Eine Anhängerin von Hertha BSC schwenkt eine Fahne bei einem Auswärtsspiel in Bremen (Bild: imago images/Nordphoto)
Audio: Inforadio | 28.06.2019 | Interview mit Henning Vöpel | Bild: imago images/Nordphoto

Interview | Sportökonom zu Hertha-Deal - "Die Fans sind der wichtigste Stakeholder"

Die Rede ist vom größten Finanzdeal der Bundesliga-Geschichte: Hertha BSC verkauft fast die Hälfte seiner Anteile an Finanzinvestor Lars Windhorst. Hinter dem Deal können mehrere Gründe stecken, sagt Sportökonom Henning Vöpel. Das Risiko trägt der Verein.

Hertha BSC verkauft fast die Hälfte seiner Anteile an den Finanzinvestor Lars Windhorst. Der Deal soll zunächst 125 Millionen Euro in die Kassen des Klubs bringen. Möglich ist eventuell sogar noch mehr, vielleicht sogar das Doppelte. Professor Henning Vöpel ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts und Experte für Sportökonomie.

rbb: Herr Vöpel, was könnte das Kalkül eines Lars Windhorst für diesen Deal sein?

Henning Vöpel: Da gibt es verschiedene Motive. Es gibt natürlich den reinen Rendite-Iinvestor, der mit seiner Investition Geld verdienen möchte - was im Fußball schwierig ist. Eine andere Möglichkeit: Fußball ist prädestiniert dafür, dass man über eine solche Investition Aufmerksamkeit bekommt. Vielleicht ist es auch ein sehr persönliches Motiv, weil man Fan ist und die Nähe zum Verein sucht. Es gibt also sehr unterschiedliche Motive. Für die Vereine ist es deshalb sehr wichtig, das Motiv zu kennen, damit man weiß, worauf man sich einlässt.

Haben Sie nach dem, was Sie alles gelesen haben, eine Ahnung, welches Interesse bei Lars Windhorst vorrangig ist?

Das ist schwierig einzuschätzen. Ob die Nähe zum Verein bei Lars Windhorst eine biografische begründete Tradition hat, weiß ich nicht. Ich bin eher skeptisch. Rendite-Investor wäre auch schwierig, weil man im Fußball traditionell relativ wenig wirklich hartes Geld verdienen kann. Alle, die das tun, wollen Aufmerksamkeit, vielleicht für andere Geschäfte. Ich glaube, hier geht es um eine Form von Aufmerksamkeit. Das ist natürlich für den Verein einerseits gut, weil man Geld bekommt. Es ist aber auch schwierig, weil das Motiv ganz wesentlich ist für die Glaubwürdigkeit und für die Belastbarkeit einer solchen Investition.

Sie würden schon sagen: Das Risiko ist für den Verein durchaus da, weil man sich auch in eine gewisse Abhängigkeit begibt?

Ja. Anteile kann man eben nur einmal verkaufen und damit frisches Geld bekommen. Und wir wissen im Fußball, dass das Investitionsrisiko hoch ist. Sie müssen damit zwei, drei Spieler kaufen. Wenn die nicht funktionieren, ist das Geld quasi verbrannt und sie sind die Anteile los. Das heißt, Handlungsspielräume, die man heute nutzt, sind womöglich in Zukunft versperrt. Und es kann sein, dass man sich dann in Abhängigkeit von Personen, aber auch solche finanzieller Art begibt. Ein riskantes Manöver, weil natürlich die anderen Vereine auch etwas tun. Man braucht dieses Geld, aber das Risiko ist hoch, wenn man nicht den erhofften sportlichen Erfolg bekommt.

Um es richtig zu verstehen: Wenn ich 125 Millionen Euro auf der hohen Kante hätte, würde ich das Geld nicht in einen Verein stecken, der vorsichtig ausgedrückt, nicht immer beständig ist. Warum sollte ich diesen Deal eingehen?

Das muss man wirklich hinterfragen. Auch als Verein. Was ist eigentlich das Motiv eines solchen Einstiegs? Natürlich steckt dahinter auch eine Menge Fantasie: Hertha ist ein Hauptstadtklub und da sieht man andere europäische Hauptstädte wie Madrid, Paris und London. Es sind immer Hauptstadtklubs, die ganz gut funktionieren. Aber das Risiko ist hoch. Es kann schief gehen, man begibt sich in Abhängigkeit, wenn man Anteile verkauft und die Handlungsspielräume werden in Zukunft noch geringer. Fußball ist ein volatiles Geschäft. Es gibt keine Garantie dafür, dass sie viel frisches Geld in gute Investitionen umsetzen können.

Deshalb ist aus Ihrer Sicht wahrscheinlich auch die Sorge und Kritik der Fans berechtigt, die sehr kritisch reagieren, weil sie hier einen Ausverkauf des Fußballs befürchten?

Die Kritik ist nachvollziehbar. Es geht - glaube ich - am Ende um Vertrauen in die Person des Investors und die Vereinsführung. Traut man denen zu, nachhaltig eine sportliche Entwicklung anzustoßen. Wenn dieses Vertrauen nicht da ist, hat man sofort das Gefühl, hier findet ein Ausverkauf von Tradition und Identität statt. Diese Ambivalenz ist ein Spagat, den man machen muss und der auch bei Hertha nicht neu oder exklusiv ist. Das gibt es bei allen Vereinen. Da muss man sehr sensibel umgehen, weil natürlich der Fan am Ende wahrscheinlich der wichtigste Stakeholder ist. Der Fan soll auch in zehn Jahren noch wiederkommen und ist nicht in zwei Jahren verschwunden, wie ein möglicher Investor.

Kennen Sie Beispiele, wo so ein Deal für den Verein wirklich was Positives gebracht hat?

Mir fällt ein etwas kontroverses Beispiel ein: Die TSG Hoffenheim und Dietmar Hopp sind am Ende eine relativ glaubwürdige Geschichte. Natürlich ist Hoffenheim ein Retortenverein, aber davon sehen wir auch andere wie Leipzig. Gleichwohl ist die Geschichte von Hopp und Hoffenheim eine, die funktioniert, glaubwürdig und belastbar ist. Aber es gibt natürlich andere Beispiele. Im englischen Fußball gab es auch Einzelpersonen, die eingestiegen sind, es keine Erfolge gab und die Glaubwürdigkeit des Fußballs insgesamt untergraben wurde.

Das Interview mit Henning Vöpel führte Leon Stebe für Inforadio. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung des Gesprächs, das Sie oben im Beitrag im Audio hören können.

Sendung: Inforadio, 28.06.2019, 12:40 Uhr

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