Mattias Zachrisson im Spiel gegen die HSG Wetzlar. Quelle: imago/Jan Huebner
Audio: Inforadio | 09.06.19 | 17:15 Uhr | Nikolaus Hillmann | Bild: imago/Jan Huebner

Saisonrückblick | Füchse Berlin - Mit einem blauen Auge nach Europa

Es war eine durchwachsene Saison für die Füchse Berlin. Im nationalen und europäischen Pokal schafften sie es zwar ins Final Four. Doch in der Liga hakte es gewaltig. Nur denkbar knapp schlitterten sie am schlimmsten Szenario vorbei. Von Johannes Mohren

Es ist Bob Hanning kurz nach dem letzten Spiel der Saison anzumerken, wie anstrengend - ja: nervenaufreibend - sie war. Schluss. Aus. Es reicht ihm erst einmal. Daraus versucht der Manager der Füchse Berlin gar keinen Hehl zu machen. "Ich bin jetzt froh, dass die Spielzeit ein Ende hat", sagt er.

Zwar hat sich der Verein auf Rang sechs ins Ziel gerettet und damit erneut für den EHF-Cup qualifiziert, die Zielvorgabe ist gerade so erreicht - aber die Art und Weise stimmt den 51-Jährigen überhaupt nicht zufrieden. Weder an diesem 34. Spieltag, an dem der Hauptstadt-Klub gegen die HSG Wetzlar verliert und Schützenhilfe in den anderen Hallen braucht. Noch an vielen Spieltagen zuvor. "Diese Abschlusspartie ist das absolute Spiegelbild der Bundesliga-Saison. Das war sehr ernüchternd", sagt er.

Doppelt so viele Niederlagen wie letzte Saison

Viel zu viele Spiele habe man verloren. "Ich habe das Gefühl, dass es doppelt so viele sind wie in den vergangenen beiden Jahren." Der Blick in die Statistik bestätigt das: In 15 von 34 Partien gingen die Füchse geschlagen von der Platte. In den Spielzeiten zuvor war das jeweils nur sechs Mal der Fall. Es ist eine Bilanz, mit der die Berliner dem Tabellenmittelfeld deutlich näher sind als der Spitze.

Und damit doch ein ganz beträchtliches Stück entfernt von den eigenen Ambitionen, die nicht zuletzt durch Platz drei in der Vorsaison noch einmal gewachsen waren. Die beiden Final-Four-Teilnahmen in DHB-Pokal und EHF-Cup hübschen die Bilanz zwar durchaus auf, Veränderung kündigt Hanning dennoch an: "Wir können und dürfen nicht zufrieden sein", sagt er - und: "Ein einfaches Mund abputzen wird es sicher nicht geben. Wir werden die Themen aufarbeiten, wie man das von uns kennt."

Bis zu zehn Verletzte

Verletzungspech soll in diesem Prozess nicht als Ausrede herhalten. Dass es eine Rolle gespielt hat - und zwar eine durchaus entscheidende -, ist aber unbestritten. Ein Bild aus dem Herbst hat sich eingeprägt. Zu der Zeit, als andere Teams so richtig Fahrt aufnahmen, saßen bei den Füchsen Männer mit prominenten Namen in Fanclub-Stärke auf den Tribünensitzen direkt hinter der Bank. Meist in schnittigen blauen Anzügen: Fabian Wiede, Paul Drux, Mattias Zachrisson - in der Hochphase fehlten teils zehn Spieler gleichzeitig.

Prominentes Füchse-Lazarett auf der Tribüne. Quelle: imago/Annegret HilseProminentes Füchse-Lazarett auf der Tribüne.

Verschärft hatte sich die ohnehin schwierige Verletztensituation noch durch eine Reise nach Katar. Die Klub-WM in der Hauptstadt Doha kam zur absoluten Unzeit. Es wurde gespielt vor wenigen Zuschauern, aber um jede Menge Geld. Und das brauchten die Berliner nun einmal dringend. Sie waren mit dem teuersten Kader der Vereinsgeschichte in die Saison gestartet. Das kolportierte Minus betrug rund 500.000 Euro. Knapp die Hälfte davon wurde beim Trip in die Wüste durch die Finalteilnahme eingenommen. Er tat dem Konto also zweifellos gut. Der kurzfristigen sportlichen Entwicklung jedoch ganz und gar nicht.

Ein Monat zeigt, was möglich gewesen wäre

Als Zuschauer wider Willen sahen die verletzten Top-Spieler, wie die ganz großen Ziele schon sehr früh aus den Augen gerieten. Zumindest in der Liga. Das konnten auch die vielen Nachwuchsspieler nicht verhindern, die nun voll gefordert waren. Und das, obwohl die jungen Talente durchaus beeindruckten. Fünf Niederlagen hatte das Team von Velimir Petković  im November bereits auf dem Konto - nach nur 13 Spielen. Da war die Saison mit Blick auf das oberste Gefilde eigentlich schon gelaufen, kaum dass sie angefangen hatte. Zum Vergleich: Flensburg und Kiel kassierten in der gesamten Spielzeit weniger Pleiten.

