Eisbären-Spieler Florian Busch im Zweikampf während eines Vorbereitungsspiels. / imago images/GEPA Pictures
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Teamcheck | Eisbären Berlin - Neustart mit meisterlichem Selbstverständnis

In der vergangenen Saison war für die Eisbären Berlin im Playoff-Viertelfinale Schluss. Ein toller Endspurt blieb damit ungekrönt und konnte die teils desaströse Hauptrunde nur teilweise kaschieren. Nun ist vieles neu - und die Ziele sind groß. Von Johannes Mohren

So lief die vergangene Saison

Verkorkst. Es ist wohl das Wort, das die vergangene Saison der Eisbären Berlin am besten beschreibt. Lange Zeit sah es in der Hauptrunde ganz düster aus für den Hauptstadtclub. Die Trainer-Personalie Clément Jodoin - nach dem Weggang von Uwe Krupp vom Co-Trainer zum Chef  befördert - erwies sich als ein großes Missverständnis. Kurz vor Weihnachten nahm die allmähliche Talfahrt rasant an Tempo auf. Vier Heimspiele in Folge gingen verloren. Dabei waren die Gegner keinesfalls Top-Teams, sondern die vier Letztplatzierten der Liga.

Nach dem 29. Spiel - einer 2:5-Niederlage gegen die Ice Tigers aus Nürnberg - war dann Schluss für den 67-jährigen Kanadier Jodoin. Es übernahm Sportdirektor Stéphane Richer persönlich. Eine Interimslösung, die bis zum Saisonende Bestand haben sollte. Seine Aufgabe? Wahrlich kompliziert. Die Mannschaft, die in der Vorsaison noch im siebten Spiel in München um die Meisterschaft gekämpft hatte, stand auf einem trostlosen neunten Rang. Selbst die Pre-Playoffs waren in Gefahr. Die Auftritte waren nicht nur erfolg-, sondern auch plan- und elanlos. Und die eigentlich so treuen Fans reagierten entnervt. Pfiffe schallten durch die Arena am Ostbahnhof.

Besser wurde es zunächst nicht. Im Gegenteil. Die so stolze Eisbären-Seele erlitt weitere Qualen. Ein 0:7-Pleite gegen die Adler Mannheim etwa. Ein völliges Debakel in eigener Halle, für das auch die phasenweise akuten Verletzungssorgen keine Entschuldigung waren. Doch als der Glaube daran schon verloren schien, kam die Renaissance. Mit einem veritablen Hauptrunden-Schlussspurt - sechs von sieben Spielen wurden gewonnen - stürmten plötzlich auferstandene Berliner in die Playoffs. Da ließen sie zunächst in der ersten Runde Straubing keine Chance und spielten auch im Viertelfinale gegen den EHC München besser, als es lange möglich schien. Für den damals amtierenden Meister war es aber dennoch nicht gut genug. Nach sechs Spielen stand das Aus fest.

Wer kommt, wer geht

Die Unzufriedenheit mit der Saison zeigte sich auch in der Transferpolitik. Gleich 14 (!) Spieler haben den Verein verlassen. Ein ebenso heftiger wie gewollter Umbruch - der auch vor prominenten Namen keinen Halt machte. Jens Baxmann ging nach 18 Jahren und 860 Spielen für die Eisbären nach Iserlohn. Mit Jamie MacQueen wird der Top-Torjäger der vergangenen Hauptrunde nicht mehr für die Berliner auflaufen - unter anderem, weil ihm bei aller offensiven Qualität defensive Schwäche attestiert wurde. Und im Tor bekam Kevin Poulin keinen neuen Vertrag, obwohl er zu einem der Publikumslieblinge geworden war, als er sein Team in schweren Zeiten vor so manchem Untergang bewahrte. Es sind drei Beispiele von vielen. 

Den Titel als schillerndster Neuzugang ist wohl Maxim Lapierre nicht zu nehmen. Fast 700 Spiele in der NHL - der besten Eishockey-Liga der Welt - hat der Mittelstürmer gespielt. Zuletzt war er in der Schweiz aktiv. Der 34-Jährige ist als Genie am Puck bekannt, aber auch als Provokateur. Heim-Hallen kann er anheizen, bei gegnerischen Fans war er in der Vergangenheit öfter mal verhasst. An seiner Seite wird auf dem rechten Flügel mit Leo Pföderl ein weiterer prominenter Neu-Eisbär spielen. Neun Jahre jünger - und auch sonst ein anderer Typ. Er gehörte zu dem deutschen Nationalteam, das bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang sensationell die Silbermedaille holte. Seit Jahren zählt er zu den Top-Stürmern der Deutschen Eishockey Liga. In in 373 Spielen erzielte Pföderl 126 Tore und gab 100 Vorlagen. Allesamt für Nürnberg, für die der gebürtige Bad Tölzer seit 2012 auflief.

