Gerhard Klahn - bis vor kurzem ältester aktiver Schiedsrichter im Berliner Fußball-Verband. / privat
Audio: Inforadio | Jakob Rüger | 12.08.2019 | Bild: privat

Porträt | Gerhard Klahn, 70 Jahre an der Pfeife - "Herr Schiedsrichter, das haben Sie gut gemacht!"

Gerhard Klahn hat 70 Jahre seines Lebens auf dem Fußballplatz verbracht - nicht als Fußballer, sondern als Schiedsrichter. Bis vor Kurzem war er der älteste aktive Schiri im Berliner Fußball-Verband. Die Geschichte einer großen Leidenschaft. Von Svea von Popowski

Gerhard Klahn sitzt auf einer Bank vor seinem Vereinsheim - dem des SSV Köpenick. Der 86-Jährige trägt ein dunkelblaues Poloshirt und eine kurze Hose. In der Hand eine Tasche, voll mit Urkunden, Ausweisen und Berichten. Sein Blick schweift über das Gelände. Vereinsmitglied ist er seit 1962. Kein Wunder, dass er viele Erinnerungen mit dieser Umgebung verbindet und den Platz so gut wie seine eigene Westentasche kennt. Den Weg vom S-Bahnhof Oberspree läuft er im Schlaf. Und er läuft ihn auch heute - trotz einer Knieverletzung.

Sie hindert ihn daran, weiter auf dem Spielfeld zu stehen. So wie er es noch bis vor Kurzem tat - als ältester aktiver Schiedsrichter im Berliner Fußball-Verband. Trotzdem zeigt der gebürtige Lychener, dass er im Laufschritt noch immer flott unterwegs ist: Ohne zu zögern, legt er einen kurzen Spurt über das Gelände hin. Fit ist Klahn allemal.

Gerhard Klahn - 70 Jahre lang Schiedsrichter. / Svea von Popowski
Gerhard Klahn auf der Bank vor dem Vereinsheim. | Bild: Svea von Popowski

Der Vater musste erst überzeugt werden

Während seiner Jugend stand er schon immer gerne auf den Fußballplatz - zunächst als Spieler. Nur durch einen Zufall fand sich der damals 17-Jährige nach seinem eigenen Training mit einer Pfeife auf dem Platz wieder. "Das war im September. Wir rannten rum. Ich fragte, was los sei", erzählt Klahn. Es wurde ein Schiri für das Spiel der zweiten Männermannschaft von Traktor Lychen gegen Aufbau Mildenberg gesucht, weil keiner zur Verfügung stand. "Naja", sagt Gerhard Klahn und muss grinsen, "dann hab ich mich breitschlagen lassen."

Ihm gefiel das Pfeifen, er übernahm immer mehr Einsätze. "Ich wurde bei den Spielen immer sicherer bei meinen Entscheidungen, fand Gefallen an dieser Tätigkeit und legte 1952 meine Prüfung ab", berichtet der 86-Jährige. Allen gefiel das nicht: Sein Vater war anfangs keinesfalls begeistert. Der Grund? Sein Sohn pfiff nicht so, wie er es sich von einem Schiedsrichter im eigenen Verein gewünscht hätte. Doch der Unparteiische ließ sich davon nicht beeinflussen. "Ich meinte dann: 'Pass mal auf, ich kann nicht nach unserem Verein pfeifen, ich muss nach dem Regelwerk pfeifen.'"

Einer von Gerhard Klahns Schiedsrichter-Ausweisen. / Svea von Popowski
Einer von vielen Schiedsrichter-Ausweisen einer langen Karriere. | Bild: Svea von Popowski

1.200 Spiele als Schiedsrichter, 574 als Linienrichter

Die ersten zehn Jahre, so Klahn, waren die "fünf, sechs oder sieben Mark, die es gab", schon ein ausschlaggebender Grund, Spiele zu leiten. Doch im Laufe der Zeit entwickelte sich aus einem kleinen Nebenverdienst ein großes Ziel. Gerhard Klahn wollte nicht mehr aufhören, er wollte immer weitermachen. Wenn in Zeitungsartikeln von einem Spiel berichtet wurde und ihm als Schiri gedankt wurde, hat ihn das besonders gefreut. "20, 30, 40 Mal bin ich da lobend erwähnt worden und das hat einem natürlich wieder Mut und Kraft gegeben, immer weiterzumachen. Das hat schon wieder Auftrieb gegeben!"

