Die Berliner Hüttei m Zillertal in Tirol (Österreich) (Quelle: dpa/Schröder)
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Video: rbb|24 | 03.11.2019 | Caroline Winkler | Bild: dpa/Schröder

Interview | 150 Jahre Alpenverein und Sektion Berlin - "Es gibt da etwas, was den Berliner zum Berg treibt"

Gerade so kommen die Berge in Berlin über 100 und in Brandenburg über 200 Meter. Das tut der Bergsteiger- und Kletterbegeisterung der Bewohner aber keinen Abbruch. Vor 150 Jahren wurde der Alpenverein Deutschland gegründet - und die Sektion Berlin.

rbb|24: Herr Schröder, Sie sind ja selbst Kletterer und Bergsteiger. Waren Sie auch auf den höchsten "Bergen" hier in der Region?

Bernd Schröder: Ja, den höchsten Berg Brandenburgs kenne ich aus eigener Anschauung. Ich war im Sommer und Winter oben – im Winter auch korrekt mit Skiern. Aber dann habe ich gelesen, dass direkt an der Strecke nach Dresden ein Berg nachvermessen wurde und der soll zehn Zentimeter höher sein. Das muss ich noch nachholen. Ich kenne den neuen Rekordhalter nur von der Autobahn aus und muss gestehen, dass ich überhaupt keine Lust darauf habe, hinaufzugehen, denn es sieht trostlos aus.

Handelt es sich hier in der Region bei den meisten Erhebungen nicht sowieso meist um Müll- oder Schuttberge?

In Brandenburg ist das definitiv kein Müllberg. In Berlin sind die Rekordhalter allesamt Müllberge oder Schutthalden. Aber die Berge in Brandenburg rühren von der Eiszeit her. Die zählen somit für uns voll und ganz als Berge.


Und Sie wollen dann auch den jetzt höchsten Berg tatsächlich unbedingt von oben gesehen haben?

Schon. Da stellt sich ja die Frage, was man für sein Ego braucht. Es gibt ja beispielsweise weltweit hohe Berge oder Punkte, die den Namen Berlin tragen. Es war durchaus mein Ehrgeiz, dort überall gewesen zu sein. Das habe ich auch geschafft. Der höchste Punkt, der den Namen Berlin trägt, ist eine knapp 6.000 hohe Hütte am Aconcagua in Südamerika. Das Ding ist völlig verfallen. Es ist ein besonderes Gefühl, wenn man dann an der Stelle steht, wo der Name Berlins in die Höhe verpflanzt ist. Der höchste Gipfel, der Berlin heißt, liegt in Peru und damit auch in Südamerika. Er heißt Cerro Berlin und ist 5.046 Meter hoch. Den habe ich erst vor wenigen Wochen besteigen können.


Sind Sie denn gebürtiger Berliner?

Nein. Ich bin in Bonn am Rhein geboren. Doch ich fühle mich schon als Berliner, weil ich viel länger hier lebe als ich vorher in Bonn gelebt habe.

Sie sind Leiter der Geschäftsstelle der Sektion mit dem Namen Berlin des Deutschen Alpenvereins (DAV). Der Alpenverein, mit gleich mehreren Berliner Sektionen, ist mit über 20.000 Mitgliedern der drittgrößte Sportverein Berlins.

Die Sektion Berlin ist tatsächlich eine von vier in Berlin ansässigen Sektionen des Alpenvereins. Wir haben über 21.000 Mitglieder. Mit den Mitgliedern der übrigen drei Sektionen kommt man auf ungefähr 26.000 Mitglieder.


Die Sektion Berlin des Alpenvereins wurde im Gründungsjahr des Alpenvereins 1869 eröffnet. Wieso eigentlich, wo es doch hier kaum nennenswerte Berge gibt?

