Von der U15 zur U23: Andreas "Zecke" Neuendorf wechselt bei Hertha BSC die Trainerbank. / imago/Sabine Gudath
Bild: imago/Sabine Gudath

Interview | Herthas U23-Coach Andreas "Zecke" Neuendorf - "Die Jungs wollen schnellstmöglich in die Bundesliga"

Die zweite Mannschaft von Hertha BSC startet am Donnerstag in die Vorbereitung - und das mit neuem Trainer: Andreas "Zecke" Neuendorf beerbt den künftigen Chefcoach Ante Covic. Ein Gespräch über Jugendarbeit, Anerkennung - und den plantschenden Dardai.

rbb|24: Sie kennen die Karrieren Ihrer Vorgänger aus dem Jugendbereich. Deshalb gleich zu Beginn: Wie lange dauert es noch, bis Sie Cheftrainer bei Hertha BSC sind?

Andreas Neuendorf: (lacht) Erst einmal bräuchte ich ja eine Lizenz dafür - den Fußballlehrer. Die habe ich nicht. Da ich dieses Jahr nicht für die Ausbildung angemeldet bin, wäre ich frühestens in zwei Jahren so weit. Und wenn man nach der Statistik geht, ist Pal Dardai als U15-Trainer Chef geworden. Ante Covic kommt aus der U23 auf den Posten. Also wäre als nächstes ein Coach aus der U17 oder U19 dran. Aber Spaß beiseite. Das ist jetzt nullkommanull meine Ambition. Ich bin erst einmal froh, dass wir wieder einen Trainer aus dem eigenen Stall in der Bundesliga haben. Der Verein sagt immer, er wolle nicht nur Spieler, sondern auch Trainer ausbilden. Dem wird er damit wieder gerecht.

Also ist es eine gute Wahl: Eigengewächs statt großer Name?

Ich sitze ja nicht in einem Gremium, in dem das bestimmt wird. Aber Fakt ist: Der Verein hat wieder den Mut, einen aus den eigenen Reihen auf die Bank hinzusetzen. Ante hat über viele Jahre im Verein gezeigt, dass er ein wahrer Herthaner ist. Er war daran beteiligt, den jungen Spielern eine Chance zu geben. Und er lebt für sie.

Er soll dazu beitragen, dass Hertha BSC nun den nächsten Schritt macht. Wie sieht der aus Ihrer Sicht aus?

Es geht darum, den Weg mit den vielen jungen Spielern fortzuführen. Nicht umsonst kriegen wir in den vergangenen Jahren viel Anerkennung dafür, dass wir diese Talente entwickeln. Wenn man sich ihre Marktwerte anschaut, sind die meisten im zweistelligen Millionenbereich. Vor drei, vier Jahren war noch nicht daran zu denken, dass wir mit diesem Weg diese wirtschaftlichen Zahlen erreichen können. Nun geht es darum, dass sie die Erfahrung und die Qualität, die sie haben - die Summen stehen ja nicht umsonst im Raum -, auch auf den Punkt auf den Platz bringen. Vorausgesetzt, der Verein kann sie alle zusammenhalten.

Kommen wir zu Ihnen: Als Ante Covic von der U23 auf den Chefsessel der Profis befördert wurde, war da gleich klar: Zecke wird sein Nachfolger?

Ich mache ja jetzt schon einige Jahre in der Jugend als Ausbilder meinen Job. Der Vorschlag kam aus dem Verein. Wir haben uns darüber unterhalten. Und dann wurde die Entscheidung getroffen, dass ich der geeignetste Kandidat dafür bin - und damit den nächsten Schritt machen soll. Wir haben ja alle keine Verträge, die speziell auf eine Mannschaft zugeschnitten sind. Ich bin Großfeldtrainer - das fängt an bei der U14 und endet eben bei der U23. Wäre es eine andere Konstellation gewesen und Ante wäre nicht Cheftrainer geworden, hätte ich in der nächsten Saison sicher wieder eine Jugendmannschaft trainiert. So gab es viele Verschiebungen. Eben auch bei mir.

