Olympiasieger Sebastian Brendel aus Potsdam. / imago/Sven Simon
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Interview | Kanute Sebastian Brendel - "Ich will zeigen, dass ich nach wie vor der Beste bin"

Es ist bislang nicht die Saison des Sebastian Brendel. Der Kanu-Olympiasieger aus Potsdam sammelte jahrelang scheinbar nach Belieben (Gold-)Medaillen - 2019 stand er noch gar nicht auf dem Podium. Im Interview spricht er über Druck vor den Europaspielen in Minsk.

Ab Dienstag wird der 31-Jährige Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel in Weißrussland um Edelmetall kämpfen. Über Jahre war der Potsdamer der absolute Favorit im Einer-Canadier. Doch in dieser Saison ist das bislang anders. Bei den beiden Weltcuprennen - im polnischen Posen und in Duisburg - landete er in der Einzelkonkurrenz jeweils auf Platz vier. Ein weiterer vierter und ein fünfter Rang kamen im Zweier mit Jan Vandrey hinzu.

rbb|24: Wie schwer ist es für Sie mit dem ungewohnten Gefühl umzugehen, dass in letzter Zeit regelmäßig andere vor Ihnen ins Ziel kommen?

Sebastian Brendel: Die Saison ist natürlich nicht optimal verlaufen. Ich hatte mir das auch anders vorgestellt. Aber so ist der Sport. Ich muss lernen, damit umzugehen. Ich versuche mich natürlich wieder nach vorne zu kämpfen und zu zeigen, dass ich nach wie vor der Beste bin. Und ich bin optimistisch. Das Training im Winter war gut. Jetzt muss ich einfach wieder den richtigen Rhythmus finden - und dann klappt das auch.

Sie haben jahrelang fast immer auf dem Treppchen gestanden. Oft auch ganz oben. Das weckt Erwartungen. In der Öffentlichkeit, in den Medien und - ich vermute mal - auch bei Ihnen selbst. Spürt man dann einen besonderen Druck, wenn es dann mal nicht so läuft?

Ja, natürlich steigt der Druck. Aber es gilt, in diesen Momenten trotzdem gelassen zu bleiben. Ich bin im Training gute Rennen gefahren. Und auch die in den Weltcups waren nicht schlecht. Ich meine, das waren zwei vierte Plätze im A-Finale. Das ist auch noch zu verkraften. Aber mein Anspruch ist ohne Frage, auch ganz vorne zu landen. Ich hoffe, das bei den Europaspielen zeigen zu können.

Damit das funktioniert, finden ja sicherlich laufend Analysen statt. Was haben Sie und Ihr Trainer als Ursachen ausgemacht, dass es noch ein wenig hakt?

(zögert) Die Gegner schlafen nicht. Die bereiten sich genauso auf die Wettkämpfe vor. Im vergangenen Jahr bin ich mit zwei dritten Plätzen im Weltcup gestartet. Das waren nicht meine besten Rennen - wenn auch für den Einstieg ganz in Ordnung. Wie gesagt: Ich habe viel Erfahrung. Die Saison endet erst im Ende August. Und ich gehe davon aus, dass meine Form noch nach oben geht. Und dann muss man schauen, ob die anderen ihr Niveau halten können.

Da habe ich - gleich bei der ersten Quali - nicht mit gerechnet. Ich war ein bisschen überrumpelt, als er an mir vorbeigefahren ist. Das hat vielleicht auch dafür gesorgt, dass ich ein bisschen unruhig geworden bin.

Sebastian Brendel über den jungen Berliner Conrad Scheibner

Es gibt auch innerdeutsche Konkurrenz. Der 22-jährige Berliner Conrad Scheibner ist auf Ihrer Paradestrecke unterwegs - einer der selbst sagt, dass Sie sein Idol sind. Und dieser Jungspund hat sie zu Beginn der Saison geschlagen.

Da habe ich - gleich bei der ersten Qualifikation - nicht mit gerechnet. Ich war auch ein bisschen überrumpelt, als er an mir vorbeigefahren ist. Es war eine neue Situation. Das hat vielleicht auch dafür gesorgt, dass ich ein bisschen unruhig geworden bin und mich in den Weltcups zu sehr auf ihn konzentriert habe, um das innerdeutsche Duell für mich zu entscheiden - um damit auch sicher Richtung Europaspielen und Weltmeisterschaft planen zu können. Es ist einfach mal so gewesen. Ich bin auch ein Mensch. Da passieren Fehler und nicht jeder Tag ist gleich. Aber grundsätzlich ist so ein starker Gegner im eigenen Team gut, der einen auch im Training pusht.

Also ist es auch ein Extra-Reiz, um - bei allen Erfolgen der Vergangenheit - noch einmal einen draufzulegen?

Auch wenn das vielleicht blöd klingt: Es ist international auch wichtig, dass man nicht immer gewinnt - und sich auch mal mit anderen Plätzen begnügen muss, um die Motivation aufrechtzuerhalten. Dann weiß man im Training: Ich will das nächste Mal wieder ganz oben stehen, hole jetzt mal noch ein bisschen mehr raus - und ackere mich da durch.

Das gilt sicherlich auch gerade vor den Europaspielen. Mit was für Ambitionen treten Sie ab Dienstag in Weißrussland an?

Ich will ein gutes Rennen zeigen - und eine Medaille gewinnen. Das ist das Ziel. Ich freue mich auf die Tage. 2015 (Anm. d. Red.: Bei den ersten Europaspielen in Aserbaidschan) haben wir nicht so viel mit bekommen von dem - in Anführungsstrichen - Olympia-Flair, weil wir relativ weit außerhalb waren. Diesmal ist es wohl recht zentral. Wir schlafen auch mit im Athleten-Dorf. Ich denke und hoffe mal, das wird schon eine schöne Zeit.

Die Europaspiele finden zum zweiten Mal statt. Und es gibt immer wieder Diskussionen über den sportlichen Wert der Veranstaltung. Was für eine Bedeutung haben sie in Ihrem Wettkampfkalender?

Für uns ist es nach der Weltmeisterschaft ganz klar der zweitwichtigste Wettkampf in diesem Jahr. Die Rennen in Minsk sind für uns gleichzeitig die Europameisterschaft. Ich freue mich, auch mal nach Weißrussland zu reisen und die Strecke kennenzulernen. Ich war dort noch nie - und bin gespannt, was mich erwartet.

Das Gastgeberland steht durchaus in der Kritik - und die Spiele dort auch, weil sie ihm eine Kulisse geben. Das Regime ist autoritär. Es wird noch die Todesstrafe vollstreckt. Anders als in jedem anderen europäischen Land. Auch ein Boykott war erwogen worden. Wie sehen Sie die Situation?

Von einem Boykott halte ich überhaupt nichts. Ich finde es gut, dass wir dort hinfahren. Auch weil es - wie gesagt - ein wichtiger Wettkampf ist. Natürlich ist es ein Land, das nicht die Werte hat, die wir vielleicht gewohnt sind. Aber ich glaube, man kann das auch nicht einfach von Deutschland auf jedes andere Land überstülpen. Es war ein gutes Zeichen für den Sport, dass Weißrussland eingesprungen ist (Anm. d. Red.: Die Niederlande - eigentlicher Ausrichter - hatten sich aus finanziellen Gründen zurückgezogen). Sonst würde die Veranstaltung wahrscheinlich überhaupt nicht stattfinden. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Johannes Mohren für rbb|24.

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