Union-Spieler bejubeln den Aufstieg, der Stuttgarter Didavi ist enttäuscht (Foto: Imago / Sven Leifer)
Audio: Inforadio | 28.05.19 | 10:15 Uhr | Jakob Rüger | Bild: www.imago-images.de

Aufstieg des 1. FC Union Berlin - Die Saison, in der aus einem Traum Realität wurde

Der 1. FC Union Berlin hat sich seinen großen sportlichen Traum erfüllt. Dass die Eisernen erstmals in der Vereinsgeschichte in die Fußball-Bundesliga aufzusteigen, war die Krönung einer herausragenden Saison. Ein Rückblick von Lars Becker

Ekstase, Euphorie, Ausnahmezustand! Mit dem ersehnten Abpfiff gab es im Stadion an der Alten Försterei kein Halten mehr. Ein einziger gewaltiger Aufschrei ließ die Arena erbeben, die komplette Bank der Unioner sprintete auf das Rasen, tausende jubelnde Anhänger fluteten binnen Minuten den Innenraum. Der Traum ist tatsächlich Realität geworden, der Traum vom ersten Aufstieg in die Bundesliga: "Wahnsinn! Das ist ein Erfolg für den ganzen Verein", strahlte Trainer Urs Fischer, von der obligatorischen Bierdusche durchnässt. "Alle haben mitgeholfen, das ganze Jahr. Es ist nicht nur der Erfolg von Einzelnen. Wenn Du das miterlebt hast. Wahnsinn!"

"Wir haben uns das absolut verdient"

"Wahnsinn, einfach Wahnsinn", schrie auch Christopher Trimmel seine Freude in die Nacht. Der gelbgesperrte Kapitän hatte 90 Minuten hilflos zugeschaut und mitgelitten: "Das war schlimm! Und ich kann es noch immer nicht glauben. Wir haben uns das absolut verdient. Absolut. Eine geile Saison von allen, von allen. Absolut verdient." Fanliebling Sebastian Polter gab derweil, ein riesiges, gefülltes Bierglas in der Hand, den Zeremonienmeister: "Wir schreiben Geschichte! Wir haben immer dran geglaubt. Natürlich gibt es immer Höhen und Tiefen in einer Saison. Aber man muss am Ende daran glauben. Und das haben wir getan, als Mannschaft, als ganzer Verein".  

Der neue Trainer Urs Fischer als Grundlage

Rückblick: Anfang Juni 2018. Nach einer schwierigen Saison, in der Union zeitweilig sogar in Abstiegsgefahr geraten war, präsentiert der Klub einen neuen Trainer: den Schweizer Urs Fischer. Urs wer? Auf genau diesen Effekt hatte Oliver Ruhnert gesetzt. Ruhnert, bei Union gerade zum Geschäftsführer Profifußball aufgestiegen, suchte für den Neuanfang einen gestandenen Fußballlehrer mit Erfahrung, klarer Fußball-Philosophie und authentischem Auftreten. Und er wollte verhindern, "dass die Jungs ihn direkt kategorisieren. Dass sie mit Freunden und Kollegen telefonieren und sagen: "Das ist der und der - und der ist so und so." Der Coup gelang.  

Union-Trainer Urs Fischer (Quelle: imago images / Christian Schroedter)
Urs Fischer | Bild: imago images / Christian Schroedter

Fischer hatte mit dem FC Basel zweimal die Schweizer Meisterschaft und einmal den Pokal gewonnen und mit dem Klub in der Champions League gespielt. Bei seiner Präsentation charakterisierte er sich sich selbst als "korrekt, konsequent, mit Ambitionen, natürlich, aber dann auch irgendwo bescheiden". Und der neue Coach gab die Richtung vor: Aufstieg: "Auch mein Bestreben ist, dass wir ein Wörtchen mitreden können", so Fischer. "Wenn es jetzt schon dieses Jahr ist - wieso nicht." Urs Fischer ist ein Glücksfall für die Eisernen: höflich, bodenständig, ruhig, besonnen, pragmatisch. Das Gegenteil eines Lautsprechers und ein Trainer mit klaren Vorstellungen und Prinzipien.  

