Eine Leuchtrakete aus dem Hertha-Block fliegt auf die Hauptribüne des Stadions An der Alten Försterei. / imago images/Jan Huebner
Video: Abendschau | 04.11.2019 | Rainer Unruh | Bild: imago images/Jan Huebner

Nach den Vorfällen im Hauptstadt-Derby - "Ein Fußballstadion soll keine Festung werden"

Die Vorfälle beim Bundesliga-Spiel zwischen Union und Hertha haben erneut eine Debatte über Fankultur und Pyrotechnik ausgelöst. Was soll das Abbrennen? Wieso fliegen Leuchtraketen in den Heimblock? Kann das nicht verhindert werden? Ein Erklärungsversuch. Von Friedrich Rößler

Eigentlich sollte es ein Fußballfest sein, Union gegen Hertha. Das erste Berliner Derby in der Fußball-Bundesliga seit 42 Jahren. Stattdessen zündeten schon wenige Minuten nach dem Anpfiff Hertha-Anhänger Leuchtraketen. Sie beschossen das Spielfeld, die Bank der Union-Spieler, die gegnerische Tribüne. Union-Anhänger versuchten nach dem Spiel, den Rasen zu stürmen. Es gab drei Verletzte.

Hertha-Legende Axel Kruse sprach am Samstag im Podcast "Hauptstadtderby" von "Idioten", als er live aus dem Gäste-Block in die Sondersendung per Telefon zugeschaltet war. "Das macht einfach keinen Spaß mehr", sagte er. Max Jung, Pressesprecher des Vereins, äußerte sich einen Tag nach dem Stadtduell. "Das sind Bilder, die keiner sehen will, kein Verein, in keinem Stadion."

Christian Arbeit, Geschäftsführer Kommunikation beim 1. FC Union, redete am Montag bei Radioeins ebenfalls von "Dingen, die nun wirklich kein Mensch braucht". Die Gefährdung von Menschen sei eindeutig zu sehen gewesen, wenn da "solche Leuchtraketen in die Zuschauerbereiche einschlagen oder auf dem Feld Leute getroffen werden." So ein Spiel mit solchen Vorkommnissen habe ein Nachspiel. Da herrscht Einigkeit bei beiden Vereinen. Bei Hertha und Union.

Strafen sind klar geregelt

Aber warum passiert so etwas - nicht nur bei einem historischen Stadtduell in der Bundesliga, sondern an jedem Spieltag in irgendeinem Stadion? Diese Frage können viele Außenstehende, viele Fußballfans nicht beantworten. Vor allem nicht, wenn die strafrechtlichen Konsequenzen so eindeutig sind. Das Abbrennen von Pyrotechnik in deutschen Fußballstadien ist verboten, die Strafen dafür hat der Deutsche Fußball-Bund im letzten Jahr klar formuliert: Jede abgebrannte Fackel kostet den betreffenden Verein 1.000 Euro - jeder pyrotechnische Gegenstand, der den Block verlässt, ist mit einer Geldbuße von 3.000 Euro belegt.

Die Vereine sind vom DFB angehalten, bei der Überführung der Täter aktiv mitzuhelfen und kassieren als Belohnung dafür Rabatte bei den im Anschluss verhängten Strafen. Die Überwachung in den Fußball-Arenen wurde technisch aufgerüstet, die Polizei filmt mit - auch vor dem Anpfiff und beim Einlass ins Stadion.

Teil- oder Gesamtauschluss der Fans droht

"Zunächst werden nach so einem Spiel die Klubs angeschrieben und aufgefordert, eine Stellungnahme abzugeben", sagte am Montagvormittag Hendrik Große Lefert - Sicherheitsbeauftragter vom DFB - im Inforadio. Dann bewerte das Sportgericht die Vorfälle und ziehe entsprechend sportgerichtliche Konsequenzen daraus.

