Archivbild: Poizeieinsatz im Hertha-Stadion. (Quelle: dpa/Sudheimer)
Symbolbild | Bild: dpa/Sudheimer

Nach Spiel gegen Wolfsburg - Polizei und Hertha-Fans streiten über Gewalt am Olympiastadion

War es ein "brutaler Polizeieinsatz" gegen Hertha-Anhänger? Oder doch nötiger "körperlicher Zwang" gegen aggressive Fans? Polizei und Hertha-Fans streiten darüber, was sich nach dem Heimspiel gegen Wolfsburg tatsächlich abgespielt hat.

Nach Auseinandersetzungen beim ersten Saison-Heimspiel von Hertha BSC streiten Fans und Polizei über möglicherweise unnötige Gewalt bei dem Einsatz. Während Fan-Vertreter im Nachgang von einem unverhältnismäßig harten Vorgehen sprachen, rechtfertigte die Polizei am Dienstag ihren Einsatz.

Der Fanklub Förderkreis Ostkurve e.V. erhob am Montag den Vorwurf, es sei nach der Bundesligapartie gegen Wolfsburg "auf dem Olympischen Platz vor der Ostkurve zu einem brutalen Polizeiangriff auf abreisende Herthaner" gekommen [foerderkreis-ostkurve.de]. Eine Meinungsverschiedenheit zwischen drei Herthanern hätte die Berliner Polizei zum Anlass genommen, "wahllos und ungezügelt auf umstehende Fans einzuschlagen und Pfefferspray zu versprühen". Dabei sollen dem Förderkreis Ostkurve e.V. zufolge als solche "erkennbar auftretende und vermittelnd wirkende Mitarbeiter des Fanprojekts Berlin, der Fanbetreuung von Hertha BSC, sowie eine Rechtsanwältin tätlich angegriffen" worden sein.

Polizei: Polizeifeindliche Parolen skandiert

Die Berliner Polizei ihrerseits rechtfertigt den Einsatz mit Straftaten und Aggressionen seitens der Fans. Zunächst hatten sich nach dem Spiel rund 150 bis 200 Hertha-Fans aus der Ostkurve am Olympischen Platz an der Zufahrt zum Osttor versammelt, beschreibt die Polizei in einer Stellungnahme gegenüber rbb|24 die Vorgänge. "Dort wurden sie von einer ca. 40-köpfigen Gruppe von Hertha-Fans empfangen, welche zuvor nicht im Stadion waren. Es wurde gemeinsam gesungen, ein Spruchband mit der Aufschrift 'Sektion Stadionverbot' ausgerollt und anschließend eine polizeifeindliche Parole skandiert."

Drei Festnahmen und drei Strafanzeigen

Nach Einrollen des Spruchbandes sei es dann gegen 20:40 Uhr zu einer körperlichen Auseinandersetzung unter Fans gekommen, an der drei Personen beteiligt waren. "Diese konnte von nahestehenden Polizeikräften schnell unterbunden werden", teilte die Polizei mit - dann jedoch sei die Situation eskaliert: "Im Rahmen der Festnahme eines der Tatbeteiligten kam es zu Solidarisierungen abströmender Fußballfans." Bei Festnahmen seien die Polizeikräfte "durch sich solidarisierende Fußballfans bedrohlich mit zum Teil geballten Fäusten bedrängt" worden, "erste Trittversuche in deren Richtung wurden unternommen". Die Polizisten hätten daher "körperlichen  Zwang gegen die beteiligten Personen angewandt". Auch Pfefferspray wurde eingesetzt.

Laut Polizei wurden drei Männer festgenommen. Insgesamt wurden dazu drei Strafanzeigen aufgenommen - zwei Anzeigen wegen Körperverletzung und eine Anzeige wegen Landfriedensbruchs. Die Ermittlungen dauern noch an.

"Automatischer Soldarisierungsprozess"

Auch Thomas Jelinski, Mitarbeiter vom "Fanprojekt Berlin" des Landessportbundes Berlin, war vor Ort. "Die Polizei musste handeln, keine Frage", sagte Jelinski rbb|24. Nichtsdestotrotz sei die Vorgehensweise der Berliner Polizei wenig deeskalierend gewesen. "Einzelne aus einer Gruppe heraus festzunehmen, ruft automatisch einen Soldarisierungsprozess unter den Ultras hervor", führt er aus. "Da fühlen sich sofort alle angegriffen." Den Einsatz von Pfefferspray bezeichnet Jelinski als "unnötig" und "unverhältnismäßig", da die Polizisten in voller Montur und die Ultras ungeschützt gewesen sein. 

Jelinski, der sich während der Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern befand und sich nach eigenen Angaben um Streitschlichtung bemühte, hätte sich mehr Besonnenheit seitens der Polizei gewünscht. "Ich erwarte nicht, dass die Beamten in der Kürze der Zeit allein aufgrund meines T-Shirts erkennen, dass ich vom 'Fanprojekt Berlin' versuche zu vermitteln", sagte er. "Trotzdem wäre es wünschenswert." Die Polizisten hätten nervös gewirkt. Als die Ultras auf den Parkplatz des Olympischen Platzes zurück zwischen die parkenden Autos gedrängt wurden, habe sich die Situation beruhigt.

Sendung: Inforadio, 27.08.2019, 14:15 Uhr

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Antwort auf [A S] vom 27.08.2019 um 17:42
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9 Kommentare

  1. 9.

    "Massenrandale und damit verbundene tätliche Übergriffe gibt es erst, seit es "Ultras" gibt."

    Woher haben SIe denn diese Erkenntnis?

