Union-Keeper Rafal Gikiwiecz. / imago images/Matthias Koch
Bild: imago images/Matthias Koch

Interview | Union-Keeper Rafal Gikiewicz - "Meine Frau hat gesagt, ich sei ein Idiot"

Es war eine der Szenen, die vom Berlin-Derby in Erinnerung bleiben werden: Rafal Gikiewicz, der nach Abpfiff den Platzsturm einiger Chaoten verhinderte. Nun spricht der Union-Keeper über die Vorfälle, die Reaktion seiner Frau - aber auch die nächsten sportlichen Ziele.

Da sitzt er vor den Medienvertretern. Rafal Gikiewicz. Das zweite Mal in dieser Saison hatte er im Derby gegen Hertha BSC kein Gegentor kassiert und damit - wenn auch wenig geprüft - nicht den kleinsten Anteil am Sieg. Doch im Mittelpunkt stand er nach der historischen Partie aus einem anderem Grund. Mit beherztem Einsatz hatten der Torwart und mit ihm einige andere Union-Spieler Chaoten zurückgedrängt, die vermummt aufs Spielfeld gestürmt waren. Eine mutige Aktion, die für Sprechchöre im Stadion sorgte - und ihm große Anerkennung weit über Berlin hinaus bescherte. Nun schildert der 32-Jährige noch einmal die Situation und spricht über ...

... die Szenen nach dem Spielende:

Es ist ein bisschen schade. Es wäre schöner, wenn wir über unseren Sieg reden könnten. Wir haben das Derby gewonnen. Das ist eigentlich das wichtige Thema. Wir wollten nach dem Spiel einfach mit unseren Fans jubeln - und ein paar Leute kommen auf den Platz. Ich habe dann in polnischer, deutscher und englischer Sprache gesagt, dass sie rausgehen müssen, weil der Verein sonst noch mehr Probleme und Strafen bekommt. Im Stadion waren auch meine und andere Kinder. Wir brauchen nicht noch mehr Chaos. Meine Reaktion war deshalb - glaube ich - ganz natürlich.

... seine Wahrnehmung der Vorfälle während der Partie:

Meine Kinder mussten nach zehn Minuten reingehen und das ganze Spiel im VIP-Bereich gucken. Es ist nicht normal, dass sie (Anm. d. Red.: Anhänger von Hertha BSC aus dem Gästeblock) eine Rakete Richtung Tribüne mit normalen Leuten schießen. Aber wir können da nichts machen. Wir müssen auf dem Platz stehen, uns konzentrieren und Fußball spielen. Das ist unsere Aufgabe. Wir wollten das Spiel gewinnen und das ist - glaube ich - hochverdient gelungen. Aber klar ist: Unser Ziel ist es nicht nur der Sieg gegen Hertha, sondern der Klassenerhalt. Wir müssen uns jetzt auf den nächsten Gegner konzentrieren.

... sein Verhältnis zu den Fans:

Ich bin jetzt seit 18 Monaten hier und arbeite. Ich habe Respekt vor unseren Zuschauern - und sie müssen Respekt vor unseren Spielern und mir haben. Wir wollen alle die Klasse halten. Das können wir nur zusammen schaffen. Wenn wir eine Strafe bekämen und zum Beispiel auswärts ohne Fans spielen müssten, dann ist das schlimm für uns. Es sind acht, zehn oder 15 Leute auf den Platz gekommen. Was wollten die machen? Es war Polizei da. Der Gästeblock war zu. Wollten die nur hundert Meter laufen, eine Show veranstalten und wieder zurück? Das verstehe ich nicht. Und ich glaube, jeder Unioner hat die gleiche Meinung.

... den Chaoten, der ihn beim versuchten Platzsturm an den Hals packte:

Ja, er hat das ein bisschen gemacht. Aber er war 1,50 Meter groß (lacht). Was kann der tun?

... Angst vor einer möglichen Eskalation:

Nein, die hatte ich nicht. Meine Frau hat mir zu Hause gesagt: 'Du bist ein Idiot, was machst du? Du hättest verletzt werden können.' Aber es war einfach ein Impuls. Ich will für Ordnung sorgen. Es war zu viel Pyro, zu viele Raketen auf dem Feld, zu viel Chaos. Wir haben das Spiel gewonnen und müssen danach Klasse zeigen. Auf unserer Seite bleiben - und tanzen und singen. Wir haben das erste historische Bundesliga-Derby gegen Hertha gewonnen. Warum machst du da so blöde Sachen und kommst mit Masken auf den Platz?

Rafal Gikiewicz stellt sich vermummten Zuschauern entgegen. Quelle: imago images/NordphotoRafal Gikiewicz stellt sich den Chaoten entgegen.

... Christopher Lenz, der ihn zurückgehalten hat:

Er kennt Gikiewicz. In dem ist viel Emotion drin. (lacht) Er hat gesagt: 'Bleib ruhig, Giki!' Aber ich wollte nur alle zurückschieben. Und fertig.

... die Bezeichnung als Türsteher von Union:

Ja, das hat Robert Andrich gesagt. Vielleicht ist es ein neuer Job nach der Karriere. Das ist möglich. (lacht) Aber die müssen mir dann gutes Geld bezahlen.

