Die BRD erzielt das 1:0 im Spiel gegen die DDR. Quelle: Progressfilm/wdr
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Fußball-Duell vor 60 Jahren - Warum DDR und BRD in Berlin ohne Publikum aufeinander trafen

Am 16. September 1959 trafen im Walter-Ulbricht-Stadion in Ost-Berlin zum ersten Mal die zwei Fußball-Nationalmannschaften von BRD und DDR aufeinander. Ein historisches und skurriles Fußballspiel - bei dem keine Fans zuschauten.

Werner Heine stand damals auf dem Platz. "Ich erinnere mich noch gut an das laute Knallen. Bei einem stärkeren Pass oder Schuss kam der Schall von den leeren Rängen wieder zurück." Der ehemalige Abwehrspieler der DDR-Auswahl wurde Zeuge eines historischen "Politikums", wie er sagt.

Anstelle von 70.000 jubelnden Fußballfans, die das Stadion hätte fassen können, waren gerade einmal 200 Journalisten und Funktionäre gekommen. Und das, obwohl es um die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 1960 in Rom ging - oder gerade deswegen.  

Der Kampf um eine deutsche Nationalmannschaft

Zu dem skurrilen Duell vor leeren Rängen kam es nur, weil sich der Deutsche Fußball Bund (DFB) und der Deutsche Fußball Verband (DFV) der DDR nicht auf eine gemeinsame Nationalmannschaft einigen konnten - damals war dies eine strenge Vorgabe des Internationalen Olympischen Kommitees (IOC). Deshalb musste die Entscheidung in sogenannten Sichtungsspielen fallen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

"Die ostdeutsche Seite hatte sportpolitische Maßgaben im Gepäck", sagt der Sporthistoriker Rene Wiese: "Die Mehrzahl der Olympia-Teilnehmer sollte aus der DDR kommen, oder bestenfalls sollte gleich die ganze DDR-Auswahl an den Olympischen Spielen teilnehmen."

Ein ungewöhnlicher Kompromiss

Der ostdeutsche DFV forderte 1959 für den Auswahlprozess zwei öffentliche Sichtungsspiele - die bessere Mannschaft sollte den größten Mannschaftsteil und den Trainer stellen. Darauf ließ sich der damalige Bundestrainer Sepp Herberger aber nicht ein. Er fürchtete eine Blamage: Denn laut olympischen Statuten war es nur Amateuren gestattet, an den Spielen teilzunehmen.

Herberger hätte also nicht auf seine gewohnte Elf zurückkreifen dürfen, die allesamt Profis in Westdeutschland waren, sondern hätte Amateure aufs Feld schicken müssen. Ganz im Gegensatz zur DDR - da galten alle Spitzenfußballer in der ersten deutschen Spielklasse, der Oberliga, ohnehin als Amateure.

Der DFB forderte stattdessen Lehrgänge unter Ausschluss der Öffentlichkeit, in denen die Mannschaft ausgewählt werden sollte. Nachdem sich beide Parteien nach mehreren Treffen nicht einigen konnten, vermittelten die beiden Nationalen Olympischen Kommitees. Der Kompromiss: Sichtungsspiele ohne Zuschauer.

Werner Heines DDR-Auswahl ohne Chancen

So kam es zum damaligen Geisterspiel. "Die Stimmung war ungewöhnlich. Es fehlten die Emotionen. Am Rand hat höchstens mal einen Polizeihund gebellt", erinnert sich der mittlerweile 84-jährige Heine. Der gebürtige Thüringer spielte in der Nationallmannschaft und bei SC Dynamo Berlin, BFC Dynamo und dem 1. FC Union Berlin als Abwehrspieler. "Wir haben früher meist im Drei-Verteidiger-System gespielt. Da war ich immer hängend zwischen den beiden Außenverteidigern aufgestellt." Ein Libero. "So hatte ich mit meiner Schnelligkeit die offensive Spitze des Gegners immer gut unter Kontrolle."

Am Tag des Geisterspiels war das nicht so. "Wir haben Fehler gemacht, die zu Gegentoren führten. Wer seine Chancen nicht nutzt, kann nicht gewinnen - früher wie heute. Wir standen aber auch unter enormen Druck." Die westdeutsche Auswahl gewann mit 2:0.

Zwei Mal hat die DDR das Nachsehen

Den Druck, den Werner Heine beschreibt, erzeugten ranghohe DDR-Funktionäre nur wenige Tage vor der Begegnung. "Während der Vorbereitungsphase kamen mehrere sportliche Funktionäre der SED-Führung zu uns in die Kabine. Die machten uns uns klar, dass wir die beiden Spiele unbedingt gewinnen mussten."

Aber auch im zweiten Aufeinandertreffen der beiden deutschen Mannschaften eine Woche später hatte wieder die DDR-Auswahl das Nachsehen. In Düsseldorf stand es nach 90 Minuten 2:1 für das DFB-Team.

"Die DDR-Seite war nach der Niederlage sehr geknickt - man hatte sich mit der A-Nationalmannschaft gegen die Amateure aus dem Westen einfach mehr erhofft", so Sporthistoriker Wiese. Nach den Spielen lehnte es der DFV ab, einzelne DDR-Spieler in der westdeutschen Olympia-Mannschaft aufzustellen.

Für Werner Heise waren die beiden Niederlagen damals doppelt bitter: "Die westdeutsche Auswahl hat dann in der weiteren Qualifikation trotzdem gegen Polen und Finnland verloren und hat deshalb nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen können. Und deshalb konnte leider keine der beiden Mannschaften Deutschland bei Olympia vertreten."

Sendung: rbb UM6, 16.09.2019, 18.00 Uhr

Beitrag von Felix Edeha

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2 Kommentare

  1. 2.

    Was für ein abgefuckter Sozialismus entgegen der proklamierten Völkerverständigung!

  2. 1.

    Wo fand denn nun das Rückspiel statt? In Düsseldorf oder Leipzig?

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