Jürgen Klinsmann filmt mit seinem Handy bei seiner Premiere als Hertha-Trainer (Quelle: imago images/Nordphoto)
Audio: Inforadio | 01.12.2019 | Jakob Rüger | Bild: imago images/Nordphoto

Debüt als Hertha-Trainer - Viel Arbeit auf dem Weg zu mehr filmreifen Momenten

Jürgen Klinsmann hat bei seinem Debüt als Hertha-Trainer einen erfolgreichen Einstand verpasst. Die bundesweit beobachtete Premiere endete mit einer Niederlage gegen den BVB. Für den größten Hingucker sorgte der Trainer dann auch vor dem Spiel. Von Jonas Bürgener

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Fußballtrainer vor Bundesligaspielen von Fotografen belagert werden. Mit grauen Westen bekleidet und hochauflösenden Objektiven ausgestattet, drängelt sich die wartende Traube um die Übungsleiter. Jede Regung der üblicherweise angespannten Gesichter wird festgehalten, jedes noch so kleine Lächeln sekündlich erfasst.

Am Samstagnachmittag erlebte das wetteifernde Gedränge für das ausdruckstärkste Bild im Berliner Olympiastadion aber einen Saisonhöhepunkt. Jürgen Klinsmann gab nach mehr als 10-jähriger Bundesliga-Abstinenz sein Debüt als Coach von Hertha BSC. Bereits seine Vorstellung am vergangenen Mittwoch hatte ein deutschlandweites Medieninteresse mit sich gebracht. Bei kühlen Temperaturen gab der Welt- und Europameister im Spiel gegen Borussia Dortmund nun seinen Einstand - und das betont cool.

Filmender Klinsmann

Mit einem breiten Grinsen steuerte der ehemalige National- und Bayern-Trainer auf die wartenden Fotografen zu, stellte sich vor seine Trainerbank und gab sich dann bewusst lässig. Der 55-Jährige zückte sein Handy und filmte die Hertha-Fans auf den Tribünen, die gerade ihre blau-weißen Schals in die Höhe reckten und wie an jedem Spieltag lautstark Frank Zanders Hymne "Nur nach Hause" sangen. "Es war eine spontane Aktion. Ich mag dieses Lied und es war einfach ein schöner Moment", sagte Klinsmann nach dem Spiel. Zwar ist nur schwer zu glauben, dass sich Klinsmann bei seiner Aktion wirklich nichts gedacht hat, der erste Hingucker des Tages war dem Schwaben bei seinem Amtsantritt aber allemal geglückt.

Zunächst analytisch, dann emotional

Auf weitere Hingucker musste der Trainer, nachdem sich die graue Fotografen-Wolke verzogen und Schiedsrichter Sven Jablonski die Partie angepfiffen hatte, zunächst warten. Die ersten fünfzehn Minuten verliefen weitestgehend ereignislos. Klinsmann saß - eingerahmt von seinen Assistenten Alexander Nouri und Markus Feldhoff -  auf der Bank und schaute sich mit analytischem Blick die Arbeit seiner neuen Schützlinge an. Erst durch die beiden Treffer von Jadon Sancho (15.) und Thorgan Hazard (16.) für den BVB schien auch Klinsmann zu erwachen.

Folgend auf laute "Wir wollen euch kämpfen sehen"-Rufe aus der Ostkurve, erlebten die 74.667 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion nun den Coach, der ganz Fußball-Deutschland noch aus dem WM-Sommer 2006 in Erinnerung ist. Lautstark und wild gestikulierend trieb der Trainer seine Mannschaft nach vorne. Auch ihm schien deutlich geworden zu sein, dass er eine stark verunsicherte Mannschaft übernommen hat, bei der zuletzt nur wenig zusammenlief. 

Teamleiter Nello di Martino Hertha und Trainer Jürgen Klinsmann jubeln (Quelle: imago images/Matthias Koch)
Jürgen Klinsmann jubelte nur kurz. | Bild: imago images/Matthias Koch

Nouri als Denker im Hintergrund

Auffällig: Auch Co-Trainer Alexander Nouri reagierte immer wieder auf Aktionen der Hertha, rief sich Spieler an die Seitenlinie, um ihnen genaue Instruktionen zu geben. Ähnlich wie bei seinen vergangenen Stationen, hat sich Klinsmann mit Nouri einen Trainer an die Seite geholt, der taktisch mitdenkt und eigene Ideen einbringt.