Die Jungs haben ein Ziel: Sie wollen schnellstmöglich in die Bundesliga kommen. Und mein Aufgabengebiet ist es, sie dahin zu begleiten.

Andreas "Zecke" Neuendorf

Aber dass der Verein gerade Sie auswählt, muss Ihnen doch auch eine große Wertschätzung zeigen, oder?

Wertschätzung bekommen wir in unserem Ausbilderteam in der Akademie oft genug. Wir sind in regem Austausch. Welche U-Mannschaft ich trainiere, ist mir nicht das Wichtigste. Ich hatte riesige Freude bei der U15 mit vielen internationalen Top-Turnieren. Wir waren sehr erfolgreich. Genauso wie auch in der U17. Ich konnte viele echte Talente begleiten. Die Aufgabe mit der U23 ist jetzt im Männerbereich angesiedelt. Der ist für mich kein unbekanntes Pflaster. Ich habe ja am Ende meiner Karriere auch selbst vier Jahre in der U23 mitgewirkt. Und als Trainer habe ich auch schon den BFC Preussen betreut.

Wie gut kennen Sie Ihr neues Team schon?

Wir haben in unserem Kabinentrakt alle Mannschaften Tür an Tür nebeneinander - und es sind Glastüren. Wir haben einen Gang und einen Hof. Es gibt viele Projekte, in denen alle Teams gemeinsam etwas machen. Man läuft sich also zwangsläufig über den Weg. Die meisten Jungs kenne ich auch persönlich aus den letzten Jugendjahren. Mir sind sie also nicht fremd. Zwar habe ich noch keinen von ihnen selbst trainiert, aber das ist egal. Sie haben ein Ziel: Sie wollen schnellstmöglich in die Bundesliga kommen. Und mein Aufgabengebiet ist es, sie dahin zu begleiten.

Wie groß ist die Vorfreude auf den Trainingsauftakt?

Es ist jetzt keine große Anspannung, dass es endlich losgeht. Wir haben vor ein paar Tagen erst unsere Saison mit der U17 beendet. Jetzt fängt die U23 direkt an. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn das Training erst in zwei Wochen gestartet wäre. Von daher hält sich meine Freude ein bisschen in Grenzen. (lacht)

Worauf kommt es für die jungen Spieler in der Regionalliga Nordost an?

Ich finde die Liga selbst sehr spannend. Da triffst du oft auf Spieler anderer Mannschaften, für die geht es im wahrsten Sinne des Wortes um das Abendbrot für die Familie, wenn sie am Wochenende antreten. Man sieht sich dadurch anderen Mitteln gegenüber. Da geht es nicht so freundlich zu wie im Jugendbereich. Das ist knallhart. Es sind die ersten Erfahrungen im Männersport und ich glaube, dass in der Bundesliga kein so harter Fußball gespielt wird wie in den unteren Ligen. Kameras, Videoschiedsrichter - so etwas gibt es in der Regionalliga alles nicht. Das sind Tatsachenentscheidungen. Und die Jungs müssen daran reifen, was auf dem Platz so alles passiert.

Zur hitzigen Atmosphäre trägt auch bei, dass gleich zehn Mannschaften in der Liga aus Berlin und Brandenburg kommen werden ...

Die Derbys sind für uns natürlich sehr schön. Wir haben dadurch nicht viele lange Fahrten. Aber es wird spannend. Die Jungs, die jetzt bei Viktoria oder beim BAK spielen, waren zum Teil früher im Nachwuchsbereich mal Herthaner. Bei denen gibt es dann auch oft den Gedanken: Jetzt will ich es dem Verein noch einmal zeigen. Für mich ist es spannend, wie meinen Jungs auf dem Platz damit umgehen, wenn sie einem ein, zwei Jahre älteren Spieler gegenüberstehen, der uns verlassen musste. Da kann man dann sehen: Haben wir auf das richtige Pferd gesetzt? Oder tun sich die Jungs schon gegen diese Gegner schwer. Dann sind Zweifel, ob sie es nach ganz oben schaffen, schon berechtigt.

Haben Sie jetzt schon konkrete Ziele mit Blick auf die Platzierung?

