Henning Harnisch im Gespräch mit Radio Eins. (Quelle: imago images/Seeliger)
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Interview | Alba-Vizepräsident Henning Harnisch vor der WM - "Da will man keine Ego-Shooter oder Idioten haben"

Wenn am 31. August die Basketball-WM in China startet, schaut Alba-Berlin-Legende Henning Harnisch genau hin. Der Ex-Nationalspieler ist China-Botschafter der Berliner. Ein Interview von Uri Zahavi über den Wunsch jedes Nationaltrainers und den tiefsten deutschen Kader aller Zeiten.

rbb|24: Herr Harnisch, ab Ende August findet die Basketball-WM in China statt. Sie kennen sich im Reich der Mitte aus, sind China-Botschafter bei Alba. Was hat Basketball für einen Stellenwert in China?

Henning Harnisch: Basketball ist in China der mit Abstand populärste Sport - das wissen viele Leute, die selbst noch nie da waren, gar nicht. Es ist unglaublich, wie viele Menschen Basketball spielen und lieben. Die Leidenschaft für den Sport ist einfach überragend. Das ist weltweit, würde ich denken, einzigartig. Wenn man auf die großen Universitäten, wie beispielsweise in Shanghai schaut, dann gibt es da 20 Basketballfelder im Freien. Da spielen Studentinnen und Studenten Tag und Nacht Basketball – teilweise gar nicht unbedingt in Sportsachen. Das zeigt die Leidenschaft.

Woran, glauben Sie, liegt das?

Daran hat sicher Yao Ming im wahrsten Wortsinn großen Anteil. (Anm. d. Red.: Der Ex-NBA-Star ist 2,29 Meter groß.) Er hat mit seinem Engagement in der NBA den Traum vieler Chinesen gelebt. Und er hat triumphiert. Die NBA ist aber insgesamt wahnsinnig präsent in China. Der Basketball ist vor allem in China auch immer ein Mittel des Austauschs -  das haben wir auch bei Alba Berlin erkannt. 

In Hong Kong herrscht gerade eine politische Krise – der Vorrunden-Spielort der Deutschen, Shenzhen, ist nicht weit entfernt. Beschäftigt Sie das – oder anders,  sollte das auch den Basketball-Weltverband FIBA beschäftigen?

Uns beschäftigt das alles als denkende Bürger und Menschen, natürlich. Gleichzeitig ist es aber nicht so, dass wir aus diesem Grund nicht hinfahren würden. Man sollte im Sport, wie auch sonst, einfach ständig im Austausch bleiben.

Was trauen Sie der deutschen Mannschaft bei der WM zu?

Generell muss man sagen, dass es wohl noch nie eine deutsche Mannschaft mit so viel Tiefe gab. Wir haben so viele gute Spieler, die Erfahrung und hohes Niveau haben. Außerdem mit Dennis Schröder einen sehr dominanten Aufbauspieler. Ich glaube, dass die Deutschen eine gute Chance haben, unter die ersten Acht zu kommen. Und dann greifen die ersten Sportler-Floskeln: Ab dann ist alles möglich.

Wer sind für Sie die Top-Favoriten?

Das müssten eigentlich die USA sein. Bei denen haben aber viele gute Spieler abgesagt. Trotzdem traue ich ihnen, auch wegen ihres tollen Trainers (Anm. d. Red.: Gregg Popovich), sehr viel zu. Mein Top-Favorit ist aber Serbien. Auch Australien, Litauen und Spanien haben gute Teams.  

Zwei Albatrosse haben es in den fast endgültigen Kader von Henrik Rödl geschafft: Niels Giffey und Johannes Thiemann. Was für eine Rolle können die beiden spielen?

Zunächst ist so eine WM für jeden Basketballspieler ein echtes Highlight. Daher freut es mich enorm für die beiden. Sie haben es sich verdient und unter Alba-Coach Aito Reneses nochmal einen Riesenschritt gemacht. So unterschiedlich sie sind, haben die beiden doch einen gleichen Kern: Sie sind Mannschaftsspieler. Gute Charaktere. Das ist genau das, was ein Bundestrainer bei solch einem Turnier braucht. Da will man keine Ego-Shooter oder Idioten haben. Sondern Jungs, die verstehen, worum es im Mannschaftssport geht. Sportlich sind Giffey und Thiemann vielleicht nicht sofort die Auffälligsten, können aber im Verlaufe des Turniers immer wichtiger werden.

Johannes Thiemann gilt als einer der Wackelkandidaten in Henrik Rödls Aufgebot. Der Bundestrainer und Sie haben in den 90ern lange zusammengespielt. Hat er Ihnen dahingehend etwas verraten?

Genau, ich telefoniere alle Viertelstunde mit ihm und frage nach Updates (lacht). Nein, ich weiß nichts. Ich bin mir aber ziemlich sicher und hoffe es natürlich auch, dass Johannes drin bleibt.

So ein großes Turnier ist aufregend, aber auch sehr anstrengend – wird es für die Jungs daher eine härtere Saison?

Wenn es gut läuft und man selbst eine gute Rolle spielt, dann nimmt man viel Schwung mit in die Saison. Aber die Spieler haben mit der WM quasi noch eine Saison vor der regulären Saison – das ist natürlich zäh. Aber das wissen die Trainer. Daher müssen die WM-Fahrer nach dem Turnier einfach einen Moment länger Ruhe bekommen.

Kurz noch ein anderes Thema: Alba spielt erstmals seit der Saison 2014/15 wieder Euroleague und feiert in dieser Spielzeit 30-jähriges Bestehen. Wird das eine besondere Saison?

Das ist sehr aufregend. 30 Jahre Alba ist ja auch witzigerweise 30 Jahre Mauerfall. Wir leben in einer sich verändernden Stadt und wir spielen mit unserem Verein da eine Rolle. Das Profiteam kennen eigentlich alle. Und in der Euroleague wird es echte Highlights geben: Gegen Real Madrid, gegen Barcelona, gegen ZSKA Moskau oder Fenerbahce Istanbul – da schnalzen alle mit der Zunge. Aber wir arbeiten eben auch im Alltag mit Kindergärten und Grundschulen zusammen, um den Einstieg in den Sport zu erleichtern. Diese Kombination aus Spitzensport und diesen Kooperationen – dafür erhalten wir viel Wertschätzung.

Alba ist vergangene Spielzeit Vizemeister geworden und im Finale mal wieder an den Bayern gescheitert. Die haben erneut viel investiert. Kann Alba da noch mithalten?

Ich glaube, was man auch dieses Jahr sehen wird: Es ist nicht automatisch die Mannschaft besser, die mehr Geld hat. Das wird wieder eine enge Kiste. Aber so oft wie wir jetzt Zweiter geworden sind – vielleicht sind wir dieses Jahr mal dran Erster zu werden. Verstehen Sie mich nicht falsch: Zweiter zu werden ist ein tolles Ergebnis. Im Sport geht es aber ja oft immer nur darum zu schreien: "Erster, Erster, Erster!" Es wird aber ein sehr langes Jahr mit so vielen Spielen, das ist irre weit weg. Wie nochmal ein ganzes Leben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Uri Zahavi für rbb|24.

 

Sendung: rbb um6, 23.08.2019, 18.00 Uhr

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