Luke Sikma streckt sich im Zweikampf vergebens. Quelle: imago/Contrast
Audio: Inforadio | 24.06.19 | 14:15 Uhr | Andreas Witte | Bild: imago/Contrast

Kommentar | Alba Berlin verliert erneut ein Finale - In Zukunft wird es für Alba eher noch schwerer

Wieder ein verlorenes Finale, wieder kein Titel. Auch das dritte Endspiel in dieser Saison konnte Alba Berlin nicht für sich entscheiden. Trotzdem begeisterten die Albatrosse in dieser Spielzeit nicht nur die eigenen Fans, kommentiert Andreas Witte.

"Sweep" sagen die Basketballer, wenn es einer Mannschaft in einer Playoff-Serie gelingt, den Gegner ohne Niederlage zu eliminieren, ihn einfach wegzuwischen. Das hat Bayern gegen Alba geschafft. Was wie eine total glatte Nummer aussieht, war in Wirklichkeit eine ganz enge Kiste. Die Berliner spielten nicht nur auf Augenhöhe, sie waren phasenweise in allen drei verlorenen Finals die bessere Mannschaft. Sie führten in jeder Partie zweistellig, brachten aber keine über die Ziellinie.

Warum? Weil der jüngsten Mannschaft der Liga gegen abgebrühte Münchener in entscheidenden Phasen die Konstanz fehlte. Ja - in der ersten Partie gab es falsche Schiedsrichter-Pfiffe gegen die Albatrosse, aber in erster Linie brachten sie sich in allen Spielen durch viele eigene Ballverluste und vergebene Freiwürfe selbst um den verdienten Lohn der Mühe.

Alba spielt den akttraktivsten Basketball der Liga

Der Cheftrainer Reneses lässt den attraktivsten Basketball der Liga spielen - seine Philosophie macht Akteuren und Zuschauern Spaß. Aber was das unmittelbare Coaching anbelangt, darf man Fragen stellen. Der 72-jährige Spanier baut auch in kritischen Situationen immer auf die Selbstheilungskräfte seines Teams. Er scheint die Tatsache zu negieren, dass Auszeiten auch dafür genutzt werden können, um gegnerische Läufe zu unterbinden.

Der Grandseigneur der Gilde hat der Alba-Jugend immer wieder Bewährungschancen auch in wichtigen Situationen gegeben. Großartig! Aber er hat auch Spieler wie den Center Dennis Clifford links liegen lassen, der bei seinen spärlicher werdenden Minuten fast immer überzeugt hat, am Ende aber als siebter Ausländer gar nicht mehr zum Kader gehörte. Und wie erkläre ich einem Spieler wie Kenneth Ogbe, dass er in einem Spiel gar nicht dabei ist, im nächsten als Starter in vier Minuten dunkt und einen Dreier wirft und dann nach Auswechslung das Parkett nicht mehr betritt?

Gewachsene Bedeutung in Berlin auch ohne Titel

Und schließlich Luke Sikma, der Schlüsselspieler der Mannschaft, dessen Vertrag gerade um vier Jahre verlängert wurde. Der Amerikaner war der wertvollste Spieler der Bundesliga in der letzten Saison und in dieser der beste im Eurocup. Ohne ihn hätte Alba hundertprozentig die fünf Finals der letzten beiden Jahre niemals erreicht. Respekt und Anerkennung! Mit ihm allerdings haben die Berliner nicht ein einziges gewonnen, weil Sikma in Endspielen nervenschwach sein Potential nicht gewinnbringend abrufen konnte. Wenn der Kopf des Kaders nicht funktioniert, haben auch andere ein Kopfproblem.

"Wir haben unsere Ziele erreicht", hat der Manager Marco Baldi nach der neuerlichen Finalschlappe gesagt. Alba habe sich für die Euroleague qualifiziert, habe jeden Spieler besser gemacht, die Jugend nach vorn gebracht, attraktiv gespielt. Und der Klub sei über den Sport hinaus ein gesellschaftlicher und sozialer Faktor in der Hauptstadt. Dazu gratuliert man ehrlich und von Herzen, das ist sehr viel, das bleibt auch, das stimmt alles und ist richtig. Doch zur Saison-Wahrheit gehört auch die schmerzhafte Erinnerung an abermals verpasste Titel-Triumphe.

Für die Euroleague braucht Alba Verstärkung

Das wird künftig schwerer werden bei der Doppelbelastung mit der europäischen Eliteliga und dem heimischen Bundesliga-Wettbewerb. Die Berliner wollen und dürfen den eigenen, beispielhaften Weg der Nachwuchsförderung nicht aus den Augen verlieren. Aber Alba muss gleichzeitig finanziell aufforsten, den Kader substantiell verstärken, noch mehr Qualität und damit Konstanz generieren. Dann kommt auch mal wieder etwas Neues in die Trophäenzeile des Briefkopfs.

Sendung: Inforadio, 24.06.19, 14:15 Uhr

Beitrag von Andreas Witte

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1 Kommentar

  1. 1.

    Vizekusen nannte man dieses Phänomen mal in der Fussballbundesliga.Die Tatsache, dass der Verein Leverkusen trotz überragender Leistungen keine Titel gewann.Alba 2018/2019 erinnert mich stark an dieses Phänomen.
    Traurig macht es einem als Fan nur, dass man sich damit abzugeben scheint, kein Berliner "Mia san mir"-Gefühl.
    Ja, Herr Witte die Auszeiten scheinen für den amtierenden Trainer keine taktische Option zu sein, trotzdem hoffe ich,dass er weiter macht, denn ich glaube, ohne ihn wird es schwer, Alba oben zu halten. Luke Sikma hat mir bis zum dritten Finale immer gefallen.Hier aber fing er an plötzlich zu zittern, die Freiwürfe und einfachste Würfe,die er sonst traumwandlerisch sicher versenkt alle daneben, in dieser Phase hätte ich ihn runtergenommen und Clifford gebracht.Nein, ich verstehe es auch nicht, warum Clifford nicht gespielt hat!

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