Frau im Union-Trikot sitzt im Stadion auf dem Zaun und jubelt
Bild: imago/Bernd König

Begeisterung nach Aufstieg von Union Berlin - "Es ist superkalifragilistikexpialigetisch"

Was war das für ein emotionaler Abend - historisch einzigartig. Zum ersten Mal steigt der 1. FC Union Berlin in die Bundesliga auf, bis tief in die Nacht wurde in der Hauptstadt gefeiert. Doch trotz aller Euphorie regt sich bei manch einem auch Skepsis. Von Jonas Schützeberg

Am Morgen nach dem Union-Aufstieg übertrumpfen sich die Gazetten mit ihren Schlagzeilen. "Ja scheiße, wir steigen auf! Eisernluja! Union im Fußball-Himmel!", titelt der "Berliner Kurier". N-TV.de schreibt: "Platzsturmparty im Pyronebel: So eisern feiert Berlin den Aufstieg." Die "Zeit" freut sich über einen Ostclub in der westlich geprägten Bundesliga: "Union Berlin: Die süßen Ossis sind aufgestiegen." Und die Bild stürzt sich auf einen Augenblick während des Schlusspfiffs: "Auf Toilette! Präsident Dirk Zingel verpasst den Aufstieg!"

Das Bild in Köpenick ist ein anderes: ganz ruhig und friedlich ist es dort am Dienstagmorgen, lediglich Erdklumpen und Grasbüschel auf dem Weg vom Stadion bis hin zur Straßenbahnhaltestelle "Alte Försterei". Es ist die Ruhe nach dem Sturm - einem Freudensturm, der am Montagabend mit dem Schlusspfiff seinen Startpunkt fand.

Neben viel Bier flossen vor allem die Tränen der eisernen Fans: "Ich habe geheult vor Glück, dass wir es endlich in die erste Liga geschafft haben." Sie lagen sich in den Armen und jubelten, der Platz glich einem Menschenmeer. Viel ist nicht übrig geblieben, am Tag danach.

Wer rechtzeitig da war, sicherte sich ein Stück Rasen vom Aufstiegsmoment oder ein paar rote und weißen Maschen des Tornetzes, von der Waldseite, direkt unter der Fantribüne. Auch die Querlatte des Tores war schnell von den Fans eingenommen, stark durchgebogen hielt sie aber den Feierwütigen stand. "Endlich erste Liga-Rufe" drangen durchs Stadion.

"Köpenick wird man in jedem Zipfel Deutschlands kennen"

Der Großteil der Fans ist einfach nur glücklich. Die Freude über den Aufstieg überwiegt. Der Fleck Köpenick, im Ostteil der Hauptstadt, soll ein bekannter Ort in ganz Deutschland werden, wenn es nach ihnen geht. Die Aufmerksamkeit wird ohne Frage zunehmen, wenn die Bayern oder Borussia Dortmund mit ihren Mannschaftbussen durch den grünen Berliner Osten rollen.

In Erinnerung an den Walt-Disney-Klassiker Mary Poppins sagt ein weiblicher Fan: "Es ist einfach superkalifragilistikexpialigetisch!" Das ist des Motto des englischen Kindermädchens im gleichnamigen Film, das sogar fliegen kann, wenn man nur dran glaubt. Und Union hat bis zum Schluss an sich geglaubt. Ein Gefühl, das sich auch wie Fliegen anfühlt - so beschreiben es viele der Union-Anhänger. Ob sie womöglich im nächsten Jahr wieder absteigen, ist vielen der Fans vorerst egal - zu lange haben sie auf diesen Moment hingefiebert.

Derby-Time: Der große Gewinner ist die Hauptstadt

Auch von offizieller Seite freut man sich über den Ausgang der beiden Relegationsspiele gegen Stuttgart. "Willkommen in des Bundesliga: Wir freuen uns auf erstklassige Derbys...", schreibt der neue Liga-Konkurrent Hertha BSC via Twitter. Und auch Hertha-Manager Michael Preetz zeigt sich auf seiner eigener Seite positiv: "Ich gratuliere Union zum Aufstieg. Es tut Berlin ausgesprochen gut, nun zwei Bundesligisten zu haben. Wir freuen uns auf begeisternde Derbys, die wir natürlich für uns entscheiden wollen. Der große Gewinner ist die Hauptstadt."

In die Gratulanten reiht sich Berlins Sportsenator Andreas Geisel ein: "Der Aufstieg von Union Berlin freut mich sehr und hat mein Herz als Sportsenator höher schlagen lassen." Die Eisernen hätten eine tolle Saison gespielt. "Diese ehrgeizige und willensstarke Leistung wurde zu Recht belohnt." Aber auch die Sportmetropole Berlin könne sich freuen. "Wir erleben endlich ein Lokalderby in der ersten Fußball-Bundesliga. Ich freue mich schon auf spannende und faire Partien."