Das wird mehrere Wochen dauern, kann aber beide Vereine empfindlich treffen. Neben einer Geldbuße bis hin zu 100.000 Euro droht auch ein Teil- oder Gesamtausschluss der Fans. Bei diesen Geisterspielen entgehen dem Verein sämtliche Einnahmen aus dem Ticketverkauf.

Sie kennen sich aus anderen Szenen

Wie die Pyrotechnik ins Stadion An der Alten Försterei gelangt ist, lässt sich nur vermuten. Bei einem Tumult im Eingangsbereich der Unioner sollen sich mehrere Personen unkontrolliert Zutritt in die Zuschauerbereiche verschafft haben - mit ihnen könnten auch die Feuerwerkskörper herein geschmuggelt worden sein. Auf der anderen Seite berichtet ein Hertha-Fan, dass er solche laschen Eingangskontrollen wie beim Spiel am Samstag nicht gewohnt sei. "Da hätte jeder ganz leicht etwas unerkannt mit reinnehmen können", sagt er am Telefon.

Manchmal kennen sich Ordner und Pyroliebhaber auch aus anderen Szenen, wie aus dem Rocker- oder Türstehermilieu. Dann kontrolliert der Ordnungsdienst eben etwas weniger intensiv. Auf die Frage, ob eventuell der Ordnungsdienst versagt habe, entgegnet Christian Arbeit, dass so etwas nicht passiere, "weil alle so doof sind oder nicht kontrollieren, sondern weil es de facto nicht zu verhindern ist. Nirgendwo bei keinem Verein."

Pyrotechnik gilt als imaginärer Stinkefinger Richtung DFB

Die Polizei ist natürlich in der Lage, sehr intensiv zu suchen - auch mit Hunden. Der private Sicherheitsdienstleister hat dagegen rechtlich eingeschränkte Möglichkeiten, sodass immer wieder die Situation entsteht, dass Pyrotechnik eingebracht werden kann. So argumentiert Große Lefert vom DFB. "Selbst am Flughafen wird ja nicht alles gefunden, wie immer wieder Tests zeigen. Und so ein Fußballstadion ist ja keine Festung und soll auch keine werden."

Insofern sei man dann darauf angewiesen, dass Zuschauer oder in diesem Fall Straftäter aus dem Verkehr gezogen werden. Das geschehe anhand von Stadionverboten und empfindlichen Geldstrafen. Trotzdem schreckt das aktive Fanszenen oder eben Einzeltäter nicht davor ab, weiterhin Pyrotechnik zu zünden.

Seit Jahren streiten die aktiven Fanszenen Deutschlands und der DFB über das Thema Pyrotechnik. Eine Einigung liegt aber in weiter Ferne. Verband und Fans waren sich vor ein paar Jahren schon ziemlich einig, als der DFB einseitig die Verhandlungen darüber abbrach. Seitdem leuchten die Stadien immer wieder. Pyrotechnik gilt in Fanszenen mittlerweile als imaginärer Stinkefinger Richtung DFB, als letztes Protestmittel. Frei nach dem Motto: "Wenn wir wollen, dann zünden wir. Basta!"

"Solche schwarzen Schafe gehören nicht in die Blöcke"

Thomas Jelinski vom Fanprojekt Berlin, das sich um Fans von Hertha BSC und dem BFC Dynamo kümmert, sieht in den brennenden Fackeln ebenfalls eine Protestform. "Pyroaktionen als solche kann man als Ultra oder organiserter Fußballfan schon etwas abgewinnen", erzählt er. Allerdings gebe es Regeln. Nichts solle die Hand verlassen, Pyrowürfe auf das Spielfeld und in andere Fanblöcke seien tabu. "Aber wie willst du das kontrollieren?", fragt Jelinski. Er könne sich gut vorstellen, dass die organisierte Hertha-Fanszene dieses Verhalten überhaupt nicht toleriere und einige Wenige eindeutig zu weit gegangen sind. "So etwas regelt sich dann intern."