Der Anekdote nach soll es ein Gespräch zwischen einem Berliner und einem Schweizer gegeben haben, bei dem der Berliner sagt: "Berge haben wir zwar nicht, aber wenn wir welche hätten, wären sie größer als Eure." Es gibt da irgendetwas, was den Berliner zum Berg treibt. Und die Beziehung der Berliner zu den Bergen beginnt deutlich, bevor der Alpenverein entstand. Das erste Mal manifestierte sich das, als 1827 Alexander von Humboldt seine Kosmos-Vorlesungen hielt. Humboldt sagte selbst, es habe ihn ermüdet, wie renitent die Berliner immer wieder nach der Besteigung des Chimborazo gefragt hätten. Kurz darauf bildete sich in Berlin eine Gesellschaft für Erdkunde, in der auch Humboldt sehr aktiv war. Und auch Alpinisten waren dort Mitglieder. Dann bestieg 1859 ein Berliner den Mont Blanc. Ab den 1860er Jahren fanden sich zunehmend Berliner, die im Alpenraum unterwegs waren. Das waren dann auch im Wesentlichen die, die dann später den Alpenverein hier in Berlin gegründet haben. Der DAV kann sich also nicht wirklich damit schmücken, den Berlinern die Berge gebracht zu haben.

"Wir müssen da hoch!"

Aber es ging schon immer eher um alpines Klettern und Wandern und nicht um Flachlandgedöns, das man auch hier erledigen kann?

Gedöns klingt jetzt eher abwertend. Wer in Berlin bergsteigen will, braucht auch etwas, um sich die Kondition zu erhalten. Daher und um gewisse Fertigkeiten zu erlangen, kommt man um dieses Gedöns gar nicht herum. Zwar geht eher niemand mit Sauerstoffmaske auf die Müggelberge, aber es geht schon, sich einen 20-Kilo-Rucksack zu packen und damit hinaufzusteigen. Man kann von hier aus nicht für jede Trainingstour in die Alpen fahren.


Wo hier in der Region kann man denn besonders gut klettern und wandern?

Wandern ist ja überall möglich. Wir haben zu unserem 150-jährigen Jubiläum eine Etappen-Wanderung von 150 Kilometern Länge kreiert, die einmal rund um Berlin führt. In Sachen Klettern ist Berlin ein Sonderfall, denn hier gibt es Kletteranlagen in einer Fülle wie in keiner anderen Stadt in Deutschland. Wegen der Mauer konnten die Westberliner irgendwann nicht mehr ins Elbsandsteingebirge und nach Brandenburg fahren. Auch deshalb hat man 1970 einen Kletterturm im Grunewald gebaut. Generationen von Berliner Kletterern haben hier ihre ersten Züge gelernt. Ich auch. In großem Stil ging es dann nach der Wende im ganzen Stadtgebiet los. Seither findet man von Spandau bis Hellersdorf Klettertürme in Berlin.

Was bringt es einem als Berliner denn überhaupt, Mitglied im Alpenverein zu sein?

Wenn ich ehrlich sein soll, wissen wir von unseren Mitgliedern gar nicht, was sie motiviert und was sie bei uns finden. Sie finden aber etwas! Die Bandbreite des Alpenvereins ist wirklich interessant: Wir bieten Wandern und Bergsteigen. Auch Bergsteigen der schärferen Richtung – im Fels und auf dem Gletscher. Was in den letzten 20 Jahren massiv hinzugekommen ist, ist das Klettern in sportlicher Ausrichtung. Seit 2013 haben wir auch eine große Kletterhalle.


Sie betreiben aber auch Hütten in den Alpen, oder?

Ja. Und das war ja quasi auch die Ursprungsidee. Mit der Gründung des Alpenvereins einher ging der Wunsch, mehr Menschen zu ermöglichen, die Berge zu erleben. Hochleistungssportler konnten in den Alpen auch schon vorher etliches erledigen. Aber für alle anderen waren die Distanzen ein Problem. Deshalb war der Bau von günstig gelegenen Schutzhütten, die den Zustieg zum Gipfel noch einmal einteilen, eine Zielsetzung. Die "Berliner Hütte" beispielsweise ist die älteste Hütte, die Berliner Bergsteiger 1879 gebaut haben. Diese Hütte war die erste, die unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das "Brandenburger Haus" wurde nicht von der Sektion Berlin gebaut, sondern von der ersten weiteren gegründeten Berliner Sektion, der "Mark Brandenburg". Die Hütte, die heute die höchste bewirtschaftete Alpenvereins-Hütte ist, wurde dann an einer besonders hoch gelegenen Stelle in den Ötztaler Alpen gebaut.