Die weiteren Neuen: Der dänische Nationalkeeper Sebastian Dahm, der aus Iserlohn kam - und das Torwart-Trio mit den beiden jungen Goalies Marvin Cüpper und Maximilian Franzreb bildet. Verteidiger Ryan McKiernan von der Düsseldorfer EG, der mit 31 Scorerpunkten in 51 Hauptrundenspielen der achtbester Verteidiger in der vergangenen DEL-Saison war. Ebenso für Stabilität sorgen soll John Ramage, der aus der zweithöchsten Liga Nordamerikas von den Binghamton Devils an die Spree gelotst wurde. Für die Offensive verpflichtete der Club mit Pierre-Cédric Labrie einen weiteren erfahrenen und NHL-erprobter Stürmer. Hinzu kommen die beiden Jungprofis Fabian Dietz und Sebastian Streu.

Der Trainer

Serge Aubin steht in der kommenden Saison an der Bande. Während der Kanadier für die Verein ein neues Gesicht ist, kennt Stéphane Richer ihn bestens. Trainer und Sportdirektor verbindet - in gleicher Konstellation - eine gemeinsame Zeit bei den Hamburg Freezers. Eine ist eine Tatsache, die die Verpflichtung in der Außenwirkung keinesfalls einfach machte. Eine Jobvergabe, bei der Freundschaft eine Rolle spielte? Ein Vorwurf von Skeptikern Aubins, dem Richer von Anfang an entschieden entgegentrat. "Im Eishockey gibt es keine Kumpels, es ist und bleibt ein Geschäft", sagte er etwa der "Berliner Morgenpost" [externer Link].

Frei war der 44-jährige Aubin, weil er Anfang des Jahres bei den ZSC Lions in Zürich entlassen wurde. In seiner Spielerkarriere lief der 16. Chefcoach der Eisbären-Historie unter anderem 400 Mal in der NHL auf. "Starke Führungsqualitäten, eine gute Kommunikation und offensives, erfolgreiches Eishockey standen für uns ganz oben bei den Kriterien für die Trainersuche", sagte Richer. Aubin trauen sie zu, all diese Eigenschaften zu vereinen. Sein Vertrag hat eine Laufzeit von zwei Jahren.

Der Kanadier selbst versprüht von Beginn an Vorfreude. Will wieder Angriffslust entfachen. Leidenschaftliches Eishockey spielen lassen. Und temporeich soll es bitte auch sein. "Geschwindigkeit ist das Entscheidende. In dieser Hinsicht müssen wir mithalten. Die jungen Spieler machen den Sport immer schneller", sagte Aubin jüngst im Trainingslager in Berchtesgaden. Dort war er der klare Anführer, bließ in seine Trillerpfeife, dirigierte. "Ich bin immer mittendrin - will auch ein bisschen Druck machen. Letztendlich arbeiten wir permanent am großen Plan", sagte er.

Erwartungen an die neue Spielzeit

Was dieser große Plan vorsieht? "Ich will jedes Spiel gewinnen. Von daher will ich Meister werden. Definitiv", sagt André Rankel. Der alte und neue Kapitän strahlt Optimismus aus. So wie es die gesamte Mannschaft tut. Das Team will hoch hinaus. Die Ansprüche und das Selbstverständnis haben sich nicht geändert. Trotz der vergangenen Saison. Und obwohl der letzte Meistertitel inzwischen bereits sechs Jahre zurückliegt.

Ich will jedes Spiel gewinnen. Von daher will ich Meister werden. Definitiv.

André Rankel

Fest steht: Wie man eine Meistermannschaft formt, weiß Aubin. Das hat er in Österreich bewiesen. Im April 2017 feierte er mit den Vienna Capitals den Titel. Ob es bei den Eisbären auch direkt reicht? Es wäre eher eine Überraschung. Die Favoriten tragen andere Namen. EHC München zum Beispiel. Oder Adler Mannheim. Für die Berliner wird es darum gehen, Top-Leistungen nicht nur in Einzelfällen, sondern konstant zu zeigen. Wenn das gelingt? Wer weiß, was doch möglich ist ...

Sendung: rbb24, 07.09.2019, 21:45 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

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