Fans von Tennis Borussia Berlin. Quelle: imago images
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Video: rbb24 | 01.06.19 | 21:45 Uhr | Friedrich Rößler | Bild: imago images

Fan-Boykott beim Fünftligisten - "Tennis Borussia ist nicht mehr mein Verein"

Da sich Teile der Tennis-Borussia-Fans mit dem Vorstandsvorsitzenden Jens Redlich überworfen haben, haben sie mit ihrer Caravan-of-Love-Tour lieber andere Teams unterstützt. Der Abschluss der Tour am Samstag war friedlich - die Stimmung insgesamt ist es nicht. Von Friedrich Rößler

1. Juni 2019, der erste Sommertag in diesem Jahr. Gegen 12:30 Uhr sammeln sich langsam die aktiven Fans vom Fünftligisten Tennis Borussia Berlin am Eingang der Hans-Rosenthal-Sportanlage in Berlin. Etwas mehr als 60 lila-weiße Fremdgeher finden den Weg zum Rasenplatz, auf dem die bereits abgestiegene U17 von TeBe gegen Hannover 96 in der B-Jugend-Bundesliga spielt. Dieser Teil der TeBe-Fanszene steht normalerweise im Mommsenstadion im Block E - keine 700 Meter entfernt. Eigentlich unterstützen sie die erste Männermannschaft der Borussen - doch die spielen erst einen Tag später.

"Wir haben einen Vorstandsvorsitzenden, der unseren Verein führen möchte, wie ein Unternehmen, wo sein Wort zählt und kein Mitglied ihm reinredet und das ist eine Sache, die wir nicht mitmachen", erklärt Tobias Schulze von TBAF (Tennis Borussia Aktive Fans) die Tatsache, dass die Abteilung mit ihrer kreativen Unterstützung die U17 und nicht die 1. Männermannschaft begleitet.

"Caravan of Love" zog durch ganz Deutschland

"Caravan of Love" nennen sie ihre Boykotttour. Da sich Teile der TeBe-Fanszene nach monatelangen Streitereien mit Jens Redlich, der erst als Hauptsponsor und dann als Vorstandsvorsitzender bei Tennis Borussia agiert, keine Lust mehr hatten, ihrem Herzensverein die Treue zu gewährleisten, entschieden sich diese Fußballfans für einen Exodus. Und so besuchten über 100 Borussenfans am 9. Februar das Kreisligaspiel SG Blau-Weiß Friedrichshain gegen SF Charlottenburg-Wilmersdorf II.

Ein paar Wochen zuvor hatte ein TeBe-Fan in der Berliner Fachzeitschrift Fußball-Woche eine Anzeige geschaltet, in der sich die aktiven Fans von Tennis Borussia anderen Vereinen anboten. Da es reichlich Feedback gab, entwickelte TBAF die Idee der Caravan of Love. Es folgten weitere Ausflüge zu anderen Berliner Fußballvereinen, zum Frauenfußball, zum Tischtennis, zum Wasserball, nach Leipzig, Halle, Hannover oder nach Hessen zum Namensvetter SC Tennis Borussia Rambach.

Ein Verein kämpft mit seinem Investor

An diesem Samstag nun stand mit dem Besuch der eigenen U17 der Abschluss der Tournee an. "Heute ist es schon einfacher als bei anderen Spielen, da wir nicht überlegen müssen, was wir heute singen müssen", freut sich TBAF-Sprecher Schulze. Die Caravan-of-Love-Teilnehmer hatten nämlich für jeden besuchten Verein extra ihre Lieder und Sprüche umgedichtet. Bei den B-Junioren können sie am Samstag endlich wieder "Come on TeBe" und ihre gewohnten Anfeuereungen rufen.

Selbstverständlich geht es diesen Fans aber nicht nur um sich, sondern auch um die Mannschaft, die sie unterstützen. Im Veranstaltungsaufruf auf Facebook schreibt TBAF, dass sie die U17 aufmuntern und sich bedanken wollen. Denn auch die Jugendabteilung hatte in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit dem Hauptsponsor Jens Redlich gemacht. Die Vorwürfe reichen von fehlender Finanzierung bis zu fragwürdigen Personalentscheidungen. Daher stellte sich der Nachwuchs mehrheitlich auf die Seite von TBAF.

