Dirk Zingler bei der Aufstiegsfeier
Audio: Inforadio | 06.08.2019 | Interview Dirk Zingler | Bild: www.imago-images.de

Interview | Union-Präsident Dirk Zingler - "Wir sollten nicht versuchen, permanent anders zu sein"

40 Jahre hat Dirk Zingler von der Bundesliga geträumt, ab dieser Saison heißen die Gegner seines 1. FC Union nun Bayern München und Borussia Dortmund. Im Interview spricht der Präsident der Eisernen über den neuen Alltag, Ängste und seinen rot-weißen Glücksschal.

rbb|24: Herr Zingler, wo ist denn eigentlich der rot-weiße Schal von Ihrer Oma? Schon gebügelt, zusammengelegt und bereit für das Abenteuer Bundesliga?

Dirk Zingler: (lacht) Ja, der hatte mich ja enttäuscht. Ich hatte ihn mit in Bochum, da hat er mir kein Glück gebracht und musste deshalb zur Strafe bei der Relegation zuhause bleiben. Und da ist er jetzt gerade noch.

Aber er kriegt noch mal die Chance in der Bundesliga? Oder bleiben Sie da hart?

Den habe ich bekommen, da war ich zehn. Der wartet also auch schon seit vierzig Jahren auf diesen Tag und deshalb wird er beim ersten Spiel dabei sein.

Nachdem der Aufstieg durch war, sind Sie immer wieder gefragt worden, ob es schon bei Ihnen angekommen ist, dass Sie in der nächsten Saison Bundesliga spielen werden. Ist es denn mittlerweile soweit?

(überlegt) Dir begegnen jetzt in den letzte Wochen immer wieder Augenblicke, wo Du damit konfrontiert wirst. Zum Beispiel der erste Spieltag der zweiten Liga. Du guckst Fernsehen und stellst fest: Du bist gar nicht mehr dabei (lacht). Das ist etwas sehr Komisches. Aber so richtig ankommen wird es erst, wenn angepfiffen wird.

Mal Hand auf's Herz: Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?

Ich habe ein bisschen Angst davor, dass um uns zu viele Themen gesponnen werden, die weniger mit Sport zu tun haben. Wir tun uns selbst keinen Gefallen und sollten darauf achten, dass uns von außen kein Heiligenschein aufgesetzt wird. Also wir sind nicht wirklich so viel anders als andere Profivereine. Wir haben zu bestimmten Dingen eine klarere Haltung, wir versuchen unseren Spieltag anders zu organisieren - konzentrierter auf den Fußball. Wir lassen Dinge weg, geben den Menschen um uns herum etwas mehr Raum. Aber am Ende sind wir einer von 18 Bundesligisten und das müssen wir auch sein, wenn wir zu den Top 18-Vereinen in Deutschland gehören wollen. Lasst uns authentisch bleiben, aber wir sollten nicht zwingend versuchen, permanent anders zu sein.

Sie gehen seit den 1970er Jahren zu den Eisernen, damals noch zusammen mit Ihrem Opa. Auf was freuen Sie sich bei all dem Verrückten, was jetzt kommen wird, am meisten?

Ich finde es total bemerkenswert, dass aus der Fanszene die Idee geboren wurde, Menschen zum ersten Heimspiel mitzunehmen, die uns in den letzten Jahren und Jahrzehnten verlassen haben. Das berührt mich total. Weil, wer im Augenblick des höchsten Glücks an die denkt, die dieses Glück nicht mehr persönlich erfahren können, ist das eine sehr schöne Geste. Und am Ende freue ich mich, in die Gesichter der Menschen zu schauen, die hierher kommen mit einer solchen Vorfreude.

Das Ziel ist relativ klar: der Klassenerhalt…

Ist zwar eine Floskel, aber: Wir sind gekommen, um zu bleiben. Und ich will hier gar nicht die Atmosphäre zulassen, dass wir mal ein Jahr durch die erste Liga gehen und Freude daran haben und dann ist es nicht so schlimm, wenn wir wieder absteigen. Dem werde ich von der ersten Sekunde an stark widersprechen.

