Zwei Judoka haben sich im Griff. Quelle: imago images/Hartenfelser
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Interview | Missbrauchsvorwurf in Judo-Klub - "Vereine müssen schon bei einem leisen Verdacht hinschauen"

In einem Tegeler Judo-Klub soll ein Trainer in 23 Fällen Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Friedhard Teuffel, Direktor der Landessportbunds Berlin, erklärt, wie der LSB von der Tat erfahren hat und wie Betroffenen in Zukunft geholfen werden soll.

rbb|24: Herr Teuffel, am Donnerstag wurde bekannt, dass ein Judo-Trainer aus Tegel jahrelang Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben soll. Wie ist der Fall bei Ihnen angekommen, wie ist er aufgedeckt worden?

Friedhard Teuffel: Konkret lief es so ab, dass sich Eltern von Betroffenen an unsere Kinderschutzbeauftragte Meral Molkenthin gewandt haben. Es gab einen intensiven Austausch und eine Beratung. Anschließend wurde gemeinsam beschlossen, wie man weiter verfährt. Es gab einen Austausch mit dem betroffenen Judoverband und den Ermittlungsbehörden. Ein solcher Prozess kann sich über mehrere Wochen hinziehen. Es ist ganz wichtig, in diesem Zeitraum im ständigen Kontakt mit den Betroffenen und ihren Eltern zu bleiben. So wird sichergestellt, dass alle auf demselben Stand bleiben und die nächsten Schritte kennen.  

Es ist bekannt, dass es für Kinder eine große Hürde ist, so etwas überhaupt mitzuteilen – egal ob den Eltern oder sogar der Polizei. Wieso hat es in diesem Fall doch geklappt?

Wenn es überhaupt etwas Gutes an diesen schlimmen Vorfällen gibt, dann dass es einen langsamen Bewusstseinswandel gibt. Betroffene vertrauen sich mittlerweile eher an als früher und suchen Hilfe. Dieser und andere Fälle sind Belege dafür. Es ist gut, genau zu kommunizieren, wer ansprechbar ist: Wir haben eine hauptamtliche Kinderschutzbeauftragte, die immer erreichbar ist und für solche Fälle geschult ist. Gemeinsam mit den Betroffenen kann dann festgelegt werden, wie weiter vorgegangen wird. So sind die Betroffenen immer eng eingebunden in das Verfahren.

Was sind in dem aktuellen Fall die genauen Vorwürfe?

Die beschuldigte Person hat 2007 einen Judo-Verein in Tegel mitgegründet. Die Person ist in dem Verein verschiedenen Funktionen nachgegangen. Im Moment steht der Verdacht im Raum, dass es 23 Fälle sexualisierter Gewalt gab. Es stehen dabei klar strafrechtliche Vorwürfe im Raum. Deshalb arbeiten wir eng mit den polizeilichen Behörden zusammen. Wir können nicht selber recherchieren und ermitteln - wir haben nicht das Arsenal zur Verfügung, das der Staat hat. Daher ist es ganz wichtig, sich mit dem Staatsanwalt und der Polizei auszutauschen.

Wie geht es Ihnen und anderen Mitarbeitern des Landessportbunds mit dem Gedanken, dass ein Trainer jahrelang in einem von ihm gegründeten Verein so handeln konnte?

Dieser Fall erschüttert uns natürlich alle und macht uns tief betroffen. Wir wissen, wieviel wertvolles der Sport zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen kann. Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche zu schützen und zu ermöglichen, diese Entwicklung zur Entfaltung zu bringen.

In solchen Fällen wird häufig von einer hohen Dunkelziffer gesprochen. Wie häufig bekommt der Landessportbund Nachricht von Grenzverletzungen und strafrechtlich relevanten Taten?

Im vergangenen hatten wir mit ungefähr 30 Vorfällen zutun. Davon waren drei Taten strafrechtlich relevant, einer davon ist der aktuelle Fall des Judo-Trainers. Ein anderer war der des Angel-Jugendwarts in Kladow. In anderen Fällen gibt es eher einen Informations- und Beratungsbedarf. Bei großen Unsicherheiten können wir fast immer zur Aufklärung beitragen und Betroffenen helfen, die nächsten Schritte einzuleiten. Insofern stellen sich alle Fälle unterschiedlich da.

Friedhard Teuffel, Direktor des Landessportbunds Berlin. Quelle: rbb
Friedhard Teuffel, Direktor des Landesportbunds Berlin, rät Opfern sexueller Gewalt, sich mitzuteilen und helfen zu lassen. | Bild: Quelle: rbb

Was empfehlen Sie Betroffenen und ihren Eltern?

Wichtig ist, seinen Kindern zuzuhören und vor allem ernst zu nehmen, was Kinder erzählen. Man mag manchmal denken, dass Kinder eine ausgeprägte Fantasie haben. Es ist aber ganz wichtig, solche Schilderungen ernst zu nehmen und dem auch nachzugehen. Natürlich haben Erwachsene ganz andere rhetorische Mittel, sich zu verteidigen oder eine andere Situation darzustellen. Eltern haben dann die Möglichkeit, sich an unsere Kinderschutzbeauftragte zu wenden. Die kann gerade in unklaren Fällen helfen und beraten. Sie verfügt über ein großes Netzwerk und kann auch andere Kontakte herstellen.

Wie sehen Präventionsmaßnahmen der Vereine und Verbände gegen sexuellen Missbrauch aus?

Wir führen seit Jahren in Vereinen und Verbänden Schulungen durch, um Vereine auf die Arbeit im Kinder- und Jugendbereich vorzubereiten. Dazu gehört eine verbindliche Kommunikation innerhalb eines Vereins und des alltäglichen Trainingsbetriebs. Wir wissen genau, dass die Faszination des Sports auch aus der Körperlichkeit herrührt – die Ästhetik und die Dynamik von Bewegungen sind das, was Menschen schon immer begeistert hat am Sport. Die Körperlichkeit und die körperliche Nähe birgt aber auch eine Angriffsfläche. Diese Angriffsfläche müssen wir gemeinsam reduzieren.

Es ist ganz klar, dass ein Trainer oder eine Trainerin beim Turnen Hilfestellungen leisten muss, um zu gewährleisten, dass eine Übung sicher durchgeführt werden kann. Dabei ist es aber wichtig, dass der Trainer oder die Trainerin sagt: 'Ich berühre dich jetzt. Das muss ich zu deiner Sicherheit während dieser Übung machen'. Es gilt, ein Feedback abzurufen, damit die Kinder und Jugendlichen das Gefühl haben, sie können etwas sagen und sich einbringen. Um ihnen dabei zu helfen, arbeiten wird schon seit Monaten - und nicht erst seit diesem aufrüttelnden Vorfall – daran, ein Kinderschutzsigel zu entwickeln. Dieses Schutzsigel legt bestimmte Standards fest. Trainer und Betreuer im Kinder- und Jugendbereich sollen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, und regelmäßige Fortbildungen nachweisen müssen. Außerdem soll es eine Ansprechpartnerin innerhalb des Vereins für Betroffenen sexuellen Missbrauchs geben. Vereine müssen schon bei einem leisen Verdacht genau hinschauen und nachfragen, was genau los ist.

Sendung: Abendschau, 22.11.19, 19:30 Uhr

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