Public Viewing bei Union Berlin in der Alten Försterei (Quelle: rbb|24/Zahavi)
Bild: rbb|24/Zahavi

Public Viewing bei Union Berlin - "Gib niemals auf und glaub an dich!"

Public Viewing in der Wuhlheide: Unter dem Motto "Auswärts zu Hause" fiebern 15.000 "Eiserne" am Donnerstagabend mit ihrem FC Union. Der schafft im Relegationshinspiel beim VfB Stuttgart ein 2:2. Die Chronologie eines besonderen Abends. Von Uri Zahavi

18:36 Uhr

Schon die ersten Eindrücke vor dem Stadion an Der Alten Försterei sind einprägsam. Um 19 Uhr sollen die Tore zum Innenraum geöffnet werden – rund 200 Fans des 1. FC Union Berlin sind bereits zwei Stunden vor Spielbeginn da. Und warten. Es ist verdächtig ruhig. Es wird gemurmelt, gefachsimpelt. Die Anspannung ist greifbar. "Einfach mal rinschießen die Kugel. Mal unberechenbar sein", analysiert ein Fan in voller Union-Montur die ausgemachte Abschlussschwäche seiner Mannschaft. Seine Kumpels nicken zustimmend.

18:49 Uhr

Die Schlange vor den Toren wächst. Die Ordner zeigen noch keinerlei Regung. Das Gemurmel hat sich zu einem akustisch deutlich mächtigeren  Raunen entwickelt. Irgendwie wirken die von Natur aus so optimistischen Köpenicker Fans nervös. Es geht schließlich um etwas. Vor laufender Kamera will keiner mit mir sprechen. "Bringt Unglück", sagt einer. "Nee lass mal, ich muss mich konzentrieren" ein anderer. Doch dann tut sich etwas. Offenbar können auch die Ordner den Anpfiff gegen den Bundesligisten VfB Stuttgart nicht erwarten - und öffnen die Tore zehn Minuten früher als geplant. "Hat das jetzt Symbolcharakter", frage ich mich? "Sind das die sich öffnenden Tore zur Bundesliga?"

20:09 Uhr

Das Stadion füllt sich. Dass Union kein gewöhnlicher Fußballverein ist, das war mir schon vor diesem Abend klar. Aber dass sich 15.000 Fans in ihrem Stadion zusammenfinden, um ihrer Mannschaft, die 647 Kilometer entfernt spielt, die Daumen zu drücken, beeindruckt mich nachhaltig. "Spielt Union wirklich auswärts?", frage ich Klaus, der mit einer sehr auffälligen rot-weiß karierten Mütze am Bierstand steht. "Hier laufen doch bestimmt gleich die Mannschaften auf", füge ich hinzu und lächle. Der gutgelaunte ältere Herr mit grauem Bart erwidert mein Lächeln. "Das ist halt Union", sagt er mit weit aufgerissenen funkelnden Augen. "Und übrigens: jedes Mal wenn ich meine Mütze im Stadion auf hatte, haben wir mindestens Unentschieden gespielt." Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen denke ich etwas sarkastisch, ohne dem 1. FC Union ernsthafte Chancen einzuräumen.

20:14 Uhr

Dann, der Moment auf den hier alle gewartet haben: Nina Hagens Stadionhymne "Eisern Union" schallt durch die Alte Försterei. Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal, scheint Köpenick zu beben. Wer jetzt keine Gänsehaut bekommt, "hat den Fußball nie geliebt", würde  Ex-Bundestrainer Rudi Völler wahrscheinlich sagen. Nichts mehr zu spüren von der anfänglichen Nervosität. Die Union-Fans sind in ihrem natürlichen Habitat - und leben das aus. Eigentlich hatte ich ursprünglich vor, im gesamten Stadion herumzuwirbeln. Doch ich bin wie angewurzelt. Einfach genießen, denke ich mir. Und kurz durchatmen.

Public Viewing bei Union Berlin in der Alten Försterei (Quelle: rbb|24/Zahavi)

20:30 Uhr

Ach ja, Fußball wird heute auch noch gespielt. Es geht endlich los. In Stuttgart rollt der Ball, und ich suche mir einen Platz inmitten der gut 12.000 Fans auf der Gegengeraden. Jeder eigene Ballbesitz, jeder gewonnene Zweikampf wird gefeiert wie der vorzeitige Aufstieg. Diese Euphorie und dieser Zusammenhalt  sind ansteckend. Keiner in Fußballdeutschland traut den Eisernen wirklich den Aufstieg zu. Zu gut der gegnerische Kader, zu eindeutig die Statistiken der vergangenen Jahre. Doch nach den ersten Minuten und in dieser Atmosphäre bin ich bereits umgestimmt - vielleicht gelingt dem Underdog doch die Sensation. Mein Blick geht auf die Leinwand. Knallharter Zweikampf auf Höhe der Mittellinie - beide Spieler bleiben liegen. "Die müssen sich erstmal beschnuppern", ruft ein schlaksiger Typ mit Baskenmütze, der direkt vor mir steht. Mein herzhaftes Lachen hat er sicher, obwohl das gar nicht witzig gemeint ist.

20:48 Uhr

Die Sonne geht langsam hinter den mobilen Leinwänden unter. Die malerische Kulisse ist sogar für einen Fußballromantiker wie mich fast zu kitschig. Davon kriegen alle anderen um mich herum nur am Rande etwas mit – Tunnelblick auf die Monitore. "Nervennahrung", schreit ein volltätowierter Mann und kommt mit sechs randvollen Bierbechern zurück zu seiner Gruppe. Wie soll man diese Spannung auch anders aushalten? Es steht 0:0. Mein Blick schweift immer wieder auch zu Klaus zurück, den ich einer der oberen Reihen entdeckt habe. Der lacht weiterhin - quasi durchgängig. Und das obwohl der VfB in der Anfangsphase das bessere Team ist. "Union halt", denke ich mir. Hat er doch gesagt.