Wie viele Spiele er nach 70 Jahren als Schiedsrichter gepfiffen hat? Viele andere würden schulterzuckend eine geschätzte Anzahl nennen. Gerhard Klahn nicht. Er hat fünf dicke Bücher geführt. Jeweils über einen bestimmten Zeitabschnitt. Darin sind alle Spiele dokumentiert. Und zwar nicht nur die Begegnung und das Ergebnis, sondern auch: "Der Tag, an dem es war, welche Mannschaften und wie sie gespielt haben, der Schiedsrichter, wenn ich Winker war, die Zuschauerzahl, Strafstöße und Herausstellungen. Und dann gab es immer Berichte dazu."

"Ich habe viel weggehört"

Neben seinen Büchern hat Gerhard Klahn noch Statistiken angelegt. Wenn man ihn fragen würde, wie viele Rote Karten oder Strafstöße er gegeben hat oder wie oft er als Linienrichter in der Saison 1975/76 eingesetzt wurde, fällt dem Schiri die Antwort wahrlich nicht schwer. Ein kurzer Handgriff, ein schneller Blick auf die übersichtliche Tabelle und er hat die Antwort.

36 Rote Karten und 303 Strafstöße klingen erstmal viel, sind aber für eine 70-jährige Schiedsrichterkarriere mit 1.200 Spielen eher wenig. "Ich habe in letzten Jahren kaum eine Gelbe Karten gezeigt, Rote sowieso nicht. Ich habe viel weggehört. Ich will nicht sagen, ich habe mein eigenes Gesetz gehabt, es gibt ja ein Regelwerk, aber ich habe nie Probleme gehabt." In einem Spiel gab es dafür jedoch ganz besonders viele Strafkarten, nämlich drei Rote und fünf Gelbe. Der 86-Jährige lacht. "Das war das Verrückteste!"

Da fing der eine an zu meckern und meckerte immerzu. Dann habe ich das Spiel kurz unterbrochen, bin hingegangen, habe ihm die Pfeife gegeben und gesagt: 'Jetzt kannst du weiterpfeifen und dann wollen wir mal sehen, wie du das machst.' Da waren ungefähr 50 Zuschauer, die haben alle Hurra geschrien. Und der ist dann wütend vom Platz gegangen.

Gerhard Klahn

Wenn 50 Verrückte den Platz stürmen

Auch wenn es mal brenzlig wurde, wusste sich Gerhard Klahn immer zu helfen: "Da fing der eine an zu meckern und meckerte immerzu. Dann habe ich das Spiel kurz unterbrochen, bin hingegangen, habe ihm die Pfeife gegeben und gesagt: 'Jetzt kannst du weiterpfeifen und dann wollen wir mal sehen, wie du das machst.' Da waren ungefähr 50 Zuschauer, die haben alle Hurra geschrien. Und der ist dann wütend vom Platz gegangen."

Gerhard Klahn hat viel erlebt, auf und abseits des Spielfeldes. In Gedanken blättert er in seinem Buch. Manchmal sieht er eine Spielbegegnung und muss schmunzeln und dann purzeln die Erinnerungen nur so aus ihm heraus. "Da weiß ich noch", sagt Klahn und zeigt auf ein Spiel. "In Töplitz gegen Vorwärts. Es ging alles vernünftig und dann hat der eine drei Minuten vor Schluss - aber wie - dem anderen gegen das Bein gehauen. Da blieb mir gar nichts anderes übrig, ich musste einen Strafstoß geben. Und die 50 Verrückten waren natürlich nicht damit einverstanden und sind aufs Spielfeld gestürmt."

