Lukas Dauser beim Training vor der Turn WM in Stuttgart. Bild: imago/masterpress
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Berliner Turner vor der Weltmeisterschaft - Mit konstanter Leistung, aber ohne Lichtfigur

Das deutsche Männerteam will bei den Turn-Weltmeisterschaften in Stuttgart das Ticket für die Olympischen Spiele 2020 sichern. Einfach wird es nicht, denn der große Star Marcel Nguyen ist verletzt. Dafür haben es drei Berliner ins Team geschafft. Von Simon Wenzel

Endlich sind sie angekommen. Seit Sonntag trainieren die deutschen Turner in Stuttgart in der WM-Halle - es wurde Zeit. Fast einen ganzen Monat lang hatte sich die Mannschaft um Lukas Dauser, Philipp Herder und Andreas Toba in Kienbaum (Oder-Spree) vorbereitet. Das Trainingszentrum bietet zwar alles, was das ehrgeizige Sportlerherz begehrt, aber als Vergnügungspark geht der Leistungsstützpunkt wahrlich nicht durch.

"Die erste Zeit ging schnell vorbei, aber die letzten Tage zog es sich", erzählt der Berliner Lukas Dauser deshalb kurz vor der Abfahrt Stuttgart: "Wir freuen uns, dass es endlich losgeht." Das dürfte vor allem für die drei Berliner im Team gelten - neben Dauser sind Philipp Herder und der erst 19-jährige Karim Rida dabei. Sie alle eint, dass sie es als Wackel- oder Überraschungskandidat erst in den letzten Wochen und Monaten in die Mannschaft geschafft haben.

"Habe ein paar Tage gebraucht um es zu realisieren"

Als letzter erfuhr Philipp Herder von seiner Nominierung. Bis zur verletzungsbedingten Absage von Marcel Nguyen vor rund zwei Wochen, musste sich der 27-Jährige noch darauf vorbereiten, nur als Ersatzmann mit zur Heim-WM zu reisen. "Ich habe ein paar Tage gebraucht um es zu realisieren, dass ich im Team bin", berichtet Herder und gibt zu, dass er die Reserve-Rolle schon als "eine Art Trostpreis" akzeptiert hatte.  

Denn für ihn ist die WM-Teilnahme genauso wie für Lukas Dauser das Happy End eines Wettlaufs gegen die Zeit. Beide hatten sich vor etwa einem halben Jahr schwer verletzt - Herder erlitt im Mai einen Bänderriss im Halsbereich, Dauser brach sich im Juni einen Knochen der Mittelhand. "Es war klar: "Wenn es klappen kann, dann auf die letzte Sekunde und jetzt hat es auf die letzte Sekunde gepasst", sagt Dauser. 

Turn-Bundestrainer Andreas Hirsch mit seiner Mannschaft beim Training in Stuttgart. Bild: imago/masterpress
Ziel Olympia-Qualifikation: Das deutsche Team mit Trainer Andreas Hirsch (rechts) beim Training am Donnerstag in der Stuttgarter Halle. | Bild: imago/masterpress

Talent Rida überzeugt mit Präzision

Aus einem anderen Grund überraschend kam für den ein oder anderen die Nominierung von Karim Rida. Ein gerade mal 19-jähriger Abiturient im Rampenlicht bei der Heim-WM? Für Robert Hirsch, Trainer am Berliner Stützpunkt und Sohn des Bundestrainers Andreas Hirsch, ist das kein Problem: "Er kann sicherlich aufgrund des Alters noch nicht den gleichen Schwierigkeitsgrad turnen wie andere in der Mannschaft", erklärt Hirsch, "aber er bringt den großen Vorteil mit, dass er ein sehr eleganter und sauberer Turner ist."

Und das könnte beim modernen Wertungssystem ein großer Vorteil sein. Bei der WM in Stuttgart nutzen die Kampfrichter erstmals ein 3D-Videosystem, das es ihnen erlaubt mit tausenden Einzelbildern die technische Sauberkeit der Übungen zu überprüfen. Mit dem dritten Platz bei den Finals in Berlin, vor großem Publikum in der Max-Schmeling-Halle, zeigte der Youngster zudem, dass er schon in seiner ersten Saison bei den Erwachsenen mit Druck umgehen kann.  

Ohne Nguyen zum Ziel Olympia

Das Ziel für das deutsche Team ist spätestens seit dem Ausfall von Ausnahmetalent Marcel Nguyen klar: Platz zwölf im Team und damit die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. "Man kann nicht sagen, dass der Verlust von Marcel spurlos an einem vorbeigeht", sagt Robert Hirsch. "Er ist seit drei Olympiazyklen eines der Gesichter des deutschen Turnsports, zweifacher Olympiamedaillengewinner - Da wären wir falsch gewickelt, wenn wir sagen würden, dass das kein Verlust ist." Dennoch traut er seiner Mannschaft die Olympia-Qualifikation zu. Auch Lukas Dauser ist vom neuformierten Team überzeugt: "Wenn wir unser Zeug machen, dann werden wir die Tickets für die nächsten Olympischen Spiele lösen."

Keine Lichtfigur - keine Ausreißer nach unten

Für höhere Ziele, eine Medaille etwa, wird es wohl nicht reichen. Den deutschen Männern fehlt die Lichtfigur - erst recht nach dem Ausfall von Marcel Nguyen. Turner, die wie er, Fabian Hambüchen oder Philipp Boy in ihren erfolgreichen Zeiten Ausnahmeleistungen an bestimmten Geräten zeigten, sucht man in dieser Mannschaft vergeblich. Aber es gibt auch keine Ausreißer nach unten, Philipp Herder, der für Nguyen ins Team gerutscht ist, gilt als exzellenter Allrounder und verkörpert damit das Motto: Mit konstanter Leistung in die erweiterte Weltklasse turnen, nämlich nach Olympia.

Und dabei zumindest ein bisschen die Heim-WM genießen. Denn die sei "ein Erlebnis, das erlebst du wenn du Glück hast einmal in deiner Karriere", sagt Philipp Herder. Dass es für die drei Berliner jetzt auf den letzten Drücker zur Nominierung gereicht hat, ist vielleicht auch eine gute Voraussetzung, um sich von der großen Kulisse nicht verrückt machen zu lassen. Und Ruhe hatten sie im vergangenen Monat in Kienbaum ohnehin genug.

Beitrag von Simon Wenzel

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