Der Lilli-Henoch-Sportplatzes am Anhalter Bahnhof (Quelle: rbb)
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Nach Ausschreitungen - Berlin-Ligist Al-Dersimspor ist vorerst gesperrt

Nach einer Attacke auf den Schiedsrichter hat der Berliner-Fußballverband vorerst alle Spiele des Berlin-Ligisten BSV Al-Dersimspor abgesagt. Eine Entscheidung mit Signalwirkung für den ganzen Fußballbetrieb der Hauptstadt. Von Till Oppermann

Auch ein paar Tage nach den Vorkommnissen auf dem Lili-Henoch-Sportplatz in Kreuzberg sind die Verantwortlichen von Al-Dersimspor geschockt. Kai Brandt, der Trainer des Berlin-Ligisten, sagt: "Am meisten leid tut mir der Schiedsrichter, sowas hat niemand verdient."

Jörg Wehling ist der Vorsitzende des Berliner Schiedsrichterausschusses. Er sagt: "Am vergangenen Sonntag nach dem Spiel wurde der Schiedsrichter von einem ausgewechselten Spieler im Kabinentrakt geschlagen." Vorher zeigte Referee Stefan Paffrath den Gastgebern vier Rote Karten. Der mutmaßliche Täter war der langjährige Kapitän der ersten Mannschaft. Laut einer Pressemittelung Al-Dersimspors habe man "unmittelbar reagiert und den betroffenen Spieler mit sofortiger Wirkung suspendiert." 

Mannschaften von Al-Dersimspor trainieren auf dem Lilli-Henoch-Sportplatz am Anhalter Bahnhof (Quelle: rbb)
Mannschaften von Al-Dersimspor trainieren auf dem Lilli-Henoch-Sportplatz am Anhalter Bahnhof.Bild: rbb

"Bedenken um unsere Sicherheit"

Trotzdem beschloss der Schiedsrichterausschuss schon vor der Entscheidung am Freitag, dass bis zur Verhandlung des Sportgerichts am 11. Oktober kein Referee mehr für Spiele mit Beteiligung des BSV Al-Dersimspor angesetzt wird. "Wir haben erhebliche Bedenken um unsere Sicherheit", sagt Wehling. Diese Maßnahme gilt für alle 17 Mannschaften der Kreuzberger. Die Jugendmannschaften können den Spielbetrieb zwar fortsetzen, müssen aber in Absprache mit der gegnerischen Mannschaft einen eigenen freiwilligen Schiedsrichter stellen.

Für Erdal Güngür, den sportlichen Leiter des Vereins, ist das unverständlich: "Wir haben zu den meisten Schiedsrichtern einen guten Draht. Jeder ist eingeladen, nach dem Spiel noch mit uns zu essen. Viele machen das sehr gerne."

Güngür macht klar: "Wir distanzieren uns von jeder Gewalt. Das hat beim Fußball nichts zu suchen." Trotzdem sei die Maßnahme der Schiedsrichter überhöht, weil sie auch die unbeteiligten Jugendmannschaften trifft.

Al-Dersimspor war eigentlich auf einem guten Weg

Brandt ist erst seit Saisonbeginn der Trainer des Berlin-Ligisten. Der Vorfall hat ihn zum Nachdenken gebracht. Er sagt: "Ich will fairen Sport. Sowas braucht man nicht. Eigentlich hätte ich hinschmeißen müssen." Dass er geblieben ist, hat einen speziellen Grund: "In der kurzen Zeit habe ich die Menschen hier lieben gelernt. Mit wie viel Herzblut die dabei sind, ist unglaublich."

Der BSV Al-Dersimspor wurde von Angehörigen der alevitischen Minderheit gegründet. "Heute wollen wir Spieler jeder Herkunft hier haben. Eben bunt wie Kreuzberg", sagt Güngür, der als Lehrer arbeitet. "Wir befinden uns eigentlich auf einem guten Weg. Wir haben wieder mehr Jugendmannschaften und endlich auch mehr Spieler ohne Migrationshintergrund", berichtet er weiter.

Grenzen sind dem Verein besonders durch seine Anlage gesetzt. Der kleine Kunstrasenplatz liegt zwischen den Resten des Portals des Anhalter Bahnhofs und dem Tempodrom. Das Spielfeld ist umzäunt wie ein Käfig. Die Kabinen befinden sich in einer nahegelegenen Grundschule.

Schiedsrichter mussten von Ordnern begleitet werden

Auch deshalb gab es im Mai Präventionsgespräche mit dem Schiedsrichterausschuss. Die örtlichen Bedingungen machten den Schiedsrichtern Sorge. Al-Dersimspor wurde verpflichtet, den Schiedsrichter von gekennzeichneten Ordnern bis zur Kabine geleiten zu lassen.

