Martin Häner im Trikot des Berliner HC. / imago images/Zink
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Interview | Hockey-Nationalspieler Martin Häner - "Olympische Spiele machen schon süchtig"

Der Berliner Hockey-Club startet am Wochenende in die Saison. Mit dabei ist auch Olympiasieger Martin Häner. Er ist unumstrittener Anführer des Teams und spricht über die Saisonziele mit dem BHC, olympische Medaillenträume - und wilde Partys. 

Wir bekommen einen Termin in der Sprechstunde. Gewissermaßen zumindest. Unser Assistenzarzt? Dr. Martin Häner. Der BHC-Anführer und Hockey-Olympiasieger ist im Berufsleben nämlich Teil des Teams für Orthopädie und Unfallchirurgie am Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin - und nimmt sich zwischen seinen Patienten Zeit für ein Interview. Aus gutem Grund: Am Samstag startet die Saison in der Hockey-Bundesliga mit einem Doppelspieltag - Samstag geht es um 14 Uhr gegen Krefeld, tags darauf zur gleichen Uhrzeit gegen Uhlenhorst.

rbb|24: Wie viele Ihrer Mitspieler sind eigentlich auch schon Ihre Patienten gewesen?

Martin Häner: (lacht) Da darf ich ja offiziell gar nicht drüber reden. Zumindest nicht mit Namen. Es waren natürlich schon ein paar bei uns in der Klinik. Aber ich bin ja Assistenzarzt - wenn die kommen, sind die schon auch alle beim Chef und der schaut sie sich an.

Trotzdem wird es auch im Sportalltag bestimmt die eine oder andere Bitte um ärztlichen Rat geben, oder?

Bei der Nationalmannschaft eigentlich nicht, weil natürlich ein Mannschaftsarzt immer mit dabei ist. Im Verein ist es schon häufiger. Da kommt bei Auswärtsfahrten nicht immer jemand mit - und ich schaue mir die Spieler bei solchen Sachen zumindest mal kurz an.

Ausbildung zum Facharzt, junge Familie - und Hockey in Bundesliga und Nationalmannschaft. Wie oft wünschen Sie sich da beim Blick in den Kalender, dass der Tag mehr Stunden hat?

Klar, diese Momente gibt es. Man kann nicht allen immer zu 100 Prozent gerecht werden. Wir haben als Familie entschieden, dass ich noch bis zu den Olympischen Spielen in der Nationalmannschaft weitermache. Es wäre schön, wenn ich gerade mein Kind häufiger sehen könnte - und nicht abends erst nach dem Training nach Hause komme, wenn es schon im Bett ist. Manchmal ist das natürlich schwer. Gerade auch, wenn man auf Turnieren mal zwei, drei Wochen weg ist. Aber heutzutage gibt es ja zum Glück FaceTime.

Was ist Ihre Motivation, das bei aller Belastung durchzuziehen?

Für eine Europameisterschaft hätte ich wahrscheinlich nicht weitergemacht. Aber Olympische Spiele sind einfach etwas ganz Besonderes. Wenn man das mal miterlebt hat und auch noch erfolgreich war (Anm. d. Red.: 2012 gewann Deutschland Gold, 2016 Bronze), kann man schon sagen, dass das süchtig macht. Man lebt noch so lange - und wird so eine Chance nie wieder haben. Deswegen habe ich mich entschieden, dass es bis Tokio noch weitergehen soll.

Mit Ihrem Verein - dem Berliner HC - beginnt am Wochenende die Saison mit einem Doppel-Spieltag gegen Krefeld und Uhlenhorst. Was haben Sie sich vorgenommen?

Wir haben klare Zielsetzungen. Der Modus wurde mal wieder geändert - das macht es kompliziert. Wir wollen auf jeden Fall in die Playoffs. Dafür müssen wir in unserer Gruppe unter die ersten Vier kommen. Eigentlich gilt es, Platz eins bis drei zu schaffen. Wir haben uns im Verhältnis zur vergangenen Saison verstärkt. Wir haben die besten drei Spieler von Blau-Weiss Berlin dazugekommen. Und in der vergangenen Saison sind wir schon nur sehr knapp gescheitert. Nun wollen wir um die Deutsche Meisterschaft mitspielen.

Wer einmal bei uns ist, geht in der Regel auch nicht mehr weg. Wir haben als einer der wenigen Mannschaften noch ein richtiges Clubleben und eine Identifikation mit dem Verein.

Martin Häner

Die bislang letzte Meisterschaft des BHC liegt sieben Jahre zurück. Auch damals waren Sie schon dabei. Was für eine Entwicklung gab es seitdem im Vereinshockey - und führt dazu, dass Ihr Club nicht mehr ganz oben dabei war?

Wir sind 2012 einmal Deutscher Meister geworden. Davor auch seit Ewigkeiten nicht. Hockey wird immer professioneller und es fließt vor allem auch immer mehr Geld in den Sport. Wir sind eine der wenigen Mannschaften in der Bundesliga, bei der Spieler nichts verdienen. Auch als Nationalspieler nicht. In anderen Städten verdient man schon kleine vierstellige Beträge monatlich. Da ist es schwer, Spieler mit von außen dazuzubekommen. Wir müssen extrem auf unsere eigene Jugend setzen, mit der wir auch sehr erfolgreich sind.

