Hertha BSC Fans im Olympiastadion am 18.05.2019. (Quelle: imago/Engler)
Bild: imago/Engler

Umstrittene Datei "Szenekunde Sport" - Gewaltbereitschaft in Berliner Fußballstadien nimmt ab

In der abgelaufenen Saison sind bei Fußballspielen in Berlin ungewöhnlich viele Polizisten verletzt worden. Der zweithöchste Wert seit zehn Jahren. Aber spiegelt das wirklich die Realität? Die Statistik wird nämlich durch einen Hertha-Fanmarsch verzerrt. Von John Hennig

Durch den Aufstieg von Union Berlin in die Fußball-Bundesliga wird es nach sechs Jahren wieder Stadtderbys gegen Hertha BSC geben - und das Anfang November erstmals im Fußball-Oberhaus. Zur Wendezeit galt die Beziehung beider Vereine als innig und von gegenseitigem Interesse geprägt, heute sehen sich Union und Hertha als Konkurrenten, aber obwohl das Verhältnis abgekühlt ist, stehen sich die Fans nicht verfeindet gegenüber. Trotzdem wird es spannend sein, inwiefern die stadtinternen Duelle von Fans und Polizei begleitet und ob sie zu Hochrisikospielen werden.

Mitte Juni wurde eine Meldung veröffentlicht, wonach gewalttätige Fußballfans in der abgelaufenen Saison in Berlin 88 Einsatzkräfte verletzt haben. Das ist die zweithöchste Zahl der vergangenen zehn Jahre, wie aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Tom Schreiber bezüglich gewaltbereiter Fußballfans hervorgeht, die auch dem rbb vorliegt.

75 verletzte Einsatzkräfte bei einem Fanmarsch

Doch der Anstieg in der abgelaufenen Saison ist allein auf das Spiel Hertha BSC gegen Bayer Leverkusen am letzten Bundesliga-Spieltag im Berliner Olympiastadion zurückzuführen, wie die Polizei auf Nachfrage von rbb|24 mitteilte. "Vor dem Spiel fand ein sogenannter Fanmarsch der Berliner Fans statt, bei dem Feuerwerkskörper gezündet und aufgrund der erheblichen Rauchentwicklung 75 Einsatzkräfte verletzt wurden", so die Polizei. Rund 180 Polizistinnen und Polizisten waren an den Einsatzmaßnahmen rund um den sogenannten Fanmarsch beteiligt.

Zumindest "beachtlich" findet der Berliner Fanforscher Jonas Gabler diese Zahl. Er war bei dem Spiel selbst zugegen und hat von dem Fanmarsch im Vorfeld mitbekommen. Derart viele verletzte Einsatzkräfte seien für ihn aber "schwer vorstellbar", zumal es auch keine Polizeimeldung zu dem Fanmarsch oder Berichte über andere verletzte Fans oder Passanten gibt. Der Polizei ist zumindest eine verletzte Teilnehmerin bekannt, die "durch Rauchgase von den abgeschossenen Feuerwerkskörpern verletzt wurde". Weitere Verletztenanzeigen habe es nicht gegeben.

Im Umkehrschluss bedeutet die hohe Zahl an verletzten Einsatzkräfte beim Fanmarsch auch, dass es in der vergangenen Saison 13 verletzte Polizistinnen und Polizisten bei allen anderen Fußballspielen in Berlin gab - nämlich vier bei Hertha und neun bei Union. Das sind weniger als in den vergangenen zehn Jahren, als es - von einem Ausreißer 2014/15 abgesehen - zwischen 15 und 52 verletzte Einsatzkräfte gab. In der Statistik geht es nur um Spiele in Berlin, somit wird etwa die Auswärtspartie von Hertha in Dortmund, bei der es eine heftige Auseinandersetzung von Hertha-Fans mit der Polizei gab, nicht mit erfasst.

