Beim 17. Berlin-Marathon im Jahr 1990 durchqueren Läufer 1990 zum ersten Mal das Brandenburger Tor. / dpa/Andreas Altwein
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Video: rbb UM6 | 04.11.2019 | Torsten Michels | Bild: dpa/Andreas Altwein

Berlin-Marathon im Jahr 1990 - Grenzenloses Laufen durch das Brandenburger Tor

Am 30. September 1990 wurde in Berlin Sportgeschichte geschrieben: Beim 17. Berlin-Marathon durchquerten die 25.000 Läufer erstmals das Brandenburger Tor - und waren auch im Ostteil der Stadt unterwegs. Nicht nur für Horst Milde ging ein Traum in Erfüllung.

Vom Wetter lässt sich Horst Milde nicht unterkriegen. Bei strömendem Regen spaziert er seelenruhig in seiner quietsch-orangenen Marathon-Jacke über den Pariser Platz. Es ist der Ort, an dem sich vor fast 30 Jahren einer seiner größten Wünsche erfüllte. 

Horst Milde. / Screenshot/rbb
Horst Milde. | Bild: Screenshot/rbb

Am 30. September 1990 - einem grauen Tag - liefen 25.000 Teilnehmer zum allerersten Mal den Berlin-Marathon nicht nur durch den Westen, sondern auch durch den Ostteil der Stadt. Mitten hindurch unter dem Brandenburger Tor. "Das war eigentlich immer der Traum", schwärmt der inzwischen 81-jährige Milde, jahrzehntelang Renndirektor des Lauf-Events.

Jeder will zuerst das Wahrzeichen passieren

Schon vor der Wende hatte sich Milde das herbeigesehnt. Nun schien es tatsächlich möglich. Eigentlich zumindest. Denn es gab - wortwörtlich - bis kurz vor knapp weiterhin Hindernisse. "Noch 14 Tage vor dem Start war das Tor nicht wirklich geöffnet. Da standen Gerüste, die verhindert hätten, dass man durchläuft", erzählt er. Aufhalten lassen wollte er sich davon nicht mehr. Der Traum sollte endlich wahr werden. Und so handelte Milde. "Ich habe es - auch mit den Medien - geschafft, dass es abgebaut wurde."

So konnten die Läufer an jenem Sonntag am Charlottenburger Tor starten. Es hätten noch viel mehr sein können als 25.000. Bis zu 5.000 von ihnen waren am Renntag noch DDR-Bürger. "Ich hatte plötzlich Freunde aus aller Welt, weil jeder einen Startplatz haben wollte", erinnert sich Milde. Schon nach drei Kilometern wartete das bekannteste Berliner Wahrzeichen auf die, die eine begehrte Startnummer ergattern konnten. Die Folge? Ein bis dato nicht gekannter Wettlauf schon im ersten Streckenabschnitt. "Es ist noch nie ein Marathon so schnell angelaufen worden wie der 1990er-Marathon in Berlin, weil jeder als Erster am Brandenburger Tor sein wollte.

Ein Fünftel der Strecke führte durch Ost-Berlin

Es war ein echtes Weltereignis. Große Emotionen inklusive. "Das kehrt nie wieder", sagt Milde. Knapp acht der insgesamt genau 42,195 Kilometer führten durch Ost-Berliner Gebiet. Es war grenzenloses Laufen. Dass es wirklich dazu kam, hatte auch damit zu tun, dass der Renndirektor und die anderen Organisatoren die ein oder andere Behördenvorgabe geflissentlich ignorierten. "Es gibt skurrile Geschichten", sagt Milde - und er muss ein wenig schmunzeln: "Ich war etwa im Polizeipräsidium und die Offiziere haben gesagt: Jeder, der da durchgeht, braucht erst einmal einen Stempel und die Ausländer müssen über Checkpoint Charlie einfahren."

Doch nicht mit Milde. Er hatte schon am Morgen nach dem Mauerfall zunächst Ost-Berliner in seiner Tempelhofer Bäckerei verköstigt - und gleich auch an die Möglichkeiten für den Laufsport gedacht. Bereits am 12. November 1989 - drei Tage nach dem Mauerfall - entschloss er sich mit einigen Läufern aus der DDR, Briefe zu schreiben. Einen an den Oberbürgermeister von Berlin-Ost. Den anderen an den Regierenden Bürgermeister von Berlin-West. Das Ansinnen? Der Lauf durch das Brandenburger Tor.

Sieg mit Symbolkraft

Jetzt ließ er sich so nah vor dem Ziel nicht mehr stoppen. "Wir haben praktisch das, was die damalige Ost-Berliner Polizei gesagt hat, gar nicht beachtet. Und alles lief hervorragend." Besonders galt das für Uta Pippig. Die in der DDR aufgewachsene Läuferin gewann damals in der Frauenkonkurrenz in Streckenrekordzeit. Eine märchenhafte Geschichte voller Symbolkraft. "Das war eigentlich wie gewünscht. Es war ein ganz positives Zeichen, dass Berlin - Ost und West - wieder zusammenkommen."

Bei den Männern gelang dem Australier Steve Moneghetti sogar eine Weltjahresbestzeit. Und schnelle Läufe sollten fortan - bis heute - das Markenzeichen des Berlin-Marathons bleiben. Elf Rekorde sind inzwischen auf den Straßen der Hauptstadt gelaufen worden. Durch Ost und West. Ganz selbstverständlich. Den Marathon vor dreißig Jahren wird Milde bei all diesen Höhepunkten dennoch nicht vergessen. Und wohl auch in Zukunft an regnerischen Tagen in der ein oder anderen Erinnerung an den 30. September 1990 schwelgen.

Sendung: rbb UM6, 04.11.2019, 18 Uhr

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