Zufrieden mit der Laufbahn

Jetzt sucht Klahn in den Unterlagen nach einem ganz besonderen Spiel: "Einer ist Meister geworden, einer ist abgestiegen. Chemie Schmöckwitz gegen Motor Köpenick, 2:4." Dann hat er die Seite gefunden. Er tippt auf den zugehörigen Bericht neben den anderen Spielangaben. "Dann stand in der Zeitung: Des einen Freud, des anderen Leid." Auch wenn er als Schiri manchmal zwischen die Fronten von Trainer, Mannschaft und Zuschauer geriet und über die Zukunft von einem Verein entschied, spricht der 86-Jährige sehr zufrieden von seiner Laufbahn. "Ich hab das gerne gemacht, die letzten 20 oder 30 Jahre ging's gar nicht mehr ums Geld."

Klahn pfiff in vielen Ligen: von Spielen der Jugendklasse in der Kreisklasse über Spiele in der Bezirksklasse und Bezirksliga bis hin zu Hallenturnieren und Schulwettkämpfen, wie dem Drumbow-Cup. Als Linienrichter stand er ebenfalls viele Male bei Spielen der Oberliga an der Seitenlinie: "In der ersten und zweiten DDR-Liga war ich Winker", erzählt er.

Zahlreiche Urkunden und Preise

Gerade Kinder und Jugendliche hat der gebürtige Lychener sehr gerne gepfiffen. "Von 2000 bis 2010 hab ich beim Drumbow-Cup viel mitgemacht. Die waren auch immer zufrieden. Das hat Spaß gemacht und hat einen Ruck gegeben weiterzumachen, weil die Kleinen wollen doch nur Fußball spielen und nicht rummeckern. Ich hab mich auch immer wieder gefreut, wenn die Kleinen, so zehn oder elf Jahre, zum Schluss alle Mann kamen und sagen: 'Herr Schiedsrichter, haben sie gut gemacht.'"

Das ist nur eine kleine Auswahl an Urkunden und Ehrungen, mit denen Gerhard Klahn geehrt worden ist. / Svea von PopowskiEine kleine Auswahl an Urkunden und Ehrungen, mit denen Gerhard Klahn geehrt worden ist.

Auch seine Urkunden und Preise hat Gerhard Klahn fein säuberlich sortiert und abgeheftet. Von Danksagungen über Einladungen zu Ehrungen bis zu den  Auszeichnungen mit der "Goldenen Pfeife" und den Verdienst- und Ehrennadeln in Gold und Silber durch den DFB, ist alles dabei. Zuhause sind die zahlreichen Preise und Urkunden aber im Schrank, denn so viel Platz hat nicht mal er.

Als Ausbilder geht es weiter

In diesem Jahr ist Gerhard Klahn 70 Jahre Schiedsrichter. Und künftig wird er nicht mehr aktiv über das Spielfeld rennen und pfeifen. Aber er klingt nicht traurig. Als sogenannter "Pate" möchte der erfahrene Schiri weiterhin in seinem Verein tätig sein und bei der Schiedsrichterausbildung mitwirken.

Sein Blick fällt auf sein Buch. Dann auf all seine Mappen, Berichte und Urkunden. Und dann schaut er in die Ferne. Von seinem Platz auf der Bank hat er einen wunderbaren Blick auf die Spree. Es sind alles einmalige Erinnerungen, an die er gerne zurückdenkt und die ihm keiner mehr nehmen kann.

Sendung: Inforadio, 12.08.2019, 12:15 Uhr

Beitrag von Svea von Popowski

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1 Kommentar

  1. 1.

    Bei allem Respekt, aber ich bin mir nicht sicher, ob man in dem Alter, biologisch bedingt, noch wirklich den Anforderungen an den SR gerecht werden kann. SR in dem Alter leiden für mich an deutlicher Fehleinschätzung ihrer Leistungsfähigkeit.

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