Union-Präsident Dirk Zingler beim Training
Audio: Inforadio | 28.11.2019 | Interview von Stephanie Baczyk | Bild: imago/Matthias Koch

Interview | Zingler über Wettbewerb in der Bundesliga - "Da sind wir noch einige Millionen entfernt"

In der Bundesliga hat der 1. FC Union bislang starke 16 Punkte geholt. Im Interview erzählt Präsident Dirk Zingler, wie er die Entwicklung einordnet, wie er über die Vorkommnisse rund um das Derby gegen Hertha BSC denkt und was Union gegen den Ticket-Schwarzmarkt tut.

rbb|24: Unions Torwart Rafal Gikiewicz hat am Tag des Aufstiegs gesagt: "Unser Präsident hat 40 Jahre gewartet auf diesen Tag!" Jetzt sind dreieinhalb Monate Bundesliga um, wie fällt Ihr zwischenzeitliches Fazit aus?

Dirk Zingler: Die Spiele an der Alten Försterei haben noch mal ne größere Wucht bekommen, nen höheren Spaßfaktor. Man merkt es an den Menschen: Sie sind früher im Stadion, sie bleiben länger und sind noch aktiver. Bundesliga macht wirklich sehr sehr viel Spaß.

Es sind einige neue Mitglieder dazu gekommen – 13.287 innerhalb eines Jahres. Sie haben mir Anfang der Saison erzählt, dass Sie viel Post bekommen von Familien, Kartenwünsche, die Sie nicht erfüllen können. Was sind das für Menschen, die Ihnen jetzt schreiben?

Es sind Menschen, die sich nicht dafür entscheiden, Mitglied zu werden, um ins Stadion zu kommen. Das sind Menschen, die Teil dessen sein wollen, was Union ausmacht. Das macht uns sehr glücklich. Wir kriegen heute unheimlich viel Post, insbesondere von den Gästen, die bei uns waren. Die begeistert von dem waren, was sie An der Alten Försterei erleben durften. Die letzten Monate waren von vollen Postmappen mit viel Lob und Freude gefüllt. (lächelt)

Zum Stadionbesuch beim 1. FC Union gehören: keine Torhymne, keine Bezahlkarten, um an Bratwurst und Bier zu kommen – und Menschen, die von der ersten bis zur 90. Minute feiern. Zieht Union die Fußballromantiker jetzt noch mehr an als vorher?

Natürlich erleben die Menschen hier, wenn sie das erste Mal An der Alten Försterei sind, ein anderes Fußballerlebnis.  Wir lassen den Menschen Freiraum, sie können Eigeninitiativen starten. Der Spieltag ist auch ihr Spieltag, nicht nur der des Vereins. Das erleben Gästefans anscheinend bei sich zuhause nicht mehr so stark. Es ist hier etwas anderes als das, was auch wir auswärts erleben. Und wir spüren, dass Menschen uns ermutigen, unseren Weg fortzusetzen.

Etwas mehr als 22.000 Zuschauer passen ins Stadion An der Alten Försterei, die Tickets werden mittlerweile verlost. Was leider dazugehört, wenn man in die Bundesliga aufsteigt: es gibt einen Schwarzmarkt, Tickets, die viel zu teuer verkauft werden. Wie geht der 1. FC Union damit um?

Mit der Zuschauerkapazität von 22.000 machen wir zurzeit mehr Menschen unglücklich als glücklich, weil sie nicht reinkommen. Wir gehen gegen den Schwarzmarkt vor, nutzen alle unsere rechtlichen Möglichkeiten aus. Man kann nur appellieren an die Vereinsmitglieder, die Tickets bekommen. Dass sie dieses Privileg, das sie haben, nicht missbrauchen. Wenn wir das feststellen und ermitteln können, werden wir diesen Mitgliedern das Privileg entziehen.

Wie schwer ist es, an die Leute ranzukommen, die sich daneben benehmen'?

Wir haben derzeit über hundert Verfahren, die wir rechtlich vorantreiben, um die Schwarzhändler tatsächlich zu ermitteln. Wenn wir sie ermitteln, werden wir sie als Mitglieder und von zukünftigen Verlosungen ausschließen.

Unions Trainer Urs Fischer geht gerne angeln. Wenn Sie mit ihm in Brandenburg am Wasser unterwegs wären, mit Fischerhut und Rute – was wäre aktuell das große Gesprächsthema zwischen Ihnen?

Wahrscheinlich, dass er schon den zehnten Fisch gefangen hat und ich noch gar keinen. (lacht) Ich glaube nicht, dass wir uns über Fußball unterhalten würden. Wir haben genug Themen, die nicht mit den Spielen oder dem Kader zu tun haben. Eine gemeinsame ideelle Linie zu haben, außerhalb des Fußballs, ist wichtig. Das verbindet uns auch.

Wie schätzen Sie die sportliche Entwicklung ein?