20:57 Uhr

Direkt vor mir stehen jetzt zwei kleine Jungs - einer hat einen grünen Pullover an, dessen Kapuze aussieht, wie der Kopf eines Krokodils. Gebannt starren sie auf die Leinwände. Alle paar Minuten wandert der Blick nach hinten zu Papa. Doch es ist kein fragender "Ist Papa noch da?"-Blick. Nein. Nach einem Köpenicker Ballverlust dreht sich der Junge zum Vater um und schüttelt den Kopf. Spielbewertung à la Union-Familie - keine Worte notwendig.

21:05 Uhr

Mein Handy vibriert. Mein Kollege vom Fernsehen, der mit seinem Kamerateam auf der Haupttribüne steht, schickt mir ein Foto der zwei geschlossenen menschenleeren Tribünen. Sein Kommentar: "Nix los beim Public Viewing." Witzbold, denke ich und muss schmunzeln.

 21:11 Uhr

Ich bin so mitgerissen von all den kleinen Geschichten, die sich um mich herum abspielen, dass ich vom Spiel gar nicht so viel mitbekomme. Doch das ändert sich innerhalb zweier Minuten drastisch.

Als Stuttgarts Gentner zur 1:0-Führung für den VfB trifft, ist es das erste Mal still in Köpenick. Aber nur für handgestoppte vier Sekunden. Aufmunternde "Eisern Union"-Sprechchöre fliegen umgehend wie kleine Motivations-Raketen Richtung Leinwände. Und sie scheinen die richtigen zu treffen. Nur zwei Minuten später gleicht Union aus - und die Arena dreht durch. Ich hab schon häufiger in meinem Leben Bierbecher durch die Luft fliegen sehen - aber wohl noch nie verbunden mit so großer Freude. Der Traum von der Bundesliga lebt. Halbzeit.

21:18 Uhr

Mein erster Toilettengang am heutigen Abend. "Wie geil ist das denn", begrüßt mein Pissoir-Nachbar einen Neuankömmling - gefolgt von einem High Five. Der Ausgleich hat gut getan. Das Bier aber auch.

21:40 Uhr

Die zweite Hälfte läuft noch keine sechs Minuten, da ist die "persona non grata" des heutigen Abends gefunden. Mario Gomez stolpert den Ball zur erneuten Stuttgarter Führung ins Tor und handelt sich umgehend Liebesbekundungen eines weniger amüsierten Union-Fans mit dicker Sonnenbrille ein. Ich wiederhole den genauen Wortlaut lieber nicht, würde auch den Rahmen sprengen.

21:59 Uhr

Ich komme gerade zurück von meinem Besuch beim Würstchenstand, als ich vor einem Berliner Eckball einen älteren Herren zu seinem, wie sich später herausstellen sollte, Enkel sagen höre: "Pass gut auf, Kleener, der ist drin." Keine 15 Sekunden später bewahrheitet sich die Prophezeihung. Marvin Friedrich köpft zum 2:2 ein, und diesmal kann ich mich der unvermeidbaren Bierdusche nicht mehr erwehren. Wie viel am Ende auf mir gelandet ist? Schwer zu beantworten - doch nach dem Treffer bleiben weder Augen noch Klamotten trocken. Nachdem ich mich so durchnässt aus der spontanen Gruppenumarmung gelöst habe, schaue ich auf die Uhr: noch 20 Minuten. Die können das wirklich schaffen! Doch ehrlich, dafür hätte ich keine Uhr gebraucht. Das lässt sich auch in den Gesichtern der 15.000 Menschen ablesen.

22:23 Uhr

Schlusspfiff. 2:2. Erster Teil der Sensation geschafft. Pure Freude. Wildfremde Menschen fallen sich gegenseitig um den Hals. Aber wer ist schon wildfremd beim 1. FC Union? Ich stelle mich zu meinem Radiokollegen und muss ihn instinktiv auch erstmal umarmen.

Nur Sekunden später erspäht ein freudetrunkener Mann das Mikrofon meines Kollegen. Nicht ganz gerade, aber entschlossenen Schrittes tritt er an uns heran, legt seine Hände auf unsere Schultern und schreit: "Gib niemals auf und glaub an dich!" Heiser fügt er hinzu: "Dann gehört der Sieg uns - nur uns!" Schnurstracks verschwindet der Blondschopf wieder in der Menge. Ich schaue ihm hinterher und denke: "Na, da habe ich doch die Überschrift für meinen Artikel." Besser hätte ich diesen Abend nicht auf den Punkt bringen können.

Sendung: rbb24, 23.05.2019, 21.45 Uhr

Beitrag von Uri Zahavi

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Gänsehaut pur beim lesen!!

  2. 1.

    Der Grimme - Preis geht an Uri Zahavi ! Mir als langjähriger Unionfan ist klar das hier viele positiv bekloppt sind , aber dein neutraler Blick auf das Geschehen und die Menschen um dich herum hat es nochmal gezeigt . Und ja ,der emotionale Zustand der meisten Unionfans zur Zeit ,wie bei mir ,lässt bei solchen Artikeln die Augen etweas feucht werden . Eisern gegrüßt , Thomas

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