Union-Fans halten bei der Bundesliga-Premiere Plakate hoch (Quelle: imago images / opokupix)
Video: Abendschau | 19.08.2019 | Bild: imago images / opokupix

Bundesliga-Premiere von Union Berlin - "Urst geil!" - außer auf dem Rasen

0:4 gegen RB Leipzig: Union Berlin ist gleich am ersten Spieltag unsanft in der Realität der Bundesliga angekommen. Die Fans feierten trotzdem - an einem Abend, der eine Huldigung an die Emotionalität des Fußballs war. Von Johannes Mohren

Nein, so richtig passte es nicht zusammen. Zumindest auf den ersten Blick. Da waren die Fans in der Alten Försterei, die noch mehrere Minuten nach Schlusspfiff eine Akustik erzeugten, die andere Stadien - wenn überhaupt - nur nach Siegen kennen. Und gleichzeitig das Ergebnis auf der Anzeigentafel: Union null, Leipzig vier. Unmissverständlich in schwarz auf weiß.

Das hatte mit einem sportlichen Erfolg an diesem Sonntagabend doch sehr wenig zu tun. "Das ist die Landung auf dem Boden, dem kalten Boden", sagte Trainer Urs Fischer, als er durchnässt vom Regen nach der Bundesliga-Premiere der Köpenicker im Stadioninneren vor die Kameras trat. Schweizerisch nüchtern. Und - fußballerisch betrachtet - ziemlich treffend.

"Herzlich willkommen in der Bundesliga"

Die Spieler - geknickt und doch gefeiert vor den rot-weißen Rängen - waren das Schlussbild eines Abends, der von eben diesen Momenten lebte. Von den Emotionen, die so vielfältig wie wuchtig waren, dass es wohl einige Zeit brauchen wird, sie zu ordnen. "Herzlich willkommen, 1. FC Union, willkommen in der Bundesliga", hatte Stadionsprecher Christian Arbeit gut zwei Stunden zuvor ins Mikrofon gerufen, ja geschrien.

Genau 17:39 Uhr zeigte die Stadionuhr in diesem Moment. Noch 21 Minuten bis zum Anpfiff. Die Mannschaften absolvierten ihre letzten Aufwärm-Übungen. Der Jubel, der aufbrandete, ließ bereits erahnen, was für eine zusätzliche Kraft an diesem Abend in diesem Stadion steckt, das ohnehin und immer davor strotzt. Ende Mai hatten die Fans den Aufstieg gefeiert. Knapp drei Monate waren seitdem vergangenen. Zeit, um auf dieses erste Spiel hinzufiebern. Vorfreude und Anspannung hatten sich angestaut.

"Ich will gar nicht darüber sprechen, mir ist ein bisschen übel."

"Ich bin sehr aufgeregt. Es kribbelt doch ein bisschen im Bauch."

Nun war er da. Der Moment, von dem sie alle geträumt hatten, von dem sie alle Vorstellungen hatten. Und der sich nun so real und so körperlich anfühlte.

Erst Tränen, dann Schweigen

Dass sich die Andersartigkeit des Vereins auch in der Premiere zeigen würde, war lange klar, bevor sich am Sonntag die Stadiontore öffneten. Schon kurz vor 18 Uhr flossen Tränen auf den Tribünen. Als Nina Hagen ansetzte und die Hymne der Köpenicker ertönte, wurden Porträts in die Höhe gereckt. Im ganzen Stadion verteilt. Abbilder auf 70 mal 70 Zentimetern - allesamt von Verstorbenen, die diesen historischen Moment nicht mehr miterleben konnten und so dennoch dabei waren. 455 Plakate waren es am Ende. Und als Mitte der zweiten Halbzeit die offizielle Zuschauerzahl verkündet wurde, erschien eine 22.467 auf der Anzeigetafel. 22.467 Menschen? Es waren so viele wie noch nie - und damit mehr, als die eigentliche Kapazität der Alten Försterei es erlaubt. Konkret: 22.012 plus eben diese 455 verstorbenen Unioner. Spürbar da für ihre Angehörigen. Und somit vom Verein auch aufgenommen in die Statistik. 

Die Zuschauerzahl im Stadion An der Alten Försterei beim Bundesliga-Debüt gegen Leipzig (Quelle: imago images / Matthias Koch)
Die Zuschauerzahl, 455 verstorbene Anhänger eingerechnet. | Bild: imago images / Matthias Koch

Um 18:01 Uhr erlebte die Partie dann den ersten Anpfiff. Und alles schwieg. Bis auf der Leipziger Block. Der Stimmungsboykott gegen die als Kommerzprodukt verschrienen Gäste - das Thema seit der Ankündigung durch die Ultra-Gruppierung "Wuhlesyndikat 2002" am vergangenen Freitag - wurde durchgezogen. Getragen vom gesamten Publikum. Ein Raunen hier, ein Klatschen da. Mehr passierte nicht. Bis 18:16 Uhr. 

10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 ...

