Kristina Vogel eröffnet das Berliner Sechstagerennen 2019 (Quelle: imago/Mario Stiehl)
Audio: Radioeins | 11.07.2019 | Interview mit Kristina Vogel | Bild: imago/Mario Stiehl

Interview | Kristina Vogel zu neuer rbb-Doku - "Ich musste lachen, weinen, lachen, weinen"

Sie war die weltbeste Bahnradsportlerin. Dann - vor gut einem Jahr - verunglückte Kristina Vogel auf der Betonbahn in Cottbus. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl. Über diese Zeit gibt es nun einen Film. Ein Gespräch über das Leben nach dem Unfall - und die Kraft der Fans.

Dieses Interview wurde zur Premiere des Films im Juli 2019 veröffentlicht. Am Mittwoch, den 14.08.2019 um 21:00 Uhr strahlt nun der rbb die Reportage "Aufstehen im Sitzen" über die Radsportlerin Kristina Vogel aus.

rbb: Ich habe gehört, Sie haben die Dokumentation schon mit Freunden und Ihrer Familie gesehen. Wie fanden Sie das Ergebnis denn?

Kristina Vogel: Ja, am Montag habe ich es sehen dürfen. Ich musste lachen, weinen, lachen, weinen. Es war sehr emotional. Man konnte das Jahr wieder Revue passieren lassen - und im Kopf immer so ein, zwei Momente durchgehen. Ich bin ganz, ganz happy, dass der Film so toll geworden ist und ich das auch meiner Familie mal ein Stück weit zeigen konnte.

Gut ein Jahr liegt der schwere Unfall zurück. Wie haben sie die Zeit seither erlebt?

Es war hektisch und ruhig zugleich. Irgendwie auf das Wesentliche konzentrierend. Man muss es ja ein bisschen teilen in das erste halbe Jahr, in dem ich ja nicht viel Anteil am öffentlichen Leben hatte, aber mein Körper ganz viel arbeiten musste, damit ich überlebe und wieder ins Leben finden kann. Danach ist mein Terminkalender explodiert. Es ist viel los. Ich kann rumreisen, meine Geschichte erzählen und Leute motivieren. Das macht unheimlich Spaß. Ich habe vielleicht hier und da wieder ein bisschen zu mir selbst gefunden und mich andererseits auch anders neu kennenlernen können, wenn ich fernab vom Leistungssport bin.

Wenn ich mal einen schlechten Moment habe, lese ich mir die ganzen Kommentare und Briefe durch und dann geht es mir gleich viel besser.

Sie hatten ja schon einmal einen schweren Unfall. 2009 wurden Sie beim Training von einem Auto angefahren. Sie haben sich dann wieder zurück ins Leben gekämpft und auch ein unglaubliches Comeback hingelegt. Woher nehmen Sie diesen unfassbaren Willen?

Das ist eine Frage, die ich wirklich nicht beantworten kann. Ich weiß es gar nicht. Ich will halt nicht, dass es mir schlecht geht. Und ich habe als Leistungssportler schnell gelernt, dass man viel investieren muss, wenn man ein gutes Ergebnis haben möchte. Dazu kommt auch, dass ich mir ein ganz gutes Umfeld geschaffen habe. Ich habe Freunde, Familie, meinen Lebensgefährten, die Bundespolizei, meinen sehr guten Freund und Manager Jörg Werner, der mir Tag für Tag den Rücken freiboxt. Sie fangen mich auf, wenn es nötig ist. Bremsen mich, wenn es nötig ist. Und hier und da auch mal meine Beine spielen, wenn ich sie halt nicht benutzen kann, aber eben bräuchte.

Es hat uns erstaunt und fast mitgenommen, als wir gehört haben, dass Sie sich einige Zeit nach dem Unfall mit den Nachrichten der Fans auseinandergesetzt haben. Mit Briefen und bei Social Media. Wie war das für Sie?

Ich weiß gar nicht, warum das erstaunlich ist. Ich habe halt eine Fanbase und bin ganz stolz auf die. Ich freue mich total sie zu haben. Wenn ich mal einen schlechten Moment habe, lese ich mir die ganzen Kommentare und Briefe durch und dann geht es mir gleich viel besser. Weil ich weiß, dass ich nicht für mich alleine kämpfe, sondern für uns alle. Es ist schön, dass ich auch mal Themen publizieren kann, die nicht so berühmt sind und vielleicht ein paar Follower kosten, aber auch heiß diskutiert werden und meine Fans und Freunde da einfach ins Gespräch einsteigen. Das macht mich froh. Man merkt, dass hinter jedem Klick, Like und Kommentar halt auch echte Menschen stecken.