Wehling sagt: "Der Schiedsrichter wurde nicht von Ordnern beschützt wie ausgemacht." Güngür hält entgegen: "Direkt nach dem Spiel haben unser Vereinspräsident und sein Stellvertreter den Schiedsrichter vom Platz begleitet."

Der Schiedsrichter und der Spieler begegneten sich, als der Spieler gerade aus der Dusche kam. Dann kam es auch zur Attacke. "Unser Präsident hat sich dazwischen gestellt und Schlimmeres verhindert", sagt Güngür. Deshalb fühlen sie sich bei Al-Dersimspor unfair behandelt. "Wir haben als Verein am Sonntag alles getan, was in unserer Macht steht."

Verband will hart durchgreifen

Das Präsidium des Berliner-Fußballverbandes sieht das anders. In einer Pressemitteilung teilte der BFV am Freitag mit, dass die erste Herrenmannschaft und der beschuldigte Spieler "für die Zeit vom 27.09.2019 bis zur mündlichen Verhandlung am 11.10.2019 für alle Spiele gesperrt sind." Weiter heißt es: "Das Präsidium stellt sich ausdrücklich hinter die Entscheidung des Schiedsrichterausschusses."

Für den Verbandspräsidenten Bernd Schultz hat diese Entscheidung Signalwirkung für den ganzen Fußballbetrieb der Hauptstadt: "Die Entscheidung keine Schiedsrichter beim BSV Al-Dersimspor anzusetzen, ist ein ausdrückliches Zeichen an alle Vereine und Sportler in Berlin jegliche Gewalt zu verurteilen."

Das ist bitter nötig. In anderen Spielklassen kam es seit August schon zu mehreren Spielabbrüchen wegen Drohungen und Angriffen auf die Schiedsrichter. Der Vorfall am Sonntag war bereits der zweite tätliche Angriff auf einen Schiedsrichter in der noch jungen Berlin-Liga-Saison. Die ersten harten Konsequenzen trägt nun Al-Dersimspor. Der Verband will ein Exempel statuieren und hart durchgreifen. Der Verein findet das unfair.

Hoffen auf ein glimpfliches Urteil

Bei der mündlichen Verhandlung am 11. Oktober droht den Kreuzbergen nun der Ausschluss aus der Berlin-Liga. Sollten die Verantwortlichen um Güngür beweisen können, dass der Schiedsrichter beschützt wurde und der Verein alles für seine Sicherheit getan hat, werden die Spiele, die nun erstmal ausfallen, neu angesetzt.

Dann auch wieder mit Schiedsrichtern. Stellvertretend für seine Zunft fordert Wehling: "Wir brauchen am 11.10. ein klares Urteil. Die Schiedsrichter müssen beschützt werden." Erdal Güngür erhofft sich ein glimpfliches Ende: "Es wäre sehr bitter, wenn wir nach der harten Arbeit der letzten Jahre so absteigen." Etwas anderes ist ihm jedoch besonders bedeutend: "Für mich ist die Jugendarbeit besonders wichtig. Wir holen hier Kinder von der Straße und bringen sie zum Sport."

Beitrag von Till Oppermann

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4 Kommentare

  1. 4.

    Wenn bei Hitzköpfen die Wutausbrüche in Gewaltanwendung enden, haben diese nichts mehr auf dem Platz zu suchen.
    In der Vergangenheit wurde das bereits zum riesigen Problem ausgewachsene Geschehen immer und immer wieder klein geredet und beiseite geschoben. Die Gewalt auf den Straßen Berlins setzt sich nun auf den Fußballplätzen weiter fort. Und es ist ein überwiegendes Mentalitätsproblem. Das läßt sich nicht wegleugnen. Wenn hier nun nicht hart durchgegriffen wird, hat man null Chance, das jemals zu ändern.

  2. 3.

    Es ist ja nicht der erste Vorfall bei diesem Verein. Es wurden ja erst im Mai Auflagen besprochen die offensichtlich vom Verein nicht zu erfüllen sind oder der Verein nicht erfüllen will, nicht ernst nimmt oder was auch immer.
    In diesem Spiel gab es davor schon vier Platzverweise (davon 3x Rot in der Nachspielzeit). Die wiederholten Vorfälle in der Vergangenheit müssen wir jetzt gar nicht mehr hervorholen. Offensichtlich funktioniert die Einzeltätertheorie bei diesen Verein doch nicht oder zumindest sind die Einzeltäter dort gehäuft anzutreffen.

  3. 2.

    Immer noch nicht kapiert?
    Hier geht es nicht um die Bestrafung des Schlägers sondern um den Schutz der Schiedsrichter

  4. 1.

    Individualstrafen finde ich ja besser als Gruppenstrafen. Den Spieler für mehrere Jahre sperren - das verstehen dann auch alle anderen.

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