Und die Alte Försterei explodierte förmlich. Es war nun ohrenbetäubend. So laut, dass es im Stadion so wirkte, als müsse diese Stimmung noch kilometerweit über dessen Tribünen hinaus in ganz Köpenick, ja in ganz Berlin zu hören sein. Alles sollte raus. Alles musste raus. Jetzt. Da störte es nicht einmal wirklich, dass Marcel Halstenberg sich von diesem akustischen Paukenschlag unbeeindruckt zeigte. Sekunden, nachdem das Toben auf den Rängen begann, zirkelte er den Ball aus rund 16 Metern zum 1:0 für die Leipziger in den rechten Torwinkel. Die Stimmung blieb. Nun sangen die Rot-Weißen. Und klatschten. Und hüpften. Unbeirrbar.

Leipzig meist zu schnell

Dennoch gehört das, was sich daraufhin sportlich entwickelte, unweigerlich auch zu der Premiere. Und das war durchaus ernüchternd. "Wir haben gesehen, dass der Hase anders läuft", sagte Grischa Prömel - und: "Wir sind sicherlich nicht in die Bundesliga gekommen, um uns jede Woche abschlachten zu lassen." Es waren drastische Worte. Und doch kam das, was in diesen ersten neunzig Bundesliga-Minuten von Union Berlin geschah, genau dem nahe. Es war fast egal, was Leipzig tat, die Köpenicker waren einen, nein meist mehrere Schritte zu spät.

Eindrücke vom ersten Bundesliga-Spieltag der "Eisernen"

Waren die Fans erstklassig, so war es die Leistung auf dem Platz oftmals nicht. Am offensichtlichsten wurde das zwischen der 16. und 45. Minute. Auf Halstenberg folgten Marcel Sabitzer (28.) und Timo Werner (43.). Und bei aller Qualität, mit der der Champions-League-Teilnehmer agierte, war es vor allem auch der Aufsteiger selbst, der es den Leipzigern ermöglichte, den sportlichen Teil der Party im Eiltempo zu crashen. "Wir haben in der ersten Hälfte zu viele Geschenke verteilt", sagte Urs Fischer. Das Defensiv-Bollwerk der zweiten Liga stand den turboartigen Balleroberungen und Kombinationen der Gäste nicht selten eher hilflos gegenüber. "Wenn du solche Fehler machst und 3:0 zurückliegst, wird es unheimlich schwierig."

Wir haben gesehen, dass der Hase anders läuft. Wir sind sicherlich nicht in die Bundesliga gekommen, um uns jede Woche abschlachten zu lassen.

Grischa Prömel

Intensität fehlt auf dem Platz

Die Intensität, mit der die Fans auf den Rängen ab der 16. Minute dieses Spiel gestalteten, fehlte auf dem Platz. "Wir haben ein bisschen das Zweikampfverhalten vermissen lassen", sagte Grischa Prömel. Christopher Nkunku traf schließlich Mitte der zweiten Halbzeit zum 4:0-Endstand, mit dem die Köpenicker noch wahrlich gut bedient waren.

Auf der Waldseite war dennoch - angelehnt an den Trainer - zu lesen: "Union nach 30 Jahren wieder erstklassig? Urst geil!" Es wurde weitergefeiert. So stark im Kollektiv, wie die Defensive der Unioner auf dem Platz hätte sein müssen, um den Gästen Paroli zu bieten. Die Unterstützung von den Rängen imponierte den Spielern mehr, als dass sie sie verwunderte. "Sehr, sehr gut. Man kennt unsere Fans und weiß, dass sie immer hinter uns stehen", sagte Christopher Trimmel. Ihre Gesänge schallten da noch im Hintergrund. 

Unsere Liebe, unsere Mannschaft, unser Stolz, unser Verein - Union Berlin!

Jetzt in der Bundesliga. Mit erstklassigen Fans. Und einer Mannschaft, die noch 33 Spieltage Zeit hat zu beweisen, dass sie es auch ist.

Sendung: rbb24, 18.08.2019, 21:45 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

Kommentar

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32 Kommentare

  1. 32.

    Ich komme aus dem Osten und stehe auf Union und Hertha. Am liebsten würde ich mir einen rot-blau-weißen Schal umlegen. Bin ich jetzt ein schlechter Mensch? Urst wurde im Osten schon lange vor Urs benutzt. Aber ich finde es ein geniales Wortspiel, welches mir, ehrlich gesagt, vorher nicht aufgefallen ist.

  2. 30.

    Der Boykott ist nach hinten losgegangen,lasst diesen Unfug in Zukunft,denn jetzt gibs vs. den FCA die nächste Klatsche

  3. 29.

    Lassen Sie es einfach gut sein. Von wegen eisern, eher mimosenhaft die Fans. Sollen die machen was die wollen. Bekommen schon viel zu viel Aufmerksamkeit im rbb. Aber Frischlinge sind eben immer zum Anfang „niedlich“. Vergeht schnell, wenn Union im Alltag der Bundesliga angekommen ist.

  4. 28.