Sie haben vor Kurzem gesagt: "Ich werde mehr von anderen behindert, als dass ich mich selbst behindere." Wie meinen Sie das?

Es liegt einfach an Bordsteinkanten, die zu hoch sind. Treppen, die da sind - ohne Fahrstühle. Ich bin halt einfach an so viele Sachen gebunden, die ich nicht entscheiden kann, aber die mein Leben beeinflussen. Sei es, dass ich Zug fahren möchte und die Frage ist, ob es genug Personal gibt, um mich in Empfang zu nehmen. Dass Leute auf Behindertenparkplätzen parken. Dass man denkt, man kann mich direkt anfassen, nur weil ich im Rollstuhl sitze. Oder dass ich einfach gedutzt werde. Ich bin total sportlich im Du. Aber manchmal ist das einfach ein Eingriff in die Intimsphäre. Viele haben vielleicht Angst. Sie wissen nicht, wie man mit mir umgehen soll und probieren es dann halt extra kumpelhaft.

Im August gibt es für Sie einen wichtigen Termin. Da feiern Sie Ihr Comeback als Bahnrad-Expertin im ZDF. Aufgeregt deswegen?

Nein, gar nicht. Ich durfte das ja schon einmal testen. Ich habe die Bahnrad-WM für den Weltverband kommentiert. Drei oder vier Tage lang auf Englisch. Auf Deutsch ist es also meine Premiere. Ich habe den Sport 18 Jahre lang gemacht. Ich bilde mir schon ein, dass ich ein bisschen Ahnung habe, was da auf der Radrennbahn passiert. Ich freue mich, dass ich den Zuschauern mit fundiertem Fachwissen erklären darf, warum ich diese Sportart liebe und dafür immer noch brenne. Hoffentlich springt da auch ein Funke über.

Dafür wünschen wir viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Max Spallek für Radioeins. Bei diesem Text handelt sich um eine redigierte Version. Das ganze Gespräch können Sie auch mit einem Klick auf den Playbutton im Titelbild nachhören.

Sendedatum der rbb-Doku "Aufstehen im Sitzen - Bahnradkönigin Kristina Vogel startet neu" : Samstag, 13.07.2019 ab 17:45 Uhr im Ersten. 

Sendung: radioeins, 11.07.2019, 17:10 Uhr

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6 Kommentare

  1. 6.

    Ich kannte CV vor ihrem Unfall gar nicht - schändlich! Wie könnte mir so eine tolle Sportlerin entgehen? Jemand mit so viel im Kopf, so viel Ausstrahlung, Wahnsinn. So wird man erst nach der Radkarriere zum Fan :-) das will ja auch was heißen... Viel Erfolg bei der 2. Karriere!

  2. 5.

    Beiträge mit Link wurden leider nicht freigeschaltet, aber gehen Sie mal unter sportschau.de und von da gehts zur Mediathek. War jedenfalls heute morgen so.

  3. 4.

    Lieber Chris,

    die Dokumentation gibt es auch in der Mediathek zum Nachschauen. Hier der Link:

    https://www.sportschau.de/weitere/radsport/video-dokumentation---aufstehen-im-sitzen-kristina-vogel-startet-neu-100.html

    Liebe Grüße,
    rbb|24

  4. 3.

    Leider habe ich die Dokumentation verpasst. Gibt es diese in der Mediathek zu sehen? Ein Link wäre toll - ich komme seit der Neugestaltung der Mediathek nicht mehr damit klar. Vielen Dank im Voraus

  5. 2.

    Tolles Interview einer talentierten, tollen Frau! Da ich Radsportfan bin war das heute in Muss für mich - sehr bewegend. Alles Gute aus Eberswalde!

  6. 1.

    Eine sehr kluge, sehr mutige und vor allem kraftvolle Persönlichkeit. Ich wünsche für ihren weiteren Lebensweg alles erdenklich Gute. Ich werde mir diese Dokumentation sehr gerne anschauen.

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