Die Deutsche Meisterin 2019 im Rollstuhl-Skaten, Ronja Holze aus Berlin, freut sich über ihre Goldmedaille (Quelle: rbb/Friedrich Rößler)
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WCMX | Meisterschaft im Wheelchair-Motocross - Gold für Berlin und ein großer Gewinn für das Rollstuhlskaten

Bei der 2. Deutschen Meisterschaft im Wheelchair-Motocross in der Berliner Skatehalle sichert sich die junge Berlinerin Ronja Holze in ihrer Division den Titel. Gewonnen hat aber vor allem die noch junge Sportart Rollstuhlskaten. Von Friedrich Rößler

Immer wieder übt die 18-jährige Ronja Holze beim Training für die Deutsche Meisterschaft diesen einen Trick. Auf den Hinterrädern balancierend stürzt sie sich eine steile Rampe in der Skatehalle Berlin herunter, nimmt Geschwindigkeit auf, donnert mit ihrem Skate-Rolli über eine weitere Rampe, springt ein kurzes Stück und gleitet anschließend auf einer Metallstange entlang. Dieses Rutschen heißt im Skaterjargon grinden und erzeugt diesen typischen Klang, wenn Metall auf Metall trifft. "Was soll mir denn noch Schlimmes passieren, ich sitze doch schon im Rollstuhl", entgegnet die taffe und selbstbewusste junge Frau jedem Kritiker ihrer noch jungen Sportart.

Vor einigen Jahren konnte sich Ronja mit Stützen trotz Spreizfüßen noch eigenständig fortbewegen, doch ein Behandlungsfehler ließ sie zu schnell wachsen. "Ich bin von 1,20 Meter auf 1,80 Meter hochgeschossen und das haben meine Muskeln und Bänder nicht mitmachen können", blickt Ronja zurück. Seitdem ist sie motorisch eingeschränkt. "Ich bin nicht gelähmt und spüre schon noch was. Aber wenn ich aufstehen würde, würde ich wie Wackelpudding hinfallen."

Ziemlich internationale Deutsche Meisterschaften

Ihre Einschränkung nimmt sie einfach hin. Sie spielt außerdem regelmäßig Rollstuhlbasketball und studiert Psychologie. Bei den Deutschen Meisterschaften im Wheelchair-Motocross, kurz WCMX, hat Ronja einen Ehrgeiz entwickelt, durch den sie in den vergangenen zwei Jahren zu Berlins bester Rolliskaterin wurde. Ihr großes Vorbild David Lebuser habe sie vor drei Jahren inspiriert. Er ist es, der die Initialzündung für die deutsche WCMX-Szene gegeben haben soll, und er versucht seit einigen Jahren mit Workshops in verschiedenen deutschen Städten WCMX in Skatehallen und -parks zu etablieren. "Mein Ziel ist es, dass mich die Szene eines Tages nicht mehr braucht", sagt Lebuser, der in Frankfurter (Oder) geboren wurde.

In Berlin treibt der Verein "Drop In" mit seinem Angebot Berlin goes WCMX die Rolliskaterszene voran. Jeden ersten und dritten Montag im Monat können sich WCMX-Interessierte in der Skatehalle Berlin ausprobieren. "Wir leisten am Anfang viel Hilfestellung, schieben an, sichern ab und geben den Teilnehmern viel Rückzugsraum, da wir die Skatehalle nur für uns haben", berichtet Linda Ritterhoff von Drop In. In diesen Sessions hat auch Ronja geübt, gelernt und Skate-Erfahrungen gesammelt. So auch am Montag in dieser Woche, als sie ein letztes Mal für die Deutsche Meisterschaft geprobt hatte und immer wieder ihre Fähigkeiten im Grinden trainierte.