... sein Ziel, acht Mal zu null zu spielen (gegen Hertha gelang das zum zweiten Mal):

Ich schaffe das. Ohne Frage. Wir haben eine gute Mannschaft. Und wir sind hinten von Spiel zu Spiel stabiler. Hertha hat in der ersten Hälfte eine Kopfball-Chance durch Lukebakio. Aber dann haben wir das ganze Spiel die Kontrolle. Und wenn Lenzi (Anm. d. Red.: Christopher Lenz) in der zweiten Minute das Kopfballtor macht, schießen wir - glaube ich - noch ein paar Tore mehr. Wir haben besser als Hertha gespielt. Wir hatten einen Plan und sie wussten nicht, was sie machen wollten oder mussten.

... die Entwicklung des Teams:

Wir haben mehr Mut am Ball - und auch nach vorne zu spielen und aufs Tor zu schießen. Ich bin mir bei Urs Fischer sicher, dass wir auf jeden Gegner eine gute Vorbereitung haben. Wenn wir den Plan von A bis Z umsetzen, holen wir immer mindestens einen Punkt. Wir brauchen noch 28 oder 30 für unser Ziel Klassenerhalt.

... die anstehenden Spiele gegen direkte Konkurrenten nach dem schweren Auftaktprogramm:

Das werden eineinhalb oder zwei sehr wichtige Monate bis zur Weihnachtspause. Wenn wir noch ein paar Spiele gewinnen, haben wir ein bisschen Ruhe - und keine nervöse Atmosphäre im Trainingslager. Die Rückrunde wird nämlich noch mehr Stress. Also brauchen wir viele Punkte. Wenn wir drei Spiele oder mehr gewinnen, ist das eine super Ausgangsposition.

... die 0:8-Niederlage des nächsten Gegners Mainz in Leipzig - und ihre Auswirkungen:

Das spielt für unser Duell keine Rolle. Leipzig hatte einen guten Tag. Unser Trainer sagt immer: 'Wenn wir gut spielen, aber der Gegner besser - dann verlieren wir trotzdem.' Ich habe die Highlights gesehen. Jeder Schuss war ein Tor. Leipzig hat brutal gespielt, sehr gut nach vorne. So wie Frankfurt gegen Bayern. Und wenn bei denen nicht Manuel Neuer im Tor steht, kriegen sie auch sieben oder acht Treffer. Das passiert. Aber jetzt ist eine neue Woche. Und im Profifußball muss man schnell die Reset-Taste drücken. Es wird schwierig für uns. Aber wir sind bereit.

Sendung: rbb UM6, 05.11.2019, 18:15 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

5 Kommentare

  1. 5.

    Rafal hat auf jeden Fall richtig gehandelt. Wer, wenn nicht die eigenen Spieler, können diese Idioten ohne große Gewaltanwendung aufhalten.
    Ich hoffe wirklich, dass sowohl auf Hertha, als auch auf Union-Seite die verantwortlichen Idioten dingfest gemacht werden können.
    Ich habe eine Dauerkarte in der Ostkurve und will solche Szenen nicht sehen. Pyrotechnik in Menschenmengen feuern, wie bescheuert muss man sein?!

  2. 4.

    Die beiden Vereine sehen sich in der Pflicht und das sind sie auch. Die Verfolgung der Idioten muss doch möglich gemacht werden. Kamerabilder liefern heute Bilder, die jeden Pickel im Gesicht zeigen, warum nicht auch die Möglichkeit, die Täter zu ermitteln. Wie bei Kindern : Es geht nur mit Regeln aushandeln, aber dann auch mit maximaler Konsequenz anwenden.
    Ich stehe in der Ostkurve und distanziere mich, wie viele andere, von diesen Idioten...

  3. 3.

    Hallo Waldseite, Ihr seid doch eine Familie, das ist doch Euer Wohnzimmer, warum lasst Ihr zu, dass in Eurem Wohnzimmer Idioten das Geschirr zerdeppern und die Gardinen anzünden? Warum muss Euer Torwart das regeln, könnt Ihr das nicht selber?

  4. 2.

    Gutes Statement!
    Machen Sie weiter so, Rafal. Bleiben Sie mutig, sportlich, fair und bei sich selbst. Ich freue mich über Sie.
    Idioten sind keine Fans. Der Verein sollte sie enttarnen, anzeigen und Platzverweise aussprechen. Und hoffentlich tut das die Hertha auch. Alles andere funktioniert nicht bei Menschen, denen nie oder nur sehr selten Konsequenz widerfahren ist.
    (Sagt ein Hertha-Fan...)

  5. 1.

    Du hast richtig gehandelt. Zivilcourage gezeigt. Andere sollten dich zum Vorbild nehmen!

Das könnte Sie auch interessieren

Louis-Marc Aubry vor dem Iserlohner Tor.
imago images/Nordphoto

Eisbären schlagen Iserlohn - Mühelos zum Heimsieg

Es war ein verdienter Sieg nach einer dominanten Leistung über die gesamte Spielzeit: Die Eisbären Berlin haben ihr Heimspiel gegen Iserlohn mit 4:0 gewonnen. Die Gäste waren gerade offensiv viel zu harmlos - einer von ihnen wurde aber dennoch bejubelt.