Unionfans feiern Aufstieg mit Köpenick im Hintergrund (Bild: imago images/O. Behrendt)
Audio: Inforadio | 14.08.2019 | Martin Adam | Bild: imago images/O. Behrendt

Reportage | Was bringt Unions Aufstieg? - Köpenick zwischen Euphorie, Skepsis und Hoffnung

Der 1. FC Union Berlin startet am Wochenende in die erste Bundesliga – und Köpenick mit ihm. Sind die Köpenicker genervt oder wollen sie vom Union-Aufstieg profitieren? Martin Adam hat sich umgeschaut.

Sonne überm Hafenbecken. Viktoria und Helgard liegen träge im Wasser und warten darauf, dass endlich die Bundesliga losgeht. Viktoria stammt aus Köpenick. Sie ist mit 84 Jahren die Ältere – und mit 92 Tonnen Gewicht die Schwerere. "Das ist noch ein richtiges  Kielschiff mit toller Linienführung", sagt Simone Mann. Ihr gehören diese beiden Ausflugsschiffe von "eddyline". Viktoria scheint ihr Liebling zu sein: "Sie ist natürlich rot-weiß und draußen steht drauf: Union wird niemals untergehen."

Das Vereinsmotto ist mit feiner Ironie nur knapp über die Wasserlinie gepinselt. Simones verstorbener Ehemann, Eddy, alter Köpenicker und Union-Fanatiker, hatte seine kleine Flotte Union gewidmet und sie zu schwimmenden Liebeserklärungen gemacht. Mit Vereinslogo fährt die Viktoria seit 14 Jahren bei Heimspielen die Fans zum Stadion. Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt von der Friedrichstraße nach Köpenick zur Alten Försterei, dem Stadion von Union. Knapp 100 Fans passen aufs Schiff. Zu wenig, sagt Simone Mann. Für die erste Bundesliga muss nun Helgard, das zweite rot-weiße Schiff, mit ran. "Das mache ich auch sehr gern", sagt Simone Mann, "die Anfrage ist sonst einfach zu groß. Die Fans wollen wirklich mit den rot-weißen Schiffen fahren, die wollen sich zeigen in der Stadt. Die sind stolz."

Oliver Igel mit Union_Schal auf dem Balkon des Rathauses Köpenick (Bild: imago images/Matthias Koch)
Oliver Igel bei der Union-Aufstiegsfeier auf dem Rathaus-Balkon | Bild: imago images/Matthias Koch

Der Aufstieg ist für den Bezirk eine Chance

Dank der Bundesliga gibt es mehr Umsatz. Darauf hoffen in Köpenick viele. Allerdings glauben längst nicht alle daran. Ortswechsel: das Köpenicker Rathaus, altes Gemäuer, hohe Decken, schwere Türen. Hinter Oliver Igel, dem Köpenicker Bürgermeister mit den spitz gegelten Haaren, hängt der Union-Schal am Schrank. Der Aufstieg in die erste Bundesliga "ist jetzt eine Zäsur, das ist historisch", sagt er. Da spricht der Fan. Aber auch der Politiker Oliver Igel wünscht sich, dass der Aufstieg für den ganzen Bezirk um das Stadion herum eine Chance ist. So viel Aufmerksamkeit, sagt er, gebe es sonst nicht. Vor gerade einmal 20 Jahren, habe man "auf irgendwelchen Dorfspielplätzen in Brandenburg gespielt." Und jetzt kämen bald die großen Vereine in seinen Bezirk: "Das ist auch ein bisschen komisch, aber einfach toll!"

Stadionausbau erst in ein paar Jahren

Mehr Investitionen kämen wohl trotzdem vorerst nicht, gibt der Bürgermeister zu. Auch würden kaum mehr Menschen nach Köpenick ziehen wollen als ohnehin schon. Denn nach dem Zuzug der letzten Jahre sei der Bezirk eigentlich voll. Und für mehr Fans sei leider auch kein Platz, "weil das Stadion in der zweite Liga schon ausverkauft war. Es können nicht mehr Leute kommen, das funktioniert erst, wenn das Stadion ausgebaut wird." Darauf werden die Unioner aber noch einige Jahre warten müssen – ebenso wie auf das neue Verkehrskonzept. Das alte ist eine Katastrophe: jeden Abend verstopft Feierabendverkehr den Bezirk. Straßenbahnen und Bus bleiben stecken. Wenn Union spielt, kommt man nur noch zu Fuß weiter.

