Schiedsrichter Lasse Koslowski (Quelle: imago images/KH)
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Interview | Bundesliga-Schiedsrichter Lasse Koslowski - "Das ist für die Kollegen nicht immer ein Zuckerschlecken"

Lasse Koslowski ist Berliner Schiedsrichter und pfeift Spiele bis in die zweite Fußball-Bundesliga. Begonnen hat er als 14-Jähriger beim E-Jugend-Hallenturnier im Wedding. Mit rbb|24 spricht er über den Videobeweis, Druck - und Gewalt im Amateurfußball.

rbb|24: Herr Koslowski, seit dieser Saison gibt es in der Zweiten Liga den Videobeweis. Damit haben auch Sie erstmals Kollegen aus dem Kölner Keller auf dem Ohr. Wie gefällt Ihnen das?

Koslowski: Für mich hat sich das als positiv herausgestellt. Früher war es wirklich kein gutes Gefühl, wenn ich einen spielentscheidenden Fehler gemacht habe - und er nicht korrigiert werden konnte. Das ist jetzt anders. Ich habe durch das korrekte Verfahren einfach ein besseres Gefühl als Schiedsrichter und auch als Mensch.

Der Videobeweis nimmt Ihnen also Druck?

Vielleicht im Unterbewusstsein. Einfach weil klar ist, dass klare und offensichtliche Fehlentscheidungen - die ganz dicken Dinger - verhindert werden. Das ist ein stückweit schon beruhigend. Trotzdem ist es für mich wichtig, dass der Schiedsrichter weiterhin auf dem Platz die Entscheidungen trifft.

Beim Videobeweis kommt es auch immer wieder vor, dass der Schiedsrichter sich im Stadion am kleinen Bildschirm in der Referee Review Area am Seitenrand die Bilder selbst anschaut. Alle Blicke sind dann auf Sie gerichtet. Es sind Momente, in denen Spiele entschieden werden können. Eine besondere Stress-Situation?

Ja. Wir haben als Zweitliga-Schiedsrichter auch nicht so viel Erfahrung damit. Ich hatte so eine Situation in meinem ersten Einsatz in dieser Saison (Anm. d. Red.: in Kiel). Man muss sich für diesen Moment vorbereiten, sich rüsten und wissen: Wenn ich da rausgehe, muss ich jetzt einfach Ruhe und Überblick behalten - und am Ende mit den Bildern, die geliefert werden, die richtige Entscheidung treffen. Da gilt es wirklich, auf dem Weg an den Seitenrand den Puls herunterzufahren.

Nicht nur der Videobeweis ist - zumindest in der zweiten Liga - in dieser Saison neu. Auch sonst gibt es einige Regeländerungen. Wo liegen für Sie als Schiedsrichter die größten Verbesserungen?

Gute Frage. (überlegt kurz) Ich finde die neuen Regeln - als Ganzes gesehen - ziemlich gut. Es hat vereinzelt für Diskussionen gesorgt, dass nun Trainer und Funktionäre, die auf dem Spielberichtsbogen vermerkt stehen, auch mit persönlichen Strafen (Anm. d. Red.: Gelben und Roten Karten) versehen werden können. Sie gehören jedoch auch zum Spiel und sollten sich ebenso wie die Spieler angemessen verhalten. Für mich ist aber der Umgang insgesamt damit entscheidend. Wichtig ist, dass man trotzdem auf Augenhöhe agiert, sportlich fair miteinander umgeht und versucht, zunächst die kommunikative Ebene zu erreichen.

Man muss sich für diesen Moment vorbereiten, sich rüsten und wissen: Wenn ich da rausgehe, muss ich jetzt einfach Ruhe und Überblick behalten - und am Ende mit den Bildern, die geliefert werden, die richtige Entscheidung treffen.

Lasse Koslowski

Ein besonders leidiges Thema, an dem auch gearbeitet wurde, ist das Handspiel. Mit Erfolg?  

Die Handspiel-Regelung an sich hat sich nicht groß verändert. Die einzige Neuerung ist, dass der Angreifer kein Tor mehr erzielen kann, wenn der Ball in der unmittelbaren Entstehung am Arm gewesen ist. Bei der verteidigenden Mannschaft ist die Auslegung nach wie vor dieselbe. Aber im Regelwerk wurde besser kategorisiert. Die Textpassagen sind eindeutiger und transparenter. Es ist nun klarer zu unterscheiden, wann etwas strafbar ist und wann nicht. Und ich finde, dass es in dieser Saison deutlich weniger Handspiel-Debatten gegeben hat als noch in der Vorsaison. Das hat sich etwas beruhigt.