Anders als noch in Augsburg erholte sich Hertha von dem frühen Schock, wurde nach einer knappen halben Stunde besser und kam zum Anschlusstreffer durch Vladimir Darida (34.). Klinsmann applaudierte und feuerte seine Mannschaft an. Seine Elf war nun präsenter und störte den BVB schon früh in der eigenen Hälfte. "Wir waren heute aggressiver, waren bissiger in den Zweikämpfen. Es hatte alles Hand und Fuß", urteilte auch Kapitän Niklas Stark nach dem Spiel über die Veränderungen, die sein neuer Trainer in nur kurzer Zeit erreicht habe.

Herthas Ekstase hält nur kurz

Beinahe wären Stark und seine Mannschaft für ihren gierigen Auftritt noch belohnt worden. Nach der Gelb-Roten Karte für Mats Hummels vor der Halbzeit, jubelten nach Davie Selkes Tor (48.) nicht nur Herthas Spieler ausgelassen, auch Klinsmann sprang wie ein Flummi durch seine Coaching-Zone, umarmte jeden, der ihm in den Weg kam.

Es war Schiedsrichter Jablonski, der alle Herthaner aus ihren Emotionen riss. Die Video-Assistenten im Kölner Keller hatten eine minimale Abseitsstellung erkannt. "Ich versuche immer alles nachzuvollziehen. Ich habe mir die Szene aber angeschaut und finde, dass es eine große Katastrophe ist", zeigte sich Davie Selke frustriert ob der knappen Entscheidung. Tatsächlich war es nur die Hacke des Stürmers, die sich im verbotenen Feldabschnitt befand - mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen. Die am Computer kalibrierte Linie verhinderte den Herthaner Ausgleich und einen erfreulicheren Einstieg für Klinsmann.

"Auf uns kommen arbeitsreiche Wochen zu"

"Wenn das Tor gegeben wird, geht das Spiel in die andere Richtung. Das nervt ein bisschen. Natürlich haben wir uns mehr erwünscht. Nach den zwei frühen Toren kamen wir ins Spiel zurück. Wir hätten gerne zumindest einen Punkt mitgenommen“, zeigte sich auch Klinsmann nach dem Spiel leicht verärgert. Trotz der Niederlage, die seine Mannschaft selbst in Überzahl in der restlichen Spielzeit nicht mehr verhindern konnte, sei er aber "sehr zufrieden" mit seinem Team. "Die Mannschaft war enorm gewillt, ihrem Publikum eine gute Leistung zu bieten", erklärte der Coach.

Tatsächlich war es eine verbesserte Leistung der Charlottenburger. Auch nach dem frühen Rückstand erspielte sich das Team Chancen und kam zurück ins Spiel. Trotzdem reichte die derzeitige Verfassung nicht aus, um kriselnden wie dezimierten Dortmundern Zähler abzunehmen. Das erkannte auch Klinsmann: "Wir hätten uns gewünscht, noch ein paar mehr Lösungen zu finden. Sie haben alles gegeben, was im Moment da ist. Auf uns kommen sehr arbeitsreiche Wochen zu. Bis Weihnachten wollen wir noch so viele Punkte machen wie möglich".

Das Programm der Hertha wird nicht leichter - in den nächsten Partien warten Frankfurt, Freiburg und Leverkusen. Trotzdem war im Spiel gegen Dortmund phasenweise zu erkennen, dass Klinsmanns emotionaler Stil die Mannschaft weiterbringen kann. Der Trainer wird hoffen, dass schon bald Punkte eingefahren werden. Nicht nur damit er vielleicht auch nach den Spielen emotionale Momente - ganz spontan - festhalten kann.

Sendung:  rbb24, 30.11.19, 21:45 Uhr

Beitrag von Jonas Bürgerner

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Tore schießen doch die Spieler und nicht ein Herr Preetz oder Klinsmann. Das sind doch Profis, bekommen ein Haufen Geld.

  2. 5.

    Ich glaube, Herr Klinsmann wäre als Manager eher für den Club geeignet.
    Die Vereinsführung sollte in Medias Res gehen, beraten und entscheiden.
    Aber als Außenstehender ist es immer leicht zu urteilen. Die Zeit wird es zeigen.

  3. 4.

    Auch wenn ich mich wiederhole, der ERSTE Schritt MUSS die Entlassung des Herrn Preetz sein. Preetz ist für all die Jahre des sportlichen Misserfolges verantwortlich. Es muss ein kluger Manager installiert werden,und ich bin mir sicher, Herr Klinsmann wird dafür sorgen. Zu Beginn der Rückrunde wird Preetz nicht mehr bei Hertha sein.....würde ich wetten

  4. 3.

    Der ganze Klinsmann-Hype ist sowas von übertrieben! Was schon fast lächerlich ist! Ein Schauspiel ersten Grades! Und Viele fallen drauf rein!

  5. 2.

    Das wird nix mehr.

  6. 1.

    Das wird schon noch!

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