Also was bringt dann der Hype dem Bezirk? Tourismus!, sagt der Bürgermeister: Berlin werde meist nur mit der Innenstadt in Verbindung gebracht. Jetzt aber mache der Fußballverein kostenlos Werbung für Köpenick: "Das ist jetzt der Vorteil, wenn Union jedes Wochenende in den Sportnachrichten vertreten sein wird."

Warten auf die Touristen

Köpenick ist bereit. Jens Hoffmann, Sprecher beim Tourismusverein, hat einen Traum: Ein Fußballfan von außerhalb kommt zum Spiel, merkt, wie schön Köpenick ist und kommt wieder – auch ohne Fußball. "Generell hoffen wir auf die Touristen, die sagen 'die Innenstadt ist mir zu voll, jetzt wollen wir was von den Außenbezirken sehen'", sagt Hoffmann. Köpenick habe eine ausgearbeitetes Tourismuskonzept rund ums Wasser, die Altstadt und die Geschichte des Bezirks von Mauerstreifen bis Hauptmann von Köpenick. "Ehrlich gesagt, haben wir sogar mehrere Hauptmänner. Die kann man mieten."

Jens Hoffmann lacht und zeigt auf eines der wenigen Köpenicker Hotels auf der anderen Seite der Dahme. Davon werde man noch mehr brauchen, sagt er. Sonst könnten Besucher zwar anreisen, aber nicht bleiben.

Ein Mannschafttsbus des VfB Stuttgart steht vor einem Hotel in Köpenick (Quelle: Imago/Matthias Koch)Vor dem Rückspiel in der Relegation steht der Mannschaftsbus des VfB Stuttgart vor einem Hotel in Köpenick

Köpenick hat zu wenige Hotels

Drüben im Hotel hängen Discokugeln von der Sichtbetondecke, Rezeption und Bar gehen ineinander über und das ganze Hotel mit seinen 190 Zimmern soll sich am besten eher wie eine große Lounge anfühlen, erklärt Manager Sascha Braunstein. Mit Union seien sie gut vernetzt, "sodass wir immer den direkten Weg suchen, wenn es Übernachtungsgäste gibt. Die gegnerischen Mannschaften werden auch über die Kontakte von Union vormittelt. Da profitieren wir sehr."

Noch gibt es wenige Hotels in Köpenick. Für die vorhandenen bedeutet das ein gutes Geschäft. Allerdings sei es auch riskant, Mannschaften zu beherbergen, sagt Braunstein. Die Gäste seien sehr anspruchsvoll, brauchten Ruhe und gegnerische Fans könnten auf die Idee kommen, Rauchbomben ins Hotel zu werfen.

Public Viewing ist zu teuer

Das Hotel zeigt jedes Bundesligaspiel in der Lounge. Für die alten Union-Fankneipen sei ein Sky-Abo aber viel zu teuer – selbst für die freiheit fünfzehn, ein großes Kulturprojekt mit Biergarten und Bar am Rand der Altstadt. Jens Karnowski ist hier der Geschäftsführer. Er freut sich trotzdem auf die kommende Saison: "Es wird sich eine neue Euphorie durch die Bevölkerung ziehen. Ich glaube, damit wird es auch für unseren Biergarten hier einen anderen Zuspruch geben."

Altstadt Köpenick (Quelle: Imago/Jürgen Ritter)Ist die Köpenicker Altstadt bald völlig überlaufen?