Nach zwölf Spielen 16 Punkte zu haben, kann uns mit vorsichtigem Stolz erfüllen. Das ist ganz klar über unseren Erwartungen. Ich sehe aber auch, was investiert wird, wie intensiv die sportliche Leitung und Urs Fischer mit seinem Trainerteam arbeiten. Das ist uns nicht zugefallen, es wird erarbeitet. Aber in der Meisterschaft ist noch gar nichts erreicht. Unser Ziel bleibt der Klassenerhalt. Es gilt, konzentriert zu bleiben, sich nicht von öffentlichen Überhöhungen beeinflussen zu lassen. Aber da bin ich guter Dinge, dass Urs Fischer und Oliver Ruhnert genau das tun werden.

Es hat einige Spiele in der Hinrunde gegeben, die man als "Highlight-Spiele" bezeichnen kann. Eines war sicherlich der Sieg über Hertha BSC, die Stadtmeisterschaft. Ein emotional sehr behaftetes Spiel, vorher und auch währenddessen. Es gab Leuchtraketen aus dem Block der Herthaner – wer auch immer dafür verantwortlich gewesen ist – und dann, als Reaktion, nach dem Spiel eine Gruppe Vermummter aus dem Union-Block, die nur durch das vehemente Eingreifen der Mannschaft gestoppt werden konnte. Wie bewerten Sie diese Vorkommnisse jetzt mit ein bisschen Abstand?

Es sind zwei unterschiedliche Dinge. Das Schießen von Leuchtraketen auf Menschen, auf andere Blöcke ist ein bewusst asoziales Verhalten, was die Verletzung von anderen Menschen in Kauf nimmt. Das Betreten des Innenraums durch Fans aus unserem Block ist genauso inakzeptabel, aber muss natürlich anders gewertet werden. Wir werden organisatorisch und auch disziplinarisch in Form von Sanktionen dafür sorgen, dass wir diese Verfehlungen in Zukunft, soweit es uns möglich ist, ausschließen können.

Über welche Sanktionen sprechen wir da?

Wir ermitteln natürlich Menschen, die unsere Regeln gebrochen haben. Wenn wir diese Anhänger identifizieren können, werden wir sie mit Hausverbot oder Stadionverbot belegen.

Was würden Sie beim nächsten Derby anders machen nach den Erkenntnissen vom letzten Mal?

Organisatorisch kann man sich immer verbessern, aber spontane emotionale Reaktionen von Menschen vorher organisatorisch auszuschließen, das geht nicht. Wir werden unsere Organisation überprüfen und versuchen, Zuschauern, die Regelverstöße begangen haben, habhaft zu werden, indem wir sie sanktionieren. Aber viele Dinge anders machen können wir im Vorfeld nicht.

Was der 1. FC Union zurzeit zeigt, flasht Fußball-Deutschland schon so ein bisschen. Was muss passieren, damit der Verein auch in den nächsten Jahren wettbewerbsfähig bleibt?

Es wird ein langer schwieriger Weg. Dazu gehört, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit herzustellen, da sind wir noch einige Millionen entfernt von unserem unmittelbaren Wettbewerb. Es gibt nur einen Weg: indem Du sportlich erfolgreich bist. Wir werden das Stadion erweitern, den Kader verbessern – und mutig weiter investieren in den Sport und die Infrastruktur, wie in den letzten zehn Jahren.

Welche Rolle spielt der Nachwuchs?

Wir haben nun endlich nächstes Jahr den Moment, wo wir zum Spatenstich kommen, zum Neubau des Nachwuchsleistungszentrums. Wir werden den Etat im Nachwuchs um zwanzig Prozent erhöhen, um, wie im Profibereich, parallel die Dinge zu entwickeln. Es muss dem 1. FC Union wieder gelingen, Startelfspieler aus der eigenen Jugend zu entwickeln, das ist ein ganz klares Ziel.

Abschließend noch eine Frage zum aktuellen Gegner: Welche Erinnerungen haben Sie eigentlich an den FC Schalke 04?

(schmunzelt) Ich stand mit einer roten Perücke 2001 im Stadion (Anm. d. Red.: Union traf damals im DFB-Pokalfinale im Olympiastadion auf den FC Schalke) mit meinen Eichwalder Kumpels, das werde ich nie vergessen. Schlimmes Spiel. Wir waren gut dabei, treffen zwei Mal den Pfosten und kriegen dann zwei Standards rein. War einer der Höhepunkte in der Geschichte Unions.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Stephanie Baczyk. Der Text ist eine gekürzte und redigierte Version des Interviews.

Sendung: Die Bundesliga im rbb Inforadio, 30.11.2019

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3 Kommentare

  1. 3.

    Schönes Interview. Ich hoffe, dass Union der 1. Liga erhalten bleibt.

  2. 2.

    Sie haben Recht, Union macht seine Sache gerade gut - sehr gut. Da kann man neidisch sein. Sage ich als Herthaner (den es immer wieder wundert, dass es unter Union-Artikeln so oft um Hertha geht). Aber bei uns ist ja gerade auch eine gewisse, kleine Umbruchstimmung zu spüren, hoffen wir, dass es was bringt.

  3. 1.

    Von dieser Bodenständigkeit können sich einige Bundesligisten was abgucken. Nachcharlottenburgschiel.....

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