In der Ausnahmesaison wurden 151 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz bei Fußballspielen verletzt. Doch damals spielte letztmals die zweite Mannschaft von Union Berlin in der Regionalliga, und damit auch zwei brisante Lokalderbys gegen den BFC Dynamo. Seitdem es immer seltener zu direkten Duellen in einer Liga zwischen den drei großen, zuschauerstarken Berliner Klubs kam, sanken auch die Einträge in der umstrittenen Datei "Szenekunde Sport", die vor 2017 noch "Sportgewalt Berlin" hieß.

1.169 gewaltbereite Fußballfans in Berlin

Demnach sind aktuell noch 1.169 Fußballfans der sogenannten Kategorien B und C erfasst. In der Katgeorie B sind gewaltbereite beziehungsweise gewaltgeneigte Fußballfans aufgeführt, die Kategore C beinhaltet gewaltentschlossene oder gewalttätige Anhänger.

Bei Hertha sind es insgesamt 480 Personen, bei Union noch 390 und beim BFC Dynamo noch 299. Dabei sind die Zahlen tendenziell abnehmend. So waren es 2015 noch insgesamt 1.612 in der Datei erfasste Fußballfans, seitdem sinkt die Zahl kontinuierlich. Auch bei den drei Vereinen wurden in der Vergangenheit schon deutlich mehr Fans den beiden Gewalt-Kategorien zugeordnet. Allerdings bleiben die Zahl der Kategorie C sowohl bei Hertha (50-70) als auch bei Dynamo (100-110) konstant, während sie bei Union sogar steigt und mit 65 Personen höher liegt als in den letzten Jahren.

Alle anderen Vereine - egal ob aus anderen Ligen, Sportarten oder Städten - spielen seit Jahren nur eine untergeordnete Rolle. Dadurch kann die Gesamtzahl der "gewalttätigen Fußballfans" allerdings von der Summe von Hertha, Union und Dynamo abweichen.

Hertha-Fans klagen erfolgreich auf Auskunft zur Gewalt-Datei

Die Dateien zur Gewalt im Fußball, dazu zählt auch die bundesweite Datei "Gewalttäter Sport", sind umstritten. Sowohl Fußballanhänger als auch Fananwälte und -forscher sehen in ihnen willkürliche Datensammlungen, zumal immer wieder Fußballfans nachweisen können, dass sie zu Unrecht in den Dateien landeten. "Es gibt glaubhafte Schilderungen von Fans, dass sie eher zufällig und unbeteiligt Teil einer Gruppe waren, aus der heraus vielleicht auch Straftaten begangen wurden", erzählt Fanforscher Gabler, "und wenn die Polizei keinen klaren Täter benennen konnte und ein Ermittlungsverfahren einleitete, landeten sie dann auch in der Datei." Überhaupt sei die gesamte Datei "nicht ganz transparent", die Zahlen seien "mit Vorsicht zu genießen", so Gabler.

Sogar die Vereine äußerten sich in der Vergangenheit zurückhaltend, wenn es um mögliche Gewalttäter in den eigenen Fanszenen ging, weil sie nicht wüssten, was die Grundlage für die Einordnung durch das Landeskriminalamt sei. Am Donnerstag teilte die Fanhilfe von Hertha BSC mit, dass sie zwei Fans erfolgreich bei einer Klage auf Datenauskunft beim Verwaltungsgericht Berlin unterstützt hat: "Die vom Polizeipräsidenten selbst vorgeschlagene vollständige Kostenübernahme ist ein klares Schuldeingeständnis", teilt sie mit und kündigt weitere Klagen an, "denn der Klageweg ist augenscheinlich für Betroffene die einzige Möglichkeit der Einsichtnahme in diese Datensammlung".

Die Fanhilfe glaubt, dass "diese Datei nicht auf rechtsstaatlichen Füßen steht", will die Löschung der Datei erreichen und nennt einige Verfehlungen: "Missachtung von Auskunftsrechten, falsche Datensätze, verstrichene Löschfristen". Der Berliner Senat teilte Ende 2018 auf eine Anfrage von Linken-Politiker Hakan Tas mit, dass "ein erster Vorstoß auf Fachgremienebene der Ständigen Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder (IMK)" erfolgt sei, um zumindest die Bundesdatei "Gewalttäter Sport" abzuschaffen.