Der Aufstieg macht manchen Köpenickern auch Angst

Aber nicht für alle ist der Aufstieg von Union nur eine gute Nachricht. "Alles, was für Union mehr ist, ist für uns weniger", sagt Michael Richter. Er verdient sein Geld mit Hochzeiten. Seine Spreelounge, einige Meter vom Rathaus entfernt, mit Terrasse am Wasser und zwei Sälen, kann man mieten. Das machten vor allem Brautpaare, sagt er, und schöne Hochzeit in Weiß und Fußballfans, passe nicht immer: "Wir habe hier bald eine lesbische Hochzeit. Die haben leider nicht damit geplant, dass Borussia Dortmund in die Stadt kommt. Und die Sensibilität des schwarzen Blocks der Dortmunder halte ich für begrenzt genderfähig." Da werde es dumme Sprüche geben, für das Brautpaar werde das sicher unangenehm, meint Michael Richter Er gönne Union den Aufstieg. Aber aus rein kaufmännischer Sicht habe er Angst davor, dass sich seine Hochzeitsgesellschaften durch eine zugeparkte und von Fans geflutete Altstadt bis ans Buffet kämpfen müssten. Der Erfolg für den Rest von Köpenick "ist eine anderer als für uns, denn wir haben hier eigentlich nur mit den Auswirkungen zu tun."

Vor denen hat offenbar auch so mancher Union Fan Angst. "Toll, dass wir aufgestiegen sind – aber hoffentlich bleibt alles, wie es ist", sagen viele, die mit Union-Shirts in Köpenick unterwegs sind. Davon weiß auch Bürgermeister Oliver Igel und meint, Köpenick müsse am Ende schon für alle da sein. Einer würde sich jedenfalls vorbehaltlos freuen, sagt Simone Mann: ihr vor fünf Jahren verstorbener Mann Eddy. "Der wäre der glücklichste Mensch dieser Welt. Aber er guckt immer von oben mit zu ist immer dabei. Bei jeder Fahrt ist er dabei."

Sendung: Inforadio, 15.08.2019, 09:25 Uhr

So startete Union in den vergangenen zehn Jahren in die Saison

Beitrag von Martin Adam

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

8 Kommentare

  1. 7.

    ....abgewandelt von einem schwedischen Filmtitel....
    "Und sie spielten nur einen Sommer"

  2. 6.

    Berlin kann ganz vieles nicht. Fußball gehört leider auch dazu.

  3. 5.

    Ich verstehe diesen ganzen Hype um Union nicht. Und langsam habe ich auch das Gefühl der rbb ist Sponsor von union.

  4. 4.

    Interessantes Foto mit Tusche...
    Erinnert sich noch jemand an die unsägliche Situation, als sich herausstellte, daß der neue Sponsor ISP sein Geld aus alten und nicht durchschaubaren Stasiquellen bezog?? Wir haben damals den Sponsorenvertrag gekündigt - zurecht, man will und soll ja zu seinen Werten stehen. - Und jetzt überlegen sich mal bitte die ganzen AroundTown - Basher, ob sie mit den durchaus vorhandenen zweifelhaften Hauptsponsoren anderer Bundesligavereine auch so hart ins Gericht gehen... Darüberhinaus empfehle ich - nur so zur Erinnerung - allen RB-Protest-Skeptikern die "Wir-verkaufen-unsere-Seele..." - Plakataktion von 2012...das passende Motiv springt ganz von selbst in´s Auge. ;-))
    Ansonsten: Euch allen viel Spaß in der neuen Saison!
    Eisern!

  5. 3.

    Auch wenn die Hoteliers und Event-Lounge-Besitzer das natürlich anders sehen, aber erklärtes Ziel für alle kann doch nicht sein, dass die Altstadt Köpenick auf den Zug der Ballermannisierung Berlins mit aufspringt. Braucht Köpenick wirklich unbedingt noch die Horden grölender und saufender Fußballfans? Die Altstadt kollabiert schon ziemlich an diesen Sommer-, Herbst-, Wein- und Wassonstnochsoalles-Festen. Man sollte doch ein gewisses Augenmaß walten lassen, selbst wenn die Eurozeichen in den Augen der Verantwortlichen blinken. Lebensqualität geht über Euphorie für Union hinaus..

  6. 1.

    Man möge mich steinigen: doch bin ich für Hertha und Union!

Das könnte Sie auch interessieren