Tom Persich ist dem Fußball nicht mehr ganz so eng verbunden wie früher. Quelle: imago images/Sebastian Wells
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Interview | Ex-Union-Verteidiger Tom Persich - "Ich habe entdeckt, dass es auch ein Wochenende gibt"

Tom Persich hat lange für Union Berlin gespielt, wird von den Fans auch heute noch geschätzt. Mittlerweile hat er sich vom Fußball gelöst und andere Prioritäten. Persich lebt mit seiner Familie in Halle - und hat den Anschlag am Mittwoch aus der Nähe erlebt.

rbb: Herr Persich, unseren ursprünglichen Interview-Termin am Mittwoch mussten Sie aufgrund des rechtsextremistischen Anschlags in Halle verschieben. Sie leben in unmittelbarer Nähe der attackierten Synagoge. Wie haben Sie die Tat erlebt?

Tom Persich: Tatsächlich ist die Synagoge nur 100 Meter von unserem Haus entfernt. Ich war kurz vor der Tat mit meiner Freundin und unserem Baby spazieren. Als wir nach Hause kamen, war noch alles ruhig. Wenig später hat es dann geknallt. So richtig zur Kenntnis genommen hat man es aber nicht. An der Ecke ist eine Baustelle, die sehr laut ist. Später war es dann schon sehr befremdlich, dass es an der Stelle, an der wir ein wenig früher vorbeigelaufen sind, zu dieser Tat kam. Den ganzen Nachmittag über waren wir im Haus eingesperrt, die Polizei stand mit Megaphonen auf der Straße und hat uns aufgefordert in den Häusern zu bleiben.

Wie ist die Situation jetzt?

Vorhin bin ich an der Synagoge vorbeigefahren. Mittlerweile stehen dort tausende Kerzen – ein einziges Lichtermeer. In den letzten Tagen waren viele Fernsehteams hier, mittlerweile kehren aber alle in den Alltag zurück. Es war ein Abstecher auf die negative Seite des Lebens.

Kommen wir zu angenehmeren Themen. Wie geht es Ihnen im Fußballer-Ruhestand?

Ich arbeite seit mittlerweile vier Jahren bei einer großen deutschen Versicherung in der Abteilung Finanzierung. Ich habe damals parallel zur Fußballer-Karriere Wirtschaftswissenschaften studiert und mit einem Master abgeschlossen. Vor ein paar Jahren bin ich dann über einen guten Freund an diese Tätigkeit gekommen. Das macht mir sehr viel Spaß. Privat gehe ich alle zwei Wochen zu den Heimspielen des Halleschen FC. Außerdem spiele ich fünf bis sechsmal im Jahr für die Traditionsmannschaft von Union Berlin, auch für die Alten Herren des HFC bin ich aktiv. Wochentags als Trainer zu arbeiten (Persich war bis 2016 Trainer in der Oberliga, Anm. d. Red.), geht allerdings nicht mehr. Ich habe mittlerweile zwei Kinder, die noch ziemlich klein sind. Da ist man froh, wenn man abends zuhause ist.

So ganz lösen können Sie sich vom Fußball dem Anschein nach aber nicht ...

Nein, das möchte ich auch nicht. Nach dem Abschluss meiner Profikarriere habe ich aber entdeckt, dass es auch ein Wochenende gibt. (schmunzelt) Das kannte ich früher nicht. Wenn der Trainer für nachts um drei ein Training angesetzt hat, wurde halt trainiert. Das ist im jetzigen Leben ganz anders. Die Zeit im Profifußball war schön. Mittlerweile habe ich aber andere Prioritäten. Mein ältestes Kind ist jetzt vier und bereits im Verein angemeldet. Da geht es - auf eigenen Wunsch, ich drängele da nicht - jeden Freitag zum Training.

Und irgendwann tritt der Sohn in Ihre Fußstapfen?

(Lacht) Das muss er nicht - ganz im Gegenteil. Ich würde ihm eher dazu raten, erstmal eine Berufsausbildung  oder ein Studium zu machen. Davon habe ich profitiert. Wenn ich viele andere Kollegen sehe, die nicht so richtig wissen, was sie nach der Karriere machen sollen, war es klug damals zu studieren. Hunderte Millionen haben wir früher nicht verdient - es muss also irgendwie finanziell weitergehen.

Bei Union Berlin gelten Sie als Ikone, Sie haben lange für den Verein gespielt. Was bedeutet Ihnen dieser Status innerhalb des Klubs?

Sehr viel! Das ist zum einen ein Ausdruck, dass man gute Leistung gebracht hat. Zum anderen, dass man mit vollem Einsatz für den Verein da war. Das war immer meine Maxime. Es freut mich, wenn die Fans sowas honorieren.

Tom Persich in Aktion für die Union-Traditionsmannschaft. Quelle: imago images/Jan Huebner
Tom Persich in Aktion für die Traditionsmannschaft von Union Berlin. | Bild: imago images/Jan Huebner

Sie hatten zwei besonders intensive Erlebnisse mit dem Verein: Zum einen die verpasste Relegation 2000 gegen Osnabrück, zum anderen das Pokalfinale ein Jahr später gegen Schalke 04. Was hat Sie in Ihrer Karriere mehr geprägt?

Die Relegation nur insofern, als dass es ein Jahr Verzögerung gab, um in die zweite Bundesliga aufzusteigen - wir haben es ja 2001 geschafft. Das Spiel gegen Osnabrück haben wir damals sehr schnell abgehakt. Die Leute sprechen mich viel häufiger auf das Pokalfinale an, das verlorene Aufstiegsspiel ist nur selten ein Thema.

Den absoluten Höhepunkt in der Vereinsgeschichte hat Union Berlin in diesem Jahr mit dem Aufstieg in die Bundesliga gefeiert. Wie haben Sie das erlebt?

Die Relegationsspiele habe ich natürlich live im Fernsehen verfolgt. Im Stadion war ich in der Rückrunde der letzten Saison nur ein Mal - bei der 1:3-Niederlage gegen Paderborn. Nach dem starken Auftritt der Paderborner war mir klar, dass sie aufsteigen würde. Natürlich habe ich mich dann gefreut, als auch Union aufgestiegen ist. Das haben der Verein und die Fans sich verdient. Ich habe immer noch mit vielen Spielern von damals Kontakt. Oskar Kosche (Union-Spieler von 1993 bis 1999, mittlerweile Geschäftsführer, Anm. d. Red.) habe ich versprochen, dass ich in dieser Saison zu mindestens einem Spiel pro Halbserie komme. Die Mannschaft durchläuft gerade einen normalen Prozess und hat noch Zeit, sich an die neuen Gepflogenheiten der ersten Liga zu gewöhnen. Zum Anfang der Rückrunde wird Union zu einer guten Bundesliga-Mannschaft aufgestiegen sein und die Klasse halten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jonas Bürgener. Es handelt sich um eine redigierte und gekürzte Fassung.

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