Ein großer Wettbewerbsnachteil?

Es macht schon einen Unterschied, wenn man sich jedes Jahr ein, zwei Nationalspieler dazuholen kann. Früher war es noch so, dass das Geld noch nicht so flächendeckend bezahlt wurde. Da hatte man auch bei Spielern von außerhalb eine Chance. Jetzt bekommt man eigentlich nur noch aus Berlin Neuzugänge.

Was macht den BHC trotzdem attraktiv - gerade für Nationalspieler wie Sie. Auch Sie könnten ja woanders Geld mit Ihrem Sport verdienen?

Wir haben einen großen Vorteil: Wer einmal bei uns ist, geht in der Regel auch nicht mehr weg. Wir haben als einer der wenigen Mannschaften noch ein richtiges Clubleben und eine Identifikation mit dem Verein. Auch teamintern ist das ein ganz enges Verhältnis. Es ist eben nicht zusammengekauft, sondern eine Mannschaft, die zusammengewachsen ist. Die Herren-Spieler werden auch immer wieder Trainer von Jugendmannschaften. Dann kommen die Jugendspieler hoch spielen mit ihren ehemaligen Trainern zusammen, sodass einfach eine Verbindung da ist. Die Spieler fühlen sich einfach wohl.

Martin Häner bei den Gold-Feierlichkeiten 2012 auf der MS Deutschland. /imago images/Camera 4Martin Häner bei den Gold-Feierlichkeiten 2012 auf der MS Deutschland.

Ich habe gehört, Teil des Clublebens seien früher auch mal wilde Partys gewesen - und es sei ein bisschen ruhiger geworden...

Klar, das gehört auch dazu. Aber der Sport ist mittlerweile so professionell geworden, dass das insgesamt schon deutlich weniger geworden ist. Eine Bundesliga-Mannschaft hat unter der Woche sechs Trainingseinheiten. Das ist viel mehr als zu der Zeit, zu der ich angefangen habe. 2006 haben wir zweimal Hockey und zweimal Athletik in der Woche gemacht. Da ist es normal, dass es partytechnisch ruhiger wird.

Die letzte richtig große Medaillen-Party mit der deutschen Nationalmannschaft gab es bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Das ist inzwischen drei Jahre her. Zuletzt bei der EM stand am Ende einen unglücklichen vierten Platz. Wo steht das Team - ist es wie beim BHC auf Vereinsebene und andere Mannschaften ziehen weg?

Von den Ergebnissen muss man einfach sagen, dass es zwei, drei Nationen gibt, die gerade vor und sind. Aber vom Talent und den Spielern haben wir alles, was man braucht, um erfolgreich zu sein. Die EM hat auch gezeigt, dass wir mithalten können - auch gegen Belgien, die wohl aktuell weltbeste Mannschaft. Das Problem nur, dass wir es nicht über 60 Minuten schaffen, ein Niveau zu halten. Daran müssen wir arbeiten. Erst einmal gibt es jetzt die Olympia-Qualifikation Anfang November. Das ist erstmal das Wichtigste für uns, dass wir uns für die Olympischen Spiele qualifizieren.

Wir sind darauf erpicht, die duale Karriere wirklich voranzutreiben. Das würde auch niemand von uns ändern wollen. Seine Hockey-Laufbahn beenden, nichts haben und erst mit 30 Jahren anfangen zu arbeiten - das ist nicht das, was wir Spieler uns vorstellen.

Martin Häner

Haben andere Länder inzwischen trotzdem auch strukturelle Vorteile?

In Deutschland wird der Sport immer noch dual betrieben, in anderen Ländern sind die Spieler fast Vollprofis. Das gilt für die Australier oder die Argentinier. In Belgien und Holland trainiert die Nationalmannschaft montags bis freitags zusammen. Aber da reist man maximal eine Stunde. Deutschland ist dafür viel zu groß. Wenn ich immr von Montag bis Mittwoch aus Berlin nach Mannheim müsste, könnte ich tagsüber nichts mehr machen. Da haben wir geografische Nachteile. Und wir sind erpicht, die duale Karriere wirklich voranzutreiben. Das würde - glaube ich - auch niemand von uns ändern wollen. Seine Hockey-Laufbahn beenden, nichts haben und erst mit 30 Jahren anfangen zu arbeiten - das ist nicht das, was wir uns vorstellen.

Was ist mit diesem Modell 2020 in Tokio drin?

Ich spiele weiter, weil ich bei den Olympischen Spielen noch einmal eine Medaille holen will. Das steht außer Frage. Da fährt man nicht hin mit dem Ziel, ins Viertelfinale zu kommen - selbst wenn man in den Jahren davor vielleicht keine Medaille geholt hat. Ich würde gerne diese schönen Momente noch einmal erleben. 2012 sind wir aus London mit dem Schiff in Hamburg eingelaufen und 20.000 Menschen waren da. Das bleibt in Erinnerung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Johannes Mohren.

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