Bayern Münchens Basketballprofi Danilo Barthel (Mitte, rot) jubelt nach dem erneuten Gewinn der Deutschen Meisterschaft gegen Alba Berlin rund um Luke Sikma (links) und Niels Giffey (rechts), 23.06.19 in München (Quelle: imago / Beuatiful Sports / Nils Koepke).
Video: Abendschau | 23.06.2019 | Dietmar Teige | Bild: www.imago-images.de

88:93 nach Verlängerung bei Bayern München - Alba Berlin wird wieder Zweiter

Alba Berlin hat auch das dritte Finalspiel gegen die Bayern verloren und muss sich nach dem 88:93 nach Verlängerung wieder mit der Vizemeisterschaft begnügen. Die meiste Zeit war Alba deutlich besser - aber dann kehrten die Zweifel zurück. Von Sebastian Schneider

Der Kapitän stand in der Ecke, wartete auf seine verhasste Trostmedaille und versuchte zu deuten, was ihm und seinen Kollegen da gerade zugestoßen war. "Wir haben es in den Finals nicht geschafft, unsere Coolness zu behalten. Haben ein bisschen überhastet gespielt", sagte Niels Giffey ins Mikrofon von "Magenta Sport", abgekämpft, verschwitzt und mit leerem Blick. Kurz brach ihm die Stimme weg. "Würde ich es genau wissen, würde ich jetzt gerade ein Bierchen trinken. Aber das mache ich nicht."

Bierchen tranken nur die Bayern, denn sie hatten gesiegt und nicht Giffey und Alba Berlin. Die Münchner kippten sich das Weizen aus den obligatorischen Riesenkelchen in ihre Kehlen, oder über ihren von so viel spontaner Freude völlig verschreckten Trainer. Nihad Djedovic schnitt das Korbnetz ab und hängte es sich um den Hals, Danilo Barthel wuchtete den Meisterschaftspokal in Obersendlings Hallenhimmel. Die Bayern hatten ein Spiel gewonnen, was ihnen die Berliner niemals hätten schenken dürfen. Durch das 93:88 nach Verlängerung sind sie wieder Deutscher Meister - und haben Alba mit 3:0-Siegen aus dieser Finalserie gefegt.

Die meiste Zeit besser - aber trotzdem zusammengebrochen

In den beiden vorherigen Finalspielen mögen es Kleinigkeiten gewesen sein, die den FCB und Alba trennten. Ein Meistertitel im Konjunktiv, der war in den Berliner Fankneipen durchaus drin, ohne dass einen dafür jemand ausgelacht hätte. Betrachtet man aber, wie stark die Gäste die längste Zeit dieses dritten Duells in München waren und wie sie dann Vizekusen-haft zusammenbrachen, muss man anerkennen: Auch diesen Titel hätte die Mannschaft von Aito Garcia Reneses nicht verdient.

"Ich glaube, wir haben extrem viel gelernt diese Saison, sind als Team viel besser geworden. Aber wir haben alle drei Finals verloren", sagte der 17-jährige Franz Wagner, einer der auffälligsten Berliner. Da hat er recht. Die Erfahrung vom Sonntag wird in jedem Fall lange nachwirken.

Denn Alba, dass die Serie nur durch einen Sieg in diesem "Do-or-Die"-Spiel am Leben halten konnte, war diesmal eigentlich viel besser und es reichte trotzdem nicht. Als kaum ein Außenstehender noch damit gerechnet hatte, zeigte das Team seine glänzendste Leistung. Kopfsache eben.

Schneider trifft den Dreier zur ersten Führung

Berlin startete mit Joshiko Saibou, der es im zweiten Spiel nicht mal in den Kader geschafft hatte. Der zuvor abgetauchte Luke Sikma und der effektiv gebremste Peyton Siva mussten heute den Unterschied machen, ohne sie ging es nicht. Kein Lächeln, nirgends: Die Gäste wirkten so konzentriert, dass nicht mal eine mittelgroße Miesbacher Blaskapelle an der Grundlinie was daran hätte ändern können. Die 6.500 Fans in der Halle waren erstmal kein Faktor. 