Wie sieht der Alltag aus? Was hat sich vielleicht verändert?

Es ist vieles dabei, was immer dabei war. Wir bringen neue Farbe auf's Geländer und versuchen, die Alte Försterei wieder schick zu machen. Dieses Mal ist es viel mehr Aufwand für die Medien und den Spieltag an sich. Wir müssen noch enger zusammenrücken, weil wir noch weniger Platz haben. Es gibt so viele Anfragen: Ich habe in den letzten Wochen jeden Tag Mappen voller Briefe bekommen, wo Menschen und Familien mir ihre Lebensgeschichte erzählen und darum bitten, dass sie eine Karte bekommen. Das macht mich teilweise traurig, weil ich allen mitteilen muss: Leider geht's nicht. Das ist der bittere Teil bei dieser Euphorie, die gerade entstanden ist.

Sie haben direkt nach dem Aufstieg gesagt, dass die Stadionpläne für die Alte Försterei erstmal auf Eis gelegt werden. Wie ist da der Stand?

Wir hatten ursprünglich vor, 2020 die Eröffnung der "Alten Neuen Försterei" zum hundertjährigen Geburtstag zu feiern. Das wird uns nicht gelingen. Wir gehen jetzt davon aus, dass wir im Jahr 2020 Baurecht bekommen, da werden wir hoffentlich den Baubeginn feiern können. Ob wir dann tatsächlich den Spaten in den Boden stecken oder nicht, entscheidet sich auf Basis vieler Fakten: In welcher Liga sind wir gerade? Wie ist die Gesamtsituation? Sind wir abgestiegen? Und erst, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, werden wir entscheiden, wann wir bauen.

Es gab ja eine Ausnahmeregelung, weil alle Vereine der ersten und zweiten Liga ihre Stadien anpassen mussten. Gilt die nach wie vor?

Wenn wir Baurecht haben, wird der Druck sicherlich auf uns erhöht, tatsächlich auch mit dem Bau zu beginnen. Aber wir werden die Gesamtsituation mit der DFL besprechen und die hat das allerhöchste Interesse daran, dass wir unter vernünftigen Bedingungen Fußball spielen - insbesondere in der ersten Liga. Ich weiß, dass der Druck erhöht wird, aber bin zuversichtlich, dass wir uns verständigen werden.

Sie haben darauf geachtet, dass sich vieles im Verein mit dem Aufstieg nicht verändert. Die Ticketpreise sind beispielsweise so geblieben wie vorher. Aber es gab ein Thema, über das viele Fans auch diskutiert haben: eine Immobilienfirma ist ab sofort der neue Hauptsponsor des 1. FC Union. Können Sie die Aufregung verstehen? 

Die kann ich total verstehen, weil letztlich in einer Situation in der Stadt, wo die Menschen Sorge haben, ob sie in fünf oder zehn Jahren noch genug Geld zur Verfügung haben, um ihre Miete zu bezahlen, da kann ich die Sorge auf alle Fälle verstehen. Ich bitte nur darum, dass die Realität dargestellt wird. 95 Prozent aller Menschen, mit denen ich gesprochen habe, haben uns gratuliert. Wir machen immer den Fehler, dass wir uns auf die abweichenden Meinungen konzentrieren und die dann zur Allgemeinheit erklären. So ist es nicht. In der realen Welt haben die Menschen uns gratuliert. Aber noch mal: ich habe Verständnis für die Menschen, die die Entscheidung nicht nachvollziehen können.

Es wird Gründe geben, aber warum ist es am Ende nicht ein Hauptsponsor geworden, der ein bisschen leichter verträglich ist für die Fans?