Hin und weg ist auch Oliver Igel, Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick und Union-Mitglied seit 2011: "Es ist ein Köpenicker Club in der Bundesliga vertreten", freute er sich am Dienstagmorgen. Die Heimspiele in Berlin würden sicher "ganz fair und freundlich. Die Stadt hat es verdient, zwei Mannschaften in der ersten Liga zu haben und das für hoffentlich lange Zeit."

Der Aufstieg ist schön, aber teuer

Dennoch gibt es auch kritische Blicke auf den Aufstieg in die Bundesliga. So ist von der Infrastruktur her noch nicht alles bereit bei Union. Der Stadionumbau sollte eigentlich schon 2020 abgeschlossen sein. In diesem Jahr werden die Bauarbeiten aber nicht beginnen: Union verschiebt den Ausbau nach dem Aufstieg. "Es gibt keinen Umbau im ersten  Bundesligajahr", sagte Präsident Dirk Zingler am Dienstag bei einer Medienrunde in Köpenick. "Ein paar Anpassungen werden wir für die Bundesliga vornehmen müssen. An der Kapazität werden wir aber erstmal nichts verändern." Das Baurecht soll es laut Zingler innerhalb der nächsten zwölf Monate geben.

Der Umbau des Stadions soll ungefähr 38 Millionen Euro kosten. Dem rbb sagte Bürgermeister Igel am Dienstag: "Das wird der Verein stemmen können. Sie haben ein überzeugendes Konzept vorgelegt und durch die Erst-Liga-Zugehörigkeit fließen mehr Gelder." Allerdings fallen auch mehr Kosten an. "Der Aufstieg ist schön, aber auch teuer", fürchten Fans. Noch sucht Union einen neuen Hauptsponsor. Die Kapazität der Sitzplätze reicht noch nicht aus, dafür gibt es Übergangslösungen. Immerhin: In Köpenick können sie sich im Gegensatz zum Olympiastadion sicher sein - leere Plätze wird es dort sicherlich nicht geben.

Aber auch sportlich gesehen war der Weg in die stärkste deutsche Liga alles andere als ein glatter Durchmarsch. "Es wird viele Klatschen geben", vermuten Skeptiker unter der Fangemeinschaft, die sich um die familiäre Atmosphäre in Köpenick Gedanken machen.

"Wir sind der Hauptstadtclub"

Bei aller Freude muss sich auch an der Infrastruktur rund ums Stadion herum etwas tun. Die Verkehrsanbindung ist beim Ansturm der zu erwartenden Fanmassen - das Stadion soll von 22.000 auf 37.000 Plätze vergrößert werden - nicht ausreichend. Zu viele Fans kämen mit dem Auto, sagt Oliver Igel. Die öffentliche Anbindung müsse verbessert werden.

Immerhin: Bis zum Anpfiff der Bundesliga Saison 2019/20 am 16. August wird der Rasen im Stadion an der Alten Försterei wohl wieder gewachsen, alle Tormaschen vollständig und auch die Querlatte gerade gebogen sein.

Der eine oder andere Fan würde der Hertha BSC nur allzu gern den Rang ablaufen: "Wir sind der Hauptstadtclub", sagt einer. Das gilt es jetzt erstmal abzuwarten. Was aber schon heute definitiv zutrifft, und am Tag danach noch wie ein Hauch über den Tribünen des Stadions liegt, ist der Ruf nach dem Abpfiff: "Endlich erste Liga!!!"

"Nie wieder zweite Liga"

Sendung: Inforadio, 28.05.19, 09.00 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

3 Kommentare

  1. 3.

    Hertha und Union haben nun endlich wieder etwas gemeinsam - nämlich, dass es bei Stadion-aus/-um/-neubauplänen keine Unterstützung von Seiten des Senats geben wird... ;-) Vielleicht gemeinsam in Brandenburg bauen? ;-) Glückwunsch zum Aufstieg von einem Herthaner...!

  2. 1.

    Warum eigentlich immer "Zum ersten Mal in der Bundesliga"? Waren vorher auch schon in der zweiten Bundesliga.

Das könnte Sie auch interessieren

Spieler von Alba Berlin diskutieren. Quelle. imago/Camera 4
imago/Camera 4

Saisonrückblick | Alba Berlin - Weiter ohne Krönung

Nach der dritten Finalniederlage in dieser Saison dominierte die Enttäuschung bei Alba Berlin. Wieder einmal hatte das Team von Aito Garcia Reneses den Erfolg knapp verpasst. Dennch liegt eine bemerkenswerte Saison hinter den Albatrossen. Von Jonas Bürgener