Hertha-Fans brennen Pyrotechnik ab (Quelle: imago images/Jan Huebner)
Bild: imago images/Jan Huebner

Interview | Ausschreitungen beim Hauptstadtderby - "Da waren Personen dabei, die man sonst nicht bei Hertha sieht"

Die Ausschreitungen beim Hauptstadtderby zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC haben viele schockiert. Fans beider Vereine stehen in der Kritik. Dass sich nachweislich auch Fans anderer Vereine im Hertha-Block befanden, wirft Fragen auf.

Thomas Jelinski arbeitet als Sozialpädagoge für das Fanprojekt Berlin (Sportjugend Berlin) und ist bei Spielen von Hertha BSC Ansprechpartner für Fans und Anhänger.

rbb|24: Wie bewerten Sie das, was Sie vor Ort erlebt und gesehen haben?

Thomas Jelinski: In der Erwartung und in der Vorbereitung haben wir schon gewusst, dass es das erste Derby in der 1. Bundesliga ist. Ich selbst durfte schon zwei Derbys im Vorfeld erleben, als Hertha in der 2. Liga gespielt hat, und wusste, dass die Anspannung da ist. Uns war klar, dass das kein normaler Spieltag wird. Wenn man die Pyrotechnik erstmal ausklammert und sagt: "Ok, da konnte man vielleicht mit rechnen" ist es eher diese Leuchtspurmunition, die uns alle schockiert hat und uns auch sehr bedenklich gestimmt hat. Das gehört auf keinen Fall dazu.

Was sind das für Leute, die an sowas Interesse haben und die Ihren Bemühungen ganz klar schaden?

Wir nennen sie ganz allgemein erlebnisorientierte Fans, die es schon immer gab und vermutlich auch immer geben wird, und wir müssen alle lernen, einen Umgang damit zu finden. Wir - und damit meine ich die präventive sozialpädagogische Arbeit - werden es nie verhindern können. Das Wichtige ist, den Dialog zu suchen, aber auch mit dem Verein und den Ordnungsinstanzen.

Normalerweile gibt es in einem funktionierenden Block ja eine Dynamik. Bei solchen Ausschreitungen würden Wortführer dann sagen: "Jetzt ist Schluss!". Wie kann jemand in einem Block so etwas tun, obwohl er das bei vergangenen Spielen nicht konnte?

Ich bin der Auffassung, dass die Ablehnung dieses Verhaltens schon der Konsens in der Kurve ist - auch bei den aktiven Fans. Aber es gibt ja keine vorgefertigten Strukturen, wo sofort jeder weiß, wie er zu reagieren hat. Das muss man ja erstmal zugutehalten - ohne, dass man dafür wirklich Verständnis erwarten kann. Aber man muss ihnen ja die Gelegenheit geben, in der Selbstregulierung Prozesse zu erarbeiten und auszudiskutieren und zu besprechen, welche Reaktionen man darauf geben kann. Es ist nicht so durchgeplant, dass jeder weiß, was er zu tun hat in einem Fall wie diesem.

Ob etwas eskaliert oder nicht, hat womöglich auch mit der Frage zu tun, wer in welcher Anzahl im Block vertreten ist oder ob da möglicherweise Leute im Block sind, die sonst eher nicht in der Kurve unterwegs sind. Waren am Samstag auch Leute da, die nicht in einen friedlichen Gästeblock gehören?

Grundsätzlich beobachte ich das bei Spielen, die eher als sicherheitsrelevant eingestuft werden oder wo mit einer Auseinandersetzung oder mit Stress zu rechnen ist. Da sieht man dann immer Gesichter, bei denen ich der Meinung bin - das erzählen mir auch viele andere - dass man die vorher nicht gesehen hat. Die sind bei solchen kritischen Spielen immer wieder auch mit dabei.

Wer in Fankurven guckt, der weiß: Hertha und der BFC Dynamo sind zwei sehr unterschiedliche Vereine, die jetzt auch nicht unbedingt freundschaftlich verbunden sind. Das kann aber in dieser Klientel anders sein. Es heißt, dass eine nicht irrelevante Anzahl von BFC Fans und vielleicht sogar erlebnisorientierten Fans anwesend war. Wissen Sie davon was?