Und es bleibt auch immer ein gewisser Ermessensspielraum ...

Es gibt gewisse Regeln, die sicherlich etwas dehnbar sind - und ich kenne keine Sportart, in der das derart weitgehend möglich ist wie im Fußball. Deswegen gibt es auch relativ viele Diskussionen. Es ist immer ein stückweit subjektiv, wann es ein Foul ist und wann nicht. Wir versuchen, diese Spielräume nach bestem Gewissen so anzuwenden, dass es der Partie gerecht wird und wir die Spiele fair leiten.

Sie sind inzwischen 32 Jahre alt. Haben unzählige Spiele gepfiffen. Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes?

Ja, noch sehr gut sogar. Das war ein Hallenturnier in der Osloer Straße im Wedding. Vierte E-Jugend, meine ich. Da war ein älterer Kollege, der mich an die Hand genommen und bei den ganzen Abläufen unterstützt hat. Insgesamt sind mir die Anfänge noch präsent. Ich war sehr jung. Gerade einmal 14 Jahre alt und damit in der Prägungsphase. Das waren auch Momente, in denen mein Vater immer dabei war und mich unterstützt hat. Wir haben damals gemeinsam eine Jugendmannschaft betreut, bei der ich dann immer die Spiele pfeifen konnte. Da waren nicht 30.000 Zuschauer, die geschrien haben, sondern nur ein paar Eltern am Spielfeldrand, die ihren Kindern Dinge zugerufen haben. Meist mit Bratwurst in der Hand. Eine tolle Zeit.

Hatten Sie damals schon das ferne Ziel, irgendwann einmal in der Bundesliga auf dem Platz zu stehen?

Überhaupt nicht. Ganz klar: nein. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Das schien nicht denkbar. Und das ist auch nicht planbar, selbst wenn man es wollte. Das ist so ein langer Weg, bis man im Profibereich angekommen ist. Da gehört ganz viel dazu. Leistung und Zuverlässigkeit natürlich. Aber auch Glück. Natürlich gibt es Träume. Aber ich habe ohnehin immer an den gegenwärtigen Moment gedacht und habe ihn genossen. Das tue ich weiterhin.

Was ist eigentlich schwieriger: Ein Kreisliga- oder ein Bundesliga-Spiel zu pfeifen?

Puh. Das ist nicht einfach. Ich habe auch Kreisliga-Spiele gepfiffen - und kann sagen, dass das extrem schwierig ist. Der Schiedsrichter ist meistens ganz alleine. Ohne Assistenten oder Betreuer. Die Zuschauer machen es einem als Schiedsrichter nicht immer leicht. Wir haben ja in Berlin auch ganz aktuell Schwierigkeiten mit Gewalt gegen Schiedsrichter. Das ist für die Kollegen nicht immer ein Zuckerschlecken. Es gibt auch viele, die dann einfach die Pfeife an den Nagel hängen, weil ihnen von draußen zu viel Druck ausgeübt wird und auch das Spielerverhalten teilweise grenzwertig ist. Dabei sollte man in Berlin froh sein, wenn man überhaupt einen Schiedsrichter zur Verfügung hat. Es gibt mehr Spiele am Wochenende als Schiedsrichter, die sie pfeifen. Da müsste man eigentlich sagen: 'Danke, dass du da bist. Und schön, dass wir einen Schiri haben.'

Das ist für die Kollegen nicht immer ein Zuckerschlecken. Es gibt auch viele, die dann einfach die Pfeife an den Nagel hängen, weil ihnen von draußen zu viel Druck ausgeübt wird und auch das Spielerverhalten teilweise grenzwertig ist.

Lasse Koslowski

Was löst das in Ihnen aus, wenn Sie von diesen Situationen der Gewalt hören, die zuletzt sogar dazu geführt haben, dass ein Berlin-Ligist vom Spielbetrieb suspendiert wurde? Sie widerfährt ja Ihren Kollegen, die dort unterwegs sind, wo Sie früher auch waren ...

Das schockt mich. Das muss ich ganz klar so sagen. Ich stehe diesen Kollegen teilweise auch sehr nahe, weil ich mir häufig noch Spiele im Berliner Amateurbereich anschaue. Ich bin meinem Heimatverein Frohnauer SC noch sehr verbunden. Der Schiedsrichter-Ausschuss hat auch umgehend Maßnahmen eingeleitet, die einen jetzt zum Umdenken bewegen sollen. Ich denke und hoffe, dass der Berliner Fußball-Verband das auch weiterhin unterstützt. Das haben sie ja auch schon gezeigt. Man muss einfach Zeichen setzen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Johannes Mohren.

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