Max Jung, der Pressesprecher der Blauweißen, berichtetet von einem reparierten Verhältnis zwischen aktiven Hertha-Fans und dem Verein. Er sagt aber auch, dass "solche schwarzen Schafe nicht in die Blöcke gehören" und "so etwas zu verhindern, sehr schwer ist." Man könne als Verein nur auf den Dialog setzen, um echte Schritte nach vorne zu machen. Das sieht Christian Arbeit vom 1. FC Union Berlin genauso. Allerdings macht er eine ganz konkrete Ausnahme: "Natürlich haben die Raketenschießer was mit Hertha zu tun. Und das ist nicht damit erledigt, dass ich sage, die gehören nicht zu uns, die wollen wir hier nicht haben."

"Alle wünschen sich, dass es kocht und dann kocht es eben über"

Fans und Vereines sehen auch die Rolle der Medien kritisch. "So ein Derby ist eben emotional, das ist auch eine Woche lang aufgeblasen worden, alle wünschen sich, dass es kocht und dann kocht es eben über", konstatiert Christian Arbeit. Thomas Jelinski vom Fanprojekt Berlin stößt in die ähnliche Richtung. "Es hieß vorher, dass es das erste Derby überhaupt sei und das da bestimmt was passiert. Und das ist eben eingetreten."

Die Vorfälle vom Samstag zeigen in jedem Fall, dass weder DFB, Vereine oder aktive Fanszenen das Thema Pyrotechnik in den Stadien gelöst haben und weiterhin vor einer großen Anstrengung stehen, damit solche Eskalationen nicht mehr passieren.

Sendung:  rbb UM6, 04.11.2019, 18:15 Uhr

Beitrag von Friedrich Rößler

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5 Kommentare

  1. 5.

    Was für eine fundierte investigative Recherche, seitens des rbb. Kommt mir wie die Sendung "Wissen macht Ah!" vor.

  2. 4.

    Das wird wohl leider nicht mehr anders möglich sein.
    So wie sich manche sogenannte Fans benehmen.

  3. 3.

    Es wird doch wohl möglich sein die Täter zu ermitteln. Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen hier überhaupt nicht weiter. Die Vermummten standen ja in Blöcken und wurden von Nebenleuten beobachtet, da sollte doch eine Ermittlung der Straftäter möglich sein. Der Gästeblock war zudem relativ übersichtlich und der Gastverein sollte doch in der Lage sein sich einen Überblick über den Personenkreis der Täter und der zusehenden Nebenleute die die Täter schützten zu verschaffen. Die eigentlichen Fans beider Mannschaften sind aufgefordert ihre eigenen Reihen von Kriminellen zu befreien, damit sich jeder mit Freude dem Spiel zuwenden kann. Wir werden uns doch unseren Sport durch einige Straftäter nicht kaputt machen lassen!

  4. 2.

    Wer solche "Fans" hat, braucht keine Feinde mehr!

  5. 1.

    Bereits auf den Weg ins Stafion wurde von Herthanern Pyrotechnik. Vermummte standen lange als Drohkulisse im Unionblock. Union als Hausherr und die Polizei haben - zumindest im Rückblick - sehenden Auges die Eskalation abgewartet.

    Solche Exzesse gehören nicht zur Fankultur! Hier sind auch die normalen Zuschauer jenseits der Kurven gefordert. Ich habe für schon lange die Konsequenten gezogen. Die, die ein solches Verhalten gutheißen, könne gerne weiterhin die Spiele besuchen. Nur dürfen die hinterher nicht jammern, dass sie Angst um ihre Kinder im Stadion haben. Auch die DFL wird sicherlich kein Interesse an TV-Bildern von leeren Rängen haben. Das senkt den Marktwert.

    Bremen ist Vorbild. Die Kosten für die Polizeieinsätze könnten auf die Karten der Fanblöcke umgelegt werden. Oder Dauerkarten werden zugunsten personalisierte Einzelkarten abgeschafft.

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