Unions Mittelfeldspieler Felix Kroos hält sich nach seinem Freistoßtreffer gegen Aue beide Hände an die Ohren, als würde er in Richtung der Fans fragen: "Warum höre ich nichts von euch?"
Audio: Inforadio | 08.03.2019 | 11:15 Uhr | Stephanie Baczyk | Bild: imago/Contrast

Union Berlin trifft auf Ex-Coach Keller - Der Plan? Cool bleiben!

Vor zwei Jahren verpasste der 1. FC Union mit Jens Keller nur knapp den Aufstieg in die Bundesliga, in der Saison darauf wurde der Trainer für viele überraschend entlassen. Jetzt kehrt er mit seinem neuen Verein an die Alte Försterei zurück. Von Stephanie Baczyk

Es ist der 24. Spieltag der Saison 2016/2017. Als Schiedsrichter Sascha Stegemann die Partie des 1. FC Union beim FC St. Pauli abpfeift, reißt Jens Keller reflexartig die Arme hoch, ballt die Fäuste und plustert die Backen auf. Er steht vor der Ersatzbank im Hamburger Millerntor-Stadion, in seiner schwarzen Jacke mit dem Union-Emblem auf der Brust, und umarmt überschwänglich Sebastian Bönig, seinen Co-Trainer. Die Eisernen gewinnen an diesem Freitagabend im März mit 2:1 auf St. Pauli und sind auf Aufstiegskurs.

Zwei Jahre später, wieder der 24. Spieltag. Union tritt bei Holstein Kiel an - und clever auf. Die Köpenicker lassen sich nicht aus Ruhe bringen, verteidigen kompakt und machen vorne die Tore. Der 2:0-Erfolg ist am Ende verdient, die Mannschaft Tabellendritter - mit Tuchfühlung zur Spitze. Ein Déjà-vu. Nur, dass der Coach nicht mehr Jens Keller, sondern Urs Fischer heißt.

Felix Kroos: "Jens Keller ist ein sehr guter Typ!"

Am Freitag treffen die beiden aufeinander, Keller trainiert mittlerweile den FC Ingolstadt. Und Fischer? Der weiß um die Berliner Vergangenheit seines Kollegen. "Natürlich", sagt er und lacht. "Aber wir werden ihn nicht thematisieren in der Matchvorbereitung." Man kenne sich zwar, und Fischer habe sich "mit Jens unterhalten, als er noch nicht Trainer in Ingolstadt war", das ist aber auch alles. Für einige Profis des 1. FC Union dürfte das Aufeinandertreffen mit dem Ex-Coach dagegen interessant werden.

"Ich habe sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet", sagt beispielsweise Mittelfeldspieler Felix Kroos, unter Keller noch Kapitän des Teams. "Ein sehr guter Typ. Wir hatten danach auch noch Kontakt, nur jetzt in letzter Zeit nicht mehr. Ich freue mich auf ihn." Flügelspieler Akaki Gogia denkt ähnlich: "Vor dem Spiel wird man nicht so viel reden, aber nach dem Spiel sicherlich mal über die Zeit damals und die Zeit jetzt quatschen." Und vielleicht auch den einen oder anderen Vergleich ziehen.

Aufstiegskampf damals und heute

Unter Keller hatte der 1. FC Union vor zwei Jahren nach 24 Spieltagen sogar drei Zähler mehr auf dem Konto als jetzt - mit dem Aufstieg hat es damals trotzdem nicht geklappt. Das Team verlor in der Rückrunde die wichtigen Spiele gegen die Mitaufstiegskonkurrenten aus Hannover, Stuttgart und Braunschweig und konnte die Ausfälle von mehreren Stammspielern nicht kompensieren. Ersatzspieler hatten Schwierigkeiten, leistungstechnisch mitzuhalten.

Für Felix Kroos ist der verpasste Aufstieg von damals kein Thema mehr. "Ich vergleiche das gar nicht, weil das macht ja auch keinen Sinn", sagt er. "Es sind viele andere Spieler da, die Situation ist anders, der Trainer neu." Urs Fischer setzt auf Variabilität, lässt auf einzelnen Position rotieren. Auch Kroos, unter Keller regelmäßig Startelfkandidat, muss mittlerweile hin und wieder auf der Bank Platz nehmen, sich unter Fischer seinen Platz im Team erkämpfen.

Gefährlicher breiter Kader

Fischers Flexibilität macht Union in der Breite gefährlicher, ein Stück weit auch unberechenbarer. Mit Mané, Abdullahi, Mees, Hartel und Gogia hat der Schweizer beispielsweise gleich fünf starke Offensivkräfte, die er auf der Außenbahn einsetzen kann. Letzterer hat beim Auswärtssieg in Kiel eine starke Leistung gezeigt, den Coach überzeugt.

"Er hat seine Sache gut gemacht", lobt der 53-Jährige, wohlwissend, dass Gogia in den letzten Partien oft nur als Joker in die Partie kam. "Natürlich musste er jetzt ein bisschen auf die Zähne beißen, was ihm nicht so gefallen hat. Aber für mich ist immer entscheidend, wie ein Spieler mit solch einer Situation umgeht."

Ingolstadt zuletzt wieder stark

Die Stimmung im Team des 1. FC Union ist gut, die beeindruckende Heimserie ein Brett. Seit 19 Partien sind die Eisernen vor eigener Kulisse ungeschlagen, mit 28 Punkten nach wie vor die beste Heimmannschaft der Liga in dieser Saison. "Wenn man unsere Heimbilanz sieht, dann brauchen wir hier keine Angst zu haben", gibt sich Felix Kroos selbstbewusst mit Blick auf den kommenden Gegner.

Der FC Ingolstadt, aktuell Tabellenvorletzter, hat sich unter Jens Keller stabilisiert, von den letzten sechs Spielen drei gewonnen. "Die letzten beiden Auftritte gegen Pauli und gegen Köln waren gut bis sehr gut, am Schluss nehmen sie einfach keine Punkte mit", sagt Urs Fischer. "Ich glaube, es hat dann eben auch ein bisschen mit der Tabellensituation zu tun."

Der Plan? Cool bleiben!

Der Gegner aus Bayern jedenfalls hat einige bundesligaerprobte Kicker in seinen Reihen - darunter Träsch, Tschauner, Cohen oder Lezcano. Spieler, die laut Urs Fischer "Spiele entscheiden können". "Und die wissen, in was für einer Situation sie sind", so Kroos. "Das ist Abstiegskampf. Wir werden alles reinhauen, das ist immer schwierig gegen solche Gegner."

Coach Fischer hat beim letzten Auftritt seines Team in Kiel viel Gutes gesehen, aber eines hat ihn nachhaltig beeindruckt. "Dass die Mannschaft in hektischen Situationen eine gewisse Coolness an den Tag gelegt hat", so der Schweizer. "Dass sie immer die Ruhe bewahrt hat. Das sind Dinge, die Du mitnehmen kannst, die Dir für die nächste Aufgabe ein gewisses Selbstvertrauen vermitteln." Und die gegen wiedererstarkte Ingolstädter als Eigenschaften auf dem Platz nicht verkehrt sind.

Sendung: rbbUM6, 06.03.2019, 18.00 Uhr

Beitrag von Stephanie Baczyk

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