Sportforum gegen den VC Olympia an. "Natürlich wird es eine komische Situation sein, gegen die Mannschaft zu spielen, mit der ich jetzt dreieinhalb Jahre trainiert habe", weiß der 19-Jährige. "Aber man muss es am Ende sportlich und professionell nehmen." Volleys-Coach Énard spricht von einer guten Möglichkeit, "uns zu zeigen, was er kann."

Nach dem Abi ist vor der Karriere

Gerade liegen auf Linus Schreibtisch zwei Gedichte - Rainer Maria Rilkes "das Liebeslied" und der Prolog von Albert Ostermaier. "Die beiden soll ich jetzt miteinander vergleichen, interpretieren", erklärt er und lacht, setzt die Brille zum Lesen auf und den neongelben Marker an. Deutsch ist eines seiner Leistungsfächer - und natürlich Sport. Erst will der 19-Jährige sein Abitur packen, dann muss er sich entscheiden, wo die Volleyball-Karriere starten soll.

Im Sommer läuft sein Vertrag beim VC Olympia aus, Angebote hat der Diagonalangreifer einige. Die BR Volleys wollen ihn gerne in Berlin halten, Manager Kaweh Niroomand wünscht sich, "dass talentierte, junge Spieler wie er in Deutschland bleiben und nicht gleich ins Ausland wechseln." Eine Entscheidung hat Linus Weber für sich bereits getroffen: die Kinderbilder an seinem Schrank, die improvisierten Autogrammkarten seines Kumpels - die werden nicht unterschrieben. Egal, wie berühmt er irgendwann mal sein sollte.

Sendung: rbbUM6, 18.02.2018

Beitrag von Stephanie Baczyk

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