Für den weiblichen Nachwuchs im BFV zuständig: Ailien Poese. / imago/Aleksandar Djorovic
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Analyse des Frauenfußballs in Berlin - "Frauen der ersten Mannschaft bei Union kriegen nicht mal Geld"

Frauenfußball findet in Berlin nur unterklassig statt. In den ersten beiden Ligen ist kein einziges Hauptstadt-Team vertreten. Es wird kaum investiert - und lange fehlten die Konzepte. Doch es gibt vorsichtige Anzeichen auf Besserung. Von J. Mohren und S. Wenzel

Ailien Poese hat gute Laune. Sie kommt gerade zurück von einem Testspiel, das für die weibliche U16-Auswahl des Berliner Fußball-Verbands (BFV) äußerst erfolgreich verlaufen ist. Das Team hat einen Gegner geschlagen, dessen Spielerinnen ein Jahr älter sind - und dazu noch in der Juniorinnen-Bundesliga unterwegs: die U17 von Hertha Zehlendorf.

Poese stand an der Seitenlinie. Die 34-jährige Fußballlehrerin ist zuständig für die weibliche Talentförderung im BFV. Hauptamtlich - und das seit nunmehr acht Jahren. Die Besten der Besten aus dem Fußball-Nachwuchs der Hauptstadt werden von ihr betreut. 300 bis 400 Mädchen gibt es pro Jahrgang. In die Auswahlteams schaffen es gerade einmal 26.

"Die Mädchen haben nicht die gleichen Chancen"

Dort sind sie unter sich. Mädchen spielen mit Mädchen. In den Vereinen, aus denen sie zu den BFV-Auswahlteams kommen, ist das oft anders. Da treten die Spielerinnen mehrheitlich in gemischten Teams mit Jungs an. Gut sei das für ihre individuelle Entwicklung, sagt Poese, die den offiziellen Jobtitel Verbandssportlehrerin trägt. "Wir wollen die guten Mädchen eigentlich solange wie möglich mit Jungs zusammen spielen lassen", betont sie. Fußballerisch wachsen können sie da zunächst mit dem männlichen Nachwuchs. Eine (vermeintliche) Gemeinsamkeit - und das, obwohl sie schon frühzeitig auf ganz andere Realitäten zusteuern.

"Je älter die Mädchen werden, desto deutlicher muss man sagen: Sie haben im Fußball nicht die gleichen Chancen wie Jungen", sagt eine, die das aus ihrem Alltag ganz genau weiß. Kerstin Gießler ist Schulleiterin der Flatow-Oberschule, einer Einrichtung mit Renommee und Titel in Köpenick, eine Eliteschule des Sports. Fußball ist ein Schwerpunkt. Jungen und - seit zwei Jahren - auch reine Mädchenmannschaften gibt es dort. Sie erleben einen unterschiedlichen Alltag. "Während bei den Jungs schon 14- oder 15-Jährige erste Angebote von großen Vereinen bekommen und es bei ihnen eigentlich zunehmend nur noch um die Perspektive Profifußball geht, wissen die Mädels, dass sie selbst nach einer Profikarriere noch einen normalen Job brauchen werden", sagt Geißler.

Und auch, wenn am Ende der Traum der großen Laufbahn in einer Top-Liga nicht wahr wird, sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern eklatant. Im Männerfußball wird auch in der vierten Liga teilweise noch unter Profibedingungen gearbeitet - und entsprechend verdient. "Bei den Frauen kriegen die Spielerinnen hingegen nicht einmal in der ersten Mannschaft von Union Berlin Geld" (Anm. d. Red.: Das Team spielt in der Regionalliga Nordost, das ist die dritthöchste Spielklasse), sagt Gießler. 

Nicht mal ein BVG-Ticket

Dabei sind die Köpenicker die aktuell wohl aussichtsreichste Adresse im Berliner Frauenfußball. Hertha BSC - das zweite Schwergewicht - hat eigenen Aktivitäten in diesem Bereich schon lange eine Absage erteilt. Bei Union hingegen hat Frauenfußball Tradition. Und so ruhen auf dem Verein die Hoffnungen derer, die sich eine Weiterentwicklung wünschen. "Wenn Union dauerhaft in der zweiten Liga spielen würde, wäre das schonmal überragend", sagt Poese, die als Spielerin einst selbst für die Köpenicker auflief - und danach auch zunächst dort an der Seitenlinie stand.

Doch die Realität ist eher trist. Das Team ist in der Regionalliga Nordost zuhause. Die zweite Liga ist in der jüngeren Vergangenheit nur sporadisches Ausflugsziel - Typ: Fahrstuhlmannschaft. Die Folge? In den ersten beiden Spielklassen des Frauenfußballs findet die Hauptstadt nicht statt. Berliner Brachland.

Wer Gründe sucht, kommt am Geld nicht vorbei. Diejenigen, die für Unions erste Frauen-Mannschaft auflaufen, verdienen nichts. Nicht einmal ein BVG-Ticket ist für die Spielerinnen drin. Das ist aktuell in der Regionalliga so. Und es war - wie uns Quellen bei der Recherche bestätigen - in der zweiten Liga nicht anders. Eine Tatsache, die sich für nachhaltigen Erfolg ändern müsste. "Sonst gehen die Spielerinnen entweder woanders hin oder sie können den Fußball nicht wichtig genug nehmen für das Niveau in der zweiten Liga", sagt Poese - und sie sagt auch: "Wenn ich mich vier Mal die Woche im Training aufreibe, mein ganzes Wochenende für Auswärtsspiele verplane und dafür kein Geld und noch nicht einmal eine Fahrkarte kriege, aber wertvolle Zeit für Arbeit oder Studium verliere, setze ich natürlich auch andere Prioritäten."