Vorrunde ohne Niederlage, schwankende Rückrunde

Mit seinem personell umgekrempelten Team blieb Fischer in der gesamten Hinrunde ungeschlagen. Stabil in der Defensive und extrem heimstark, standen die Eisernen mit sieben Siegen und zehn(!) Unentschieden in der Tabelle hinter den Aufstiegsfavoriten Hamburg und Köln auf Relegationsplatz 3. Die erste Pleite kassierte Union erst direkt vor der Winterpause in Aue, wenige Stunden vor dem Weihnachtssingen an der Alten Försterei. 

Die Rückrunde gestaltete sich dann zäh. Überzeugende Siege wie in den prestigeträchtigen Heimspielen gegen den 1. FC Köln und den Hamburger SV wechselten sich mit schwächere Leistungen, unnötigen Punktverluste und Niederlagen ab. Mehrmals verpasste Union die Gelegenheit, den HSV in der Tabelle zu überholen. Das Aufstiegs- wurde so zum Schneckenrennen und nach der einzigen Heimniederlage gegen Paderborn musste Union sogar um den Relegationsplatz bangen.

Urs Fischer blieb immer positiv: "Ich bin ein Mensch, der eher das Glas halbvoll sieht als halb leer." Am letzten Spieltag in Bochum hätte sein Team dann den direkten Aufstieg schaffen können. Aber Union konnte Paderborns Niederlage nicht nutzen, das 2:2 in Bochum reichte nicht. Ein einziges Tor fehlte. Da war selbst Urs Fischer kurz geknickt: "Bitterer geht’s eigentlich nicht. Fußball ist nicht immer fair. Schwierig, die richtigen Worte zu finden. Bei mir herrscht eine große Leere."

"Nie wieder zweite Liga"

Krönung der Saison in der Relegation

Zweite Chance in der Relegation gegen Stuttgart. 2:2 im Hinspiel, "ein gutes Resultat", so Fischer, "mehr nicht". In einer einmaligen, flirrenden Atmosphäre an der Alten Försterei wird das Rückspiel zu einem permanenten Ritt auf der Rasierklinge. Mit grandioser Unterstützung der Fans, mit Leidenschaft und Willen, einer starken Defensivleistung sowie der notwendigen Portion Glück bringt Union das torlose Remis über die Zeit – und die Alte Försterei wird zur Partyzone: "Diesen Fans, die schon so lange erstklassig sind, den Aufstieg zu schenken, das macht mich einfach nur überglücklich", sagt der sichtlich bewegte Innenverteidiger Marvin Friedrich.

Und der Präsident kämpft mit den Tränen. Wie für viele treue Union-Anhänger geht auch für Präsident Dirk Zingler ein Lebenstraum in Erfüllung:  "Es ist surreal, ich fasse das gar nicht. Ich gehe seit 40 Jahren zu diesem Verein, seit 20 Jahren habe ich darauf gewartet, auf dieses Spiel, auf dieses eine Spiel und wir haben es gezogen. Ich bin so glücklich, weil die Menschen seit vielen, vielen Jahren arbeiten und es einfach verdient haben." 

Bayern, Dortmund und Hertha an der Alten Försterei

Der kleine 1. FC Union aus Berlin-Köpenick hat tatsächlich den Aufstieg in die Beletage des deutschen Fußballs geschafft. Fassen können sie das alle noch nicht wirklich, aber der Traum ist Realität geworden. In der nächsten Saison kommen die Bayern und Dortmund an die Alte Försterei und der Lokalrivale zum Berliner Stadtderby: "Es ist unbeschreiblich", sagt Sebastian Polter kopfschüttelnd, "ich sage nur: Hertha BSC, wir freuen uns aufs Derby!"

Sendung: rbb Spezial "Union erstklassig", 28.05.2019, 20:15 Uhr

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