Der Deutsche Rollstuhlsportverband trägt diesen Wettkampf aus, der sich sehr stark an etablierten Skate-Wettbewerben orientiert, wie es Skateboarder oder BMX-Fahrer kennen. Es existieren verschiedene Staffeln. Ronja fährt zum Beispiel in der Division 2, Profi Frauen. Dort hat sie fünf Konkurrentinnen, insgesamt gehen 21 Fahrer ins Rennen. Diese kommen aus Berlin, Hamburg, Schwerin, Chemnitz, Köln, aber auch aus Italien, den Niederlanden oder Großbritannien. Die zweite deutsche Meisterschaft WCMX besitzt eben den Zusatz "International und offen".

Leichtigkeit und Style

Bewertet werden die Schwierigkeit verschiedener Tricks, die Korrektheit der Ausführung, die Geschwindigkeit und die Kombination einzelner Skateelemente. Der Berliner Thomas Hübner zählt zu der sechsköpfigen Jury und fährt selber aktiv Skateboard. "Das Niveau ist echt gestiegen bei dieser Deutschen Meisterschaft und auch die Anzahl der Teilnehmer und vor allem die des Publikums", beurteilt er die Veranstaltung.

Ronja beendet ihren Vorlauf mit dem ersten Platz und darf dadurch als letzte im Finale starten. Zwei Mal 120 Sekunden pro Lauf müssen die WCMXer den Hindernisparcours in der Skatehale Berlin befahren und zeigen dabei wirklich spektakuläre Tricks. Neben den Grindings zählen vorallem Wheelies in verschiedenen Varianten zu den WCMX-Elementen.

Ronja Holze trägt sogar den Spitznamen "Wheelie-Königin aus Berlin", da auch sie das Rollen auf zwei Rädern beidhändig, einhändig, vorwärts und rückwärts beherrscht. Die Teilnehmer brettern Treppenstufen herunter, fahren einrädig oder wagen sogar Überschläge in der Rampe. "Skaten bedeutet, frei zu sein und was ich hier lerne, kann ich draußen im Alltag wunderbar anwenden," erzählt Ronja. Denn jede noch so kleine Schwelle kann sich für eine Rollstuhlfahrerin als unüberwindbares Hindernis entpuppen. Rolliskater bewältigen diese Hürden im Alltag mit Leichtigkeit und Style.

Ein Teilnehmer an der Deutschen Meisterschaft im Rollstuhl-Skaten fährt mit seinem Rollstuhl durch die Skatehalle in Berlin-Friedrichshain.
Bild: rbb

Wackler, die als Tricks durchgehen

In ihrem finalen Lauf zeigt die 18-jährige Berlinerin alles, was sie drauf hat. Einen Wackler, der sie fast stürzen lässt, lässt sie einfach so cool aussehen, dass die Jury das als Trick wertet. Bei der Verkündung der Endergebnisse sitz Ronja mit gefalteten Händen in ihrem Sportrolli und kann die Spannung kaum aushalten. "Egal, auch wenn ich Letzte werde, ich war froh, dabei zu sein", sagt die Teenagerin bescheiden. Doch als klar ist, dass sie Deutsche Meisterin wird, bricht alles aus ihr heraus: Freudentränen, Jubelschreie, Emotionen. "Der erste Platz bei den Frauen war knapp, aber eindeutig entschieden," bemerkt Jurymitglied Thomas Hübner.

"Ich habe noch nie einen Titel gewonnen", haucht Ronja Holze und präsentiert jedem stolz ihre Medaille, Urkunde und ihren Pokal. Bei den Männern gewinnt erwartungsgemäß David Lebuser. Aber die Konkurrenz hat zugenommen. "Es ist schön, zu sehen, was sich in Berlin und Deutschland in den letzten Jahren entwickelt hat", gibt sich der WCMX-Profi zufrieden und auch die abschließende Laola-Welle des anwesendes Publikums zeigt, dass diese Sportart ein hohes Wachstumspotential besitzt. Das kann sie eventuell schon bei der WM in Köln vom 31. August bis 1. September zeigen. Dann kommt auch Aaron "Wheelz" Fotheringham - der Weltstar der Szene aus den USA.

Beitrag von Friedrich Rößler

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