Handball-Legende Stefan Kretzschmar. / imago images/Sven Simon
Audio: Inforadio | 01.09.2019 | Jens-Christian Gussmann | Bild: imago images/Sven Simon

Verstärkung in der Führungsebene - Füchse holen Handball-Legende Kretzschmar als Sportvorstand

Überraschung vor dem Heimspiel-Start: Stefan Kretzschmar wird Teil der sportlichen Führung der Füchse Berlin. Die Handball-Legende saß zuletzt im Aufsichtsrat von Liga-Konkurrent Leipzig - und hat ambitionierte Ziele mit dem neuen Arbeitgeber.

Die Top-Nachricht bei den Füchsen Berlin gab es bereits, da hatte der sportliche Teil des Nachmittags noch gar nicht begonnen: Der Handball-Bundesligist hat Stefan Kretzschmar als neuen Sportvorstand vorgestellt - und das zwei Stunden vor dem Heimspiel-Auftakt gegen den HC Erlangen. Der 46-Jährige tritt seinen Job am 1. Januar 2020 an - und unterschreibt einen Vertrag für vier Jahre. Der ehemalige Weltklasse-Linksaußen wird beim Hauptstadt-Club neben dem Leistungssport auch für Kommunikation und Sponsoring verantwortlich sein.

"Ich habe das Gefühl, nach Hause zurückzukommen", sagte Kretzschmar, der beim SC Dynamo Berlin ausgebildet wurde - und: "Meine Freunde leben hier. Nach wie vor habe ich in Berlin ein großes Netzwerk. Deswegen freue ich mich nach einem verrückten Sommer hundertprozentig auf die neue Aufgabe. Sie ist sehr reizvoll und lukrativ." Die Ziele sind dabei ambitioniert. Er wolle versuchen, "eine schlagkräftige Truppe in den nächsten Jahren aufzustellen, so dass man dauerhaft wieder eine Spitzenmannschaft wird und regelmäßig in der Champions League spielt."

Ich habe das Gefühl, nach Hause zurückzukommen.

Stefan Kretzschmar

Der Posten des Sportdirektors, den Kretzschmar mit erweiterten Kompetenzen übernimmt, war bei den Füchsen seit dem Sommer vakant. Volker Zerbe hatte ihn abgegeben und war als Nachfolger von Stefan Güter Leiter der Geschäftsstelle geworden. "Es ist eine außergewöhnliche Personalie", sagte Füchse-Manager Bob Hanning. Er hoffe, dass Kretzschmar den Verein im Laufe der nächsten Jahre "dahin bringt, wo wir als Füchse Berlin den Anspruch haben." Die Verpflichtung sei ein ganz großer Schritt für den Verein. "Ich bin heute einer der glücklichsten Handballer der Welt, dass ich das hier an dieser Stelle so verkünden darf."

Die Rückkehr des Handball-Punks

Zehn Jahre im Aufsichtsrat des DHfK Leipzig

Vor einigen Wochen erst hatte Kretzschmar seinen Rückzug aus dem Aufsichtsrat des DHfK Leipzig bekanntgegeben. Bei den Sachsen hatte sich der heute 46-Jährige zehn Jahre lang engagiert - und prägte eine Erfolgsgeschichte. Als Kretzschmar 2009 in Leipzig begann, spielte der Club in der Oberliga Sachsen. 2010 stieg Leipzig in die dritte Liga auf, ein weiteres Jahr später in die zweite. Seit Sommer 2015 sind die Sachsen erstklassig.

"Wir haben mit vereinten Kräften einen etablierten, ernstzunehmenden Bundesligaverein aus der fünften Liga in den vergangenen Jahren aufgebaut", schrieb Kretzschmar, als er auf Facebook seinen Abschied verkündete. Zudem betonte der ehemalige Handball-Star, der auch als TV-Experte aktiv ist, er werde wohl nun erstmal Pause machen und sich dann vielleicht "einer neuen Herausforderung widmen."

