Hertha- und Union-Fans beim Freundschaftsspiel im Januar 1990 im Olympiastadion (Quelle: dpa/Thomas Wattenberg)
Audio: Inforadio | 17.10.2019 | Philipp Laberenz | Bild: dpa/Thomas Wattenberg

Fußballfans zum Mauerfalljubiläum - Früher mal ziemlich beste Freunde

Auch 30 Jahre nach dem Ende der Teilung Berlins wird über Fanfreundschaften diskutiert. Bei der Veranstaltungsreihe "Fußball ohne Mauer" stand deshalb auch die Fanfreundschaft zwischen Hertha BSC und Union Berlin im Fokus. Von Philipp Laberenz

Eines wird schnell deutlich, wenn man den Systemwechsel aus sportlicher Sicht betrachtet: Fußball und Fankultur im Lichte des Mauerfalls kommen nicht ohne die berühmte Fanfreundschaft zwischen Hertha BSC und Union Berlin aus. "Sie war sehr einseitig", frotzelt der gebürtige West-Berliner Knut Beyer. "Die Unioner waren sehr faul, sind nie zu uns rüber gekommen." Der Ton ist gesetzt.

Berlin - eine der Wiegen des deutschen Fußballs

Sätze wie diese machen die Veranstaltungsreihe "Fußball ohne Mauer" so reizvoll. Es wird freundlich gehakelt, sich auf den Arm genommen und miteinander gelacht. Fußball ist Identifikation, Berlin der Schmelztiegel für Fankultur dieses Spiels. Der Berliner Verein Gesellschaftsspiele verbindet mit "Fußball ohne Mauer" den Sport  mit dem Jubiläum des Mauerfalls. Fußballwendegeschichten in den Tagen vor dem Haupstadtderby zwischen Hertha und Union.

Zeitzeuge Beyer ist Stadtplaner und von Kindesbeinen an Fan der Hertha. Auf neutralem Grund, im Yaam am Ostbahnhof - ehemaliger Grenzstreifen - lädt er mit Schiebermütze und blau-weißem Schal ein zu einer besonderen Stadtführung: ein gedanklicher Ausflug durch die Fußballstadt Berlin, "eine der Wiegen des deutschen Fußballs", sagt Beyer. Und Ausgangspunkt ist ein ehemaliger Exerzierplatz im Prenzlauer Berg, der Jahnsportpark, einst auch Heimstätte der Hertha. Davon wenige Schritte entfernt, die Oderberger Straße und die erste Vereinskneipe des Vereins. "Die Mannschaften haben sich ja damals in den Kneipen getroffen, sich dort umgezogen und sind dann zum Exer‘ gelaufen", erzählt Beyer. Ein gutes Geschäft vor allem für den Wirt – ob Sieg oder Niederlage, einen Grund zum Trinken gab es immer.

"Wir haben uns immer da getroffen, wo Hertha spielte"

Den gab es ab Mitte der 1970er gleichwohl auch für die Fans von Hertha und Union. Die haben sich beim sogenannten internationalen Fußballvergleich zwischen der DDR und der BRD in Dresden kennengelernt, eine Fanfreundschaft währte bis nach dem Fall der Mauer.

"Da habe ich das erste Mal Unioner kennengelernt, die ich bis in die 90er als Freunde und Kumpels nicht verloren habe", sagt Beyer. Über die Jahre vertieft wurde diese Verbundenheit bei internationalen Partien im Ostblock. "Wir haben uns immer da getroffen, wo Hertha spielte." Die Europapokalspiele in Pozen (Polen), in Bratislava (Slowakei), vor allem aber das Viertelfinalspiel in Prag waren Gesamtberliner Höhepunkte – etwa die Hälfte der 30.000 Zuschauer im Stadion von Dukla Prag stammt aus West- und Ost-Berlin. "Unvergessen", erinnert sich Beyer. "wie Unioner und auch sehr viele Hertha-Fans aus der DDR auf allen Wegen versucht haben, dorthin zu kommen."