Den Deutschen Alpenverein gab es ja auch während des Nationalsozialismus. Wie hat man sich da positioniert?

Als sich der Alpenverein als "Deutscher Alpenverein" gegründet hat, gab es Deutschland als Staat noch gar nicht. Es war also erstmal gar nicht definiert, was mit "deutsch" eigentlich gemeint ist. Es spielte auch bis in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg faktisch kaum eine Rolle. Dann wurde es hochsensibel - das hing auch mit der Abtrennung von Südtirol zusammen. Ab 1919 bildete sich im Alpenverein eine sehr aktive Gruppe von Leuten mit Nationalbewusstsein und deutsch-völkischer Gesinnung. Das stieß bei denjenigen auf Resonanz, die schon vorher angefangen hatten, Klassifizierungen vorzunehmen. So kam es in Berlin dann zur Abspaltung der Sektion Mark Brandenburg von der Sektion Berlin. Die Sektion Mark Brandenburg wollte keine Juden aufnehmen. Das musste sie 1899 noch verschleiern, 1919 hat sie sich damit brüsten können. Da gab es quasi keine Hemmschwelle mehr. Ab 1924 hat der Alpenverein Juden dann formal ausgeschlossen.

Obwohl der Alpenverein immer ein unpolitischer Verein sein wollte. Vorher hatte man sich um vieles, aber nicht um ethische und moralische Maßstäbe, gekümmert. Doch auf einmal sickerte das Element der Ausgrenzung und der Verachtung ein. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen war der Alpenverein immer noch deutsch-österreichisch und somit überstaatlich und international. Doch nach 1938 wurde der Alpenverein in den Reichsbund aufgenommen. Ab dann war er durch und durch nationalsozialistisch. Nach dem Krieg hat sich der Alpenverein erst einmal seiner Vergangenheit nicht gestellt. Das geschah erst in den 60er-Jahren. Da haben die Forscher in der Geschichte des Alpenvereins gewühlt und wirklich schreckliche Dinge zutage befördert.

Wie positioniert sich der Alpenverein denn heute?

Der Alpenverein hat aus seiner Vergangenheit gelernt. Es gibt nicht mehr den Anspruch, unpolitisch zu sein. Er ist jetzt parteipolitisch unabhängig. Denn es gibt ja kein unpolitisches Handeln. Wenn wir für den Umweltschutz, Gleichberechtigung und Inklusion eintreten, sind wir politisch. Inzwischen gibt es auch Grundsatzpapiere, wo der Alpenverein seine Stellung, auch in weltanschaulicher Hinsicht, definiert hat.

Inwiefern engagiert sich der Alpenverein denn für Naturschutz? Geht es da um überlaufene Orte, um Vermüllung und auch um den Klimawandel?

Es geht genau um diese Aspekte. Wir sehen ja auch als Bergsteiger unmittelbar die ganz deutlichen Zeichen der Klimaerwärmung. Also den Rückgang der Gletscher in den Alpen und alles, was damit zusammenhängt. Da äußert sich der Alpenverein deutlich. Wir fordern von der Politik, dass die Maßnahmen für das Erreichen der Klimaziele verstärkt werden müssen. Wir treten auch an unsere Mitglieder heran und fordern sie auf, sich so klimaverträglich wie möglich zu verhalten. Wir wissen ja, dass diejenigen, die von Berlin in die Berge kommen, meistens mit dem Auto fahren. Das ist, was den CO2-Output betrifft nicht immer die beste Lösung.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

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