    Sie selbst sind doch der Auslöser. Fast die Hälfte aller Kommentare sind von Leuten, die es ohnehin mit der alten Dame halten. Das ist ja auch in Ordnung. Aber wenn man selbst so viele Baustellen hat, warum muss man dann ständig Union Artikel negativ kommentieren.....?
    Versucht doch einfach mal den eigenen Verein attraktiv zu machen. Der Zuschauerschnitt ist für einen selbsternannten Hauptstadtclub schon beängstigend!

  5. 27.

    Dieses Zitat trifft es wirklich !
    Auf jedes Wochenende freut man sich,und wenn der „eigene“ Verein gewinnt ,ist alles easy und die Laune gut.
    Dafür gibts diesen tollen Mannschaftssport,dem wir (fast alle) an jedem Spieltag huldigen...um es mal pathetisch zu sagen.Und das ist gut so.
    Ich bin gespannt,was hier am 2.-3.11. abgeht.Denn da ist Hauptstadt-Derby-WE.
    2011 war ich live im Olympiastadion dabei...Das wohl bestbesuchte Zweitligaderby aller Zeiten.
    Union gewann 2:1 dank eines überragenden Torsten Mattuschka.Überragend war auch die Stimmung im Olympiastadion....

  6. 26.

    Mit schönen Frauen ist es wie mit Fußball. Man freut sich auf ein schönes Wochenende und wird maßlos enttäuscht.
    Francesco Totti

  7. 25.

    Sie sind ja schnell bei der Hand damit mir das Verständnis abzusprechen und durch die Blume wollen Sie mir auch noch den Mund verbieten. Das sagt wenig über Union und den Boykott aus, aber viel über Sie.

  8. 24.

    Klasse, wie die Unioner sich hier rechtfertigen. Und um sich „schlagen“. Offenbar schmerzt die Kritik. Wohl doch etwas unzufrieden mit der Niederlage. Dafür können andere aber nichts. Union ist nicht bundesligatauglich. Sind ja auch nur mit Ach und Krach aufgestiegen.

  9. 23.

    ich weiß zwar nicht, wie Du mit Fußball oder welcher Mannschaft in Verbindung stehst, aber Du hast keine Ahnung von unserem Verein und Loyalität. Wer bei unserer Aktion von "der Mannschaft in den Rücken fallen" spricht, hat so gar nichts verstanden und sollte hier auch nicht darüber urteilen.

  10. 22.

    WAS SOLL schon wieder der Hieb auf Hertha?! Hört auf damit. Was hat man Euch nur angetan?! So lansam kann ich diese Selbstbeweihräucherung nicht mehr hören. Fehlt nur noch das nervige Lied "wir haben unser Stadion mit eigenen Händen". KOTZ

    UNVSU

  11. 21.

    Nicht nur Ihr Eindruck. Meiner auch. Eventuell steht bei Union ja der Fußball insoweit im Hintergrund, als Leistung egal ist und das Vereinsleben ausreicht. Aber das ist für die Bundesliga zu wenig. Und man sollte jeden (!) Gegner respektieren, RB ist international dabei; die Mannschaft spielt attraktiven Fußball.

  12. 20.

    Nehmen Sie es bitte nicht persönlich, aber wären Sie gestern im Stadion gewesen hätten Sie es wohl verstanden. Unsere Spieler wissen, daß ihnen die Fans nie in den Rücken fallen. Stimmungsboikott ging sicherlich nicht gg.die eigene Manschaft. Die wurde trotz Klatsche noch 15 min.nach dem Spiel gefeiert. Der Gästetrainer selbst bezeichnete die Stimmung im Stadion als überragend!

  13. 19.

    Ein schöner Artikel, habe ihn gerne und mit Genuss gelesen.

    Und dass Zugezogene das Wort "urst" nicht kennen - so ist das halt mit Dialekt. In Köpenick jedenfalls versteht es jeder.

  14. 18.

    Immernoch nicht verstanden? OMG... Protest gegen RBL heißt wohl kaum, der eigenen Mannschaft die Unterstützung zu verweigern.

  15. 17.

    Schon interessant die Kommentare zu lesen, bei mir entsteht der Eindruck, als würde bei Union Fans keine andere Meinung geduldet zu werden, wenn es um ihr Heiligtum Union geht.

  16. 16.

    Ist halt ein DDR Wort und im Ostteil Berlins noch verbreitet. Ansonsten nicht in Gebrauch, wo ich bin

  17. 15.

    Urst soll schon eine Assoziation zum Vornamen des Union-Trainers sein... Gleichzeitig spielerisch mit der Stimmung im Stadion umgehen... Gelungen, danke RBB... Ihr seid urst geil

  18. 14.

    Und weil Ihr euren Verein so liebt verweigert Ihr im 15 Minuten Unterstützung? Merkt Ihr selber, gell?

  19. 13.

    Nö nö:“Urst“ bedeutet soviel wie sehr oder toll oder gewaltig....
    Mit dem Trainervornamen hat es absolut nichts zu tun.

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