Zunächst ließ Bayern seinen Basketball ganz einfach aussehen, die Großen taten Lücken unter dem Korb auf, da kam der Ball hin - und schnell führten sie. Doch Schritt für Schritt wanzte sich Berlin heran, durch sehr ansehnliche Treffer von Saibou, Thiemann, Schneider, Hermannsson. Hinten zwang Alba die Gegner zum x-ten Pass, bis die Wurfuhr abgelaufen war - nach dem ersten Viertel führten die Gäste mit 22:15 und das absolut verdient.

Luke Sikma wirkte wacher, energischer - befreit von den Selbstzweifeln, die ihm in wichtigen Spielen nachgesagt werden. Andererseits hatten die Bayern in dieser Serie schon öfter zweistellig zurückgelegen - es hatte am Ende rein gar nichts zu bedeuten gehabt. Würde Berlin diesmal cool bleiben?

14 Zähler Führung zur Halbzeitpause

Spoiler: Erstmal schon. Jetzt tat Alba ein bisschen so wie Bayern - kontrolliert, den Ball so lange passend, bis wirklich einer freistand und der traf dann auch. Münchens Coach musste schon nach wenigen Minuten im zweiten Viertel eine Auszeit nehmen um diesen irren 20:2-Lauf der Gegner zu stoppen. "Wir können am Sonntag extrem befreit und mit unheimlicher Energie spielen", hatte Berlins Kapitän Giffey angekündigt. Eigentlich die Mutter aller Floskeln, wenn man kurz vorm Rausfliegen ist. Aber bis dahin stimmte der Spruch tatsächlich.

Selbst die zuvor wackligen Freiwürfe lötete Alba diesmal rein, beispielsweise durch Giffey. Der 2,04 Meter lange Vlado Lucic hatte zuvor sein ganzes schauspielerisches Können aufgeboten, sich Giffey in den Weg zu schmeißen, um einen Fast Break zu stoppen - und es dabei aussehen zu lassen, als sei er von seinem Widersacher unfair dahingestreckt worden. Zur Halbzeit führte Alba mit 46:32.

Siva übernahm - Lucic fluchte

Um der eigenen Courage wirklich über den Weg zu trauen, kam es für Alba nun drauf an, die ersten Minuten nach der Pause gut zu überstehen. Die Münchner würden wütend sein, sie wussten um das wacklige Selbstvertrauen ihrer jüngeren Gegner. Lucic und Djedovic punkteten sofort, der Vorsprung schmolz auf sieben Zähler.

Aber Siva, der wieder mal herumgeflogen war wie ein Kunstturner, schickte seinen Aushilfsverteidiger nun mit einem Fake auf die Reise und schickte ihm als Gruß einen Dreier hinterher. Dann noch einen. Er übernahm jetzt. Vlado Lucic zuckte und fiel immer noch nach Leibeskräften, wenn er sich getroffen wähnte - aber die Schiris fielen seltener darauf herein, als in den vorherigen Spielen. Den 30-Jährigen mit dem Kindergesicht machte das sichtlich wütend. Er sollte für die Berliner noch zum Problem werden. Vor dem letzten Viertel hatten die immerhin noch elf Zähler Vorsprung.

Bayern mit Wut, Alba brach ein

Aber dann: Barthel stopfte, Lucic traf seinen nächsten Dreier aus der Ecke. Albas Guards Siva und Saibou verdaddelten den Ball auf unerklärliche Weise. Das konnte nur bedeuten, dass die Berliner längst begonnen hatten, nachzudenken. Es war kein gutes Zeichen. Als der nächste Münchner das Spielgerät durch den Ring holzte und sein Team auf 60:64 heranbrachte, wurde es in der Halle zum ersten Mal an diesem Abend richtig laut. Auf den Fernsehbildern sah man rotgebrüllte Männer, die sehr unironisch Lederhosen trugen und auf Pauken prügelten. Man sah Edmund Stoiber, Arjen Robben, die Hoeneß-Brüder. Man sah die Zukunft des deutschen Basketballs.  