"Zusammen der Mauer den Stinkefinger gezeigt"

Auch Hertha-Anhänger im Stadion An der Alten Försterei waren zu dieser Zeit keine Seltenheit. Die Abstecher waren aber nicht auf das rein Sportliche begrenzt. Auch außerhalb der Köpenicker Sportstätte bestand die Verbundenheit, erinnert sich Beyer. "Wir sind rüber, haben zusammen die Kneipen dort unsicher gemacht und viel Spaß gehabt." Im Rückblick habe die Fanfreundschaft vor allem vom Bestehen der Mauer gelebt, die gemeinsame Abneigung gegenüber der manifesten Grenze war wichtiger Bestandteil dieses bemerkenswerten Bundes. "Mit jedem Besuch haben wir drüben zusammen der Mauer den Stinkefinger gezeigt", sagt Beyer.

Dass die Abstecher nach Ost-Berlin stets nicht ohne Risiko gewesen seien, sei eine Triebfeder der freundschaftlichen Beziehung der zwei unterschiedlichen Gruppierungen gewesen. "Es wurde Neugierde befriedigt, und wir haben später erfahren, dass wir die Stasi damals ordentlich auf Trapp gehalten haben – jeder ist ein Risiko eingegangen." Es sei eben nicht so gewesen, wie wenn ein Braunschweiger einen Hannoveraner besuche – obwohl auch das ein Risiko ist. "Es gab richtig Probleme, wenn man an der Grenze in irgendeiner Weise auffällig geworden ist. Das war schon ein anderes Kaliber." Das habe diese Fanfreundschaft ausgemacht, glaubt Beyer, "und deswegen kommt die so nicht wieder."

Einlauf der Mannschaften vor Beginn des Freundschaftsspiels zwischen Hertha BSC und Union Berlin am 27.01.1990 im Olympiastadion in Berlin (Quelle: dpa/Thomas Wattenberg)Einlauf der Mannschaften vor Beginn des Freundschaftsspiels zwischen Hertha BSC und Union Berlin am 27.01.1990 im Olympiastadion.

Erinnerungen ans Freundschaftsspiel nach der Wende

Die zarte Ost-West-Beziehung zwischen den Anhängern der Berliner Fußballklubs ging an Chris Lopatta - Union-Fan seit 1977 - offenbar ziemlich spurlos vorbei. "Hertha war nur einmal eine nette Begegnung - bei diesem großen Spiel im Januar 1990. Das war großartig", erinnert sich Lopatta an die Wendepartie. Das Freundschaftsspiel im Olympiastadion brachte die Fans beider Berliner Vereine zusammen und eröffnete kurzerhand neue Perspektiven. "Da haben wir auch nette Herthaner kennengelernt, mit denen wir dann auch lange befreundet waren."

Freundschaften, die bis heute bestehen, werden nun auf eine leichte Probe gestellt. Anfang November werden wieder Herthaner ins Stadion An der Alten Försterei pilgern. Fraglich bleibt nur, ob beim Hauptstadtderby der Umgang so kollegial sein wird wie während der Veranstaltung "Fußball ohne Mauer" - denn dann geht es nicht um Anekdoten, sondern zum ersten Mal überhaupt zwischen diesen beiden Teams um Bundesligapunkte.

Sendung: Inforadio, 17.10.2019, 12:15 Uhr

Beitrag von Philipp Laberenz

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2 Kommentare

  1. 2.

    Ich freu mich drauf. Als Gesamtberliner hoffe ich auf ein 2:2... Natürlich auch beim Rückspiel...

  2. 1.

    ....und noch im neuen Jahrtausend sang man im Olympiastadion "Eisern Berlin" bis eines Tages ein paar Vollidioten in rot-weiß in einer schweren Zeit bei einem abgesagten Spiel ein "Absteiger"-Banner hochheben mussten...... Ich wünschte es würde dort weiter gemacht we den wo man vor 30 Jahren und noch länger zurück war.
    Aber nein, man spielt ja nicht am 09.November und stänkert lieber rum.
    Schade

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