im Bild Vedad Ibisevic (Hertha BSC Berlin #19), Ondrej Duda (Hertha BSC Berlin #10), Marvin Plattenhardt (Hertha BSC Berlin #21) (Quelle: dpa/Engler)
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Saisonrückblick Hertha BSC - Es hätte doch so schön werden können

Spektakuläre Siege, große Neuentdeckungen, berauschender Fußball - das war eine Seite dieser Hertha-Saison. Die andere: viele Verletzungen, totale Ernüchterung und ein scheidender Trainer. Zum großen Wurf fehlte die Konstanz. Von Dennis Wiese

Nehmen wir an, Herthas Saison wäre eine dreiwöchige Mittelmeerreise. Gleich zu Beginn: zwei Tage wie aus dem schönsten Katalog. Traumwetter, Meersalz auf der Haut, ausgelassene Nächte – Lebensfreude und Leichtigkeit aus jeder Pore. Dann der Umbruch: gut zweieinhalb Wochen Schlechtwetterfront, ein feierwütiger Abi-Jahrgang bevölkert plötzlich die Etage, Schimmel im Zimmer. Zumindest am Rückreisetag schien dann noch einmal die Sonne, der Heimflug verlief ohne Turbulenzen und mit pünktlicher Landung.

Wieder zu Hause angekommen, wird man natürlich die Fotos jener ersten Tage zeigen. Was aber überwiegt, sind Frust und das Gefühl: Es hätte doch so schon werden können.

"Wir waren ein kleines Überraschungsteam"

Am 28. September 2018 war Träumen erlaubt. Hertha hatte gerade 2:0 gegen den FC Bayern gewonnen. Die Abwehr war kompakt, das Umschalten forsch, die Torausbeute eiskalt. Berlin rockte die Liga - und stand nach diesem sechsten Spieltag auf dem dritten Tabellenplatz, hatte schon auf Schalke gewonnen und gegen Mönchengladbach gezaubert.

"Wir waren ein kleines Überraschungsteam"  sagt Maximilian Mittelstädt heute. Der 22-Jährige hat WM-Fahrer Marvin Plattenhardt als Linksverteidiger verdrängt. Noch überraschender waren andere Personalien: Valentino Lazaro, einst als Offensivspieler verpflichtet, glänzte plötzlich als Rechtsverteidiger. Auf der neuen Position hat er sich beim SSC Neapel und dem AC Mailand auf den Wunschzettel gespielt.

Spielgestalter Ondrej Duda ließ in seinem dritten Hertha-Jahr den Knoten platzen und war mit sechs Toren aus den ersten acht Spielen einer der Top-Torjäger der jungen Saison. Und mit dem Nobody Javairo Dilrosun, der für 230.000 Euro aus der zweiten Mannschaft von Manchester City kam, hatte Hertha nun einen schnellen, trickreichen Außenspieler wie seit Jahren nicht.

Sechs Spiele in Folge ohne Sieg

Herthas Reise kannte nur eine Richtung: Es ging aufwärts. Der Plan von Trainer und Manager schien aufzugehen. Spieler wie Niklas Stark, Karim Rekik und Valentino Lazaro hatten sich zu festen Größen entwickelt, Youngster Arne Maier begeisterte auf Anhieb und die Neuzugänge (von Klünter, Köpke und Luckassen abgesehen) Marko Grujic und Javairo Dilrosun schlugen voll ein.

Nach dem Sieg gegen die Bayern aber passierte etwas. Gegen Mainz und Freiburg spielte Hertha unentschieden – nur, wie man nach dem Saisonverlauf bis dahin nachschieben muss. Das Wort "Zufriedenheit" machte die Runde, Manager Michael Preetz mahnte früh, die Mannschaft erreiche gegen die vermeintlich kleinen Gegner nicht mehr die Höhe ihrer Leistungsfähigkeit.

"Wir haben dann eine Wanderung unternommen, bei der es erstmal bergab ging", sagt Neu-Nationalspieler Niklas Stark. Hertha sollte sechs Ligaspiele in Serie ohne Sieg bleiben. Teils mit starken Leistungen (wie beim 2:2 in Dortmund), teils desolat (wie beim 1:4 bei Aufsteiger Düsseldorf).

Verletzungen werfen Hertha zurück

Zur Winterpause stand Hertha auf dem achten Tabellenplatz, mit 24 Punkten. Es fehlte nicht nur die Leichtigkeit der ersten Spiele, sondern auch das Stammpersonal. Mittelfeldhirn Marko Grujic, vom FC Liverpool ausgeliehen, verpasste in der gesamten Saison zwölf Spiele wegen eines maladen Sprunggelenks, nur zwei dieser Spiele konnte Hertha gewinnen. Auch die etatmäßige Innenverteidigung, Stark und Rekik, fehlte fast ein Saisondrittel verletzt, bei Flügelflitzer Dilrosun war es eine halbe Saison. "Die Verletzungen von Stammspielern haben uns aus der Bahn geworfen", so Maximilian Mittelstädt.