Berlin wird keine Polizeikosten an Vereine weitergeben

In der aktuellen Frage von Tom Schreiber äußert sich der Senat auch zum Urteil des Bundesverfassungsgericht aus dem März 2019, das es den Ländern erlaubt, Polizeikosten bei Fußballspielen teilweise an die Vereine weiterzugeben. Zwar ermögliche das Urteil "grundsätzlich eine gerechtere Lastenverteilung", man sehe das Gerichtsurteil aber "im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit kleinerer Vereine kritisch", heißt es in der Mitteilung. Außerdem sei es wünschenswert ein generelles Urteil zur bundesweiten Inanspruchnahme von Veranstalterinnen und Veranstaltern zu fällen. Also auch Veranstalter abseits von Fußballspielen für Polizeikosten möglicherweise zur Kasse bitten zu können.

Aufgrund dieser Unklarheiten werde das Land Berlin in der nächsten Saison keine Polizeikosten an die Berliner Vereine weiterreichen.

Sendung: wdr sport inside, 12.06.2019, 22.55 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

5 Kommentare

  1. 5.

    Die Polizei hätte ja nicht hingehen müssen.
    1. Wären keine Steuergelder verschwendet worden für deren Einsatz.
    2. Wären sie nicht verletzt worden, wobei das sowas von absurd ist haha. 75 polizisten stehen am Rand und werden vom Rauch verletzt und alle anderen, die direkt beim Rauch sind, die haben keine Verletzung.
    Komisch, wie trump sagen würde: Fake news!

  2. 4.

    Die Überschrift könnte missverstanden werden oder ist zumindest etwas unglücklich formuliert, da die Statistik nicht nur Fälle im Stadion zählt. Immerhin sind ja schon mal 75 der 88 Fälle außerhalb des Stadions geschehen. Interessant zu wissen wäre, wo die weiteren 13 Fälle herkommen und wieviel davon wirklich im Stadion passiert sind. Gewalt mit Verletzten im Stadion ist meinen Erfahrungen zu urteilen de facto nicht vorhanden (mit einzelnen Ausnahmen wie bei Hertha in Dortmund) und ich fühle mich jederzeit sicher im Stadion.

  3. 2.

    Der Beitrag kam ja von uns, aber dort ging es um Vandalismus, nicht um Verletzte. Und im Nachgang gab es eben keine Polizeimeldung.

  4. 1.

    Marsch zum Olympiastadion
    Hertha-Fans verwüsten Theodor-Heuss-Platz
    19.05.19 | 11:12 Uhr

    Vonwegen da ist nichts bekannt und nichts passiert.
    Diese sog. Fans haben durch die Blockierung der Straßen/Plätze beim Marsch zum Olympiastadion ein Verkehrschaos verursacht und Etliche jaben sich völlig daneben benommen. Und sowas nennt sich Fan. Dieses und und das Verhalten im Stadion hat nichts mit Sport zu tun und jeder dadurch Verletzte ist einer zuviel. Och finde nicht, dass der Steuerzahler für diese Kosten aufkommen sollte.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Spieler des Berliner Ak bejubeln einen Sieg gegen Chemnitz in der Saison 2018/19. Bild: imago/Picture Point
imago/Picture Point

Regionalliga-Serie | Berliner AK - "Wir wollen oben mitspielen"

Der Trend spricht für den Berliner AK. In den letzten Jahren arbeitete der Verein sich kontinuierlich an die Ligaspitze heran. So gesehen ist es nicht überraschend, das Trainer und Mannschaft die Meisterschaft als Ziel ausgeben. Von Simon Wenzel

Die Spieler von Union Berlin bejubeln ein Tor im Testspiel gegen Aue. Bild: imago/Contrast
imago/Contrast

1:1 im Testspiel - Union überzeugt eine Halbzeit gegen Aue

Rund einen Monat vor dem Start in die erste Bundesligasaison der Vereinsgeschichte zeigt sich Union Berlin zumindest phasenweise in guter Form. Das Testspiel gegen Zweitligist Erzgebirge Aue endete am Samstagabend mit 1:1 (1:0), aber es gab auch Gewinner.