Schiedsrichter in der Regionalliga gibt gelbe Karte
Bild: imago images / opokupix

Interview mit Berliner Schiedsrichter - "Heutzutage führen Kleinigkeiten zur Eskalation"

Die Absage von rund 1.600 Fußballspielen in Berlin hat eine Diskussion in die Öffentlichkeit gerückt, die intern schon länger stattfindet. Frank Ewert pfeift seit Jahrzehnten und spricht über steigende Gewalt, fehlenden Respekt und eine bessere Zukunft.

Frank Ewert ist sechzig Jahre alt und pfeift seit zwanzig Jahren im Berliner Amateurfußball Spiele bis hoch in die Landesliga. In den siebziger Jahren spielte er bei Wacker 04 selbst in der Regionalliga. Er versucht seit Jahren, sein Wissen an den Schiedsrichternachwuchs weiterzugeben. 

rbb|24: Herr Ewert, die Schiedsrichter streiken, der Berliner Fußballverband hat alle Spiele von der Berlin Liga abwärts für das Wochenende offiziell abgesagt. Wie stehen Sie als Schiedsrichter dazu?

Frank Ewert: Ich begrüße das und ich finde es wichtig, dass ein Schritt in die Öffentlichkeit unternommen wird - damit auch außerhalb des Fußballs endlich diskutiert wird.

Worüber genau soll diskutiert werden?

In Schiedsrichterkreisen, also auch im Schiedsrichterausschuss, diskutieren wir seit einiger Zeit die steigende Gewalt gegenüber Unparteiischen auf Berliner Sportanlagen. Aber nach den jüngsten Eskalationen, beispielsweise beim Spiel von Al-Dersimspor, wurde es dringend Zeit Fahrt aufzunehmen und Farbe zu bekennen. So geht das nicht weiter. Es muss jetzt endlich aufgezeigt werden, was hier eigentlich Sache ist.

Was kann und soll denn so ein Streik bewirken?

Zunächst werden Menschen, die nicht so in diesem Thema involviert sind, mit unseren Umständen konfrontiert. Es kommt also ein schöner öffentlicher Diskurs in Gang. Wir haben viele Vereine in Berlin, für die mir die Absage wirklich Leid tut. Trotzdem: Alle sollen sich jetzt an dieser losgetretenen Diskussion beteiligen. Der Fußball ist ein Massensport. Jetzt wird endlich aufgezeigt, was hier eigentlich Sache ist.

Wo muss denn explizit angesetzt werden, damit Sie wieder gerne Fußballspiele pfeifen?

Beim Respekt. Ich erhoffe mir einfach wieder mehr Respekt den Schiedsrichtern gegenüber. Wir gehen ja nicht auf den Platz, um frei Schnauze unsere Launen auszuleben. Wir haben Spielregeln, nach denen pfeifen wir. Und wir machen das aus Liebe zum Fußball.

Haben Sie denn selbst bereits Gewalttaten auf dem Platz miterlebt?

Ich werde hier natürlich keine Namen nennen: Aber ich kann sagen, dass wir im Gespann, bestehend aus zwei Linien- und dem Schiedsrichter, vor allem nach Spielen schon attackiert wurden. Da kochten die Emotionen hoch, es wurde dann uns gegenüber auch schon mal handgreiflich. Nun bin ich selbst glücklicherweise über 1,80 Meter und kann dazwischen gehen, wenn beispielsweise einer meiner Kollegen angegangen wird und versuche zu deeskalieren. Aber es sind nicht nur körperliche Übergriffe, sondern vor allem auch Worte, die dann da fallen. Insgesamt nimmt die Gewalt zu und es sind nur noch kleine Dinge, die zur Eskalation führen. Vor ein paar Jahren hat man als Schiedsrichter dann gesagt: "Jetzt mach mal hier keine Faxen", und dann war Ruhe. Heutzutage reicht ein Funke und es beginnt zu brennen und zu knallen.