Frust bei den Mädchen

Zumal die spürbare Ungleichheit auch früh für Frust sorgen kann. Im rbb erzählte kürzlich eine junge U17-Fußballspielerin, wie sie die Situation im Berliner Jugendfußball erlebt. Namentlich genannt werden möchte sie nicht. Ihre Erzählungen zeigen: Es ist oft ein Verein, in dem mit zwei ganz unterschiedlichen Maßstäben gemessen wird. 

"Man merkt schon, dass die Mädchen nicht wirklich ernst genommen werden. Die Jungs halten sich für was ganz Tolles, wenn sie Fußball spielen. Und sie leiden vor sich hin, weil sie ja so viel Aufwand betreiben. Und wir haben fast genauso oft Training und werden belächelt."

Und das subjektive Empfinden der Einzelnen - es ist ein stückweit objektivierbar. Nur schwerlich im Hinblick auf das Gefühl mangelnder Wertschätzung. Aber zumindest in den konkreten Geldern lässt sich das Ungleichgewicht schon im Nachwuchs etwa auch im DFB-Geschäftsbericht ablesen. Dort sind Aufwand und Ertrag der deutschen U-Nationalmannschaften bei Juniorinnen und Junioren gegenübergestellt. Und es ist auffällig: Während die Einnahmen der Teams von U14 bis U19 geschlechterunabhängig annähernd gleich sind, liegen die Ausgaben für alle Junioren-Teams höher als für die Juniorinnen-Teams in der gleichen Altersklasse. 

Gießler: Zeit der Improvisation ist vorbei

Grund für Resignation? Nein, sagt Ailien Poese. Sie sieht die Entwicklung, verleiht ihr selbst Ausdruck. Bevor die 34-Jährige den Posten der Verbandsportlehrerin vor einem knappen Jahrzehnt übernahm, gab es ihn nicht als hauptamtliche Stelle. "Wenn ich zurückschaue auf meine eigene Jugend und wie es jetzt ist, dann sind die Möglichkeiten schon sehr gut", sagt sie. Eigentlich nichts habe es zu ihrer Zeit als junge Spielerin gegeben. Taktische Ausbildung? Meist eher ein Fremdwort. "Die Trainer im Mädchenfußball sind heutzutage viel besser. Damals gab es meist auch gar keine Struktur, in der man sich aufgehoben gefühlt hat."

Bei Kerstin Gießler ist dieser Optimismus auch spürbar. Lange hätten die Konzepte gefehlt. Aber die Zeit der Improvisation - auch an ihrer Schule - sei vorbei. Seit einiger Zeit würden die Voraussetzungen besser. Da ist die Kooperation mit dem Verband und Union Berlin, die eine gute fußballerische Ausbildung ermöglicht. Es gibt wieder reine Mädchenmannschaften. Und auch die Chance, für ein DFB-Sichtungstraining an der Flatow-Oberschule mal eine Klausur zu verschieben. An der Basis tut sich also etwas.

Zukunft in der Hauptstadt?

Und vielleicht gelingt es ja irgendwann auch, die Besten dann nicht früher oder später nach Leverkusen, Wolfsburg und Co. ziehen lassen zu müssen, sondern in Berlin zu halten. Ailien Poese jedenfalls hätte sicher nichts dagegen, wenn sie ihren Spielerinnen in Gesprächen auch Karriereoptionen in der Hauptstadt aufzeigen könnte, statt sie an die Bundesliga-Standorte zu verlieren. Bei Union Berlin zum Beispiel. Aber dafür müsste sich noch einiges tun. Aktuell ist es allenfalls ferne Zukunftsmusik.

Beitrag von Johannes Mohren und Simon Wenzel

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    In der Regionalliga Nordost spielen neben Union Berlin auch noch FC Viktoria 1889 Berlin, BSC Marzahn, SFC Stern 1900 und der Berlin-nahe Verein Blau-Weiß Hohen Neuendorf. Wieso eine Analyse zum Frauenfußball in Berlin dann nur Union erwähnt, verstehe ich nicht. Oder hat es damit zu tun, dass Frau Poese von Union Berlin kommt? Oder haben die Autoren diesen engen Blick reingebracht?

  2. 2.

    Die salbungsvollen erklärenden Worte an die Ingolstädter zum Thema Frauentag gerichtet, hätte der Stadionsprecher sich sparen sollen. Im Nachhinein, nach dem Lesen dieses Artikels, klingt das wie ein Hohn und ist nur noch oberpeinlich!!!

  3. 1.

    Das ist ein generelles Problem im Berliner Mädchenfußball, dass von Funktionärsseite in den Vereinen der Mädchenfußball nicht wirklich ernstgenommen und entsprechend gefördert wird. Als Beispiel sei hier Grün-Weiss Neukölln (mehrmaliger Berliner Meister bei den B-Juniorinnen, die 1. Frauen ehemals NOFV-Oberliga) genannt. Wg. mangelnder Förderung und Engagement von Seiten der Vereinsleitung sind im vergangenen Jahr die kompletten Mannschaften der B- u. C-Juniorinnen weggebrochen. Die Leistungsträgerinnen sind zu Union gegangen.

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