Weil das nicht der Gradmesser unseres Handelns ist, leicht verdauliche Entscheidungen zu treffen. Am Ende treffen wir die Entscheidungen, von denen wir überzeugt sind, dass sie die richtigen sind für den gesamten Verein. Das machen ich seit vielen vielen Jahren nicht mehr, die Entscheidungen des Vereins abhängig zu machen von der Zustimmung aller drumherum. Wir sind heute ein ganz bunter Haufen mit unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen und sozialen Meinungen. Deshalb ist der kleinste gemeinsame Nenner: hilft es dem Verein? Ist es gut für den Verein? Das ist es und deshalb haben wir diese Entscheidung getroffen. Wenn wir einschätzen, dass die Mehrheit der Menschen um uns herum mit einer Entscheidung nicht leben könnten, dann würde es ja dem Verein nicht gut tun. Das betrifft aber diesen Fall überhaupt nicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Stephanie Baczyk, rbb-Sport. Es handelt sich um eine gekürzte, redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Header des Artikels hören.

Zehn Jahre neue Alte Fösterei

Beitrag von Stephanie Baczyk

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Antwort auf [Eiserner] vom 10.08.2019 um 02:22
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7 Kommentare

  1. 7.

    ... fragen Sie sich mal, wem oder was sie aufrichtig und ehrlich im Leben folgen? Und warum? Denn bisher waren wir in einigen Punkten aus guten Gründen anders als viele der anderen Fußballclubs.

  2. 6.

    ... Sie vermutlich sind davon überzeugt, dass Sie das sind. Denn sie (und am Ende des Tages wohl nur sie) wissen am besten, was gut für Union ist. Stimmts? Aber wer ist denn der von Ihnen adressierte Verein, wenn nicht zusammen alle einzelnen Unioner, die in vielen Situationen zusammen gehalten, eisern geblutet und im Regen mit Mörtel an den Händen gestanden haben. Jahrzehnte kam ich zu Union und ich dachte immer: es geht nicht in erster Linie darum, in welcher Liga wir spielen, sondern dass wir uns menschlich und aufrichtig immer in die Augen sehen können, das tun, was wir behaupten zu tun, miteinander ehrlich sprechen und dabei auch für die Werte einer besseren, sozialeren Welt einstehen. Wenn es nur um schön verdaulichen, erfolgreichen Fußball gegangen wäre, wären wir früher dem B*C oder heute dem FCB bzw. BVB gefolgt. Taten wir aber nicht. Herr Zingler, wenn sie beim nächsten Mal mit etwas Zeit vor einem Spiegel stehen und dabei in ihre eigenen Augen blicken, dann ...

  3. 5.

    ... und mit Bratwurst und Bier verteidigte Hauptsponsor-Entscheidung von Aroundtown begrüßt, Ihnen gar innerlich dazu gratuliert? Gratuliert dazu, dass Union jetzt einen immobilien-spekulierenden, binnen weniger Jahre zum milliarden-schwer mutierten, zyprisch-luxemburgischen Steuervermeider auf der Brust direkt am Union-Herzen trägt? In den verschiedenen sozialen Medien hatten sich in den Tagen nach der Bekanntgabe über 1.000 Union-Fans kritisch zu der Holterdiepolter-Entscheidung geäußert. Im Gegensatz dazu gab es vielleicht 100 bis 200 Stimmen, die sich eher neutral äußerten. Im Sinne von: „Wenn die Kohle stimmt und wir für dieses höchste finanzielle Angebot einen guten Spieler mehr bekommen, ist es mir egal.“ Unverkennbar sind die Online-Öffentlichkeit und Ihre Erfahrungswelt zwei vollkommen verschiedene Welten. Für sie gilt ja ohnehin der kleinste gemeinsame Nenner. Nämlich die Frage: „Hilft es dem Verein? Ist es gut für den Verein?“ Aber wer entscheidet das denn? ...

  4. 4.

    ... diese einstigen Werte für sie verhandelbar bzw. Vergangenheit. Union ist für Sie kein Wir-Projekt, sondern ein Ich-Projekt. (Können Sie von sich behaupten niemals die Kind-Hannover96-Nummer mit Union in Betracht zu ziehen?). Jeder der es wissen will, kann wörtlich Ihre Sicht auf die Dinge hier im Interview nachlesen: „Das mache ich seit vielen vielen Jahren nicht mehr, die Entscheidungen des Vereins abhängig zu machen von der Zustimmung aller drumherum.“ Wer Ihnen auf diesem Ich-Weg nützlich ist, den nehmen sie in einem kleinen – ihnen zugewandten Entscheiderkreis mit. Wer nicht mehr in Zukunft nützlich ist, wer Fehler gemacht hat, der wird von Ihnen recht hart aussortiert. Das gilt für Jeden im Verein, da sollte sich niemand sicher fühlen. Sie fühlen sich ja selbst auch nicht sicher - schon gar nicht vor der Meinung der Union-Mitglieder. Glauben Sie wirklich die Mehrheit bzw. im Extremen 95% der Mitglieder hätten Ihre und von Christian Arbeit mehr als schlecht kommunizierte ...