Welche Konsequenzen haben denn solche Übergriffe für Vereine und Spieler?

Nach solchen Spielen schreiben wir Schiedsrichter immer Berichte - wenn ein normaler aufgrund der Schwere der Vorkommnisse nicht ausreicht, dann schreiben wir Sonderberichte. Den kriegt der Ansetzer und der Verband. Dann kann es zur Gerichtsverhandlung kommen.

Fühlen Sie sich denn vom Berliner Fußball-Verband gut genug geschützt und unterstützt?

Der Verband kann ja nicht bei jedem Spiel herumstehen und die Schiedsrichter schützen, das muss der Heimverein machen. Es werden in naher Zukunft auch Maßnahmen ergriffen, um uns besser zu schützen. Je nach Persönlichkeit des Schiedsrichters kann man auf dem Platz natürlich auch vieles selbst deeskalieren, aber irgendwann geht das eben nicht mehr, wenn die Akteure durchdrehen. Das Beste ist dann, auf dem Spielfeld zu bleiben, da können wir dann auch noch Karten verteilen. Aber sobald wir als Schiedsrichter dann im Kabinengang sind, dann sind wir weg von der Öffentlichkeit und nur noch mit den Mannschaften. Und da können natürlich auch viele Dinge passieren.

Fühlen Sie sich auf Berliner Fußballplätzen im Moment sicher?

Ja, ich fühle mich sicher. Aber ich muss sagen: Wenn das weiter so eskaliert, dann lege ich meinen Schiedsrichterschein hin und dann soll jemand anderes pfeifen. Ich bin 60 Jahre alt, habe genug im Fußball erlebt und gestalte mit dem Pfeifen meine Freizeit. Ich kann doch nicht als Schiedsrichter mit einem Handy auf dem Platz rumlaufen und darauf warten, die Polizei zu rufen, wenn etwas passiert. Das müssen wir regeln. Und zwar in aller Sorgfalt. Aber ich habe das Gefühl, dass das nach diesem Wochenende ins Rollen kommt.

Haben Sie denn konkrete Lösungsansätze?

Da gibt es Einiges, was sich in der Mache befindet. Von Vereinen wird beispielsweise gefordert, Ordner zu stellen. Die Unterbringung der Schiedsrichter auf den Vereinsgeländen ist ein Thema. Natürlich geht es da auch um Prävention, die findet auch schon statt. Mit den Vereinen zu kommunizieren ist extrem wichtig.

Das Telefon-Interview führte Uri Zahavi.

Sendung: rbb um6, 18 Uhr, 25.10.2019

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Antwort auf [Tino] vom 26.10.2019 um 17:58
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6 Kommentare

  1. 6.

    In den letzten Jahren gab es regelmäßig tätliche Angriffe auf Schiedsrichter, davor haben sie Angst. In Holland ist so ein Angriff auch schon tödlich verlaufen.
    Das Ganze bei einem Hobby.

  2. 5.

    Ich finde solche Artikel immer sehr einseitig, denn sie suggerieren, als läge hier angeblich ein gesamtgesellschaftliches Problem vor.

  3. 4.

    Das Artikelfoto zeigt "wo der Hase im Pfeffer steckt", die Facette von Weltoffenheit.

  4. 3.

    Einfach nur Rugby schauen

  5. 2.

    Ich finde den Streik total überflüssig. Wovor haben die Schiedsrichter Angst?
    Die Schiedsrichter, allen Spielern bekannt, müssen als Respektperson behandelt werden und haben das Sagen.
    Diejenigen Spieler die das nicht raffen muss er vom Platz werfen.
    Werden sich Spieler auch weiterhin nicht ändern, kann man sie aus dem Verein werfen.
    So sind die Regeln.

  6. 1.

    Ich kann mir nicht helfen, irgendwie denke ich bei der Lektüre solcher Meldungen an die Geschichte mit dem weißen Elefanten.

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