"Caravan of Love" hat auch Kritiker

Vorstandsvorsitzende mit finanzstarkem Hintergrund, die einem wirtschaftlichen und sportlichen Aufstieg alles unterordnen, sind im Fußball nichts ungewöhnliches. Auch, dass einige Mitglieder sich gegen Alleingänge stemmen und auf ihre Mitbestimmung pochen. Dass so ein Konflikt aber bei einem Oberligisten derartig eskaliert, gehört schon in die Kategorie Ausnahme. Wie sehr auch die gesamte Fanszene von Tennis Borussia gespalten ist, zeigt sich an folgender Szene: Ein Ordner fragt das rbb-Kamerateam, was dieses denn für einen Beitrag senden möchte. Als er erfährt, dass es um die aktive Fanszene von Tennis Borussia gehe, die heute ihre Caravan-of-Love-Tour abschließe, empört sich der Zwei-Meter-Hühne. Es fällt das Wort "Verräter" und er gibt den Hinweis, dass diese Fans beim letzten Besuch der U19 gegen Erfurt angeblich keinen Eintritt gezahlt hätten. An diesem Tag bezahlt jeder seine vier Euro, teilweise freiwillig sogar mehr.

"Tennis Borussia ist nicht mehr mein Verein"

Das Spiel geht für die U17 gar nicht gut aus - am Ende verlieren die Lila-Weißen mit 1:3 - trotzdem feiert die Mannschaft zusammen mit TBAF einen sonnigen Saisonabschluss. Die Szenerie wirkt schizophren - denn die B-Jugend steigt ab und verliert ihren Trainer, die Fans wissen nicht, ob und wie sie ins heimische Mommsenstadion und zu ihrem Herzensrein zurückkehren können. "Dafür fehlt mir die Phantasie, denn Tennis Borussia ist nicht mehr mein Verein, den ich jahrelang unterstützt habe", konstatiert Tobias Schulze. Ob es nächste Saison wieder eine Boykotttour gebe, wisse man jetzt noch nicht. Und so lange der Vorstandsvorsitzende Jens Redlich weiterhin jede Demokratie im Verein vermissen lasse, werde man nicht zueinander finden. Trotz mehrerer Gesprächsangebote beider Seiten. Sie reden also über-, aber nicht miteinander.

Redlich kritisiert Aufkleber vor seinem Wohnhaus

Jens Redlich bekräftigt bei einem Besuch in seinem Wohnhaus, dass er weiterhin jeden Fan willkommen heiße, der Tennis Borussia im Mommsenstadion anfeuern möchte. Aber aus seiner Sicht habe die Fangruppierung TBAF ein Anspruchsdenken auf den gesamten Verein und verstehe nicht, dass der Verein allen gehöre. "Der operative Bereich, die sportlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse müssen außerhalb der Fanszene organisiert werden und das soll dann auch die Nachhaltigkeit erzeugen."

Aufkleber vor dem Jens Redlich. Quelle: rbb
Beleidigende Aufkleber vor dem Haus von Jens Redlich. | Bild: rbb

Eine Diskussion oder Politisierung im Verein kann Redlich nachvollziehen, wie der Konflikt gelöst werden könne, weiß der Vorstandsvorsitzende auch nicht. "Wenn es ein neues Gesprächsangebot geben sollte, dann muss das TBAF auch adressieren", sagt Redlich. Anschließend verweist er auf die fortschreitende Eskalation der Auseinandersetzung und berichtet von diffamierenden Aufklebern und Schmierereien in der Straße rund um sein Haus. "Das lehne ich ganz klar ab und ich werde mich dazu in den kommenden Tagen äußern, denn das ist eine Thematik, in der man auch in meine Privatsphäre eingreift und das kann ich so nicht stehen lassen." Tatsächlich prangen an Verkehrs- und Straßenschildern Aufkleber mit den Buchstaben "FCK JMS" in einer typischen TeBe-Fan-Optik. Auch vor der Einfahrt Redlichs ist mit einer Schablone diese Botschaft auf den Boden gesprüht worden. Redlich wird von einigen abtrünnigen Fans seit einem umstrittenen Eintrag im Fanforum, den Redlich versehentlich mit "Jems" unterschrieb, höhnisch nur noch so bezeichnet.

Fans distanzieren sich von Vorfall

Tobias Schulze von TBAF bestätigt, dass er diese Aufkleber zwar kenne, aber weder besitze, noch toleriere. Seine Wortwahl sei das nicht, TBAF setze immer auf kreativen und friedvollen Protest. "Wenn der Frust bei Einigen doch weitergeht, kann ich das nachvollziehen, finde das aber trotzdem nicht richtig." Die aktive Borussen-Fanszene distanziert sich auch auf der eigenen Homepage von diesem Vorfall.

"Ein durch derartige Aktionen erzeugtes Bedrohungsgefühl darf kein Mittel einer solchen Auseinandersetzung sein und ist mit unseren Werten nicht vereinbar". Die Caravan-of-Love-Tour ist an diesem Tag friedlich zu Ende gegangen, der Konflikt zwischen Vorstand und Teilen der Fanszene bei Tennis Borussia scheint sich jedoch zu verschärfen. So viel Wirbel bei einem Fünftligisten gehört dann wohl zu einem weiteren Kapitel bewegte Geschichte seit 117 Jahren Tennis Borussia.

Sendung: rbb24, 01.06.19, 21:45 Uhr

Beitrag von Friedrich Rößler

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