Grundsätzlich gibt es da schon Dinge, die auch zwischen Hertha und dem BFC gemeinsam laufen, aber mehr kann ich dazu auch nicht sagen.

Nach unseren Informationen sollen 20 bis 25 Personen gesehen worden sein, die dem Umfeld des BFC angehören. Können Sie das bestätigen?

Sie zuzuordnen, fällt mir tatsächlich schwer. Ich würde erstmal dabei bleiben und sagen, dass es Personen waren, die sonst nicht bei den Hertha-Spielen dabei sind.

Wie kann es bei einem solch brisanten Spiel dazu kommen?

Innerhalb der Fanszene gibt es natürlich einen großen Diskussionsbedarf darüber, dass es nur eine begrenzte Anzahl an Gästekarten gab und wenn eben Personen im Block gesehen werden, die sonst nicht bei den Spielen von Hertha dabei sind, kann man natürlich berechtigt fragen: Wieso hat man nicht den Hertha-Fans die Möglichkeit gegeben, ins Stadion zu gehen, sondern Personen die Möglichkeit geschaffen, ins Stadion zu kommen, die sonst nicht bei den Spielen dabei sind? Diese Diskussion findet gerade statt.

Das Interview führte Philipp Büchner.

Sendung: rbb UM6, 06.11.2019, 18 Uhr

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14 Kommentare

  1. 14.

    Kommentar 13 ist der Beweis!
    Es können definitiv keine Fans des BFC Dynamo gewesen sein.

    Sport frei!

  2. 13.

    Genau so war es. Ich war da. Ich habe sie lautstark zum Aufhören aufgefordert und bin nachdrücklich zum Gehen aufgefordert worden...das waren junge, aggressive Typen, die an Fussball oder Vereinsstolz kein Interesse hatten.

  3. 12.

    Stadionverbote bundesweit für alle Rassisten, Hools, Neonazis !! Vereine, Liga, Justiz, Polizei müssen bestimmt und massiv gegen die Geistesgestörten vorgehen....Sonst gibt es bald nur noch Fankultur light...sprich: personalisierte Eintrittskarten, keine Stehplätze, usw.....

  4. 11.

    Es ist interessant wie in den Kommentaren die Dinge durcheinander geworfen werden. Mal ehrlich, wenn ich jemandem vorwerfe er fährt als Kampfsportler oder pumper zu Fußball im such zu prügeln, passt es kaum zu so jemanden dass er feige aus der Masse raus mit Feuerwehrskörpern schießt. Der Fußballanhänger ist entgegen der allgemeinen Bericherstattung kein stereotyp bei dem sich alle über einen Kamm scheren lassen. Im Osten der Republik gibt es so selten Derbys, dass die Leute nun mal von überall herkommen. Und jemand, der das auf sich nimmt, fällt dann natürlich in so einem fanblock auf. Aber zu behaupten diese Leute würden im Stadion hinterhältig herumschießen halte ich für nicht plausibel.

  5. 10.

    Die vom anderen Ex-Oberligisten aus dem Osten waren es. Schon klar, Hertha BSC hat natürlich nix damit zu tun...
    Man bekommt den Eindruck der Interviewpartner möchte nicht wirklich über die versuchten und erfolgten Körperverletzungen reden. Oder darf er nicht?
    Was ist das nur für ein Verein! Kein Wunder, dass er so gut wie keine Sympathien in der Stadt hat.

  6. 9.

    Wer bereit ist Raketen auf das Spielfeld zu werfen und damit Menschenleben zu gefährden, wird auch niemals zurückschrecken dich in dem Block halb tod zu prügeln, wenn du den Mund aufmachst. Auf der Couch zu sitzen und sowas zu schreiben ist eine andere Nummer als im Block zu stehen und ein friedliches Fußballspiel zu sehen, bei dem ggf was aus dem Ruder läuft. Wie im Interview nachzulesen ist, gibt es keinen Plan den man dann verfolgen kann

  7. 8.