Wie in jedem Jahr träumte Hertha vom Pokalfinale im eigenen Stadion. Ein Los versetzte diesem Traum einen Dämpfer: Im Achtelfinale musste Hertha gegen Rekordpokalsieger Bayern München antreten. Wie schon in der Liga taten die Berliner das mutig gegen übermächtige Bayern – am Ende gewannen die Münchner mit 3:2 nach Verlängerung. Mit dem ausverkauften Olympiastadion nahm Hertha so viel Geld durch Eintrittskarten ein wie seit langer Zeit nicht mehr: Rund 2,5 Millionen Euro blieben hängen, wie Herthas Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller verriet.

Auch sportlich konnte Hertha kurz vom berauschen Pokalspiel profitieren: In der Liga gewannen die Berliner drei Tage später mit 3:0 bei Borussia Mönchengladbach, die bis dahin zwölf Heimspiele in Serie gewonnen hatten. "Wir hatten in dieser Saison viele Highlights, der Auswärtssieg in Gladbach ist definitiv eins davon", so Abwehrspieler Niklas Stark. Hertha nahm zu diesem Zeitpunkt, dem 21. Spieltag, noch Kurs auf das internationale Geschäft.

Niederlagenserie kostet Dardai den Job

Anstelle von Aufbruchsstimmung brachte das Frühjahr aber Ernüchterung. Freiburg,  Dortmund, Leipzig, Düsseldorf, Hoffenheim - Hertha verlor fünf Spiele am Stück. Wie immer unter Trainer Dardai kam in der Rückrunde der Einbruch. Sportwissenschaftliche Daten, individuelle Regenerationsprogramme – es half nichts. Hertha ging wie immer die Puste aus.

Nach der Pleitenserie verkündete der Verein das Aus für Trainer Pal Dardai – zum Saisonende und ganz einvernehmlich. Klar war schon jetzt, dass die Saison für Hertha im Mittelfeld der Tabelle enden würde. "Die Wochen ohne Druck von den Medien waren traumhaft. Wir konnten in Ruhe arbeiten wie im Nachwuchsbereich. Sogar meine Frau hat gesagt: 'Du brauchst keine Pause mehr, du siehst wieder gut aus'", so Dardai.

Die Konstanz fehlte, Hertha konnte nie eine Serie starten

"Es war das gleiche Thema wie immer: Wenn man eine gute Platzierung schaffen will, muss man die ganze Saison konstant gut spielen. Das ist uns nicht gelungen", bilanziert Kapitän und Torjäger Vedad Ibisevic. Nur zu Beginn der Saison, gegen Ende der Rückrunde und in der Saisonschlussphase konnte Hertha einmal ein paar Spiele hintereinander gewinnen, zu einer richtigen Siegesserie reichte es nie.

So endet Herthas Reise, trotz einiger großer Momente, mit fadem Beigeschmack im grauen Mittelfeld der Tabelle. "Unser Ziel für die nächste Saison muss es sein, wieder große Gegner zu ärgern" sagt Niklas Stark, "und mehr Punkte zu holen." Auf den neuen Trainer Ante Covic, wie Dardai ein früherer Hertha-Profi und Nachwuchstrainer, freue er sich. "Wir haben eine gute Mannschaft, natürlich schaut im Sommer jeder, wie es weitergeht, aber da muss schon was Größeres kommen, damit es uns auseinanderreißt", so der Nationalspieler.

Stark, Valentino Lazaro und Davie Selke haben in dieser Saison auf sich aufmerksam gemacht. Es gehört zu Herthas Profil eines Aus- und Weiterbildungsvereins, dass Spieler ihres Kalibers irgendwann gewinnbringend weiterverkauft werden. Für Hertha wäre es sicher gut, wenn diese Leistungsträger sich bis zu ihrer Weiterreise noch etwas Zeit lassen würden.

Sendung: Inforadio, 18.05.2019, 15:30 Uhr

Beitrag von Dennis Wiese

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Es braucht einfach extrem viel Ausdauer und gute Arbeit von allen Beteiligten (dazu gehört in meinen Augen praktisch die ganze Stadt und Region), um irgendwann mal sagen zu können wir sind in der Spitzengruppe der Bundesliga angekommen. Wir dürfen uns nur nicht entmutigen lassen und dürfen die Geduld nicht verlieren. Wir schaffen das!!!

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