  5. 3.

    Sehr geehrter Herr Zingler noch vor einiger Zeit habe ich viel von Ihnen gehalten. Aber immer mehr muss ich erkennen, dass sie die hohen Ideale und Werte der Union-Familie in großen Teilen so nicht verkörpern. Trotz anderslauternder Aussagen in der Vergangenheit von Ihnen. Auf Sie ist kein Verlass – ihre öffentlichen Äußerungen haben mittlerweile eine immer kürzere Halbwertszeit. Denn es geht Ihnen offensichtlich nicht primär um unseren Verein. Noch vor den Interessen Unions, stehen Ihre eigenen. Sie wollen sich selbst (und irgendwem sonst noch) beweisen können, dass sie es einfach drauf haben. Es drauf haben zur Nummer 1, an die man sich noch erinnern wird, wenn die einstigen Spielernamen ihrer Zeit, wie eines Mattuschka, Benyamina oder Polter schon lange wieder vergessen sein werden. Und dabei geht es eben nicht um den Verein, sondern primär um Sie. Der Verein, seine Werte und seine Mitglieder sind für Sie weitestgehend Mittel zum Zweck. Wenn es der Zweck bedarf, dann ...

  6. 2.

    Ein bisschen differenzierter könnte man die Welt schon betrachten. Warum wird immer nur gemeckert, anstatt die positiven Entwicklungen zu betonen. Union Berlin ist der EINZIGE Ostdeutsche Verein im Oberhaus. Wer hätte es für möglich gehalten, dass eine solche Entwicklung möglich ist. Der Verein steht wirtschaftlich gesund da und wird seit Übernahme von Dirk Zingler endlich seriös geführt. Ich habe jedenfalls keinen Bock mehr auf Lizenzentzug und Zwangsabstieg bzw. nicht Aufstieg wegen nicht erteilter Lizen (wirtschaftlich nicht tragfähig). Ich gebe mein Blut gerne für Union, kann aber auch gut drauf verzichten.
    Man muss sich schon entscheiden: entweder Profifussball, dass bedeutet, sich den wirtschaftlichen Regularien zumindest teilweise zu unterwerfen, oder man kickt halt mit den Unaussprechlichen aus Hohenschönhausen in einer Liga. Alles andere ist unehrlich!

    Niemals ohne Liebe!
    U.N.V.E.U.

  7. 1.

    "[Am] Ende sind wir einer von 18 Bundesligisten. (...) Lasst uns authentisch bleiben, aber wir sollten nicht zwingend versuchen, permanent anders zu sein." Das hat mich sehr an Shahak Shapira erinnert: "Mach es wie Shapira - sei Du selbst." Die Selbstaufgabe ist beschlossene Sache, schon vor dem Aufstieg. Fußball interessiert keinen, nur Werbeverträge und die Rendite für Investoren. Die Wahl des Immobilienkonzerns ist in einer von Gentrifizierung stark bedrohten Stadt nicht nur ausgesprochen unempathsich und unsolidarisch, dessen Investor, Black Rock, zu nähren, statt zu helfen, den größten Gefährder der Weltwirtschaft zu zerschlagen, ist ignorant.

    "In der realen Welt haben die Menschen uns gratuliert." So sieht Kritikfähigkeit dann wohl aus. Kritische Fans? Egal! Fans, die 40 Jahre zu Union gehen, Blut gespendet, das Stadion mitaufgebaut haben, nie Mitglied waren oder Dauerkarte besaßen, werden offiziell scheints nicht mehr als Fans anerkannt. Dann ein anderer Verein!

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