    Ich erinnere mich da ungerne an meine Kindheit zurück (80er Jahre). Da war ich mit meinem Vater bei einem Europapokalspiel gegen eine Englische Mannschaft. Wir konnten gerade noch hinter die Polizeiabsperrung rennen, da von hinten in geballter Masse die Englischen Hooligans angerannt kamen.

    Und das meine ich, ist eine wichtige Unterscheidung. Nicht jeder Ultra ist gewalttätig, auch da gibt es feine Unterschiede. Man sollte (wie bei allem) nicht alle über einen Kamm scheren.

    Und nein, ich bin kein Ultra.

  2. 8.

    @Jonas: Na wie herzerwärmend ist das denn? Alles brave, solide Bürger die gern Gutes tun, ja? Massenrandale und damit verbundene tätliche Übergriffe gibt es erst, seit es "Ultras" gibt. Wer sich so nennt, verbindet damit eine gewisse Wirkung.
    Diese Sorte Fans sollte von jedem Verein abgelehnt werden. Wer den Sport liebt, muß keine Drohkulissen aufbauen.

  3. 7.

    Wenn sie meinen Kommentar zuende gelesen hätten, wäre ihnen aufgefallen, dass ich die Ultras gar nicht erwähnt hatte sondern lediglich von "Fans" gesprochen habe.
    Wie gesagt, diese sogenannten "Fans" von Hertha sind in den letzten Jahren öfter negativ aufgefallen.

  4. 6.

    Das Interessante ist doch, dass die 2 Versionen wunderbar aufeinanderpassen.
    Die Fans bestreiten nicht, dass es eine interne Auseinandersetzung gab. Wenn die Polizei zur Festnahme einer Person allerdings mit Faustschlägen, Tritten und dem Einsatz von Pfefferspray in eine Gruppe von ca. 200 Personen - höchstwahrscheinlich dann: junge Männer - hineinprügelt, überraschen mich geballte Fäuste als Reaktion auf eine solche Aggression wenig.
    Bezeichnend ist, dass die Polizei zu den Anschuldigungen des Angriffs auf Vereinsmitarbeiter, Sozialarbeiter/Netzwerkpartner (Die Fanprojekte existieren im Nationalen Konzept Sportsicherheit, um Gewaltprävention zu leisten) und eine Rechtsanwältin keine Äußerung tätigt.
    Dies lässt die Schilderungen der Berliner Polizei nicht glaubwürdiger erscheinen!
    Da die "Fanhilfe" mit solcherlei Stellungnahmen den Medien nach zu urteilen in den letzten Jahren nicht übermäßig auffiel, erscheint die Frage absolut berechtigt: Drängt die Polizei hier auf Eskalation?

  5. 5.

    @Stefan @Patrick Lehwald

    Ich finde Ihre Auffassungen bezüglich der Ultrakultur in Deutschland und explizit bei Hertha BSC sehr undifferenziert. Haben Sie sich jemals mit der Ultrabewegung in Deutschland beschäftig? Die Ultras sorgen Spiel für Spiel, Jahr für Jahr, deutschlandweit für die gute Stimmung in den Stadien, inklusiver riesiger Choreographien, um diese die Bundesliga im Ausland beneidet wird. Außerdem engagieren sich Ultragruppen deutschlandweit für soziale Projekte, nennenswerte jährliche Aktionen bei Hertha sind u. A.: "Spendet Becher - Rettet Leben" und "Hertha wärmt".

    Ich sehe es also absolut nicht so, dass Ultras nur Gewalttäter sind, man muss sich dem Ganzen nur annehmen und sich vernünftig informieren.

    Desweiteren find ich es unverschämt der Fanbetreuung und dem Fanprojekt, nicht vorhandene Objektivität zu unterstellen. Wer soll in ihren Augen, denn sonst zwischen Fans und Polizei vermitteln und den Sachverhalt neutral betrachten?

  6. 4.

    Wir waren gerade auf dem Weg zur S-Bahn als wir an einer Gruppe Polizisten vorbei gingen und zu uns sagten: „schnell weg, die warten nur darauf von der Leine gelassen zu werden.“ Einen Moment später war es soweit, wir waren zum Glück vorbei. Ich will die Aggression mancher Fans nicht gutheißen, aber es ist schon erschreckend, dass die Polizei den Eindruck erweckte nicht weniger Freude an Gewalt zu haben.

  7. 3.

    Ich denke, dass man hier nicht pauschalisieren sollte. Ich sehe oft schon vor dem Spiel viele Besoffene, die sich prügeln wollen. Von den sog. Ultras habe ich da nichts gesehen.

  8. 2.

    Diese sogenannten Fans sehen sich mal wieder in der Opferrolle...soll ich an Dortmund erinnern?
    Ich glaube wenn Hertha nicht hart durchgreift werden sie noch mehr Probleme bekommen mit ihren sogenannten Fans

  9. 1.

    Im Prinzip geht die Gewalt doch immer von den sog. "Ultras" aus. Das sind eben keine Fans, oder allenfalls am Rande, sondern in erster Linie Gewalttäter und Kriminelle. Nur die Vereine verharmlosen das. Und allen Verharmlosern voran gehen dann die "Fanprojekte" und "Fanbetreuer". Kein Wunder, wenn die Polizei so jemanden nicht als Neutralen oder gar als Hilfe ansieht.
    Stadionverbote für alle die sich selbst als Ultras bezeichnen, was offensichtlich eine Selbstbezichtigung für "Kriminell und Stolz darauf" ist, wäre die einzige angemessene Reaktion.

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