    Ihr Beitrag zeigt eins ganz deutlich, die Gruppen und Personen sind bekannt. Wenn also ein wirkliches Interesse von Seiten der Vereine bestehen würde, diese Personen auszuschließen, wäre das in Zusammenarbeit mit dem LKA Abteilung Hoolkriminalität möglich.

  8. 7.

    Dann waren das vor ein paar Jahren im Pokal bei Hansa Rostock wohl auch erlebnisorientierte Fans anderer Vereine, die Raketen in die Hansa-Blöcke geschossen haben...

  9. 6.

    Die Gruppe „Kaliber 030“ (mit Kontakten zu den Hells Angels und vielen BFClern) bei Hertha BSC pflegt Hool-Kontakte und ist ein Machtfaktor in der Ostkurve. Außerdem gibt es die Gruppe "Young and Free", Ultragruppierung, allerdings in einer deutlich radikakeren/gewalttätigen Ausrichtung. Die Gruppen sind offen für Leute die nicht aus der Fußballszene kommen, sondern nehmen auch sportlich orientierte Pumper und Kampfsportler auf. Beiden Gruppen haben ein äußerst aggressives Auftreten ggü. Hertha BSC Fans und werden aus diesem Grund toleriert.

  10. 5.

    Es ist leider Fakt dass viele der wahren herthafans keine Karte bekommen haben. Ich hab schon im Vorfeld mitbekommen dass viele Tickets an BFC Fans vergeben wurden. Die symphatisieren wohl mit Kaliber 030 aus der ostkurve. Des Weiteren waren wohl auch etliche Magdeburger da. Diesen Fans ging es natürlich weniger um Hertha als um ihre eigenen Interessen. Es gab wohl einige Stimmen aus dem Block die nicht mit dem Geschehen einverstanden war und denen dann im Gegenzug Schläge angedroht wurde

  11. 4.


    Achja, die bösen BFC Fans, die sich eingeschlichen haben... und das bei ner begrenzten Ticketanzahl.
    Fakt ist doch, dass die leuchtraketen aus dem hertha block kamen und das waren etwa 2500 und keine 20 bis 25 leute. Was haben denn die vielen echten hertha fans gemacht???
    Im himmel ist jahrmarkt ist wohl wirklichkeitsnaher!

  12. 3.

    Die Frage, ob Anhänger des bfc Dynamo im Stadion waren ist etwas irritierend. Wenn man Fußballfans ist und ggf einen Lieblingsverein hat, heißt es ja nicht dass man nicht auch zu Spielen anderer Vereine geht. Aber vermutlich sollte suggeriert werden, dass Anhänger des bfc‘s für die pyrotechnik mitverantwortlich sind?! Oder was sollte das in dem Artikel? Ich besuchte seit Mitte der 90er Jahre einiges an Fußballspielen und kann sagen, dass immer wieder Berliner Fans Derbys besuchen deren Mannschaft nicht beteiligt ist. Und genau diese sich bei solchen Spielen wenn’s um Ärger geht im Stadion zurückhalten.

  13. 2.

    Achso wie immer sind die anderen Schuld. Wenn Hertha angeblich die Tickets nur an Vereinsmitglieder verlost hat ,da hatten die Hools richtig Glück gehabt.

  14. 1.

    "Erlebnisorientierte Fans" hab ich ja auch noch nicht gehört. Ist das ein Slogan der TUI? Ansonsten finde ich auch, die Vereine müssten viel härter mit diesen "Fans" umgehen. Warum gelingt es nicht, bereits identifizierte Täter lebenslang zu sperren? Das ist nicht mehr nur Assi-Gehabe, das ist versuchte Körperverletzung. Allerdings geht es bei anderen Vereinen noch viel derber zu. Ich mag Hertha und Union, weil ich Berliner bin. Und mich kotzt dieses Verhalten einiger Individuen extrem an!

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