Feiernde Füchse im EHF-Pokal. Quelle: imago/Beautiful Sports
Feiernde Füchse im EHF-Pokal. | Bild: imago/Beautiful Sports

Es war mehr als ärgerlich für die Füchse. Zumal der Dezember zeigte, was unter anderen Umständen in der Saison - Vorsicht: Konjunktiv! - möglich gewesen wäre. Mehr und mehr Spieler kamen da aus dem Lazarett zurück, die blauen Anzugsträger wurden weniger. Es wurde der goldene Monat für die Füchse mit sechs Siegen in sechs Spielen. Die Rhein-Neckar Löwen wurden in einem packenden Kampf im Pokal geschlagen, der bis in die Verlängerung ging. "Das war in der Tat überragend", sagt Hanning. Plötzlich lief es so, wie sie sich das eigentlich von Anfang an - und konstant - vorgestellt hatten. Es zeigte sich, dass die höheren Ziele keine völlige Fehlkalkulation waren.

Körperlich und emotional ausgelaugt

Doch es blieb ein kurzes Hoch, das mit der Weltmeisterschaft jäh endete. Danach war (fast) nichts mehr so, wie es zum Jahresende war. Der Positiv-Trend? Wie weggewischt. Ja, es wurde sogar phasenweise so unbefriedigend, dass es öffentlich zu emotionalen Ausbrüchen kam. "Ich stehe richtig unter Schock. Derzeit schäme ich mich für das, was meine Mannschaft zeigt", brach es aus Coach Velimir Petković, als es Ende März gegen Göppingen eine Heimniederlage gab. Mal wieder.

Ausfluchtsort aus der Tristesse blieben die Pokalwettbewerbe. Als in eben diesen Frühjahrstagen in der Liga wenig bis nichts lief, spielten sich die Berliner im Viertelfinale gegen Hannover-Burgdorf souverän ins Final Four des EHF-Cups. Durch die Gruppenphase waren sie zuvor bereits mit nur einer Niederlage aus sechs Partien als Gruppenerster marschiert. Die Teilnahme am Endspiel-Turnier des nationalen Pokals hatten sie zudem bereits seit Dezember in der Tasche. Und auch, wenn am Ende zwei Mal gegen den THW Kiel Schluss war - einmal im Halbfinale (DHB-Pokal), einmal im Finale (EHF-Cup) - so fällt das Pokal- gänzlich anders aus als das Liga-Fazit: "Da kann man super mit zufrieden sein", sagt Hanning.

Mehr Qualität, mehr Entlastung

Auch weil es gelang, für die K.o.-Spiele letzte Energien zu mobilisieren. Anders als im Dauerbetrieb Bundesliga. Einige Spieler, sagt Hanning, seien ausgelaugt gewesen - physisch, aber auch emotional. Ein Beispiel? Fabian Wiede. Ausgerechnet. Es gibt wohl kaum einen Akteur, von dem das Spiel der Füchse so abhängig ist, wie von dem 25-jährigen Eigengewächs. "Er musste bei uns komplett durchspielen, hatte die WM als absoluten Höhepunkt und hatte dann einfach nicht mehr die Körperlichkeit, um die Akzente zu setzen, die notwendig sind", betont Hanning – und fügt hinzu: "Das ging vielen Spielern. Das ist nachvollziehbar. Da will ich mich schützend vor sie stellen."

Die Veränderungen, um dieses Top-Personal in der nächsten Saison zu entlasten, sind angestoßen - oder schon vollzogen. "Wir haben ein paar Problempositionen gehabt. Das haben wir erkannt und jetzt schon ganz bewusst für Beseitigung gesorgt", sagt Hanning. Auf der rechten Rückraumposition soll Michael Müller helfen, "ein ganz erfahrener, abwehrstarker, knüppelharten Spieler". Der 34-Jährige kommt aus Melsungen.

Bei den Torhütern gibt es gleich zwei Neue. Martin Ziemer von Hannover-Burgdorf - und Dejan Milosavljev. Der 23-Jährige hat gerade erst mit Skopje die Champions League gewonnen. Dass er an die Spree kommt, ist zweifelsohne ein echter Coup. "Wir glauben, so ein deutlich stärkeres Trio auf dieser Position bilden zu können", sagt Hanning. Denn auch bei Heinevetter stünden alle Zeichen auf Verbleib, sagt der Manager. Ein vorzeitiger Abschied des Keepers, der ab 2020 in Melsungen spielen wird? Entgegen vieler Spekulationen und öffentlichen Sticheleien wohl nicht geplant.

Transfer-Aktivitäten abgeschlossen

Damit sind die Transfer-Aktivitäten bereits zum jetzigen Zeitpunkt abgeschlossen. Zumal es mit Simon Ernst ja noch einen Quasi-Neuzugang gibt. Zwar kam der 25-jährige Nationalspieler schon vor einem Jahr aus Gummersbach, machte allerdings wegen eines Kreuzbandrisses noch kein Spiel für die Füchse. "Ich muss noch genügend Geld verdienen, um den Kader zu bezahlen. Weitere Verpflichtungen sind wirtschaftlich nicht denkbar", sagt Hanning. Harakiri werde es nicht geben. Sie wollen das Machbare im Blick behalten. Und natürlich in der Liga dennoch anders auftreten. Diese Saison darf sich - ein paar weniger Verletzte vorausgesetzt - nicht wiederholen. Da ist Hannings Ansage klar. "Sonst können Sie davon ausgehen, dass einige mit mir ein riesiges Problem kriegen würden."

Sendung: Abendschau, 09.06.19, 09.06.19

Beitrag von Johannes Mohren

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