Pause gerät kurz

Diese neue Herausforderung heißt nun Füchse Berlin. Und das nach einer sehr kurzen Phase des Durchatmens, in der er medial durchaus für Aufmerksamkeit sorgte: Er coachte - aus der Ferne - als Bundestrainer für ein Turnier die deutschen U45-Wasserballer bei der WM in Südkorea.

Nun kehrt er mit dem Engagement bei den Hauptstadt-Handballern auch in die Stadt zurück, in der seine Karriere Fahrt aufnahm - denn im Ostteil der Stadt wurde der Weltkasse-Linksaußen geformt. Als Zwölfjähriger kam er ins Trainingszentrum in Berlin. Später folgte der Wechsel in die Kinder- und Jugendsportschule des SC Dynamo, eine der Kaderschmieden des DDR-Sports. Und seine ersten Bundesliga-Spiele machte er für Blau-Weiß Spandau.

421 Bundesliga-Spiele, 1694 Treffer

Es war der Beginn einer großen Laufbahn des Sohnes zweier - im vergangenen Jahr verstorbenen - Handball-Ikonen der DDR. Vater Peter lief 66 Mal für sein Land auf und trainierte anschließend die Frauen-Nationalmannschaft. Das Team, in dem seine Frau Waltraud spielte und das mehrfach Weltmeister und Olympiazweiter wurde.

Sohn Stefan stand in 421 Bundesliga-Spielen für Spandau, Gummersbach und anschließend über ein Jahrzehnt für Magdeburg auf der Platte - und warf dabei 1.694 Tore. Schon früh in seiner Karriere wurde der Ausnahme-Spieler zwei Mal deutscher Handballer des Jahres, später gewann er einmal die Meisterschaft und drei Mal den EHF-Cup. 2002 krönte er sich mit Magdeburg zum Sieger der Champions League.

Punk und Provokateur

Sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft gab Kretzschmar 1993. In 218 Länderspielen erzielte er 821 Tore. 2004 trat er nach dem verlorenen Finale gegen Kroatien bei den Olympischen Spielen in Athen aus der deutschen Auswahl zurück. Da war er längst eines der bekanntesten Gesichter seines Sports in Deutschland.

Das lag auch daran, dass Stefan Kretzschmar nicht nur auf dem Feld von sich Reden machte. Das Dasein als Handball-Punk und Provokateur, das Unangepasst-Sein begleitete ihn. Da waren die extravaganten Tattoos, die bunten Frisuren, die schrillen Outfits, die MTV-Sendungen über alternative Musik - und natürlich die Beziehung des Ausnahmehandballers mit der Ausnahmeschwimmerin Franziska van Almsick, die die Boulevard-Presse regelmäßig zu Geschichten animierte. Oder der Nackt-Auftritt für eine Kampagne gegen Tierpelz.

"Einen neuen Impuls setzen"

2007 beendete Kretzschmar seine Karriere. Beim SC Magdeburg war er danach - vor seinem Engagement in Leipzig - zwei Jahre Sportdirektor. Er kennt also die Funktion, die er nun auch bei den Füchsen Berlin übernimmt. Klar ist: Der Ex-Handball-Star bringt zusätzlichen Glanz in den Hauptstadt-Club. Und klar ist: Es gibt auch sportlich Einiges zu tun. Platz sechs in der vergangenen Saison war für den Verein eine Enttäuschung.

"Die Füchse wissen, wie Erfolg geht. Momentan hat man es vielleicht ein bisschen verlernt. Das bringen die Zeit und der Wettbewerb manchmal mit sich. Die anderen werden auch nicht schwächer", sagte Kretzschmar. Man wolle nun "im sportlichen und wirtschaftlichen Bereich noch einmal einen neuen Impuls setzen." Seine Aufgabe als TV-Experte bei Sky will Kretzschmar künftig parallel ausführen, allerdings dann nicht mehr bei Spielen der Füchse.

Sendung: rbbUM6, 01.09.2019, 18 Uhr

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