Bayern glich aus, führte kurz, lag wieder hinten, es war jetzt nur noch schwer auszuhalten. Der von den eigenen Fans verehrte und von den gegnerischen verachtete Lucic traf einen Verzweiflungsdreier mit wenigen Augenblicken auf der Wurfuhr zum erneuten Ausgleich, trotz Foul. Alba hatte genug Zeit für den letzten Angriff, aber Luke Sikma vergab. Nur mit viel Glück schaffte es Berlin in die Verlängerung.

Bayern-Basketballprofi Vladimir Lucic (rot) versucht im dritten Finalspiel zwischen den Münchnern und Alba Berlin am 23.06.19 in München seinem Gegenspieler Niels Giffey den Weg zu verstellen (Quelle: imago / Frank Hoermann / Sven Simon).
Ein Typ, der polarisiert - aber am Sonntag den Unterschied gemacht hat: Bayerns Topscorer Vladimir Lucic im "Nahkampf" mit Niels Giffey. | Bild: www.imago-images.de

Sikma scheitert in der Verlängerung von der Freiwurflinie aus

Sikma, dessen Mut inzwischen längst wieder verblichen war, brachte nur zwei seiner insgesamt 13 Wurfversuche unter. In der Overtime scheiterte er auch von der Freiwurflinie. Es wäre unfair, das Meiste an ihm festzumachen. Aber von einem Mann, der zu Recht zum wertvollsten Spieler des Eurocup und der Bundesliga gewählt worden ist - und dessen Vertrag Alba gerade erst um außergewöhnliche vier Jahre verlängert hat - muss in einem Finale einfach mehr kommen. Er blieb in der gesamten Serie, nicht nur statistisch, erneut unter seinen Möglichkeiten.

Der Unterschied auf der Gegenseite: Danilo Barthel verwandelte beide Versuche von der Linie. Und dann noch einen Dreier. Schließlich hängte er seinem Gegner ein simples Offensivfoul an. Die Münchner führten mit 84:80, die Münchner hatten die Kontrolle über dieses Spiel. Und sie gaben sie nicht mehr her. Der Rest war Nippes für den Statistikbogen, diese Bundesligasaison endete für Alba Berlin erneut mit den Silbermedaillen des Zweiten.

Das tut gerade super weh. Ich hoffe, mit zunehmendem Alter wird die junge Mannschaft reifer. Insgesamt können wir stolz sein auf die Saison."

Albas Kapitän Niels Giffey

Trainer Garcia Reneses bleibt mit Alba ohne Titel

Leuten wie Barthel oder Lucic werden die Fans rund um die Arena am Berliner Ostbahnhof eher nicht mehr um den Hals fallen, aber solche Leute gewinnen am Ende Titel und andere nur Sympathien. Lucic wurde mit 23 Punkten Münchens Topscorer und lieferte, als es drauf ankam. Belohnt wurde das mit Bayerns fünfter deutscher Meisterschaft. Gegen Alba haben die Münchner bisher jede Playoffserie gewonnen. 

Was bleibt? Fest steht: Berlin hat eine herausragende Saison gespielt. Mit der angeblich fehlenden Siegermentalität kann es nicht so weit her sein, sonst hätte es das Team nicht in die Endspiele um den Eurocup, den deutschen Pokals und der Bundesliga gepackt. "Alles was wir uns vorgenommen haben, haben wir im Prinzip erreicht. Wir haben alle drei Finals erreicht, uns für die Euroleague qualifiziert, haben jeden Spieler besser gemacht", betonte Albas Geschäftsführer Marco Baldi direkt nach der Niederlage. "Im Prinzip" kann man auch so verstehen: Sechs von neun ihrer "Alles oder Nichts"-Duelle haben die Berliner für sich entschieden. Die wichtigsten drei allerdings nicht.

Sendung: rbb24, 23.06.2019, 21:45 Uhr

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

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