Marius Bülter von Union Berlin jubelt am 31.08.2019 nach dem Tor zum 1:0 im Stadion an der Alten Försterei (Quelle: imago images/Matthias Koch)
Audio: Inforadio | Jakob Rüger | 01.09.2019 | Bild: imago images/Matthias Koch

Sensationssieg gegen Dortmund - Mit Bülter und dem Herz in beiden Händen

Das 3:1 gegen Borussia Dortmund ist der erste Bundesligasieg in der Geschichte des 1. FC Union Berlin. Gegen den Vizemeister wird Neuzugang Marius Bülter zum Helden. Das Stadion bebt - ganz in Rot. Der Club hatte 20.000 T-Shirts spendiert. Von Till Oppermann

In der 75. Minute, direkt nachdem der Jubel über Sebastian Anderssons 3:1 gerade abgeklungen ist, brandet auf den Rängen lauter Applaus auf. Noch vor dem Anstoß verlässt Marius Bülter für Joshua Mees den Platz. Wenn in der Alten Försterei nicht sowieso fast alle stehen würden: die "Eisernen" würden sich spätestens jetzt erheben.

Zwei Mal hat Bülter seine Mannschaft an diesem Abend in Führung gebracht - in der Bundesligahistorie der Köpenicker sind es die beiden ersten beiden Tore vor heimischem Publikum.

Anders als bei der Premiere gegen Leipzig, sind die Unioner diesmal von Anfang an voll da. Nach einem Fanmarsch - der ab 15 Uhr den Verkehr in der Köpenicker Altstadt lahmlegte - wurden die Stadiontore schon zweieinhalb Stunden vor Anpfiff geöffnet. Und da die Vereinsführung den Fans 20.000 T-Shirts spendiert hat, präsentiert sich der gesamte Heimbereich in sattem Union-Rot. Bedruckt sind die Shirts mit einem Choreo-Titel aus der Vorsaison: "Nehmt euer Herz in beide Hände!"

"Wir waren eklig"

Das nimmt die Mannschaft dann auch wörtlich. Union tritt an, um zu siegen. Nach dem Spiel sagt der Mann des Tages: "Das hat man von der ersten Minute an gemerkt, wir waren direkt drin." Obwohl der BVB über weite Strecken den Ball kontrolliert, ist Union stets präsent.

Die Fischer-Elf verlässt sich auf ihre Stärken. Die Dortmunder sind oft flinker und wendiger als ihre Gegenspieler und kommen so zu Chancen. Gedanklich befindet sich die stabile Defensive um Neven Subotic und Marvin Friedrich jedoch stets auf der Höhe. Angetrieben von ihren Anhängern, werfen sich die Gastgeber in die Zweikämpfe. Jeder Ballgewinn wird frenetisch bejubelt. Innenverteidiger Subotic sagt nach dem Spiel: "Wir haben unseren Fußball gespielt. Wir waren eklig."

Unions vielzitierter Kampfgeist und ein starker Zug zum Tor führen letztlich zum Erfolg. Zwei Attribute, die Bülter auf sich vereint. Selten bildet ein einziger Spieler die Qualitäten einer Mannschaft so gut ab, wie der 26-jährige.

Eine Choreografie der Union-Fans vor dem Spiel gegen Dortmund zeigt Trainer Urs Fischer (Quelle: imago images / Matthias Koch)

Bülter - in Weltklassemanier zum Torerfolg

Bülter kämpft buchstäblich um jeden Meter, verschiebt clever und scheut keinen Zweikampf. Nach Ballgewinnen seines Teams, kennt er nur eine Richtung: Zielstrebig nach vorne. Und auch sein Werdegang könnte nicht besser zu Union passen.

Auf seinem Weg in die Bundesliga muss er häufiger abbiegen als viele seiner Kollegen. Während die Berliner im Mai den Aufstieg feiern, steigt er mit Magdeburg ab. Vorher spielte der studierte Maschinenbauer jahrelang vor durchschnittlich 1.000 Zuschauern für den SV Rödinghausen in der Regionalliga.

Obwohl er nie ein Nachwuchsleistungszentrum besucht hat, glaubt Bülter an seine Chance. Mit Hilfe eines Personaltrainers baut er zusätzliche zehn Kilo Muskelmasse auf. Durch seine verbesserte Fitness gelingt es ihm, einen Stammplatz in der zweiten Liga zu ergattern.

Nach einer soliden Saison in Magdeburg wird Union auf ihn aufmerksam. In der Vorbereitung erspielt sich Bülter dann einen Stammplatz. Trotz des großen Kaders bestreitet er jedes Pflichtspiel der jungen Saison von Beginn an. Nach seinem Doppelpack ist Bülter nun endgültig oben angekommen. Sogar so weit, dass Lothar Matthäus sein zweites Tor nach dem Spiel am "Sky"-Mikrofon als "Weltklasse" adelt.

Ein Lob, das dem Flügelstürmer geschmeichelt haben dürfte. In der Tat hat er, der einmal mit dem rechten und einmal mit dem linken Fuß traf, seine fußballerischen Qualitäten unter Beweis gestellt. Viel wichtiger ist es ihm allerdings, nach dem Spiel zu betonen, dass er sich freue, zum Erfolg beigetragen zu haben. Bülters Bescheidenheit in allen Ehren: In Köpenick hat er sich am Samstag unsterblich gemacht.

Union ist in der Bundesliga angekommen

Das gilt auch für jeden seiner Mitspieler. Daran ließen die Fans im erneut ausverkauften Stadion an der Alten Försterei keinen Zweifel. Die letzte Viertelstunde der regulären Partie und die siebenminütige Nachspielzeit erinnern an das Relegationsrückspiel gegen Stuttgart.

Die Gäste haben den Ball, Union stemmt sich dagegen. Jede erfolgreiche Grätsche und jeder lang geklärte Ball wird bejubelt wie ein Tor. Der Unterschied: Ein Gegentor in der Relegation hätte die Arbeit einer ganzen Saison zunichtemachen können. Der Traum vom Aufstieg wäre im letzten Moment geplatzt. Die Angst davor war spürbar.

Am Samstag bot sich ein anderes Bild. Ein Punktspiel gegen einen Verein wie Dortmund an der Alten Försterei. Das war der Traum aller. Da hatte ein Underdog wie Union nicht mehr viel zu verlieren. Mit jeder Minute steigt auf den Rängen der Glaube an die Sensation. Und damit auch die Gewissheit, dass der 1. FC Union in der Bundesliga konkurrenzfähig ist. Drei Monate nach der Ekstase des Stuttgart-Spiels, vollendet der Sieg gegen die Borussen den Aufstieg endgültig.

Heute darf Union zufrieden sein

Matchwinner Bülter erlebt den Schlusspfiff nach seiner Auswechslung auf der Bank. Sofort klatschen Sebastian Polter und Fischer mit ihm ab. Sie wissen, bei wem sie sich zu bedanken haben. Das späte Samstagsspiel wird auf der ganzen Welt übertragen. Keine Ansetzung der DFL erfährt mehr Aufmerksamkeit.

Während seine Kollegen dann die obligatorische Ehrenrunde durch das Stadion drehen, steht Bülter vor den Mikrofonen Rede und Antwort – auch das ist die Bundesliga. Seinen Blick kann er trotzdem nicht abwenden von den feiernden Fans.

Bülters ungläubige Freude macht deutlich, was der Sieg für das Selbstvertrauen der Unioner bedeutet: "Wir haben eines der besten Teams der Liga geschlagen." Trainer Fischer beweist ein feines Gespür für den Moment, als er sagt: "Nach einem solchen Spiel kannst du auch einfach mal zufrieden sein und das bin ich wirklich."

Nach dem Interview versucht ein Betreuer, Bülter am Spielfeldrand zu überreden, sich noch allein vor der weiter vollbesetzten Waldseite feiern zu lassen. Grinsend winkt er ab und macht sich auf den Weg in die Kabine - zu seinen Mannschaftskameraden.

Sendung: Abendschau, 01.09.2019, 19.30 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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6 Kommentare

  1. 6.

    Die Antwort des RBB macht keinen Sinn, da es in dem Bericht auch umfangreich um nicht sportliche Ereignisse geht (Choreo und Co.).
    Welchen Grund gab es tatsächlich die negativen Vorkommnisse erstmal nicht zu erwähnen und erst nach den Kommentaren zu veröffentlichen?

  2. 5.

    Neben der Spielberichterstattung haben wir heute auch über diese Themen berichtet:
    https://www.rbb24.de/sport/beitrag/2019/09/fussball-bundesliga-union-berlin-dortmund-auseinandersetzungen.html

    und

    https://www.rbb24.de/sport/beitrag/2019/09/fussball-bundesliga-union-berlin-dortmund-auseinandersetzungen.html

  3. 4.

    Wir haben den sportlichen Aspekt von dem Polizeieinsatz getrennt: https://www.rbb24.de/sport/beitrag/2019/09/fussball-bundesliga-union-berlin-dortmund-auseinandersetzungen.html

  4. 3.

    Mein 7Jahre alter Sohn wurde gestern wegen seines Hertha Trikots in der S-Bahn massiv angepöbelt. Von, zumindest auf dem Papier, Erwachsenen Männern. Diese waren deutlich über dreißig. Ein nicht unerheblicher Teil der Mitfahrenden Menschen waren auch Anhänger dieses permanent hochgelobten Vereins und haben dazu nichts gesagt. Lieber rbb, sosehr ich Union schätze, nicht immer nur die schönen Seiten dieses Vereins, und wie ach so toll die Fans sind berichten, sondern das darunter genauso viele Deppen sind wie z.B. bei Hertha. Aber das fällt bei der dauernden Lobhudelei natürlich schwer....

  5. 2.

    Lieber RBB,

    zur ganzen Geschichte des Spiels gehört aber auch der Polizeieinsatz mit Pfefferspray während des Spiels. Ich werde mit mit meine Kindern vorläufig nicht mehr in die Alte Försterei gehen, so lange die Chaoten freie Bahn haben. Und auf dem Dach rumturnen und sich gegenseitig provozieren.
    Union erlebt einen tollen sportlichen Höhenflug, der RBB wollte jedoch bei der Berichterstattung am Boden bleiben.
    Danke

  6. 1.

    Alle Achtung kann man da nur sagen. Wer hätte denn das vor dem Spiel gedacht das hier ein Sieg für die Berliner rausspringt. Chapeau !!!

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