Nein, darum geht es weniger. Wir als Verein hatten ja mit der U23 auch noch nie die Ambition zu sagen: Wir wollen unbedingt in die dritte Liga. Für Ausbildungszwecke reicht die Regionalliga Nordost. Das liegt dann auch am Geld, in dem wir nicht schwimmen. Wenn wie im letzten Jahr die U23 eine richtig gute Rolle spielt und Vierter wird, muss man sagen: Da hat vieles gepasst. Einige Spieler davon haben uns schon verlassen und versuchen in anderen Vereinen ihr Glück. Sie hatten oft ein, zwei Jahre Erfahrung. Nun kommen wieder viele junge Spieler. Unser goldener 99er-Jahrgang ist jetzt im zweiten Männerjahr. Und die haben sich sicherlich einiges vorgenommen. 

Sie haben schon betont, dass es für die Spieler vor allem um den Sprung nach oben geht. In die Bundesliga. Wie eng ist da Ihr Austausch mit Ante Covic?

Wir haben alle einen sehr guten Austausch in der Akademie. Wir haben ein Büro, in dem alle Trainer zusammensitzen. Es herrscht eine sehr gute Stimmung. Und mit Blick auf den Bundesliga-Vergleich sind wir mit unserer Nachwuchsarbeit auch sehr erfolgreich. Ich weiß nicht, bei wie vielen Teams so viele junge Spieler dabei sind - und zwar nicht nur mitschwimmen, sondern richtige Spielzeiten haben. Bei uns gilt: Wenn ein jüngerer Spieler genauso stark ist wie ein älterer, bekommt immer der jüngere den Vorzug - weil er einfach mehr Perspektive hat.

Man kann jetzt nicht sagen, dass der Fußball an den Söhnen von Pal Dardai vorbeigegangen ist. Er hat seine Rente sicher.

Andreas "Zecke" Neuendorf

Einer, der in der nächsten Saison nicht mit dabei ist, ist Pal Dardai. Wissen Sie, wie es ihm gerade geht?

Nein, da müssen Sie ihn selbst fragen. Ich weiß, dass er gerade in Ungarn ist und im Plattensee plantscht. Ich glaube, wenn du so viele Jahre aktiv warst - und er ist ja nach der aktiven Zeit direkt in den Trainerjob gegangen - tut ein bisschen Ruhe mal gut. Und man hat ihn ja nicht rausgeschmissen, sondern gesagt: Wir würden gerne mal was Anderes machen. Und: Danke, Pal! Der Abschied war wie sein ganzer Werdegang. Irgendwie schon großartig. Er hat als Trainer und Spieler viel bewegt. Er hat eine sehr, sehr erfolgreiche Hertha-Vergangenheit. Und mit seinen Söhnen wird die fortgeführt. Palko ist bei den Profis. Marton habe ich trainiert - der ist Kapitän der U17-Nationalmannschaft. Und Bence, der Jüngste, hat zwei Teams übersprungen und spielt nächstes Jahr schon U15. Da kann man nicht sagen, dass der Fußball an denen vorbeigegangen ist. Er hat seine Rente sicher. (lacht)

Können Sie sich vorstellen, dass Pal Dardai wirklich nach einem Jahr als Jugendtrainer zu Hertha BSC zurückkehrt?

Ja, warum nicht. Wenn du wirklich von Herzen Trainer bist - und das ist Pal Dardai, so wie ich ihn kennengelernt habe - ist egal, was für eine Mannschaft du trainierst. Denn wenn du es schaffst, Spieler zu begeistern, die dann mit Freude und Leidenschaft rangehen und lernen wollen, ist das ein besonderer Moment - unabhängig von der Liga. Und seine eigenen Söhne sind ja auch noch in der Akademie. Wäre das nicht mehr so, könnte ich mir vorstellen, dass er auch an was Anderes denkt. Aber ich glaube, in der Konstellation wird er erst einmal seine Auszeit genießen und dann ist es nicht ganz unmöglich, dass er wieder im Nachwuchs anfängt. Auch wenn die meisten sagen: Niemals, er geht bestimmt wieder in den Profibereich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Johannes Mohren für rbb|24.

Sendung: rbb UM6, 14.06.2019, 18:15 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren