Spieler von Alba Berlin diskutieren. Quelle. imago/Camera 4
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Saisonrückblick | Alba Berlin - Weiter ohne Krönung

Nach der dritten Finalniederlage in dieser Saison dominierte die Enttäuschung bei Alba Berlin. Wieder einmal hatte das Team von Aito Garcia Reneses den Erfolg knapp verpasst. Dennch liegt eine bemerkenswerte Saison hinter den Albatrossen. Von Jonas Bürgener

Am Ende standen sie wieder mit leeren Blicken da - und mit leeren Händen. Die Basketballer von Alba Berlin verloren auch das dritte Finale in dieser Saison, gar das fünfte in den letzten zwei Jahren. Ausgelaugt lehnte das Team an der Werbebande der Münchner Arena, schaute dem Rivalen FCB beim Feiern zu. "Insgesamt können wir stolz sein auf die Saison", erklärte Albas Kapitän Niels Giffey nur wenige Minuten nach der Schlusssirene. Er ergänzte aber auch: "Das tut gerade super weh". Giffey war die Enttäuschung nach dieser langen, kräftezehrenden Spielzeit deutlich anzumerken. "Wir hätten uns für diese geile Saison so gerne mit einem Titel belohnt", erklärte der 28-Jährige mit einer Miene, die alles sagte.

In der Tat liegen hinter den Albatrossen mehr als 70 zumeist beeindruckende Spiele. Mit attraktivem, offensivem Basketball begeisterte die Mannschaft nicht nur die eigenen Fans, sondern Basketballliebhaber in ganz Deutschland. Im Eurocup fegte sie durch den Wettbewerb und scheiterte erst nach einem harten Finalkampf an Valencia Basket - einer der besten Mannschaften Europas.

Unvergessliche Momente gegen Valencia

Wie Alba in der unglaublichen Atmosphäre des zweiten Finales in der ausverkauften Arena am Ostbahnhof tatsächlich gegen den Favoriten gewann, an dieses Highlight werden sich die Fans noch in Jahren erinnern. Das Team füllte die eigene Halle regelmäßig mit begeisternden Auftritten. Die durchschnittlich 9.461 Zuschauer bedeuteten erneut mit Abstand den höchsten Besucherschnitt der Bundesliga - auch wenn Alba dieses Interesse im Vergleich zum Vorjahr nicht steigern [BBL] konnte. Die Berliner hatten zum ersten Mal seit Jahren eine Mannschaft, die sich mit den ganz Großen in Europa messen kann.

Auch im BBL-Pokal sah es lange Zeit gut aus für das junge Team. Im Halbfinale gegen den FC Bayern sicherte der Lichtenrader Abiturient Jonas Mattisseck Alba beinahe alleine das Ticket fürs Finale. Ohnehin bewiesen die Berliner erneut, dass man auch mit fähigen Nachwuchsspielern und einem geringeren Budget als Bayern und Bamberg erfolgreich sein kann.

Wichtige Minuten für Talente wie Franz Wagner

Immer wieder setzte der Trainer Aito Garcia Reneses auf die Talente Franz Wagner und Mattisseck, nicht nur in egalen Minuten, sondern auch dann, wenn es drauf ankam. Nur unter dem Druck entscheidender Spiele können sie an ihren Aufgaben wachsen. Aber trotzdem hat kaum ein anderer Coach den Mut, seinen Jüngsten auch in diesen Momenten zu vertrauen. Gemeinsam mit den erfahrenen Profis wie Giffey, Siva oder dem zum wertvollsten Spieler des Eurocups gewählten Luke Sikma, schien eine Chemie entstanden zu sein, die Alba den ganz großen Wurf ermöglichen könnte. Den ersten Titel unter Reneses und die erste Trophäe seit dem Pokalsieg 2016.

Doch das gelang am Ende nicht. Auch im Pokal musste sich Berlin geschlagen geben - bei Brose Bamberg verlor man überraschend mit 82:83, es war die vermeidbarste Niederlage. Der frühere Serienmeister, verunsichert von einer größtenteils verkorksten Saison, wäre absolut schlagbar gewesen. Schließlich folgte die erneute Niederlage gegen Bayern in der Meisterschaft. Noch nie hat Alba eine Playoff-Serie gegen die Münchner gewonnen, auch diesmal war der Favorit besser.

Schön gespielt, aber in den entscheidenden Momenten gezittert

Bei allen Komplimenten für das schöne Spiel lässt sich in den Niederlagen der Berliner ein Muster erkennen: Immer wieder versagten ihnen in den entscheidenden Phasen die Nerven. Der ansonsten so starke Sikma spielte in den Finals erneut unter seinen Möglichkeiten - oder er stieß gegen Gegner auf diesem Niveau schlichtweg an seine Grenzen. Der Kopf des Teams machte deutlich weniger Punkte, traf aber auch schlechter aus dem Feld und holte weniger Rebounds und Steals. Unerfahrenere Leistungsträger wie Hermannsson und Giedraitis hatten ihre Nerven zu oft nicht im Griff.

"Wir haben es in den Finals nicht geschafft, unsere Coolness zu behalten. Haben ein bisschen überhastet gespielt", analysierte auch Niels Giffey gewohnt sachlich. Der 17-Jährige Wagner erklärte: "Ich glaube, wir haben extrem viel gelernt in dieser Saison, sind als Team viel besser geworden". Das galt besonders für ihn: Der mit Abstand Jüngste im Kader zeigte überhaupt keine Angst. Das ist neben seinem spielerischen Talent vielleicht die erfreulichste Nachricht für Alba - falls Wagner bleibt.

Was wird aus dem Coach?

Er könnte dem Beispiel seines Bruders Moritz folgen und seine Karriere an einem College in den USA fortsetzen - Angebote hat er genug. Aber auch Alba verfügt über gute Argumente, ihn zum Bleiben zu bewegen. Noch wolle er sich nicht dazu äußern, sagte Wagner kurz nach dem letzten Finale in München. Da hatte er in der "Starting Five" gestanden. Jonas Mattisseck hat sich - wenn auch nur zu einem sogenannten Next Generation Camp - bereits zum amerikanischen NBA-Draft angemeldet.

Die vielleicht wichtigste Frage, weil von ihr so viele Spielerentscheidungen abhängen, ist aber: Was stellt sich der Trainer Garcia Reneses vor? Der Vertrag des Spaniers endet. Auch ihm war die Enttäuschung nach der fünften Finalniederlage seiner Amtszeit deutlich anzusehen. Außerdem leidet er seit längerem an einer Augenentzündung. Grelles Licht, wie in vielen Basketballhallen, macht dem 72-Jährigen zu schaffen. Eine Operation ist wohl kaum zu vermeiden. Alba hofft, dass der Coach noch in dieser Woche eine Entscheidung trifft und es was Erfreuliches zu verkünden gibt. Am Dienstag steigt vor der Arena das Abschlussfest für die Fans.

Mir haben die zwei Jahre sehr viel Spaß gemacht, dieses Team zu trainieren. Ich bin happy, obwohl wir verloren haben."

Albas Trainer Aito Garcia Reneses nach der Niederlage gegen München

Der Abstand zu München dürfte nicht kleiner werden

Die Pläne des Managers Marco Baldi und des Sportdirektors Himar Ojeda zur Ausrichtung des Vereins dürften der entscheidende Faktor in den Vertragsgesprächen der kommenden Wochen sein: Wie wollen sie mit Alba zukünftig dafür sorgen, dass statt dem zweiten auch mal ein erster Platz herausspringt? Der Abstand zwischen Bayern München und dem Rest der Liga wird nicht schrumpfen, im Gegenteil. Die Münchner werden in den nächsten Jahren noch mehr Qualität einkaufen, weil sie a) Ambitionen in der Euroleague und b) das nötige Geld dafür haben. 

Das Gerüst der Berliner Mannschaft für die neue Saison steht bereits. Luke Sikma hat seinen Vertrag um vier Jahre verlängert, und auch Martin Hermannsson und Rokas Giedtraitis besitzen noch gültige Verträge. Dem Vernehmen nach soll auch Peyton Siva bleiben wollen. Doch falls Profis wie Giffey und potentielle Neuzugänge für sich feststellen, dass der Traditionsklub möglicherweise doch nicht ganz oben angreifen kann, dürften sie sich nach Alternativen umschauen.

Ich sag es mal übertrieben: Bei uns kommt Tim Schneider von der Bank, bei denen kommt ein Williams."

Berlins Manager Marco Baldi über die Qualitätsunterschiede zwischen Alba und dem FC Bayern mit dem Ex-NBA-Profi Derrick Williams.

Euroleague als Anreiz

Ein gutes Argument bei Alba zu bleiben, dürfte neben dem Weiterentwickler und Ausnahmetrainer Garcia Reneses der Start in der Euroleague sein - Europas höchsten Vereinswettbewerb. Marco Baldi äußerte sich deshalb trotz aller Enttäuschung am Sonntag zuversichtlich: "Alles, was wir uns vorgenommen haben, haben wir im Prinzip erreicht. Wir haben drei Finals erreicht und uns für die Euroleague qualifiziert", sagte der Manager.

Schon jetzt ist die Vorfreude auf die europäische Königsklasse bei Alba Berlin zu spüren. Obwohl die Belastung für die Berliner wegen mindestens 34 Spielen in der Euroleague nochmals ansteigt, sind sie stolz, bei den ganz Großen mitspielen zu dürfen. Auch wenn das bedeutet, dass der Kader nochmal deutlich verstärkt werden muss. Den Weg der vergangenen Jahre möchten die Verantwortlichen gespickt mit etwas mehr Erfahrung weitergehen. Mit jungen, hungrigen Basketballern offensiven und ansehnlichen Basketball spielen. Der Stil, der bei den Fans schon jetzt so geschätzt ist. Vielleicht gelingt dann auch die Krönung mit einem Titel.

Sendung: Inforadio, 24.06.19, 14:15 Uhr

Beitrag von Jonas Bürgener

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1 Kommentar

  1. 1.

    Da fehlt ALBA eben immer ein Stück ... Allerdings durch einen Sweep zu verlieren ist peinlich.

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